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Andrea S.

Gut und Böse

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In dem Thread über Regeln und Grenzen in den von Schriftstellern geschaffenen Welten ist mir eines der zentralen Themen wieder eingefallen, die ich hier schon immer mal zur Diskussion stellen wollte: DAS BÖSE!

 

Ich bitte allerdings darum, hier keine Werte-Debatte darüber zu entfachen.

 

Darüber, was die Bösen im Roman ausmacht, habe ich mich schon mit einigen Kollegen unterhalten und für mich eine angenäherte Lösung gefunden.

Sie hat etwas mit den Regeln und Grenzen der geschaffenen Welt zu tun und muss darin eine schlüssige Begründung finden.

 

Stellen wir und folgendes Setting vor: Die Marskolonie des 23. Jh., die von einem Volk von Kannibalen bewohnt wird, das sich Heilige Hühner hält. Der Bösewicht ist der heimliche und geächtete Hühnerfresser, der einem Grillhähnchen einfach nicht widerstehen kann.

 

Was treibt ihn dazu, die vorgegebenen Regeln seines Volkes zu überschreiten und zum Verbrecher zu werden?

Warum ist er in den Augen seiner Welt böse?

 

… will Andrea wissen

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Entschuldige, erst mal musste ich herzlich lachen über den

... heimlichen und geächteten Hühnerfresser, der einem Grillhähnchen einfach nicht widerstehen kann ...

Herrlich!

 

aber zum Thema:

 

Was treibt ihn dazu, die vorgegebenen Regeln seines Volkes zu überschreiten und zum Verbrecher zu werden?

Warum ist er in den Augen seiner Welt böse?

 

… will Andrea wissen

 

 

Was ihn dazu treibt?

Da gibt es viele Gründe. Gier, Hunger, Hass, Spaß, Krankheit, u.v.m.

 

Warum ist er in den Augen seiner Welt böse?

Weil er Dinge tut, die in jener Welt verboten sind. Er agiert gegen gesellschaftliche Normen. Das muss nicht immer gleich böse sein, aber sobald ein gewisser Schweregrad erreicht ist ist die Handlung und somit der Handelnde böse.

Das wirft die Gegenfrage auf: Kann ein Protagonist böse sein, wenn er sich an alle gesellschaftlichen Normen und Gesetzte hält? Diese Figur müsste sehr interessant sein, diesem Ideal nahe zu kommen, das ist Spannung.

Fabrizius&&Alle sagten das geht nicht, dann kam einer, der wusste das nicht und hats gemacht
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Ist der Grillhähnchenfreund wirklich böse? Oder tut er nur das, was viele gern täten, sich aber aus verschiedensten Gründen nicht trauen? Weil sie die Konsequenzen fürchten?

Ich persönlich bin ja der Meinung, dass ein wirklich böser Charakter immer sogenannte "Psychopathenzüge" und einen Empathiemangel haben muss. Ein Charakter, der bestimmte Normen verletzt, aber dafür gute Gründe hat, ist damit nicht automatisch böse. Für mich macht eine "böse" Figur aus, dass sie nicht in der Lage ist, aus ihren Fehlern zu lernen und zu wachsen. Sie handelt nach dem Lustprinzip - mag dafür auch bereit sein, komplizierte, intelligente Planungen anzustellen, aber was andere denken oder fühlen, ist ihr schnurz. Im schlimmsten Fall genießt sie es sogar, wenn die anderen leiden.

 

Wenn jemand Regeln bricht, aber dabei mit einem Gewissen zu kämpfen hat, ist er nicht böse.

 

Interessant finde ich dazu übrigens auch die Beschreibung der dissozialen Persönlichkeitsstörung nach ICD 10:

 

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

 

Definition

Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.

 

Inkl.: Persönlichkeit(sstörung):

amoralisch

antisozial

asozial

psychopathisch

soziopathisch

 

Solche Menschen findet man überdurchschnittlich häufig in Strafjustizanstalten.

