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Angelika Jo

Tempo, Tempus, Zeiten und Zeit

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Wenn nun die Kuh geschlachtet worden ist und es auch noch geschneit haben sollte ... dann: Oh, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet. Was für ein Tag!

Aber nicht: Oh, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden.

Seltsam oder?

(Und was würden erst die Asiaten dazu sagen, Ulf!!) (Baby).

 

Bin für die kühliche Wiederauferstehung und promissio.

Claudia

 

 

Die Asiaten? Die sagen: "Kuh geschlachtet geschneit wurde!! Domo Arrrigatou! (Tiefe Verbeugung) 

 

Trapassato promissio finde ich auch sexy! (Baby)  ;D

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ich könnt' euch alle knuddeln! Weiter so! ;D

 

LG

Helene

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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Ich möchte ganz bescheiden anmerken, dass es im Portugiesischen noch das Konjunktiv Futur gibt und den persönlichen Infinitiv - man muss schon sehr tief ins Sprachverstehen gehen, um zum begreifen, wann diese Tempi richtig eingesetzt werden. Mit Interesse lesend und bestens grüßend, auch an alle noch zu schlachtenden oder bereits vollendet geschlachteten Kühe, ähh, oder so, Barbara

Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

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Das merktest du dir sehr gut, Claudia, oder aber hast du es dir gemerkt und wirst es nicht vergessen, und auch nicht vergessen haben, wenn du wieder mal kommst, aber auf das O von den galoes muss eine Tilde, gell: galões - und dann schön durch die Nase sprechen. Huhu zurück, Reisenudel!

Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

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Wenn ich mit dem Fahrrad gekommen sein werde, dann werde ich unterwegs soviele galoes bestellt haben, dass mir eine Tilde auf dem O gewachsen sein wird.:) Einige Panaches werden auch dabei gewesen sein. Und der persönliche Infitiv wird eines Nachts am Zelt gestanden und mir mit der portugiesischen Laute einen Fado dargebracht haben ...
(Übrigens hab ich mich gerade intensiv mit Fado beschäftigt. Aber das gehört nicht zum Thema. Werde auch gleich wieder ganz offiziell und frage Manfred aus. Aber trotzdem wink ich mal rüber aus dem gelbbeblätterten Herbstlaubland)
 

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob gestern Abend zuerst die Augen oder die Finger müde wurden oder ob ich eine Wahrnehmung von Zeitdehnung hatte. Der Cliffhanger war nicht beabsichtigt. Wenn ihr Lust habt, geht's hier weiter. 

 

Wenn wir das Gemeinsame und das Unterschiedliche der menschlichen Sprachen in Bezug auf Zeit suchen, dann ist man schnell wieder beim Verhältnis von Sprache und Geist. Wir wissen, dass die physische Welt nicht dasselbe ist wie ihre Abbildung im Geist, und auf diese Abbildungen bezieht sich Sprache. Also:

-       Zeit in der realen Welt,

-       Wahrnehmung von Zeit im Geist,

-       Ausdruck der Wahrnehmung von Zeit durch Sprache. 

 

Daraus ergeben sich zwei Fragen:

 

(1) Ist die Wahrnehmung von Zeit bei allen Menschen gleich?

(2) Hat der Ausdruck von Zeit in verschiedenen Sprachen dieselbe Basis?

 

Die Wahrnehmung von Zeit ist zuerst mal eine neurophysiologische Sache. Dabei geht es darum, sensorische Informationen aus verschiedenen Sinnesorganen zu einem einheitlichen Strom zusammenzuführen. Allerdings verarbeitet das Ohr Sinneseindrücke wesentlich schneller (2 bis 5 Millisekunden (msec)) als der Tastsinn (10 msec) und das Auge (20-30 msec). Im Gehirn werden diese unterschiedlich getakteten Informationen zu einem einheitlichen Paket verarbeitet. Das geschieht beim Menschen im Takt von 20-40 msec. Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass die Zeit geschmeidig „fließt“ und nicht durch die verschiedenartigen Quellen „ruckelt“. Und diese Informationspakete wiederum werden alle drei Sekunden zu einer Gesamtinformation über die äußere Welt zusammen gefügt. Dies nehmen wir als Gegenwart wahr, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten.

