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Andrea S.

Gut und Böse

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Interessant wird die Frage nach dem Bösen, wenn man die Pole umkehrt und zum Beispiel ausgemachte Bösewichte als Titelfiguren einsetzt. Zum Beispiel in "American Psycho" von Bret Easton Ellis oder "Der Siebte Tod" von Paul Cleave. Dessen Buch, ich habs gerade durch, fängt übrigens genau so an: "Eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl. Aber manchmal bringe ich Frauen um." In solchen Geschichten aus der Perspektive von irren Serienmörders zieht es den Leser ja genau auf deren Seite, und zu den Bösen mutieren dann die, die den Killern in die Quere kommen.

 

Paul Cleave setzt dazu zum Beispiel eine dermaßen herzensgute Frau ein, die nur das Allerbeste für den Serienmörders Joe möchte und auch nur wirklich Gutes für ihn tut – was zum Schluss fatal für ihn wird, und als Leser denkt man ständig: "Mannnn! Die blöde Kuh!" Es tritt dort auch eine Lady auf, die im Grausliches antut, was er natürlich mehr als verdient hat – trotzdem: Hier will man, fordert man: "Leg die Alte bloß um, Joe, und zwar langsam!" Gut und Böse sind also irgendwie auch immer relativ.

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Das klingt spannend und wirft die Frage auf, wie die "böse" Figur es schafft, die Sympathien der Leser zu gewinnen. Meiner Meinung nach kann das nur einem Bösen gelingen, der eine gewisse Fähigkeit hat, sich an Regeln zu halten, also berechenbar bleibt. Und sei es nur, seine eigenen, innerpsychischen Regeln, so dass man ihn, wenn er in Ich-Form erzählt, kennenlernt und zu durchschauen glaubt. Gleichzeitig muss die "herzensgute Frau" auch böse Züge haben, sonst klappt das nicht. Oder sie ist so herzensgut, dass wir sie automatisch mit den Nachbarkindern assoziieren, die uns immer als gutes Beispiel hingestellt wurden, und die man am liebsten verdroschen hätte. Dann würde der Autor mit unseren eigenen bösen Anteilen spielen.

 

Was haltet ihr von der These, dass ein Bösewicht nur dann ein wirklich interessanter Schurke sein kann, wenn er sich an bestimmte Regeln hält? Die ursprüngliche Ausgangsfrage war ja, ob ein Schurke sich dadurch definiert, dass er Regeln bricht. Ich halte aber das Regeln einhalten für genauso wichtig, um eine interessante Figur zu schaffen. Gibt es eigentlich überhaupt literarische Beispiele für einen Schurken, der sich an überhaupt gar keine Regel hält?

 

Gruß, Melanie

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Die "herzensgute Frau", die einen abgrundtief Bösen unterstützt, muss entweder sehr naiv oder sehr dumm sein.

 

Wir sprechen hier immer von Hühnerfressern, die über eine Basis-Intelligenz und Bildung verfügen. Ich vermute aber, dass Böse (die nicht wissen, was sie Böses tun) nicht immer nur empathieunfähig sind, sondern manchmal einfach nur dumm.

 

Beispielsweise kann eine "herzensgute Frau" sich ihre eigene, kleine, abgeschottete Welt schaffen, die sie überblicken kann, in der die von ihr gewünschten Verhaltensnormen klischeehaft gelten: Alle Frauen lieben Männer und sorgen für sie. Alle Männer sind groß und stark und beschützen kleine Frauen.

Damit kann sie auch als Handlangerin oder gar als Katalysator für das Böse auftreten. Selbst, wenn der sich an den Heiligen Hühner vergreift, wird sie dafür eine Entschuldigung finden.

 

Aber ist ein dummer Schurke ein literarisch interessanter Schurke?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Aber ist ein dummer Schurke ein literarisch interessanter Schurke?

Das kommt auf das Genre an.

Es gibt zumindest Filme, die von entsetzlich dummen Schurken leben. (Verlangt mir so früh am Morgen keine Titel ab. Irgendwas war mal mit einer Kindesentführung. Was mit Keanu Reeves?)