 

Gruß, Melanie

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Der Mensch ist ein soziales Wesen und wir stellen Regeln auf, die das Zusammenleben und die Sicherheit des Einzelnen und der Gruppe sicherstellen sollen. Als Böse empfinden wir jemanden, der Gefahr darstellt, für den Einzelnen, die Gruppe und im übertragenen Sinne die Bevölkerung, Kultur, Wertesystem, Riten, Traditionen. Denn letztere dienen ja auch dazu, Identität und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sicherzustellen und damit auch wieder die Sicherheit oder den Gemeinschaftsinn. Deshalb werden Anschläge auf Kulturgüter ebenfalls als Bedrohung der Gemeinschaft empfunden.

 

Wenn es ein Feind ist, dann billigen wir ihm noch in einem gewissen Grad von Agressivität zu (akzeptierte Kriegshandlung, die mit entsprechenden Maßnahmen beantwortet wird). Ist es einer aus den eigenen Reihen, dann wird er zur Gefahr von innen und nicht mehr nur Feind, sondern böse. Man schließt ihn aus, angefangen von der Verbannung bis hin zum Todesurteil, je nach Kultur und Schwere der Tat. Ist sein Tun nicht mehr logisch nachvollziehbar, erklären wir ihn für verrückt. Wenn gefährlich aggressiv, behandeln wir ihn gar nicht mehr als Mensch, denn sein Tun entzieht sich des normalen menschlichen Verständnisses.

 

Gibt es keine Obrigkeit, die die Tat bestraft oder die Ordnung wiederherstellt, machen wir das auf eigene Faust ... Rache, Blutfehde, etc. Auch hierfür hat es aber meist wieder Regeln gegeben. Zu erwähnen die Zahlung von Vieh für ein erschlagenes Familienmitglied, etc.

 

Ich sage hier nicht, dass diese Reaktionen richtig sind, aber sie entsprechen der menschlichen Natur.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Stellen wir und folgendes Setting vor: Die Marskolonie des 23. Jh., die von einem Volk von Kannibalen bewohnt wird, das sich Heilige Hühner hält. Der Bösewicht ist der heimliche und geächtete Hühnerfresser, der einem Grillhähnchen einfach nicht widerstehen kann.

 

Was treibt ihn dazu, die vorgegebenen Regeln seines Volkes zu überschreiten und zum Verbrecher zu werden?

Warum ist er in den Augen seiner Welt böse?

 

3 Fragen: Die mittlere ist die leichteste: Wie wird er zum Verbrecher?

 

Einfach, indem er das Gesetz, unter dem er ja auch steht, bricht. Nullum crimen sine lege. So, wie du die Gesellschaft gezeichnet hast (Kannibalen), muss deren Staatlichkeit, also auch die Gesetzgebung sich überhaupt nicht in Übereinstimmung mit der moralischen Vorstellung der heutigen Leser befinden. Verbrechertum kann unter diesen Umständen also auch das Gute sein. Das kommt ganz auf die Beantwortung der

 

ersten Frage an: Was "treibt" ihn zu seinen Freveltaten am Grill? Vielleicht ist er

 

- jugendlicher Revoluzzer, der dem als Aberglauben durchschauten Hühnerkult den Fetischcharakter nehmen und damit seinem Volk die Augen öffnen will? - Dann mag er naiv sein, ist aber wohl zum Sympathieträger befähigt. Noch dazu, wenn er womöglich auf einer artgerechten Schlachtung besteht. Oder er ist beseelt von

 

- menschlicher Hybris, glaubt blind an eine längst (zu Recht) im letzten Jahrhundert untergegangene Wissenschaftlichkeit und dreht deshalb den von ihm als seelenlose Geschöpfe eingestuften Hühnern rücksichtslos die Krägen um. Bedenklicher Fall - er wird sich läutern müssen. Wenn er seine Aktionen im Zeichen eines antikannibalistischen Programms begeht, hat er große Aussichten auf eine grundlegende Katharsis. Vielleicht ist er am Ende zusammen mit einer schönen Exkannibalin Veganer geworden. Eine solche Wandlung gebührt nicht dem, der aus

 

- einer Art zoologischen Rassismus mit kalter Wut gegen die Hühner vorgeht. Funktioniert wahrscheinlich hinten und vorne nicht. Und sicher schwierig, die

 

- schillernde Figur des Hedonisten, dem einfach Hühnerfleisch besser schmeckt als das der Menschen, der sich deshalb eher aus Versehen und ohne weitere edle Regungen auf der Flucht, im Gefängnis oder der Resistance wieder findet. Aber ab da kann ja dann noch viel geschehen.

