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MelanieM

Schwebende Perspektiven in Genre-Literatur

Empfohlene Beiträge

PS: Neben den Namen sind auch Bezeichnungen wie "seine Tochter" ("die Tochter"), "seine Frau", "ihr Mann", "das Kind", der Bäcker, usw. Marker, mit denen man hin oder wegzoomen kann, das ist nicht auf Namen beschränkt.

 

Nur als kurzes Beispiel: Wir stapfen mit einem Vater und seiner kleinen Tochter durch den Schnee, es wird aus der Sicht des Vaters (personal) mit einer nahen Erzählhaltung erzählt. Wenn dann auf einmal dasteht: "Das Mädchen zog an seiner Hand", dann ist das wie ein Reißzoom bei der Kamera (in diesem Fall von der Nahen in die Totale). Das ist so ziemlich das Distanzierteste, wie ein Vater seine kleine Tochter "sehen" kann.

 

Ich hoffe, ich drücke mich nicht verwirrend aus...

 

Liebe Grüße

Lisa

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Also kurz zusammengefasst, du sagst, dass das Personalpronomen etwas größere Nähe schafft, während die Verwendung des Name etwas größere Distanz schafft, und dass man also durch gezielten Verwenden von je einem der beiden den Übergang eines Perspektivwechsels weicher machen kann?

 

Ja. Das ist wie gesagt eine von vielen Möglichkeiten. Beim personalen Erzähler ist es mit den "Markern" wie beim Ich-Erzähler. Wenn der Ich-Erzähler sich selbst mit Namen nennt, dann schafft das eine ziemliche Distanz zu sich selbst (der, aus dessen Sicht erzählt wird, ist auch der, der erzählt). Wenn die Figur bei personal (der, aus dessen Sicht erzählt wird, ist nicht der, der erzählt) erzählten Texten mit Namen genannt wird, dann ist der zwischengeschaltete Erzähler "lauter" zu hören, als wenn die Figur die ganze Zeit über nur ein "er" bleibt. Mit "lauter" meine ich jetzt keine Wertung. Es kommt ja darauf an, was man will. Bei meinem Roman habe ich eine sehr nahe Erzählhaltung gewählt, deswegen wird der Name der jeweiligen Perspektivfigur nur als Kapitelüberschrift genannt, im Kapitel selbst bleibt sie die ganze Zeit über ein "er" oder ein "sie".

 

Stewart O'Nan verwendet bei "Alle, alle lieben dich" die Namen der Figuren fast in jedem 2, 3 Satz. Dadurch entsteht eine größere Distanz, die hervorragend zu seiner Geschichte passt.

 

Andere "Marker", die mir grad noch einfallen, mit denen man auch den Wechsel vorbereiten kann: "Er ließ seinen Blick durchs Schlafzimmer gleiten." Hier wird der Blick von der Figur "getrennt". Hier ist der zwischengeschaltete Erzähler deutlich zu hören. Das passt bei einer distanzierten Erzählhaltung wunderbar. Wenn man aber zum Beispiel eine ganz nahe Erzählhaltung hat, dann schafft dieser "Marker" Distanz. Dann würde man direkt beschreiben, was die Perspektivfigur sieht. Das gleiche gilt fürs hören. "Er hörte Glas splittern." ist distanzierter als "Glas splitterte."

Wenn man dann aber zum Beispiel bei einer sehr nahen Erzählhaltung eine "Distanzierung" erzeugen will, weil die Figur gerade was Schlimmes erlebt, weil sie "neben sich steht", dann kann man diese distanzierten "Marker" bewusst einsetzen. Dann erzeugt ein "Er hörte die Zimmertür zuschlagen. Hörte ihre Schritte auf der Treppe. Hörte das Aufheulen des Motors." Distanz. Genauso geht es natürlich umgekehrt: Wenn ich in einer distanzierten Erzählhaltung plötzlich "ranzoomen" möchte, dann kann ich mit nahen "Markern" arbeiten.

 

Wichtig ist eben meiner Meinung nach nur, dass man weiß, was man für eine Lesewirkung erzeugen möchte.

 

Das hat eine Lektorin in einem Workshop mal bis zum Umfallen mit uns durchexerziert. Sie ist im Genrebereich tätig (Krimi), und total streng, was die Perspektive angeht. Nicht in der Hinsicht, dass man sie als Autor streng in jeder Szene einhalten muss (also, dass man in einer Szene strikt an eine Perspektivfigur gebunden ist), sondern, dass man weiß, was distanzierte "Marker" und was nahe "Marker" sind. Dass man Perspektivwechsel vorbereiten und steuern kann, so dass sie die gewünschte Wirkung erzielen. Den Begriff "Marker" habe ich von ihr übernommen, nur für den Fall, dass jemand das googlen will...

