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Angelika Jo

Tempo, Tempus, Zeiten und Zeit

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Was für eine spannende und lehrreiche Diskussion! Vielen Dank vor allem an Angelika und Manfred!

 

Ich greife noch einmal einen Aspekt von der ersten Seite auf:

 

 

Ulf,

 

genauso kann ich auch fragen: Wieso brauchen wir so viele Zeitformen? Vollkommen überflüssig!

 

Wenn ich mitteilen möchte, dass ich gestern im Kino war, kann ich sagen

Ich war gestern im Kino

Ich bin gestern im Kino gewesen.

Ich war gestern im Kino gewesen.

 

Mag sein, dass das eine Tempo richtiger ist als das andere oder das eines umgangssprachlich gebräuchlicher ist als das andere. Aber im Kern ist die Aussage doch immer gleich: Ich war in der Vergangenheit im Kino, nicht in der Gegenwart und nicht in der Zukunft.

 

Ganz genau.

Und damit stellt sich doch zwingend die Frage: Wozu haben wir diese drei? Wenn es nicht darum geht, Zeit auszudrücken, müssen  diese Formen eine andere Funktion haben.

 

Angelika

 

 

Ja, welche Funktion(en) sind das?

Und wieso gibt es diese verschiedenen Tempi, wenn sie oberflächlich betrachtet nicht nötig sind?

 

Offensichtlich gab es irgendwann in der Vergangenheit das Bedürfnis, verschiedene komplizierte Tempusformen zu entwickeln, und das nicht nur in einer Sprache, sondern in mehreren. Wieso? Was hatten die Sprecher davon? Dass wir uns heute mit den Überbleibseln herumschlagen und versuchen müssen, irgendeinen Sinn darin zu erkennen, ist ja schon fast nicht mehr der Rede wert. Manchen Dinge halten sich einfach lange, auch wenn man gar nicht mehr weiß, wozu sie einmal gut waren.

 

Ich habe einmal gelesen, dass Sprache sich vor allem aus zwei Gründen verändert und weiterentwickelt: Vereinfachung (=Ökonomie, was auch Angelika in ihrem letzten Beispiel anführt) und Originalität (die dann wieder zu eigentlich unökonomischer Verkomplizierung führt). Kann das der Grund für komplizierte, eigentlich überflüssige Tempusformen sein? Aber in so gut wie allen Spachen?

Komm wir essen Opa.

SATZZEICHEN können Leben retten.

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Buon giorno und der Reihe nach.

 

 

Das klingt so beruhigend und ich würde es so gerne glauben, weil es die Möglichkeit auftut, dass wirklich alle sich mit allen über alles verständigen könnten – was immer ein großes Herzensanliegen von mir war.

 

Ich denke, es ist sehr wohl möglich, sich mit allen über alles zu verständigen kann - wenn man um die Unterschiede weiß und die Hürden umschiffen kann. Ich erinnere mich, dass wir im Englischunterricht immer dazu angehalten wurden, unbekannte Vokabeln zu umschreiben. Jetzt weiß ich endlich warum. DAS ist der Schlüssel zur Verständigung, den ich auch beim Übersetzen immer wieder benötige.

 

Dabei übersetze ich nichts Exotisches, nur Englisch. Aber auch hier haben wir das Phänomen, dass es bestimmte Begriffe nicht gibt - weil es nicht der Kultur entspricht. Zum Beispiel gibt es im Englischen keinen eigenen Begriff für "Guten Appetit" ...

Komm wir essen Opa.

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Dabei übersetze ich nichts Exotisches, nur Englisch. Aber auch hier haben wir das Phänomen, dass es bestimmte Begriffe nicht gibt - weil es nicht der Kultur entspricht. Zum Beispiel gibt es im Englischen keinen eigenen Begriff für "Guten Appetit" ...

 

 

Das stimmt. Aber es gibt: "Enjoy your meal!" oder einfach: "Enjoy!"  :)

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Dabei übersetze ich nichts Exotisches, nur Englisch. Aber auch hier haben wir das Phänomen, dass es bestimmte Begriffe nicht gibt - weil es nicht der Kultur entspricht. Zum Beispiel gibt es im Englischen keinen eigenen Begriff für "Guten Appetit" ...