 

Dritte Frage: Warum ist er in den Augen seiner Welt böse?

 

Weil auch diese Welt erst mal gesetzestreu gestimmt sein und auf die bestehenden Regelwerke noch eine Moral draufgesattelt haben wird, die ihren Bewohnern erklärt, dass sie die Hühner nicht deswegen verehren, weil das die Staatsraison so vorsieht, sondern weil das gerecht, ehrenvoll, gesund und auch deshalb gut ist, weil es "schon immer so war".

 

Ich denke, alles hängt davon ab, wie du die erste Frage angehst.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Der arme Hühnerfresser ist in seiner Welt also entweder böse,

 

- weil er gegen die Normen der Gesellschaft verstößt, aber im Grunde nur ein Getriebener (Hedonist) oder Idealist ist, der gegen den abergläubischen Hühnerkult angeht

 

oder

 

- weil er (nach Melanies Definition) pathologische Züge aufweist, die ihn zu Hybris und fanatischen Rassismus verleiten.

 

Im ersten Fall ist er nur innerhalb seiner Ordnung als der Böse anzusehen und kann in einem Roman, der in jener Marskolonie spielt, entweder als Sympathieträger oder als geläuterter Verbrecher agieren.

 

Im zweiten Fall ist er nicht nur in seiner Welt, sondern auch in der der hiesigen Leser ein Böser, der uneinsichtig für seine Schuld bleibt.

 

Zwiespältig bleibt noch die Frage, wie weit er böse ist, weil er mit seinem Vorgehen die Heiligkeit der Hühner leugnet. Hier ist Ketzertum, Gottesleugnung, reliogiöser Wahn, Schändung von Heiligtümern das Vergehen.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Dass der Hähnchenfresser wider den Stachel löckt, kann ich trotz allem noch nicht als grundsätzlich böse akzeptieren.

Damit er nachvollziehbar Böses tut, muss eine Begründung her, warum es böse ist, die heiligen Hähnchen zu verspeisen. Z. B. könnte dadurch die Zeugungsfähigkeit der Spezies in Gefahr sein oder die Salmonellen sind für einen Teil der "Bevölkerung" auch bei gegartem Fleisch lebensgefährlich. Dann widersetzt er sich nicht einfach irgendwelchen Regeln, sondern beschwört damit auch eine Gefahr für die Gemeinschaft herauf.

 

LG Gertraude

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Dazu müssten wir erst mal definieren, was "Böse" ist. Für mich ist jemand "böse", wenn er das, wie Andrea schreibt, in jedem Kulturkreis ist. Wenn er nur in seinem eigenen Kulturkreis die Regeln bricht, ist er erst mal nur ein Gesetzesbrecher, aber noch nicht böse. Wer von uns hat noch nie eine Regel gebrochen? So etwas gibt es nicht.

Meiner Meinung nach genügt der Regelbruch nicht. Auch Helden brechen Regeln. Regelbruch per se macht die Figur erst mal interessant. Es kommt darauf an, mit welcher Motivation die Regel gebrochen wird. Die Geschichte dahinter.

 

Gruß, Melanie

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Ich komme noch mal auf die Ausgangs-Situation zurück: Die Regeln und Grenzen einer Gesellschaft.

 

Sie müssen nicht immer gut und richtig sein - so wie Ulf annimmt, dass sie dem friedvollen sozialen Zusammenleben dienen. Sie können auch "böse" sein, indem sie negative (pathologische) Züge der Angehörigen dieser Gesellschaft fördern.