 

Liebe Grüße

Lisa

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Eine sehr erhellende akademische Abhandlung über den Perspektive-Wechsel auf horizontaler Ebene und die unzähligen Möglichkeiten, ihn einzuleiten. Vielen Dank, Lisa.

 

Ich ziehe daraus aber das Fazit, dass es für "nichtakademische" Autoren zunächst ratsamer ist, bei einer Perspektive zu bleiben, statt sich bei jedem Satz Gedanken über irgendwelche Marker zu machen.

 

Wer ein natürliches Stilgefühl besitzt oder entwickelt hat, der macht es ohnehin richtig und wird später als Beispiel für gelungene Perspektivewechsel zitiert ;)

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ja, ich bedanke mich auch herzlich, liebe Lisa!

Du hast das sehr gut erklärt.

 

Liebe Grüße

 

Helene

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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tausend Dank für deine Erklärungen! Ich finde sie sehr erhellend und ausgesprochen verständlich. Und ich halte es für wichtig, nicht nur aus dem Bauch heraus zu arbeiten, sondern auch zu wissen, was man tut. Dein Beitrag hilft mir dabei.

 

 

Dem moechte ich mich anschliessen.

Zudem finde ich persoenlich es sehr hilfreich, mich - zumindest in der Theorie und an Uebungstexten - auch mit Mitteln zu beschaeftigen, die zu verwenden ich mir (noch) nicht zugetraue. Zum einen ist es ein angenehmes Gefuehl, zu erleben, wie die Palette der Moeglichkeiten sich erweitert, zu erahnen, was man alles tun koennte. Zum zweiten schaerft so etwas aber auch Blick und Ohr fuer die Mittel, die man selbst verwendet. In dieser interessanten Diskussion ueber eine schwierige und eher seltene Perspektivfuehrung beispielsweise konnte man - fand ich - auch viele Denkanstoesse fuer "handelsueblicheren" Umgang mit Perspektive bekommen und Ideen zum Ueben und Schaerfen.

 

Zum dritten waechst man ja auf solche Mittel auch zu - selbst dann, wenn man sie moeglicherweise nicht ganz erreicht. Ich denke, uns liegt allen viel daran, in unserer Entwicklung nicht stehenzubleiben. Mir ist dabei wichtig, mir bestaendig in Erinnerung zu rufen, dass eine Erweiterung der mir zur Verfuegung stehenden Mittel nicht eine groessere Virtuositaet beim Wortjonglieren - vergleichbar mit der Gurgel einer Koloratursopranistin, die an mir ja eh verloren gegangen ist - zur Folge hat, sondern eine Erweiterung der Dinge, die ich schildern, der Themen, die aufzugreifen ich mir zutrauen darf, will und kann.

 

Daher finde ich es sehr erfreulich, wenn Kollegen hier ihr Wissen und ihre Erfahrung teilen und solche Diskussionen fuehren. Ich fuehle mich davon dazu angeregt, im Schreiballtag (der fuer meinen Geschmack zu schnell Routineschwaechen bekommt) innezuhalten und mir zu meinen eigenen Moeglichkeiten (und vor allem denen, die mir fehlen) wieder mehr Fragen zu stellen.

 

Somit freu ich mich aufs naechste Mal!

 

Herzliche Gruesse von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Ich ziehe daraus aber das Fazit' date=' dass es für "nichtakademische" Autoren zunächst ratsamer ist, bei einer Perspektive zu bleiben, statt sich bei jedem Satz Gedanken über irgendwelche Marker zu machen.[/quote']

 

Ich fand das auch sehr erhellend und einleuchtend. Es erweitert sozusagen die Perspektive! ;)

Wenn ich mal anfange, mir Bücher aus dem Regal zu holen und das, was ich gesehen habe, am konkreten Beispiel zu überprüfen, (wie jetzt eben mit dem ersten Kapitel von Fred Vargas "Dritter Jungfrau"), dann ist das auf einen fruchtbaren Boden gefallen. Über die Perspektive hatte ich mir schon lange keine Gedanken mehr gemacht. Da ist es wie eine Art "Fortbildung", wenn ich plötzlich eine andere Sichtweise anschaulich beschrieben bekomme.