 

Mit anderen Worten, wir können das Zeitfenster der Sekunden bewusst wahrnehmen, nicht aber das der sensorischen Informationspakete im Millisekundenbereich. Und diese bewusste Wahrnehmung gibt uns das Gefühl von Zeit. Die Erfahrungen der Gegenwart werden im „episodischen Gedächtnis“ gespeichert und bilden die Grundlage für das Empfinden von Vergangenheit. Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst ist, kann beabsichtigte Handlungen des Gegenübers erraten und sich damit auch zukünftige Handlungen vorstellen. Mehr noch. Es kann sich den eigenen Tod und seine eigene Sterblichkeit vorstellen.

 

Bis zu diesem Punkt handelt es sich um Vorgänge, die im Gehirn und im Geist angelegt sind und daher für alle Menschen auf denselben Grundlagen basieren. Daraus folgt unter anderem, dass für alle Menschen die Zeit als grundlegende Wahrnehmung „fließt“. Daher betrachten übrigens Kognitionsforscher es als eine besonders eindrucksvolle geistige Leistung, wie in Höhlenmalereien vor 40.000 Jahren die Bewegung von Tieren auf statischen Bildern dargestellt wurde. Der angreifende Löwe wird vom Gehirn/Geist in einer Fließbewegung wahrgenommen. Es erfordert eine Abstraktion, diese Fließbewegung in einem „stehenden“ Bild darzustellen. Das aber hier nur am Rande.

 

Das ist aber noch nicht die ganze Geschichte. Die Grundlagen der bewussten Wahrnehmung von Zeit lässt noch viel Raum für den Einfluss kultureller Faktoren. Zum Beispiel  versteht man den „Fluss der Zeit“ in westlichen Kulturen als einen Strahl, der unumkehrbar in eine Richtung verläuft. Bei vielen indigenen Völkern dagegen versteht man den Fluss des Zeit als etwas, das im Kreis verläuft, wo bestimmte Ereignisse (der Natur und des Geistes) immer wieder kehren. Mit der Industrialisierung kam in den westlichen Kulturen noch die Verknüpfung von Zeit mit Geld und Arbeit („time is money“) und damit einer ganz speziellen Wertschätzung (der Verknappung), die natürlich völlig anders ist, wenn alles wieder kehrt.

 

Aber auch innerhalb der Industrienationen gibt es markante Unterschiede in der Bewertung der Zeit. Für manche Kulturen ist die Pünktlichkeit höherrangig als die persönliche Beziehung zu dem Gesprächspartner. Daher wird jemand in dieser Kultur den ersten Termin rechtzeitig beenden, um pünktlich beim nächsten zu erscheinen. (Das sagt man z.B. den Schweizern nach.) In anderen Kulturen wird man beim ersten Termin länger verweilen, wenn man den Gesprächspartner gut kennt und er/ sie besondere Probleme hat. (Das sagt man z.B. den Italienern nach.) Beide Verhaltensweisen beziehen sich auf kulturell geprägte Bewertungen von Zeit.

 

Und was hat das alles mit Grammatik und Tempus zu tun? Die Wahrnehmung von Zeit bildet die Grundlage dafür, welche Aspekte von Zeit wir sprachlich ausdrücken können. Wir müssen Zeit aber nicht unbedingt grammatisch ausdrücken. Im Finnischen gibt es zum Beispiel kein Futur. Das heißt nicht, dass die Finnen nicht in die Zukunft denken können. Zukünftige Handlungen/ Ereignisse stehen im Präsens. Der Bezug auf die Zukunft wird lexikalisch (mit Worten) ausgedrückt:

 

menen huomenna „ich gehe morgen“, „ich werde morgen gehen“

 

Der Bezug zur Zukunft steckt hier im Wort „morgen“. Dadurch wird das Finnische aber nicht primitiv.

 

Das Deutsche kennt ja auch keinen Partitiv. Das ist eine Endung im Finnischen, die bei Mengenbegriffen wie Wasser, Milch oder Wein die Teilmenge bezeichnet, wenn man sich also nur auf einen Teil des Ganzen bezieht. Um diesen Sachverhalt auszudrücken, müssen wir im Deutschen andere sprachliche Mittel verwenden. ABER: auch wir können den Sachverhalt ausdrücken.