 

Etwa die Hexen- oder Judenverfolgungen.

Oder meine Kannibalen, die Schwache, Alte und Kranke nicht schützen, sondern aufessen.

 

Und dann?

Wo sitzt dann der/das Böse?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Sie müssen nicht immer gut und richtig sein - so wie Ulf annimmt, dass sie dem friedvollen sozialen Zusammenleben dienen. Sie können auch "böse" sein, indem sie negative (pathologische) Züge der Angehörigen dieser Gesellschaft fördern.

 

Ah, dann wird es natürlich schwierig. Wenn die Regeln selber "böse" sind. Wie die Azteken und ihr Menschenopferzeremonien. Die sie wahrscheinlich hatten, um die vielen von ihnen unterworfenen Völker einzuschüchtern, denn in der Hauptsache wurden da Kriegsgefangene geopfert. Trotzdem war das für die Azteken wahrscheinlich ein existenzerhaltener Ritus und wurde nicht als böse empfunden. Schließlich wurden sie den "Göttern" zugeführt (Paradies?). Anders natürlich aus der Sicht der Unterworfenen, die schnell mit einer Handvoll Spaniern gemeinsame Sache machten, um die Azteken zu stürzen.

 

Also, "das Böse" wäre demnach etwas relatives. Es kommt auf den Standpunkt an.

 

Andererseits sind aztekische Menschenopfer, wie auch Kannibalismus doch eher Ausnahmeerscheinungen oder zumindest nicht von ewiger Dauer. Irgendwann setzt sich dann das allgemeine menschliche Grundempfinden von Recht oder Unrecht doch wieder durch. Natürlich kulturell eingefärbt.

 

:-?

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Und dann?

Wo sitzt dann der/das Böse?

 

 

Das Böse sitzt immer da, wo der, der die Definitionsmacht hat, es hinsetzt.

( In der Regel ist das der Autor.)

- So kann es innerhalb einer eng umgrenzten Gesellschaft böse sein- außerhalb dieser aber nicht.

 

- Es kann die Grenzen dieser Gesellschaft überschreitend für eine Gruppe von Gesellschaften böse sein.

 

-Es kann in der fiktionalen Welt des Romans UND in der Welt des Autors/Lesers böse sein.

 

-Es kann in einer Welt, die außerhalb der des Autors UND außerhalb der fiktionalen Ebene liegt, böse sein. Dann aber kann es nicht mehr als böse empfunden werden, weil die Definition von böse eine begreifbare Instanz voraussetzt, die definiert. Diese aber muss innerhalb der Welt des Autors liegen.

 

Viele Grüße

Werner

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Alte und Schwache aufessen muss nicht böse sein. Falls die Alten und Schwachen damit einverstanden sind und es gerne tun, ist doch alles in Butter. Und wenn jemand sich gern von den Azteken opfern lässt, um seinem Volk den Regen zu bringen, was spricht dagegen?

 

Wenn man aber per Gesetz eine Gruppe verfolgt und misshandelt/tötet, die das nicht gut findet, weil sie eben außerhalb dieser Regeln steht (z.B. Judenverfolgung), dann ist das Böse in den Regeln zu suchen. Sie dann zu brechen, ist wiederum "heldenhaft".

 

Wenn Grenzen und Regeln verletzt werden, kann man das "Böse" vielleicht so definieren: Es fängt da an, wo willentlich und wissentlich die Rechte anderer auf eine gravierende Weise verletzt werden und der Böse dies nicht unabsichtlich tut, sondern es gern in Kauf nimmt, weil es ihm egal ist. Da wären wir dann schon wieder bei der Empathie.