Nein, ich mache mir jetzt nicht bei jedem Satz Gedanken, ob eine schwebende Perpektive angebracht wäre. Aber ich weiß jetzt, dass eine weitere Möglichkeit im Handwerkskoffer liegt, die ich bei Bedarf nutzen könnte, zumindest ausprobieren.

Und ich weiß jetzt auch, warum ich kürzlich bei einem Roman, in dem erst von "er", dann von "Heinrich o.ä.", dann von "der Baske" die Rede war, immer dachte, da wäre noch eine weitere Person anwesend. Die Nationalität zu benennen ist sicher die distanzierteste Art der Perspektive.

 

Liebe Grüße

Christa

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Was mich ja interessieren würde, ist die Geschichte der Perspektiven und welche wann in Mode waren.

19 Jahrhundert, auch beginnendes 20. war es ganz klar der allwissende Erzähler. Weil damals die Technik des konsequenten, personalen erzählens noch nicht so bekannt war? Weil die Leser einen "echten" Erzähler wollten und brauchten, der ihnen alles erklärte? Weil Leser und Autoren es so gewohnt waren und nicht hinterfragten?

 

Dann kamen die ganzen personalen Erzähler, wie wir sie heute haben. Natürlich gibt es immer noch oder immer wieder Perspektivwechsel, es wurden ja etliche Autoren genannt, aber die meisten Bücher bleiben doch personal erzählt, zwar nicht so rein, wie Theoretiker des personalen Erzählens es gerne hätten, aber doch genug, dass jeder den personalen Erzähler wahrnimmt.

 

Hat ja auch einige Vorteile: Du musst nicht überlegen, wann du die Perspektive wechselst (das tust du entweder gar nicht oder Kapitelweise), du hast ein strenges Formgerüst (was dein Erzähler nicht weiß, kannst du nicht versehentlich verraten) und bist nahe an deiner Figur, ohne allzu große Gefahr, sie zu verlieren.

 

Oder stimmt das alles gar nicht? Ist das einfach eine Mode, so, wie es eben 1900 knöchellange Röcke gab und die heute selten sind?

 

Hans Peter

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Somit freu ich mich aufs naechste Mal!

 

Ich mich auch.

 

Ich finde es befremdlich, dass eine simple handwerkliche Frage bei manchen zu solch einer Abwehrhaltung führt. Mir hilft es sehr, meine Erzähltechnik anhand theoretischer Grundlagen zu hinterfragen und dadurch zu erweitern, weshalb ich entsprechende Beiträge von Spinner, Lisa und anderen mit Interesse lese. Leider gibt es bei Postings, die das Wort "Theorie" enthalten, immer wieder seltsame antiintellektuelle Reaktionen. Das ist der Diskusssionskultur nicht gerade förderlich.

 

Christoph

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Oder stimmt das alles gar nicht? Ist das einfach eine Mode' date=' so, wie es eben 1900 knöchellange Röcke gab und die heute selten sind?[/quote']

 

Ich vermute mal, dass es eine Mode ist, die erst entstehen konnte, als die Bilder laufen lernten.

 

Die typische Erzählweise unserer Altvorderen war die des Erzählens am Lagerfeuer, am Kamin, die der Fahrenden und Barden, der Märchenerzähler und - der Bibel.

 

Die Geschichten wurden auktorial vorgetragenb oder von einem Ich-Erzähler, wenn der seine eigenen Erlebnisse wiedergab. Und so ist es dann auch in die gedruckten Werke übergegangen.

 

Personal und dialogorientiert wird die Sichtweise mit dem neu entstandenen Medium, bei dem die Kamera die Perspektive setzt - auf den einen Akteur und den anderen. Da Mimik und Gestik als Ausdruckselemente der Gefühle damit erfasst werden können, entsteht der "Perspektivewechsel" für den Zuschauer.

 

Diese Möglichkeiten haben dann auch die Schriftsteller mehr und mehr für sich entdeckt.