 

Wenn man sich nun die verschiedenen Tempora einzelner Sprachen anschaut, muss man unterscheiden zwischen den zeitlichen Konzepten, auf die sie sich beziehen und die grammatischen Formen, die dazu verwendet werden. Das ist ähnlich wie bei der Farbskala. Das Lichtspektrum wird in verschiedenen Sprachen unterschiedlich aufgeteilt. Daher kann derselbe Farbkleks in einer Sprache als „gelb“ und in einer anderen als „orange“ bezeichnet werden. Auch können bestimmte Abschnitte des Spektrums von Sprache zu Sprache unterschiedlich aufgefächert werden. Aber es kommt nicht vor, dass Sprecher einer Sprache bestimmte Ausschnitte des Spektrums nicht wahrnehmen. Wenn eine Differenzierung fehlt, kann sie problemlos ergänzt werden.

 

Ähnliche Beobachtungen hat man auch bei der (erzwungenen) Beschulung von indigenen Kindern in Australien Anfang des 20. Jahrhunderts beim Matheunterricht gemacht. Die Kinder kannten bei der Einschulung aus ihrer Kultur keine Zahlen. Sie lernten aber genau so schnell Rechnen wie Kinder aus einer „zählenden“ Kultur. Das heißt, diese Kategorien sind in uns angelegt.

 

Trotzdem beobachtet man beim Sprachenlernen, dass Deutsche mit dem Aspektsystem des Englischen (he is going/ he goes), Finnen mit dem Artikelsystem des Deutschen usw. Probleme haben. Dass bedeutet aber nicht, dass Deutsche nicht zwischen vollendeten und unvollendeten Handlungen unterscheiden können, sondern dass sie nicht gewohnt sind, diesen Unterschied wirklich IMMER grammatisch auszudrücken – genauso wie die Finnen ganz penetrant bei absolut jeder Teilmenge den Partitiv setzen.

 

Ohje, das ist ja ganz schön lang geworden. Da mache ich besser Schluss an dieser Stelle.

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Ich preise mich glücklich, gestern Abend das Vergnügen gehabt zu haben, mir Videos von Queens of Spleens auf YouTube anzuschauen. Und ich wünke züruck mit einem lachenden und einem weinenden Auge und tropfenbehangen gewesenen Blättern.

Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

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DANKE, Manfred. Ich hab es jetzt sorgfältig gelesen, werde es aber nochmal lesen, wenn ich ein bisschen wacher bin. Aber genau das wollte ich wissen (im anderen Thread). Je mehr man über die Konstruktion von Realität erfährt, desto mehr bezweifelt man, dass es überhaupt etwas gibt da draußen.

 

Toll, dass ihr uns so von eurem Wissen gebt.
Ich wünschte, ich könnte euch was zurückgeben.
Kleinen Fado spielen vielleicht?

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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... Und Angeliki: Warum ist das so: Ah, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet? Was für ein Tag! Und nicht Ah, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden? In beiden Fällen, Schnee und Kuh, liegt doch ein sichtbares Ergebnis vor ...
In einer altertümlich-gehobenen Sprache könnte man sagen: Oh, es schneite und wir schlachteten die Kuh! Sehet euch das an. (Irgendwie geht aber da das Kuh-Passiv nicht.)
Ich will lieber nicht wissen, wie das auf finnisch hieße (Teilmengen!!! :p ). Und, Ulf-Baby, "asiatisch" klingt es schön und überzeugend.

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Sehr interessant, lieber Manfred. In Ergänzung zu deinem Kommentar über das fehlende Futur im Finnischen. Das ist ja im Deuten ähnlich. In der Umgangssprache drücken wir ja ganz Zukünftige ganz ähnlich durch den Präsens aus. "Ich gehe morgen zum Arzt." "Nächstes Jahr machen wir Urlaub in Italien." "Ich bin ab 17:00 zu Hause." "Meine Operation ist in drei Tagen."

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?

 

Vielleicht ist es auch einfach nur Faulheit. Der Präsens kommt leichter. Wenn wir etwas besonders betonen wollen, dann benutzen wir schon den Futuro. "Ich sag, doch, ich werde zum Arzt gehen." "Egal, wie schlecht es jetzt steht, wir werden gewinnen!"

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Buon giorno und der Reihe nach.

 

Erst mal großen Dank an Manfred für die faszinierenden Einblicke in die kulturelle Vielfalt beim Erleben von Zeit.

 

Besonders interessant fand ich diesen Satz:

 

Trotzdem beobachtet man beim Sprachenlernen, dass Deutsche mit dem Aspektsystem des Englischen (he is going/ he goes), Finnen mit dem Artikelsystem des Deutschen usw. Probleme haben. Dass bedeutet aber nicht, dass Deutsche nicht zwischen vollendeten und unvollendeten Handlungen unterscheiden können, sondern dass sie nicht gewohnt sind, diesen Unterschied wirklich IMMER grammatisch auszudrücken – genauso wie die Finnen ganz penetrant bei absolut jeder Teilmenge den Partitiv setzen.