 

Gruß, Melanie

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Das Ding ist ja, das die Story um den "Hähnchenmörder vom Mars" erst dann richtig interessant und spannend wird, wenn sich die scheinbar erwartete Gut-Böse-Haltung umkehrt, etwa weil der Hähnchenmörder die Hähnchen nur deswegen tötet, weil die Hühner eine planetare Bedrohung für die Existenz des Planeten darstellen (er also eigentlich etwas gutes tut), und das Hühnerverehrende Volk dem Hähnchenmörder dermaßen unmenschlich und böse entgegentreten, dass die "guten" böse werden. Noch interessanter wird es allerdings, wenn der nunmehr gute Hühnertöter seine Frau und Kinder schlägt, weshalb er wieder böse wird, und die Hühnerverehrer ihre Familie ehren...

 

Worauf ich hinaus will: Eine klassische schwarz/weiß-haltung der Figuren ist langweilig. Besser ist es, sich in Grausstufen zu bewegen. Das Böse hat immer auch seine guten Seiten, und umgekehrt. Das wird leider in vielen Romanen vergessen, was ich persönlich schade finde...

"Kein Buch oder Gedicht ist je fertig. Es wurde lediglich aufgegeben." (Sprichwort, unbek. Verf.)

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Worauf ich hinaus will: Eine klassische schwarz/weiß-haltung der Figuren ist langweilig. Besser ist es' date=' sich in Grausstufen zu bewegen. Das Böse hat immer auch seine guten Seiten, und umgekehrt. Das wird leider in vielen Romanen vergessen, was ich persönlich schade finde...[/quote']

 

Damit hast Du natürlich vollkommen recht. Und darin liegt natürlich ein unerschöpfliches Potential.

Aber es gilt nur in dem Fall, dass der Böse sich seiner Tat bewusst ist.

 

Ich hingegen neige ein wenig zu der Meinung, dass der wirklich pathologisch Böse, wie Melanie ihn schildert, leider über wenig gute Seiten verfügt. Eher über keine.

Sie können nur dann als "gut" erscheinen, wenn das Regelgefüge der Umwelt ebenso pathologisch böse gestaltet ist, wie er selbst.

 

Was das Szenario für eine echte Horrorgeschichte ist.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Oder meine Kannibalen, die Schwache, Alte und Kranke nicht schützen, sondern aufessen.

 

Und dann?

Wo sitzt dann der/das Böse?

 

Wenn es so dargestellt ist, dass es in ihrer Kultur immer so war und jeder weiß, welches Schicksal ihm irgendwann blüht, wird keiner dort das als böse oder falsch ansehen.

Böse wären dort dann die, die ihre Stammesbrüder und -schwestern absichtlich schwächen, um sie ganz legal in den Kochtopf werfen zu können.

 

Maren

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Ich hingegen neige ein wenig zu der Meinung' date=' dass der wirklich pathologisch Böse, wie Melanie ihn schildert, leider über wenig gute Seiten verfügt. [/quote']

 

Das ist leider in der Tat so. Es gibt solche Personen auch in Wirklichkeit, nicht nur im Roman, und die sind therapeutisch nicht wirklich erreichbar. Die kann man nur noch sichern. Nicht umsonst wurden die Richtlinien für die Sicherungsverwahrung von Straftätern geändert.

Ich denke mal, es kommt im Roman darauf an, was man für eine Geschichte erzählen will. Braucht man einen echt bösen Antagonisten, der am Schluss vernichtet werden muss, dann braucht man diesen Psychopathen. Wenn man mit Grauschattierungen arbeitet, können sich Antagonist und Protagonist auch annähern, das kann von Waffenstillstand bis zur Versöhnung gehen. Ich persönlich mag die zweite Variante lieber, aber viele Geschichten funktionieren so nicht. Da braucht es halt einen echten "Bösen". Spannend wäre dann vielleicht noch die Geschichte, warum der "echte Böse" so geworden ist, wie er ist. Aber er ist nicht resozialisierbar. Er muss dann am Schluss aus der Geschichte getilgt werden, weil er sonst immer wieder "böses" tut.

 

Gruß, Melanie

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Ein sehr schönes Beispiel für Grauschattierungen und wirklich böse Schurken findet man m.E. bei Karl May.