 

Zumindest stelle ich mir das so vor.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Man darf die Entwicklung der Erzähltechnik nicht losgelöst von anderen kulturellen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen sehen. (Auch die Bildende Kunst und das Theater veränderten sich gleichzeitig nachhaltig.) Der auktoriale Erzähler war richtig für Autoren und Leser, die noch daran glaubten, dass die Welt mit einem großen gedanklich-erzählerischen Wurf zu fassen ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerbrach dieser Glauben. Darwin schockte die Menschheit mit der Idee, dass der "Mensch vom Affen" abstammt (was er so nie behauptet hat); religiöse Gewissheiten zerbrachen, weshalb der Papst seine Autorität mit einem Unfehlbarkeitsdogma absichern zu müssen glaubte; nicht zu überschätzen ist aber der Einfluss Sigmund Freuds mit der "Entdeckung" des Unterbewussten. Später kam noch Einsteins Relativitätstheorie hinzu, die sogar Zeit und Raum aus den Angeln hob. Nix is fix. Wie konnte da noch eine Erzählinstanz aufrecht erhalten werden, die allwissend zu sein vorgab? Die Geschlossenheit des Romans musste zerbrechen, weil sie einfach nicht mehr glaubwürdig war. (Solche Entwicklungen beginnen stets in der sogenannten ernsten Literatur und wandern dann auch in die unterhaltenderen Formen.) Da Objektivität nicht mehr zu erzielen ist, muss ein neuer Ansatz her, der sich auf das Subjektive zurückzieht. Dass später auch der Film als wichtiger Einfluss auf das Erzählen hinzu kam, stimmt sicher auch.

 

Heutzutage "darf" man trotzdem wieder auktorial erzählen, wir leben ja in den fröhlichen Zeiten der Postmoderne, in der sowieso alles nur ironisches Spiel ist. Anything goes.

 

Andreas

"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019

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Hwahhh, Andreas - dann ist Gott also wieder auferstanden?

 

Jetzt bin ich aber froh!  :s01

 

Angelika

 

P.S. Dein kulturgeschichtlicher Abriss stimmt natürlich. Genau so wars.

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Jau, natürlich sind auch der Papst, Darwin und Einstein daran Schuld, dass wir jetzt personal schreiben ;D

 

Im Ernst - natürlich haben viele Einzelentwicklungen unserer heutige Form des Schreibens bestimmt, aber die "Sichtweise", denke ich, hat sehr stark etwas mit den visuellen Medien zu tun.

 

Eine Theaterbühne ist viel weiter vom Publikum weg als der Film, erlaubt nur einen ganzheitlichen Blick auf das Geschehen, nicht auf die einzelne Person.

 

Auch das Erzähltempo hat sich ja erhöht.

 

Interessante Betrachtung der Perspektive-Entwicklung ...

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Dieser Thread ist echt lehrreich, vor allem wenn man wie ich aus dem Bauch heraus schreibt und nicht jeden Satz genau plant.

Irgendwie komme ich mir jetzt sehr stümperhaft vor.

Ich dachte immer, Perspektive sei der Kopf in dem der Leser drin steckt, aus wessen Augen er etwas sieht. So richtig mit Kamerafahrten habe ich das nicht in Verbindung gebracht.

 

Habe ich das richtig verstanden, wenn ich nah an den Figuren bleiben möchte, benutze ich das Fürwort. Das ist näher wie der Vorname der Person. Wenn da drei Frauen sind, die miteinader reden und interagieren, dann bin ich an der "sie" am nächsten dran, Petra und Katrin sind hingegen entfernter. Wenn ich statt Katrin mal sie schreibe und statt sie im nächsten Satz dann Irma, bin ich an Katrin näher dran und von Irma weiter weg.

Das ist ganz schön kompliziert.

 

Ich muss gestehen, ich habe Eigenname meist gebraucht, um nicht zu eintönig immer nur sie sie sie schreiben zu müssen. Ich muss mich echt mehr mit solchen Dingen auseinandersetzen und filmischer denken.

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Genau das habe ich befürchtet!

 

Nein, Angelika, Du darfst ungehemmt so schreiben, wie Du es für richtig empfindest. Wenn Du erst anfängst, über solche Kleinigkeiten nachzudenken, wird Dein Schreibfluss unnötig blockiert.

 

Bei den meisten Autoren stimmt das Bauchgefühl schon, sowohl was das Sprachempfinden als auch das Erzähl- und Stilempfinden anbelangt.