 

 

Das stimmt. Aber es gibt: "Enjoy your meal!" oder einfach: "Enjoy!"  :)

 

 

Na ja, aber das ist ja wunderbar doppeldeutig: Man kann es auch so interpretieren: Genieße die Zeit am Tisch mit netten Menschen und lass uns nicht über das Essen reden ...

:-)

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Genießbefehl (so wirkt das immer auf mich. Andere Sprache halt ...) Vor allem, wenn man sich das Meal dann betrachtet in irgendeinem Fastfoodrestaurant. Hier haben wir schon den Culture-Clash.

Claudia
(kurz und unqualifiziert dazwischen gelabert. Meinen heißen Dank für eure Ausführungen und diesen Thread!!)

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Das ist jetzt nicht wichtig, aber nur als Anmerkung: Ich war ja schon Dutzende Male in den USA, und die meinen das ganz höflich und freundlich aufs Essen bezogen. Und zwar nicht im Hamburger Shop, sondern besonders im feinen Restaurant. Der Kellner serviert und wünscht: "Enjoy!"

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Ja, Ulf - UND auch im schnellen Restaurant, so Zwischending zwischen Hamburgerbude und Vielleicht-doch-Restaurant, ich fand das immer so lustig. Weil es gar nicht nach Enjoien aussah.

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ja, Ulf - UND auch im schnellen Restaurant, so Zwischending zwischen Hamburgerbude und Vielleicht-doch-Restaurant, ich fand das immer so lustig. Weil es gar nicht nach Enjoien aussah.

 

So wie in der Eckkneipe, wenn die Aushilfe einem das Jägerschnitzel in undefinierbarer Soße schwimmend auf den Tisch knallt, meinst du?  ;D

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Im Hamburger Shop in USA muss man sich sein Essen selbst holen. In praktisch allen Fast Food Restaurants. Das "Enjoy your meal" beobachte ich erst seit neuerer Zeit, früher sagte man nichts, denn eigentlich müsstest du vor deiner Mahlzeit erst deinen Dank sagen. 

Krimis, Liebe und Mehr.

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Translations, Lektorat & Exposé Coaching

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Ich habe auch beobachtet, dass es immer wieder Dinge gibt, die man schwer übersetzen kann. Ich treibe mich ja viel in Finnland herum, und da gibt’s Dinge, die es anderswo nicht oder selten gibt. Zum Beispiel „avanto“. So sieht’s aus:

 

avanto-hole-in-the-ice-ice-swimming.jpg

 

 

Also ein Loch im Eis, in dem man im Winter nach der Sauna schwimmt. Dabei handelt es sich um ein von Menschen gemachtes Loch, nicht um ein natürliches.

 

Das ist also ein sehr spezielles Konzept, und der kulturelle und geographische Kontext ist glasklar. Schön das alles in ein Wort zu packen, aber nicht un-„denkbar“ im Deutschen. - Aber für viele als Wellness wohl recht gewöhnungsbedürftig.

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Ach ja, die Finnen. Die haben noch was vom Leben. Avanto klingt wie avanti, also nichts wie rein in die Sauna und dann ins Avanto, aber presto.

Am vergleichsweise harmlosen "red herring" sind allerdings schon so manche Übersetzer gescheitert, denn sie hielten ihn tatsächlich für eine spezielle Form des bekannten und delikaten Fischs, egal in welcher Farbe er auf dem Teller landet. Wenn er roh ist, ist er grün, wenn er rot ist, und zwar richtig gut rot, hat der Kommissar ein Problem. Der  folgte in der genialen Übersetzung einem Fisch und da ist es ein kleines (Sprach)Wunder, dass das Ergebnis dasselbe war: Er kam nicht voran, verhaftete einen Unschuldigen, befand sich auf einer falschen Fährte, auf dem "red herring" eben.

 

Heute gibt es Sushi, was erstmal nichts mit Fisch zu tun hat, sondern einfach "gesäuerter Reis" heißt. Womit wir bei einer weiteren Sprachverwirrung wären: "Ich mach' Sushi aus dir" verliert deutlich an Strahlkraft, wenn man das japanische Wort richtig übersetzt. "Ich mach gesäuerten Reis aus dir", ist echt lahm. Manchmal ist es also besser, etwas nicht zu genau zu wissen.