Wenn wir uns z.B. Winnetou I anschauen:

Old Shatterhand gehört zur Vermessertruppe für die Eisenbahn, die widerrechtlich durch das Land der Indianer gebaut werden soll. Winnetou & Co finden das nicht o.k. und nachdem die Weißen nach gutem Zureden nicht verschwinden, sondern sogar morden, greifen sie an. Old Shatterhand ist der Ich-Erzähler, aber noch gehört er zu den Bösen. Gleichzeitig ist er der Protagonist, aber Winnetou, der Antagonist, ist der Gute. Beide können sich aber erst versöhnen, als sie gemeinsam einem "richtig Bösen", zunächst in Gestalt von Rattler, später in Gestalt von Santer, gegenüberstehen.

Beide haben psychopathisch-dissoziale Züge und sind nicht resozialisierbar, sie werden aus der Geschichte getilgt, Rattler schon in Band I, Santer in Band III.

 

Das Regeln brechen allein machte nicht das Gut oder Böse aus, (schließlich brach auch Old Shatterhand die Regeln, aber er schämte sich später dafür), sondern die Motivation und die Fähigkeit, eigenes Unrecht zu erkennen.

 

Gruß, Melanie

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Das Regeln brechen allein machte nicht das Gut oder Böse aus' date=' (schließlich brach auch Old Shatterhand die Regeln, aber er schämte sich später dafür), sondern die Motivation und die Fähigkeit, eigenes Unrecht zu erkennen. [/quote']

 

Das ist ein wichtiger Satz. Die Regeln an sich sind nicht wichtig. Wichtig ist, wofür sie stehen. Eine Gruppe von Menschen wird immer dann Regeln aufstellen, wenn dies eine wichtige Bedeutung für sie hat (Überleben, Sicherheit, Tabu, Erinnerung, Zusammenhalt, etc). Als Böse wird ein Angriff auf diese Bedeutung angesehen, entweder konkret (Sicherheitsverletzung) oder indirekt (Tabubruch).

 

Warum sind Hühner heilig? Warum wird das Töten derselben als Schändung empfunden? Die Menschheit an sich im Allgemeinen und eine Kultur im Spezifischen hat einen Recht- oder Unrechtsinn, der nichts mit Regeln zu tun hat ... bzw, die Regeln versuchen, den zu reflektieren. Manchmal tun sie auch das Gegenteil, wie beim Judenmord.

 

Um auf Melanies anderen Punkt zu kommen. Wenn so richtig schlimme, absurd unmenschliche Dinge passieren, braucht man dafür einen richtigen Psychopathen. Und dem wird am Ende der Kopf abgerissen.

 

Der grau in grau Antagonist aber handelt aus eigensüchtigen, aber verständlichen Motiven. Er hat sicher auch eine menschliche Seite. Er wird zwar besiegt, aber ihm wird am Ende trotz allem verziehen, solange er fair gekämpft hat und nicht die Grenze des Erträglichen überschritten hat. Er ist nur ein Widersacher, kein wirklich Böser.

 

Man sollte diese Unterscheidung machen ... der Böse versus der Widersacher (eben Antagonist). Hier sprechen wir eher über den Bösen ... das ist der Psychopath oder der Terrorist oder jemand, dessen Handlungen sich jedem menschlichen Verständnis entziehen. Der Skorpion, der ausgeteten wird.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Irgendwie hat mich der Hähnchenfreund jetzt nicht losgelassen und ich versuche ihn doch noch mal zu analysieren.

Zunächst müssen wir wissen, warum die Hühner heilig sind. Hängt es vielleicht mit der Religion zusammen? Glauben die Einheimischen, dass der Geist ihrer verspeisten Ahnen in den Hühnern weiterleben wird? Falls es so ist, wird der Hähnchenfreund erst durch den Akt des Hühnerschlachtens zum wahren Kannibalen und wenn es ihm gleich ist, was aus dem Seelenleben seiner verstorbenen Angehörigen wird, hat er psychopathische Züge - ist als böse.