 

Und es gibt sie tatsächlich, Schurken, die auf der Anklagebank sitzen und völlig erschüttert sind darüber, was sie den Opfer angetan haben. Nein, das hätten sie nicht gedacht, da hätten sie nie drüber nachgedacht, das wollten sie nicht ...

Und das nicht als vom Verteidiger empfohlenes Verhalten, sondern aus dem tiefsten, strunzdummen Verbrecherherzchen kommend.

Gut, ist dann natürlich auch wieder Empathiemangel. Aber aufgepropft auf Blödheit.

 

Liebe Grüße

Uschi

 

Nachtrag: Stell ich mir gerade ganz reizvoll vor. Jemand, der aus blanker Dummheit das Leben unserer Heldin nachhaltig beschädigt ...

Natürlich nur auf dem Papier! Ich weiß, dass die richtigen Opfer das gar nicht reizvoll finden.

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Kommt drauf an, ob ein "dummer Schurke" ein interessanter Schurke ist. Ich habe ja auch mit Intelligenzgeminderten (so der neueste Ausdruck für jene, die früher zunächst Idioten, dann Schwachsinnige und dann Minderbegabte genannt wurden) zu tun, die im Rahmen ihrer Störung Straftaten begangen haben, ohne zu verstehen, dass sie überhaupt etwas Böses getan haben. Die sind irgendwie knuffig und die Begründungen, die diese Personen liefern, sind einfach köstlich, weil sie einer gewissen banalen Logik nicht entbehren und sie trotz allem etwas Liebenswertes ausstrahlen. Ich glaube schon, dass so jemand interessant sein kann, aber er ist kein Schurke im klassischen Sinn, weil die Motivation eine andere ist. Die Motivation zielt vor allem auf sofortige Bedürfnisbefriedigung ab, nicht darauf, andere vorsätzlich zu schädigen. Als Antagonist mag so jemand aber hervorragend funktionieren und das Thema Bedürfnisbefriedigung ist sicher ein Kernpunkt für jeden Schurken. Spannend sind dann die Bedürfnisse, die er hat. Der eine will Hühner essen, was aber verboten ist, der andere hat das Bedürfnis, Macht zu erlangen und der nächste hat ganz andere, vielschichtige Ziele, die ihm aber so wichtig sind, dass ihm jedes Mittel recht ist, sie zu erreichen.

 

Gruß, Melanie

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Nachtrag: Stell ich mir gerade ganz reizvoll vor. Jemand, der aus blanker Dummheit das Leben unserer Heldin nachhaltig beschädigt ...

 

Das passiert häufig. Man nennt diese Leute Ehemänner :s22

 

Gruß, Melanie

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"Das passiert häufig. Man nennt diese Leute Ehemänner "

 

die ERSTEN Ehemänner

(beim zweiten Ehemann wird's nicht selten besser, habe ich mir sagen lassen)

 

schnell wech

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Intelligenzgeminderten (so der neueste Ausdruck für jene' date=' die früher zunächst Idioten, dann Schwachsinnige und dann Minderbegabte genannt wurden)[/quote']

Schuldigung, ich kann mir das OT nicht verkneifen: das erinnert mich an Terry Pratchett, wo die Zwerge darauf bestehen, nicht Zwerge, sondern "vertically disadvantaged" genannt zu werden.

 

LG

Uschi

 

Noch ein OT:

 

Das passiert häufig. Man nennt diese Leute Ehemänner :s22

*gröl*

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Selbst' date=' wenn der sich an den Heiligen Hühner vergreift, wird sie dafür eine Entschuldigung finden.[/quote']