 

Und Sprache macht ja eh was sie will.

 

LG Martin

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Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)

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Hallo ihr Lieben, danke für die spannende, anregende Diskussion, die so viele Aspekte aufwirft.

 

Zwei Gedanken kommen mir dazu, die hoffentlich nicht zu weit führen oder ins Abseits...??!!

 

1. Wenn unsere Ohren ankommende Signale/Informationen schneller verarbeiten als unsere Augen (wie Manfred gezeigt hat), heißt das dann, dass wir unseren Ohren mehr trauen können als unseren Augen?

 

2. Die Rede war von unterschiedlichen Zeitkonzepten, jeweils kulturell geprägt. Interessant finde ich, wie solche Konzepte zu Formprinzipien von Texten/Romanen werden können. Der Fluß der Zeit - lineares Erzählen - rotierende Zeit oder wiederkehrende Zeit - Kreisbewegungen im Erzählen und die vielen formalen Experimente, zu denen man als Autor eingeladen wird, wenn man Zeit als Thema zu ergreifen wünscht...

 

Schönen Dienstag

Jürgen

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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1. Wenn unsere Ohren ankommende Signale/Informationen schneller verarbeiten als unsere Augen (wie Manfred gezeigt hat), heißt das dann, dass wir unseren Ohren mehr trauen können als unseren Augen?

 

 

Das hat ja nichts mit der Qualität der Informationsverarbeitung zu tun. Subjektiv nehmen wir Bild und Ton zeitgleich war, sonst wäre das Vergnügen im Kino erheblich eingeschränkt.

Die schnellere Verarbeitung akustischer Signale ist vor allem interessant für die Reaktionsgeschwindigkeit. Die Reaktionsgeschwindigkeit auf akustische Reize liegt bei trainierten Personen  bei max. 0,18 Sek. Das wird zur Zeit als physiologische Grenze angesehen. (Muskeln, Nerven etc. (Leitungsverluste)). Bei optischen Reizen sind es bei gleichen Bedingungen 0,24 Sek. eine Differenz von 0,06 Sekunden. Eine Zeitspanne, in der ein Mensch in der Lage ist, zwei Entscheidungen zu treffen. Je nach Situation ist es besser auf einen optischen Reiz zu reagieren, z.B. wenn man den Mündungsblitz sieht, sollte man in Deckung gehen, wenn es ein Scharfschütze ist, der weit genug weg ist. Wartet man auf den Knall, ist man tot, wenn man ihn hört. ;D

 

 

LG

Martin

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... Subjektiv nehmen wir Bild und Ton zeitgleich war, sonst wäre das Vergnügen im Kino erheblich eingeschränkt.

 

 

Dazu sagt David Eagleman in "Brain time":

 

"...So if the visual brain wants to get events correct timewise, it may have only one choice: wait for the slowest information to arrive. To accomplish this, it must wait about a tenth of a second. In the early days of television broadcasting, engineers worried about the problem of keeping audio and video signals synchronized. Then they accidentally discovered that they had around a hundred milliseconds of slop: As long as the signals arrived within this window, viewers' brains would automatically resynchronize the signals; outside that tenth- of- a- second window, it suddenly looked like a badly dubbed movie."

 

https://www.edge.org/conversation/brain-time

 

 

Hier geht's also "brain time", also um unbewusste, automatisierte Prozesse. Dazu kommt aber noch die bewusste Wahrnehmung von Zeit und ihre kulturelle Bewertung. Ich glaube, dass dieser Aspekt beim "Erzählen" eine wichtige Rolle spielt

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Hier geht's also "brain time", also um unbewusste, automatisierte Prozesse. Dazu kommt aber noch die bewusste Wahrnehmung von Zeit und ihre kulturelle Bewertung. Ich glaube, dass dieser Aspekt beim "Erzählen" eine wichtige Rolle spielt

 

 

Ohne Frage. Ich war eine Zeit lang in Malawi (Südostafrika) und es war die Hölle. "Morgen" hieß dort: Irgendein Tag nach dem heutigen. Pünktlich war, wer zu einem vereinbarten Zeitpunkt (natürlich hatten die Uhren ) nicht mehr als drei Stunden zu spät kam. In Tokio konnte ich die Uhr nach der U-Bahn stellen. Zu spät heißt dort: 1 Sekunde nach der vereinbarten Zeit. Fremden gegenüber sind die Japaner aber nachsichtig.