 

Oder sind die Hühner nur heilig, weil irgendeine Gottheit gesagt hat: "Dies sind meine heiligen Tiere, die sind nur für mich?"

Wenn der Grillfreund sie dann isst, stellt er einfach seine Bedürfnisse auf eine Stufe mit denen der Gottheit und wird zum Ketzer. Aber böse muss er noch lange nicht sein. Eher ein Freidenker oder ein neuer Luther  ;D.

 

Sind die Hühner eigentlich nicht heilig, sondern mit einem Tabu belegt, weil ihr Verzehr Krankheiten auslösen kann, so müssen wir das Alter des Grillfreundes betrachten. Ist er noch jugendlich und voller Überschwang? Durchdrungen von dem Gefühl, unverwundbar zu sein? Dann ist er nur leichtsinnig, aber nicht böse.

 

Gruß, Melanie

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Mich lässte der Hühnerfresser auch nicht los, und ich frage mich, ob er, wenn er ein wahrer Böser ist, dem es an Empathie mangelt, so geworden ist oder ob das von Beginn an seine Natur war.

 

Amoralisches, unsoziales oder soziopathisches Verhalten - kann das Ursprünge haben? Ein Trauma beispielsweise, weil der Hühnerfresser als Kind von einem wilden Huhn gebissen wurde?

 

Eine Erklärung, keine Entschuldigung für den Hühnermord, kann man die geben?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Eine Erklärung' date=' keine Entschuldigung für den Hühnermord, kann man die geben?[/quote']

 

Warum nicht?

 

Mein Psychopath ist ohne Vater (früh verstorben) und als Sohn einer schwachen Frau aufgewachsen, die selbst als uneheliches Kind eines bedeutenden Markgrafen geboren wurde. Als der starb, wurde sie zwar mit dem nötigsten zum standesgemäßen Leben ausgestattet (inklusive Ehemann), aber von der Familie immer geschnitten und geschmäht. Der junge Mann fühlte sich ein Leben lang ungerechterweise zurückgesetzt und entwickelte einen verrückten Hass auf alles, besonders Mitglieder der Verwandtschaft, von denen er sich ausgestoßen fühlt.

 

Diese Hintergründe habe ich aber nur ganz nebenbei erwähnt, nicht breitgetreten. Ich bin ja auch kein Experte wie Melanie, aber mir schien das OK als Erklärung. Wobei ich glaube, der Familienhintergrund ist nicht die Ursache, sondern nur ein verstärkendes Element eines eh schon gestörten Geistes.

 

LG

Ulf

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Mich lässte der Hühnerfresser auch nicht los, und ich frage mich, ob er, wenn er ein wahrer Böser ist, dem es an Empathie mangelt, so geworden ist oder ob das von Beginn an seine Natur war.

 

Amoralisches, unsoziales oder soziopathisches Verhalten - kann das Ursprünge haben? Ein Trauma beispielsweise, weil der Hühnerfresser als Kind von einem wilden Huhn gebissen wurde?

 

Eine Erklärung, keine Entschuldigung für den Hühnermord, kann man die geben?

 

Muss man sie denn geben? Ich würde es davon abhängig machen, wie groß die Rolle der Figur insgesamt ist und inwieweit eine Erklärung überhaupt Sinn macht.

Man gibt ja bei den Guten auch keine Erklärung, warum sie eben gut und nicht böse geworden sind.

 

Für mich ist nur die Erklärung der Motivation wichtig, nicht, warum die Figur jetzt böse ist. Die Motivation aber brauche ich, sonst wirkt die Figur auf mich leblos.