Völlig logisch. Solche Figuren laufen auch haufenweise in der Realität rum, sonst würden Strafgefangene und Maßregelvollzugspatienten es nicht so leicht haben, Frauen zum Heiraten per Kontaktanzeige zu finden. Wobei ich nicht glaube, dass es dann nur die Dummheit ist, sondern viel mehr als Grundmotivation dahinter steht, Macht zu behalten. Eine Frau, die einen gewalttätigen Partner unterstützt, der u.U. vielleicht nur zu anderen und nicht zu ihr gewalttätig ist, kann dadurch das Gefühl von Macht bekommen. Noch größer ist die Macht, wenn er irgendwo eingesperrt ist, dann kann er ihr nicht weglaufen und sie entscheidet, wie intim die Beziehung wird. In dem Fall wird also "das Böse" genutzt, um selbst Macht zu erfahren, da man "Kraft der Liebe" (oder aus sonstigen Gründen) Macht über den starken, unberechenbaren Partner hat. Nach dem Muster funktionieren doch auch die Urban-Fantasys - sterbliche Sie verliebt sich in romantischen Vampir und zähmt ihn dadurch. Der Vampir, noch vor fünfzig Jahren das abgrundtief Böse, wird resozialisiert und zum wertvollen Mitglied der Gesellschaft. Mischehen sind ebenso erlaubt wie freiwilliger Übertritt zum Vampirismus. Was aber nur daran liegt, dass ein Durchschnittsvampir kein Psychopath ist, sondern ein liebenswerter Schurke, der seinen eigenen Regeln unterliegt.

 

Gruß, Melanie

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Andreas Frage war nach den archetypischen Schurken.

 

Das ist m.E. eine wichtige Frage für uns Autoren, denn Archetypen sind fest im Unterbewustsein verankert und provozieren sofortige Gefühlsreaktionen ohne dass man sie besonders detalliert definieren müsste. Powerful symbolic, sozusagen.

 

Das ist eigentlich auch, was einer Figur etwas Überlebensgroßes gibt, Drama und Tragik gleich bei der Benennung schon mitgeliefert, wenn man will. Natürlich ist bei Überzeichnung oder geringer Schärfe sofort die Gefahr, dass die Figur ins platte Klischee abdriftet, à la Hollywood von der schlimmeren Sorte. Deshalb sagen ja diverse Kollegen, man sollte solche Figuren vermeiden, eher "realistisch" bleiben, differenzierter, der Böse ist nicht wirklich der Böse, sondern sein Bösesein hat Hintergründe, etc , bis hin zu "eigentlich ist er ja ein ganz netter Kerl, so wie wir, nur fehlgeleitet".

 

Das ist OK, nur, meine ich, wenn man zu "realistisch" ist, wird die Sache irgendwie uninteressant. Vor lauter Realismus kommt man über die Formikaküche des normalen Spießbürgers nicht hinaus. Und wen interessiert dessen Schicksal wirklich? Mal ehrlich.

 

Überlebensgroße Archetypen haben schon was. Nicht umsonst haben sich die großen Dichter mit ihnen beschäftigt. Mir gefällt, wie Shakespeare das macht. Er beginnt mit klar gezeichneten einfachen Figuren oder Situationen. Es gelingt ihm, in wenigen Minuten den Konflikt zu zeichnen, die Figuren auf den Plan zu rufen, meist in Übergröße. Alles ist klar, das Problem dargelegt, man fiebert schon darauf, wie es ausgehen mag. Aber dann, je mehr man sich mit der Sache involviert, je differenzierter wird es. Die Mephistoes werden menschlich, das einfache Problem entwickelt komplizierte Untermengen, teilweise wird der Zuschauer verwirrt, jedenfalls sind plötzlich die Figuren alles andere als platt.

 

Ich habe letztens die Verfilmung des "Kaufmanns von Vendig" noch einmal gesehen. Juden hatten in Shakespeares Zeiten keine gute Presse. Und so kommt der Jude durchaus als verbohrter, rachsesüchtiger Bösewicht daher, der einen unmoralischen und vor allem unmenschlichen Handel macht und auf Erfüllung besteht. Aber im Laufe des Stückes werden diese klaren Positionen verwischt, man entwickelt Verständnis für den Juden, auf den der Kaufmann wie so viele andere ja gespuckt hatte. Er tut einem leid, wenn die Tochter ihn verlässt, usw. Zum Schluss weiß man nicht mehr so genau, wer der Bösewicht eigentlich ist und man erkennt das moralische Dillemma.