Es kommt also auf das Setting an, wie ich mit "Kultur-Zeit" umgehe.

Beim Erzählen ist es wichtig, wie ich die "erzählte Zeit" (Die Zeitspanne der Geschichte) und die "Erzählzeit" (Die Dauer des Rezipierens) miteinander verwebe: Raffung, Deckung oder Dehnung. Meistens wird es eine Mischform sein. Wenn ich die Gedanken einer Figur wiedergebe, dauert das Lesen sicherlich länger als das Denken. Beschreibe ich, wie jemand einen Schritt macht und dann den nächsten, wird sich die Zeit decken. Führe ich die Lebensgeschichte einer Figur mit wenigen Ereignissen ein, raffe ich. Das ist eine Stellschraube, mit der ich das Tempo meiner Geschichte beeinflussen kann, ohne die Garantie, dass alle Leserinnen und Leser das genauso empfinden.

 

LG

Martin

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Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)

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In Tokio konnte ich die Uhr nach der U-Bahn stellen. Zu spät heißt dort: 1 Sekunde nach der vereinbarten Zeit. Fremden gegenüber sind die Japaner aber nachsichtig.

 

 

Ob die auch mit sich selbst nachsichtig sind, wenn sie sich im Ausland befinden? Die Japanerin, die ich kenne, nimmt es jedenfalls nicht so genau mit der Pünktlichkeit. Dafür hat sich mein italienischer Freund inzwischen zu einem exakten Zeitmesser entwickelt. Und bei der Feier einer Brasilianerin stand die Gastgeberin noch unter der Dusche, als die Gäste eintrafen - und das war schon mit dem akademischen Viertel.

 

Es könnte aber wirklich interessant sein, in einem Roman einen Malawi und einen Japaner zusammen handeln zu lassen. Wer schreibt sowas mal? ::)

Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de

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In Tokio konnte ich die Uhr nach der U-Bahn stellen. Zu spät heißt dort: 1 Sekunde nach der vereinbarten Zeit. Fremden gegenüber sind die Japaner aber nachsichtig.

 

 

Ob die auch mit sich selbst nachsichtig sind, wenn sie sich im Ausland befinden? Die Japanerin, die ich kenne, nimmt es jedenfalls nicht so genau mit der Pünktlichkeit. Dafür hat sich mein italienischer Freund inzwischen zu einem exakten Zeitmesser entwickelt. Und bei der Feier einer Brasilianerin stand die Gastgeberin noch unter der Dusche, als die Gäste eintrafen - und das war schon mit dem akademischen Viertel.

 

Es könnte aber wirklich interessant sein, in einem Roman einen Malawi und einen Japaner zusammen handeln zu lassen. Wer schreibt sowas mal? : :)

 

 

Mir ist es in Brasilien vor Jahren ähnlich gegangen. Wir waren bei einem Ehepaar zum Abendessen eingeladen - 20:00. Meine Frau (auch Brasilianerin) trödelte mit Dusche und Make-up und konnte nicht verstehen, warum ich (Deutscher) es so eilige hatte, pünktlich zu sein. Ich hab sie dann ziemlich gedrängelt und schließlich kamen wir mit 15 Minuten Verspätung an. Uff!! Noch einigermaßen geschafft. Nach langem Klingeln öffnet der Hausherr in Hemd und Unterhosen. "Oh!", sagt er. "Ihr seid schon da?"