 

 

Das klingt so beruhigend und ich würde es so gerne glauben, weil es die Möglichkeit auftut, dass wirklich alle sich mit allen über alles verständigen könnten – was immer ein großes Herzensanliegen von mir war. Aber widersprechen dem nicht etliche Untersuchungen (und auch die eigenen Beobachtungen), wonach sich über die kulturellen Verschiedenheiten auch verschiedene Maßstäbe herstellen, Entscheidungen verschieden bis zur Unverständlichkeit ausfallen, sich teils sogar von verschiedenen Sprachcharakteren sprechen lässt? Wenn ich vom Deutschen in eine andere Sprache wechsle (eine, die ich einigermaßen gut kann), dann ändern sich bei mir – wurde mir schon bestätigt – Stimme, Gestik und sogar die Mimik. Und ich glaube, ich kann mich in der einen Sprache über Dinge aufregen oder amüsieren, die mich in der anderen eher kalt lassen. Auf FB gab es mal eine Diskussion, in der etliche Teilnehmer das über sich auch sagen konnten.

 

 

Noch eine kleine Anmerkung zum Zeitempfunden:

Das ist doch neben aller kulturellen Prägung auch schon in jedem einzelnen Individuum angelegt, dass es Zeit auf verschiedene Weise wahrnimmt, würde ich sagen - oder wie sonst kommt es zur Empfindung von Langeweile? Ich meine, das mal bei Herrn Hegel gelesen zu haben, der Zeit als das "Nacheinander der Dinge" bestimmt. Sollten die Dinge altbekannt, nichtssagend, abgedroschen sein, dann empfindet man die Zeit, die man mit ihnen verbringt als lang. Anderes erscheint als kurzweilig, weil es neu, frisch, unverbraucht ist.

 

Im Bayerischen sagen wir übrigens, wenn wir Heimweh oder Sehnsucht spüren: "I hob Zeitlang."

 

Angelika 

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?

 

Vielleicht ist es auch einfach nur Faulheit. Der Präsens kommt leichter. Wenn wir etwas besonders betonen wollen, dann benutzen wir schon den Futuro. "Ich sag, doch, ich werde zum Arzt gehen." "Egal, wie schlecht es jetzt steht, wir werden gewinnen!"

 

 

Dann als nächstes Ulf und Claudia zum Futur. Ich glaube, du hast es gepackt, Claudia. Jedenfalls sieht Harald Weinrich (der mal mein Lehrer war und dessen Textgrammatik ich über alle anderen Grammatiken stelle) das auch so ähnlich.

 

Das Präsens ist fast der schillerndste aller Gesellen unter den Zeitformen, mit ihm lässt sich unglaublich vieles ausdrücken: Immergültiges, Spannendes und eben auch Zukünftiges. Es genügt vollkommen, wie Ulf sagt, noch ein kurzes Wörtchen wie heute Abend oder morgen oder nächstes Jahr springen zu lassen – schon steht die Zukunft im Raum. Und zwar gewisser, als wenn wir das eigentliche Futur benutzen. Das Präsens sagt: Das ist so. Und die temporale Angabe fügt ein Wann dazu.

 

Das Futur dagegen macht durch seine Form darauf aufmerksam, dass etwas noch nicht passiert ist, dass es auf uns zukommt, wir also mit letztlicher Sicherheit nichts darüber wissen, ob sich tatsächlich zutragen wird, was da gelobt, geraunt, versprochen oder gedroht wird. Denn das sind die Hauptfelder, auf denen sich das grammatikalische Futur herumtreibt:

 

- die Prognose: "Du wirst eine wunderschöne, doch bedenklich eifersüchtige Frau kennen lernen."

- der feierliche Schwur: "Ich werde dich auf immer lieben, dich täglich anbeten und nie, nie eine andere auch nur ansehen!"

- die drohende Prognose: "O mein Gott, sie ist mir auf die Schliche gekommen – ob sie mir jemals verzeihen wird?"

- die ausgesprochene Drohung: "Du wirst das Haus verlassen und nie mehr zurückkommen oder ich vergifte dein Essen!"

- die Vermutung: "Warum sitzt er denn jeden Abend in der Kneipe herum?" – "Na, seine Alte wird ihn wohl rausgeworfen haben."