 

Das finde ich schon großartig gemacht.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Die sind irgendwie knuffig und die Begründungen' date=' die diese Personen liefern, sind einfach köstlich, weil sie einer gewissen banalen Logik nicht entbehren und sie trotz allem etwas Liebenswertes ausstrahlen. [/quote']

 

Okay, aber das geht nur für eine Komödie, fürchte ich, denn ansonsten steckt hinter der "knuffigen" Begründung für einen brutalen Mord nur das absolute Grauen.

 

In meinen Augen weit mehr, als das gefühllose Abschlachten des Opfers - denn da sieht man wenigstens das Böse, dem es an Empathie gebricht.

 

Der Mensch, der einen anderen umbringt, weil der das Hühnchen essen will, das der in seinem Einkaufskorb hat, nur weil er sein momentanes Bedürfnis befriedigen will, entbehrt in meine Augen eines gewissen Liebreizes.

 

Aber als Antagonist, vor allem wenn man seine "Intelligenzminderung" zunächst gut versteckt und die Leute auf die Fährte eines ausgebufften Killers schickt, hat dieser Böse auch was.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ulf, gerade hat sich mein Posting mit Deinem überschnitten.

 

Dein Beitrag zu den Archetypen ist sehr gut, aber könntest Du den als eigenes Thema aufmachen, wir sind hier so tief im "Bösen" versunken. Und dafür ist er zu allgemein.

 

Oder Du reduzierst Deine Ausage auf die bösen Achetypen.

 

Danke

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Dein Beitrag zu den Archetypen ist sehr gut, aber könntest Du den als eigenes Thema aufmachen, wir sind hier so tief im "Bösen" versunken. Und dafür ist er zu allgemein.

 

Oder Du reduzierst Deine Ausage auf die bösen Achetypen.

Stimmt. Dann lest bitte nur den Teil über den "bösen" Juden im Kaufmann von Venedig. ;)

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Wenn man den Archetypen des bösen Antagonisten verwendet, muss man sich darüber im klaren sein, was man erreichen will. Der wirklich böse Archetyp ist m.E. nicht resozialisierbar, er muss im Roman vernichtet werden. Dann spielt er seine Rolle, er kann auch gut skizziert werden, seine Handlungen können durchaus nachvollziehbar sein, aber sie sind niemals entschuldbar, weil sie gegen jedes moralische Empfinden verstoßen. Und deshalb warten alle darauf, wann ihm endlich der Gar ausgemacht wird.

 

Wenn man einen Schurken schafft, der nicht "durch und durch böse" ist, sondern auch menschliche Züge hat, bleibt das Ende offener. Man kann mit den Gefühlen der Leser spielen, mal schwankt die Waagschale von Hass/Verachtung vielleicht zum Mitleid oder sogar zur Sympathie. Am Schluss kommt es dann darauf an, welche Seite sich durchsetzt.

 

Wenn man sich als ein Filmbeispiel "Das Schweigen der Lämmer" anschaut, dann haben wir einmal einen bösen Archetypen, das ist der aktuell mordende Psychopath. Und dann gibt es natürlich noch Hannibal Lector, der alle Züge aufweist, aber dennoch ringt diese Figur einem eine gewisse Sympathie ab, denn sie spielt auch nach Regeln. Die anfangs verfolgte Psychopathenfigur wird vernichtet, aber Hannibal entkommt - und nicht wenige Zuschauer bringen ihm trotz all seiner grausamen Taten Sympathie entgegen. Weil man auch andere Seiten von ihm kennengelernt hat. Hier wird der rein böse Archetyp zum Statisten, die tatsächlich interessante Konfrontation spielt sich auf einer anderen Ebene ab.

 

Gruß, Melanie

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Was ist mit einer weiteren Variante des Bösen ... das unpersönliche Böse?

 

Keine übliche Figur, kein Psychopath ... sondern eine Institution. Davon haben Tausende von Kalter-Krieg-Thriller gelebt. "Die andere Seite", der KGB oder CIA, oder die bösen Pharmakonzerne, ja sogar die Mafia in manchen Stories. Das Böse als bürokratische Normalität, die schlicht ihren eigenen Gesetzen folgt.