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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@ Ulf: Das kenne ich auch aus Frankreich. Als wir vor Jahren bei der Bürgermeisterin unserer Partnerstadt zum Mittagessen eingeladen waren, empfing uns Madame herzlich an der Haustür (natürlich nicht in Unterhosen! *lach*). Sie bot uns Getränke an und unterhielt sich mit uns – und das zwei geschlagene Stunden lang, während unsere Mägen empfindlich knurrten. Ich dachte ständig: Will sie nicht endlich in die Küche gehen und kochen, und überlegte schon, ob ich ihr meine Hilfe anbieten soll. Nun, irgendwann, so gegen 15 Uhr, bat sie uns ins Speisezimmer, und da stellte es sich heraus, dass sie ihre halbwüchsigen Söhne zum Kochen verdonnert hatte. ;D Also, Madame hatte entschieden die Ruhe weg! Vielleicht war sie ja eine Nachfahrin der Katharer aus Südfrankreich, die einst behaupteten: "Die Zeit ist wie ein Maultier, sie schreitet fort, niemals zurück!"

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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2. Die Rede war von unterschiedlichen Zeitkonzepten, jeweils kulturell geprägt. Interessant finde ich, wie solche Konzepte zu Formprinzipien von Texten/Romanen werden können. Der Fluß der Zeit - lineares Erzählen - rotierende Zeit oder wiederkehrende Zeit - Kreisbewegungen im Erzählen und die vielen formalen Experimente, zu denen man als Autor eingeladen wird, wenn man Zeit als Thema zu ergreifen 

 

Ich finde Jürgens Frage sehr interessant, habe aber keine direkte Antwort darauf. Vielleicht könnte man mehr erfahren, wenn man die Erzählstrukturen indigener Völker in Bezug auf ihr Zeitempfinden untersucht. „Rotierende Zeit“ ist ein schönes Bild und passt gut zu den Beschreibungen der Zeiterfahrung vieler indigener Völker. Offenbar war/ ist nach ihrem Empfinden die Zeit keine rare Ressource, nicht etwas, das vergeht, sondern etwas, das immer wieder kehrt. Es gibt reichlich davon. In dieser Welt muss man nicht Sekunden, Stunden und Tage messen. Alles folgt einem natürlichen Rhythmus, der immer wieder kehrt – und mit ihm auch die Zeit.

 

Und tatsächlich gibt es hier eigene narrative Strukturen. Hier ein Zitat aus der Forschung von Dorothea Hoffmann, die (mündliche) dreamtime stories drei indigenen australischen Sprachen untersucht hat:

 

„Traditional dreamtime stories are inherently bound to the place and landscape they are located in, and, by default, narrated in-situ. Temporal order of events within the narrative flow may be overridden by spatial ordering, thus placing emphasis on a change of location rather than logical time sequence of events.

I argue that spatial narrative structuring is deeply rooted in cultural and environmental features creating a connection of unique identity for every ‘owner’ and audience of a story. “

 

… experimentell genug, Jürgen?

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Ganz kurz eingeworfen, zu euren BrasilanerInnen-Erfahrungen: Eine Landkarte der Zeit. Das Buch, meine ich. Vermutlich ein bisschen überfällig inzwischen, aber immer noch lesenswert. Schnelle Städte, langsame Städte. Die schnellste nicht New York. Die Messmethoden eventuell zweifelhaft, dennoch ist es voller Informationen und Ideen zum Weiterdenken .
Wie anderswo (und machmal gar nicht soweit entfernt) mit Zeit umgegangen wird, spürt man - mir geht es so - an Kleinigkeiten. Wenn man sich auf das Tempo einlässt. In Slowenien war ich zb die Einzige, die ständig bei Rot über Ampeln wollte. Auch in etwas größeren Städten, aber ich meine jetzt nicht die ganz touristischen Gebiete. Du findest dich total hibbelig an einer Ampel, es gibt keinen Verkehr, neben dir stehen ein, zwei Leute und haben total die Ruhe weg. (Und, nein, das hat meiner Meinung nach nichts mit "Befolgen von Obrigkeitsgeboten" zu tun, sondern mit Tempo, das zeigt sich auch in ganz vielen anderen Alltagsgewohnheiten).

Zum Finnischen, Manfred: Bei fb hat eine finnische "Freundin" ein Wort gepostet, das die Bedeutung hat: eine Frau, die frühmorgens in kaltem Wasser schwimmt. Ich weiß das Wort nicht mehr, es war lang. :)

 

Zu Linearität und zum Schreiben: Da muss ich auch an Musik denken. Rondo. Das Wiederkehren. ABACA- Formen. Ich will jetzt nicht nachschauen, aber ich glaube, Rundgesänge, also Gesänge mit wiederkehrendem Refrain, in den alle einfallen, sind eine der ältesten Musikformen. Und ja auch heute noch in anderer Weise aktuell. Was auch Reste eines nicht-linearen Zeitempfindens wiederspiegelt, selbst heute.