 

Und bei jeder einzelnen Funktion sehen wir den Zweifel im Gesicht des Sprechers, die bange Hoffnung, die Ungewissheit oder die hinter dem Rücken zum Gegenschwur gen Boden gestreckten Finger.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Claudia, lass mich die Besprechung von Perfekt und Präteritum verschieben – gerade duftet der Espresso aus der Küche herauf.

 

Aber ich antworte noch, versprochen (sogar im Präsens!).

Wie wärs in der Zwischenzeit mit einem kleinen Fado deinerseits?

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Sehr, sehr interessant und erhellend, was hier alles zusammengetragen wird.

 

Andreas

"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019

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Angelika, du hast völlig Recht. Die Erforschung der Wahrnehmung von Zeit ist längst nicht abgeschlossen. Mir ging es zuerst einmal darum, einige Grundfragen zu verdeutlichen und zu klären, welche Aspekte der Kognition, Philosophie und Neurophysiologie dazu gehören und wie dies die Grundlage für eine kognitive Semantik bildet, auf die sich sprachliche Formen beziehen. Das alles als Gerüst zur Orientierung in dieser komplexen Sache. - Und Harald Weinrich steht definitiv auch auf meiner persönlichen Heldenliste.

 

Wenn es um die allgemeine Frage geht, ob alle Gedanken in jeder Sprache ausgedrückt werden können, sind wir gleich in der Sprachphilosophie. Und da gibt es – wie du weißt – ein Spektrum von Grundpositionen. Das eine Ende des Spektrums geht davon aus, dass Sprache vor allem kulturell geprägt ist. Ein extremer Vertreter war hier Leo Weisgerber (subjektiver Idealismus). Das andere Ende des Spektrums geht davon aus, dass kognitive Grundkonzepte genetisch angelegt sind. Und dazwischen lässt sich munter streiten. Ein solcher „Streit“ ist aber erst produktiv, wenn man die formalen Instrumente der jeweiligen philosophischen Ansätze dabei gezielt einsetzt. Ich glaube, das würde hier im Forum zu weit führen.

 

Konkret geht es hier ja um Tempus und Zeit. Natürlich gibt es in diesem Bereich jede Menge an interkulturellen Missverständnissen. Das erlebe ich auch ständig. Nur stellt sich für mich die Frage, ob diese Missverständnisse darauf beruhen, dass die Kognition der Sprecher von Sprache A es unmöglich macht, bestimmte Aspekte von Zeit wahrzunehmen. Das glaube ich nicht.

 

Stattdessen glaube ich, dass die Missverständnisse darauf beruhen, dass zum einen verschiedene Sprachen Aspekte von Zeit in unterschiedlicher Weise grammatisch oder lexikalisch ausdrücken, dass diese  „Ausdrücke“ automatisiert sind und von Sprechern anderer Sprachen nicht mit der gleichen Präzision verarbeitet werden können. Zum anderen wird Zeit in verschiedenen Kulturen unterschiedlich bewertet (hier war mein Beispiel Pünktlichkeit), und daraus ergeben sich unendliche viele Missverständnisse. Die können zwar kognitiv aufgeklärt werden. Dadurch ändern sich aber nicht automatisch die unterschiedlichen Bewertungen. Der Verspätete wird in der pünktlichen Kultur verachtet, und ebenso der Pünktliche in der empathischen Kultur: „wie konntest du nur wegen der Zeiger deiner Uhr deiner alten Bekannten die moralische Unterstützung in der Not versagen?“

 

Und zur Langeweile: Ich habe versucht, die neurophysiologische Basis der Zeitwahrnehmung grob zu skizzieren. Das ist erst mal das Grundgerüst. Hinzu kommen verschiedene Gemütszustände, die diese Wahrnehmung beeinflussen: Angst, Freude, Ehrfurcht, Empathie, Depression usw. Sie können die Wahrnehmung von Zeit (also subjektiv) verkürzen oder verlängern. So kommt es zu der gefühlten „Zeitdehnung“, zum Beispiel beim Erleben eines Unfalls. Plötzlich scheint alles in Zeitlupe abzulaufen, und man kann sich später an Details erinnern, die in Bruchteilen einer Sekunde abgelaufen sind.

Bearbeitet von Manfred
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... Und Angeliki: Warum ist das so: Ah, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet? Was für ein Tag! Und nicht Ah, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden? In beiden Fällen, Schnee und Kuh, liegt doch ein sichtbares Ergebnis vor ...