 

Fast könnte man auch Naturgewalten dazu zählen, Krieg, Hurrikan, der Vesuv.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ich behaupte mal dreist, das unpersönlich Böse gibt es nicht.

 

Jede Institution, ob Firma, Regierung, Kirche oder Konzern, ist von Menschen gemacht, und diese Menschen billigen eine Idee des Bösen. Diese Idee stammt aus dem Hirn eines Menschen.

 

Wetter, Erde, Fluten, Seuchen, kosmische Strahlung sind.

Punkt.

 

Als böse wird ein Naturereignis sie erst empfunden, wenn wir Menschen es zu uns in Beziehung setzen.

 

Nichtsdestotrotz kann man sie als Widersacher betrachten, aber das wollten wir ja vom Bösen unterscheiden.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Die "herzensgute Frau"' date=' die einen abgrundtief Bösen unterstützt, muss entweder sehr naiv oder sehr dumm sein.[/quote']

 

 

Nicht zwingend - sie kann auch sehr verliebt sein bzw. erst Stück für Stück das Böse entdecken und am Schluss schließlich für das gerechte Ende des Schurken zuständig sein, wozu sie dann unter Umständen selbst "etwas Böses" tun muss. Das Böse an sich dient aber auch einem Zweck - nämlich das Gute herauszfordern.

 

Böse definiert sich ja bisweilen als der Wille, etwas Böses zu tun - verbunden mit dem Mangel an dem Willen, Gutes zu tun, wobei das Empfinden von Gut und Böse eine Frage des Standpunktes ist. Der Hähnchenfresser wäre mithin erst so richtig böse, wenn er die Lust am Übertretern der Grenze zu den heiligen Hühnern Freude empfindet, um der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Das reine Übertreten der Grenze als rebellische Herausforderung wäre eher nonkonformistisch als echt böse - nach dem Motto: I fought the law and the law won.  

 

Das unpersönliche Böse gibt es in meinen Augen auch nicht, sehr wohl aber das personifizierte Böse. Und ich halte viel von der hier aufgebrachten Idee, dass ein Schurke innerhalb gewisser Regeln bewegen muss, um noch toleriert zu werden. Das Böse muss auch eine gewisse Verhältnismäßigkeit in Bezug zum Schurken haben, also: sich eventuell an den Regelrahmen anpassen, in dem sich der Böse bewegt.

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Die "herzensgute Frau"' date=' die einen abgrundtief Bösen unterstützt, muss entweder sehr naiv oder sehr dumm sein.[/quote']

Nicht zwingend - sie kann auch sehr verliebt sein

Tja, aber da ergibt sich dann wieder die Frage, warum man sich ausgerechnet in so einen verliebt. Bei solchen Katastrophen-Liebschaften stellt sich immer heraus, dass Warnzeichen von Anfang an da waren. (Und sei es der gesamte Freundeskreis, der wie ein griechischer Chor düstere Warnungen gemurmelt hat.) Dass die Betreffenden sie aber systematisch überhört haben.

 

LG

Uschi

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Ich behaupte mal dreist, das unpersönlich Böse gibt es nicht.

 

Jede Institution, ob Firma, Regierung, Kirche oder Konzern, ist von Menschen gemacht, und diese Menschen billigen eine Idee des Bösen. Diese Idee stammt aus dem Hirn eines Menschen.

Natürlich. Nur ist die Behandlung anders. Oft ist es eben nicht ein Einzelner, sondern ein Kollektiv. Anstifter einerseits, Befehlsempfänger andererseits. Die einfachen Regeln der Figurenentwicklung greifen hier nicht. Wer John le Carrés "The Constant Gardener" gelesen hat, weiß, wie er den Bösewicht Pharmakonzern irgendwie gesichtslos dargestellt hat, da sind Schuldige aber gleich mehrere und wer steckt wirklich dahinter? Eine andere Behandlung des Themas oder der Figur des Bösen.