Das nur auf die Schnelle ...

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Man muss nicht bis nach Brasilien oder Ostasien schauen, auch hierzulande gibt es verschiedene Auffassungen von „Gleich“ und „Jetzt“.

Nordlichter z.B. sagen „das mach ich gleich“ und meinen damit: „wird sofort erledigt, auf der Stelle“. In Bayern hingegen bedeutet es eher: „Okay, mach ich, versprochen, irgendwann, demnächst, sollte ich es bis dahin dann nicht doch schon vergessen haben ...“

 

Danke für diesen Thread, sehr spannend und erhellend!

 

Doris, die gern mitliest.

Bearbeitet von DorisC

MAROKKO-SAGA: Das Leuchten der Purpurinseln,  Die Perlen der Wüste,  Das Lied der Dünen; Die Wolkenfrauen

Neu seit März 2020: Thea C. Grefe, Eine Prise Marrakesch

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Was für ein spannender Thread! Vielen Dank, besonders Angelika und Manfred, aber auch allen anderen für die vielfältigen und inspirierenden Beiträge!

 

Zur rotierenden, kreisenden Zeit und kreisförmigen Erzählweisen: Haben nicht auch die "Geschichten aus Tausendundeiner Nacht" noch etwas davon? Nicht nur wegen der Verschachtelung, sondern auch, weil manche Motive immer wiederkehren?

 

Und zum Gegenteil, der linearen Zeit und dem linearen Erzählen: Heute (also in den letzten zweihundert Jahren oder so) sind wir in unseren Anforderungen ja noch viel strenger geworden, oder? Wir wollen nicht nur Geschichten, die einer gerichteten Zeit folgen, sondern sie sollen auch irgendwie zwingend sein. Nicht nur "Erst passiert A, dann passiert B", sondern "Erst passiert A, und deswegen passiert anschließend B." Dieser Punkt hat mich in letzter Zeit sehr beschäftigt, weil ich derzeit an einer Geschichte arbeite, die sich dem Begründen und dem Klären von Motiven verweigert. Bei mir führt das dazu, dass ich auch eine chronologische Erzählweise nicht gebrauchen kann.

 

Und um noch mal auf die Zeitformen der Verben zurückzukommen: Wenn man aus dem Englischen übersetzt, muss man ja ständig irgendwelche Partizipialkonstruktionen (sitting, walking, thinking …) in Neben- und Hauptsätze auflösen, und dabei ist man gezwungen, das Verhältnis der Satzteile zueinander festzulegen: Übersetze ich "während sie dachte" oder "weil sie dachte" oder "sie dachte und dann …"? Im englischen Original ist oft viel weniger eindeutig, wie die Komponenten zueinander stehen – was man natürlich fürs Wischiwaschi-Formulieren nutzen kann oder für schwammiges Wortgeklingel, aber auch für sehr schöne schwebende Mittelbedeutungen, die sich im Deutschen so nicht nachbilden lassen. Führt das nicht vielleicht doch dazu, dass man auf Englisch (manchmal) anders denkt?

Bearbeitet von BarbaraS
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Und um noch mal auf die Zeitformen der Verben zurückzukommen: Wenn man aus dem Englischen übersetzt, muss man ja ständig irgendwelche Partizipialkonstruktionen (sitting, walking, thinking …) in Neben- und Hauptsätze auflösen, und dabei ist man gezwungen, das Verhältnis der Satzteile zueinander festzulegen: Übersetze ich "während sie dachte" oder "weil sie dachte" oder "sie dachte und dann …"? Im englischen Original ist oft viel weniger eindeutig, wie die Komponenten zueinander stehen – was man natürlich fürs Wischiwaschi-Formulieren nutzen kann oder für schwammiges Wortgeklingel, aber auch für sehr schöne schwebende Mittelbedeutungen, die sich im Deutschen so nicht nachbilden lassen. Führt das nicht vielleicht doch dazu, dass man auf Englisch (manchmal) anders denkt?