 

Maren

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Hier mal ein schöner Artikel über Psychopathen: (Link ungültig)

 

Tatsächlich ist es so, dass es auch Psychopathen ohne besonderen Hintergrund gibt, da derzeit in der Wissenschaft als Ursache Stoffwechselungleichgewichte im Gehirn diskutiert werden und genetische Dispositionen, die z.B. ein Reue-Empfinden nicht möglich machen. Weiterhin werden sogenannte "Spiegelneurone" diskutiert, d.h. jemand, der nicht in seiner frühesten Sozialisation gelernt hat, Empathie zu entwickeln, also z.B. den Schmerz mitzufühlen, wenn er sieht, wie sich jemand in den Finger schneidet (wir "Normalos" zucken ja schon zusammen, wenn wir das sehen), wird auch sonst Empathieschwierigkeiten haben und keine Skrupel kennen, wenn er brutal ist. Weil z.B. eine Kehle durchschneiden für ihn mit soviel Emotion verbunden ist, wie für uns, ein weißes Stück Papier zu zerschneiden.

Das Thema per se ist hochinteressant, denn die neurologisch-biochemischen Aspekte sind erst in letzter Zeit in den Blickwinkel der Wissenschaft gerutscht. Natürlich kann man jemanden, der diese Defizite hat, durch eine liebevolle Erziehung als Kind zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft machen, aber wenn er als Kind schon schlecht behandelt wurde, wird das die Psychopathie fördern. Übrigens, 70% aller Menschen, die als Kinder traumatisiert oder misshandelt wurden, haben als Erwachsene überhaupt keine Schäden. Aber man weiß nicht, warum das so ist und man kann nicht im Voraus sehen, wer zu den 30% gehört, die ihr Leben lang mit Folgen zu kämpfen haben. Man weiß aber, dass eine stabile Familie zu den protektiven Faktoren gehört. Ein einmaliges Trauma ist wesentlich leichter zu verarbeiten, als eine pausenlose Traumatisierung ohne stabile Bindungen und Sicherheit.

 

Um zum Bösen zurückzukommen: Man muss ihn vielschichtig betrachten und wenn man sich einen Bösewicht zurechtbasteln will, genügt es nicht, dass er von seinem Vater geschlagen wurde, um zum Psychopathen zu werden. Das kann mit eine Rolle spielen, ist aber keine Erklärung. Wer einen Psychopathen erklären will, kommt nicht darum herum, sich mit einer facettenreichen Entwicklung, in der sowohl biochemische als auch soziologische und milieuabhängige Faktoren eine Rolle spielen, auseinanderzusetzen.

 

Gruß, Melanie

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Hallo zusammen,

 

ich glaube nicht, dass ich in der vorgeschlagenen Geschichte den Hühnerfresser wirklich zum "Bösen" machen würde- was aber nichts mit dem Konsum von Menschenfleisch zu tun hat.

Ich würde mich vermutlich beim "Bösen" an einem Vertreter der Ordnung orientieren, der fanatische Züge zeigt, also keine Trennung zwischen den Graustufen erlaubt, sondern sich an einer Ideologie oder Religion orientiert, die so etwas nicht erlaubt.

Eine andere logische Wahl wäre neben dem eher langweiligen Psychopathen (warum müssen Schurken denn immer verrückt sein??) dann eher ein Mensch, der sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzt, um seinen Vorteil zu erwirken- auf welche Art auch immer.

Besonders interessant finde ich aber auch einen Schurken, der im Prinzip aus guten Gründen das gleiche möchte wie der Protagonist, aber dessen Ziele letztlich einen wichtigen Nachtteil haben, den er nicht sieht.

Und auch schön: ein Schurke, der letztlich aus Treue oder Liebe auf diesem Weg sich befindet, weiß, dass er im Unrecht ist, aber nicht anders kann.

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Ich würde mich vermutlich beim "Bösen" an einem Vertreter der Ordnung orientieren, der fanatische Züge zeigt, also keine Trennung zwischen den Graustufen erlaubt, sondern sich an einer Ideologie oder Religion orientiert, die so etwas nicht erlaubt.

 

Wobei ich mich gerade da frage, ob der "Vertreter der Ordnung" nicht genau der pathologisch Böse ist, der keine Empathie kennt, sondern nur die "Regeln und Gesetze" vertritt.

 

Fanatismus hat etwas Pathologisches, oder?

 

Andrea

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