 

Das ist, was ich sagen wollte.

 

LG

Ulf

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Bei solchen Katastrophen-Liebschaften stellt sich immer heraus, dass Warnzeichen von Anfang an da waren.

 

Was ja ein Teil der Suspense ist. Sie verliebt sich in ihn, weil er eine Rolle spielt, und die Liebe macht sie blind. Als Leser weißt du von Anfang an, dass sie sich in das Böse verguckt. Erst Stück für Stück und je mehr sie ihn kennen lernen will, erkennt sie, was hinter der Fassade steckt und dass es sie selbst auch bedrohen kann.

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Oft ist es eben nicht ein Einzelner' date=' sondern ein Kollektiv. Anstifter einerseits, Befehlsempfänger andererseits. [/quote']

 

Wobei man aber berücksichtigen muss, dass sich die Anstifter und Befehlsempfänger freiwillig entschieden haben, da mitzumachen. Und dazu hatten sie ja ihre eigenen Gründe, die sich eben oft aus Bedürfnisbefriedigung (Erringen von Vorteilen, Geld, Macht, Einfluss) ergeben. Der Thriller entsteht ja erst dann, wenn jemand erkennt: Moment, da will ich nicht bleiben! Also bleiben die Menschen im Vordergrund. Die zitierten Werke kenne ich nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es auch bei solchen Konzernen unterschiedliche "Mitläufer" gibt. Die einen, die stur (sei es aus Eigennutz oder Fanatismus) dem Konzern dienen und die anderen, die Empathie empfinden und den Aussteiger entweder warnen oder nicht mit ganz so viel Härte jagen.

 

Gruß, Melanie

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Wobei wir wieder in der Kannibalen-Truppe auf dem Mars sind, deren Mitläufer zwar fröhlich Alte und Schwache zu Suppenfleisch verarbeiten (Bei uns: Hexen verbrennen, Judenprogrome anzetteln, Ungläubige meucheln, Tierversuche durchführen ...) und dabei aber nach außen hin tief gläubig die Heiligen Hühner in pompösen Ritualen verehren.

 

Die Idee zu dieser Kultur aber muss einem oder mehreren Führern der Gemeinschaft entsprungen sein und wird, durch kollektive Gehirnwäsche (Melanie???), den Mitgliedern schmackhaft gemacht.

 

Der Hühnerfresser ist hier nur ein Rebell gegen einen Teilbereich - nämlich das Heilige Ablenkungsmanöver in Form von religiösem Ritus für alle die, deren Empathie noch nicht ganz abgestorben ist und ein Ventil braucht. Hallehuhnja!

 

Der wahre Gute müsste gegen das empathielose Abschlachten der Alten und Schwachen kämpfen.

 

Jetzt wird's spannend, oder?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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wenn ihr mir eine kleine Abschweifung erlaubt, gestern bin ich zufällig auf die Romanbeschreibung eines Bösen gestoßen, keines Psychopathen, auch nicht eines Widersachers, sondern eines genialen Kriminellen:

 

"Derartige Menschen sind innerhalb der Gesellschaft ebenso gefährlich, wie es Löwen mitten in der Normandie wären ... diese Kreaturen brauchen ihren Fraß, sie verschlingen alltägliche Menschen und weiden die Geldsäcke der Dummköpfe leer. [ ... ] Sie besitzen eine ungeheure Macht über zarte Seelen, sie locken sie an sich und zermalmen sie. Das ist groß, das ist schön in seiner Art, wie die farbenprächtige Giftpflanze, die die Kinder im Wald berückt, es ist die Poesie des Bösen. Menschen wie sie sollten in Höhlen wohnen und nie hervorkommen."

Honoré de Balzac, "Glanz und Elend der Kurtisanen"

 

Hier beschreibt er einen grundauf bösartigen Menschentyp, der aber auf andere eine gewisse Faszination ausübt, der verführt und Macht über Schwächere hat. Hierzu passt die Frau, die in den Bösewicht verliebt ist, wie vorher erwähnt wurde.

 

LG

Ulf

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