 

Das glaube ich in der Tat, Barbara. Im Englischen anders als im Deutschen, Finnischen, Chinesischen etc. und der Gedanke erleichtert und entsetzt mich immer wieder gleichermaßen.

 

Dabei kommt das andere Denken sicher nicht von so etwas wie Manfreds hier per Bild nachgewiesenem finnischen "avanto" (danke nochmal dafür, ein Bild sagt ja immer mehr als tausend Worte). Denn hier handelt es sich um etwas ganz und gar Dingliches, und dass es für Dinge, die man in der eigenen Wirklichkeit nicht kennt, auch keine Worte gibt, finde ich nicht weiter beunruhigend. Jeder kennt ja Beispiele, wo uns die sachlichen Fremdlinge gleich zusammen mit ihrer in ihrer Heimat geprägten Lexik ins Bewusstsein gerutscht sind: Wie anders soll man das Haus, das sich die Eskimos aus Schnee bauen, denn nennen, als "Iglu", ein Wort aus der Inuit-Sprache? Oder den japanischen "Futon", "Kimono", "Kamikaze"? 

 

Ich glaube nicht, dass es die Wörter sind, die Übersetzern Schwierigkeiten machen, sondern die grammatikalischen Strukturen (die natürlich auch schon in manchen Wörtern versteckt sind wie ein konjugiertes Verb in "danke"). Eben so was wie deine Partizipialkonstruktionen, Barbara. Die kann man sicher oft genug eindeutig auflösen in einen deutschen Temporal- oder Kausalsatz, aber oft genug eben auch gar nicht eindeutig. Auf uns wirkt das dann vage und verunsichernd.

 

Dabei ist das noch längst nicht das Ende der Fahnenstange – Japanisch z.B.  w i l l  vage sein! Ich weiß noch, wie uns unser Lektor damals das japanische "ga" erklärte. Das ist eine Art "aber", das ungerufen einfach so am Ende eines Satzes steht: Es ist heiß heute, aber. Ich danke dir für deinen Brief, aber.

 

Tja. Denkt man als Sprecher des Japanischen bei so was nicht vielleicht doch ganz anders denn als Sprecher des Deutschen?

Da will ich jetzt natürlich niemandem vorgreifen. Aber.

 

Angelika

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Und zum Gegenteil, der linearen Zeit und dem linearen Erzählen: Heute (also in den letzten zweihundert Jahren oder so) sind wir in unseren Anforderungen ja noch viel strenger geworden, oder? Wir wollen nicht nur Geschichten, die einer gerichteten Zeit folgen, sondern sie sollen auch irgendwie zwingend sein. Nicht nur "Erst passiert A, dann passiert B", sondern "Erst passiert A, und deswegen passiert anschließend B."

 

Ja - das stimmt, Barbara! Das ist nicht nur linear, sondern so, als ob man einen Pfeil abschießt, der aufgrund genauen Zielens und einer bestimmten Technik dann auch garantiert trifft. Das kann genau richtig sein und ... kann auch schnell langweilig werden. Es ist etwas, das jeder lernen kann. Und jeder verstehen kann.
Das Lernen bezieht sich ausschließlich auf die Technik. Und das passt sehr gut zu dem Thread, den es hier mal gab: Ein Lektor beklagte sich, dass er immer Romane gewisser Machart bekäme, denen aber das gewisse Etwas fehle.

 

In der Musik ist es so, dass, wie wir alle wissen, Schlager und Popsongs immer noch einen Refrain haben, sich also gerade bei den ganz einfach zu hörenden Stücken die nicht-lineare Form durchgesetzt hat ... seltsam eigentlich, in einer Kultur, die nur nach vorne denkt.

 

Und Übersetzung aus dem Englischen: Ich hab das Gefühl, dass es nicht nur bei der Übertragung der schwebenden ings so ist, sondern auch bei Perspektiven. Immer bei Übersetzungen hab ich manchmal den Eindruck, dass die Perspektive wegrutscht, doch im Original liest es sich ganz richtig. Kann das sein?

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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