In einer altertümlich-gehobenen Sprache könnte man sagen: Oh, es schneite und wir schlachteten die Kuh! Sehet euch das an. (Irgendwie geht aber da das Kuh-Passiv nicht.)

 

Ehvor der Tag sich neiget, wenigstens noch eine Teilantwort auf diese spannendste aller Fragen. Und dieser Teil wird noch dazu öd und flach, weil ziemlich formaler Natur sein, nämlich auf eine Art Regelwerk hinweisen, das einerseits recht statistisch – also begriffslos – ist, zum anderen auf nix als der Ökonomie der Sprachbenutzer beruht.

 

1. Aus all den bisherigen Beispielen mit Fahrrädern, Kühen und Schnee allein schon ergibt sich, was andernorts fleißige Leute zusammengezählt und in einer Art Statistik zusammengefasst haben, nämlich: Im Unterschied zum Präteritum ist das Perfekt praktisch immer möglich.

 

- Sieh mal, es hat geschneit!

- Die Kuh ist geschlachtet worden.

- Ich bin mit dem Fahrrad gekommen.

- Bis jetzt habe ich noch keinen einzigen kleinen Fado spielen können.

 

Ob mit oder ohne Kontext und egal zu welcher Zeit – an diesen Sätzen stößt uns nichts auf, das wir – wie bei "Sieh mal, es schneite!" – als ungebräuchlich empfinden würden. Halten wir das einfach mal fest: Das Perfekt geht immer – und behalten wir den schillernden Hintergrund dieser Aussage im Auge: Das problematische Tempus ist also das Präteritum.

 

2. Sprachen – jedenfalls die, die ich kenne – haben so etwas wie ein ökonomisches Prinzip. Wenn sich in einem Satz die Wörter drängen, die kaum Bedeutung, stattdessen ausschließlich Funktion transportieren – also dauernd sagen: Hier kommt das Passiv. Obacht: ein Modalverb! Momentchen, ein Hilfsverb möchte mal kurz vorbei – dann ermüdet das des Rezipienten Aufnahmefähigkeit. Literaturkritiker, die unzulänglich verdichtete Texte kritisieren, mögen das vielleicht gar nicht wissen, aber sie nehmen es wahr, denn sie wünschen sich Sätze, in denen am besten jedes Wort funkelt und eine besondere Farbe hat, also Wörter mit Bedeutung. Wenn ihnen stattdessen beständig Hilfsverben und verblasste Semantik begegnet, kommt ihnen das vor wie ein Teppich, von dem man mehr Kett- als Schussfäden sieht.

Schauen wir uns dazu nochmal die arme Kuh an:

 

Präsens       Die Kuh wird geschlachtet.

Perfekt         Die Kuh ist geschlachtet worden.

Präteritum    Die Kuh wurde geschlachtet

 

Der bunte Schussfaden/das Vollverb kommt jeweils einmal vor. Für das Passiv braucht es auf jeden Fall noch ein zweites Verb, nämlich werden. Und im Perfekt kommt noch ein weiteres dazu – ist. Da sagt die Sprachökonomie: Bei aller Liebe zum Perfekt – möchte man fürs Passiv nicht lieber das Präteritum nehmen? Wir sparen – bedenket! – ein ganzes Hilfsverb ein!

 

Dito bei Konstruktionen, die ein Modalverb wünschen:

 

Perfekt        Bis jetzt habe ich noch keinen einzigen kleinen Fado spielen können.

Präteritum   Bis jetzt konnte ich noch keinen einzigen kleinen Fado spielen.

 

Wie viele Verben haben wir hier beim Perfekt, wie viele beim Präteritum? Eben.

 

Deshalb gilt erst einmal pauschal: Alle Hilfsverben – also haben, sein, werden und alle Modalverben – also können, sollen, wollen, mögen, müssen, dürfenlieben das Präteritum.

 

So lange, bis andre Umstände eintreten, die dann doch wieder das Perfekt nahelegen. Aber das sind die Besonderheiten. Bis hierher erst einmal die Regel. Und damit:

 

Buona notte

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Hochinteressante Diskussion hier! Danke! War die Woche weg und möchte gleich noch einen freien Tag haben, um das hier in Ruhe nochmals durchzugehen. Vllt heutabend, nach der Textarbeit im „problematischen“ Präteritum. ;-)

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