 

Wenn man viel Zeit und Muße hat, kann man sich in akademischen Untersuchungen über Distanz und Nähe durch die Verwendung von Namen oder Personalpronomen Gedanken machen.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ich habe diesen Thread mit meiner Frage ja begründet, aber ich schreibe auch nach Bauchgefühl. Mir geht es in meinem neuen Projekt auch nur um zwei Kapitel, in denen ich bewusst eventuell vielleicht damit spielen würde, wenn ich es hinbekomme. ich denke mal, dass das Bauchgefühl meistens richtig ist (wenn man das mitbringt, was man Talent nennt ;), aber davon gehe ich bei den meisten hier aus). Auf keinen Fall würde ich jetzt bei jeder Situation analysieren, was ich da mache - aber auf der anderen Seite schadet es nichts, wenn man in bestimmten Punkten genau überlegt, weil man eine Aussage treffen will und wenn man dann schaut, welches stilistische Mittel geeignet ist und ob man es überhaupt korrekt anwenden kann.

 

Gruß, Melanie

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Irgendwie komme ich mir jetzt sehr stümperhaft vor.

 

So ist es mir bestaendig gegangen, als ich neu in dieses Forum kam: Immerzu wusste jemand etwas, das ich ueberhaupt nicht wusste und auch noch nie so gemacht hatte, konnte es brillant formulieren und hatte eine beachtliche Liste von Erfolgen vorzuweisen - und mithin kam ich jeden Tag von neuem zu dem Schluss, so wie ich's mache, duerfe man's auf gar keinen Fall machen.

 

Das hat ziemlich lange gedauert und ziemlich viele - immer neue - Blockaden bewirkt, ziemlich viel Mut zum und Lust am Schreiben gekostet und so eine innere Schuettellaehmung verursacht, die all meine Worte mir unter den Fingern verwackeln liess.

 

Ich finde es deshalb unendlich wichtig, darauf immer mal wieder hinzuweisen: Die Erklaerung solcher handwerklicher Mittel ist ein Angebot - ein Vorschlag, ein Hinweis, eine Anregung.

Kein Dogma.

Und wer glaubt, er koenne dogmatisch und als der Allein-Seligmachende darueber dozieren, hat heute mein Misstrauen von Anfang an. (Literaturwissenschaft ist eben keine exakte Wissenschaft - und moechte auch nicht sich aufspielen wie eine, denn das nimmt ihr die Bewegungsfreiheit, die sie unbedingt noetig hat.)

 

Wenn man einen Thread wie diesen interessant findet, rate ich, zunaechst lesend zu suchen, wo man das Eroerterte wieder findet, wie es auf einen wirkt, ob es zu einem spricht und eventuell Luecken fuellt, die man in den eigenen Moeglichkeiten schon bemerkt hat. Sehr hilft es mir persoenlich, dann eine Weile lang zu "kopieren", also Uebungstexte zu verfassen, die an den Beispieltext angelehnt sind.

Aber um Gottes willen weit weg vom aktuellen Projekt!

 

Das darf - finde ich - in den Genuss meiner neu erworbenen Faehigkeit (oder auch Noch-nicht-Faehigkeit) erst kommen, wenn ich es als Erweiterung erlebe, nicht als Beschraenkung oder gar Beschaedigung meiner schon vorhandenen Schreibkraft.

 

Und wir - die wir hier schon lange rumhampeln - muessen uns natuerlich alle bemuehen, so zu schreiben, dass keiner, der gerade erst eintritt, glaubt, einer von uns habe die Weisheit gepachtet. Ich hoffe, das hat in diesem Thread niemand von uns gemacht, Angelika.

 

In diesem Sinne - bitte nicht schrecken lassen. Nur anregen.

 

Alles Liebe von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Ich muss gestehen' date=' ich habe Eigennamen meist gebraucht, um nicht zu eintönig immer nur sie sie sie schreiben zu müssen. Ich muss mich echt mehr mit solchen Dingen auseinandersetzen und filmischer denken.[/quote']

 

Oder die Lektoren haben die Eigennamen reingesetzt, damit es nicht zu viele er/sie-Wiederholungen gibt. Aber auch deren Vorschläge sind nur Vorschläge ... ;)

Ich werde es wahrscheinlich so machen: Das einmal am laufenden Text ausprobieren und wenn es gelingt, so lassen, wenn nicht, gibt es ja die Löschtaste.

Ich habe übrigens nie gedacht, man müsse etwas so und so schreiben.

Sondern habe immer nur gesehen, dass dieses von einem bevorzugt wird, anderes von jenem. Das, was mir noch gefehlt hat, habe ich übernommen. Die Hauptsache ist doch, dass ein flüssiger, gut lesbarer Text herauskommt, in dem ich optimal das rüberbringe, was ich erzählen wollte.

 

Herzlichst

Christa

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Auch ich habe diese Diskussion staunend verfolgt. Und danke allen für diese Anregungen und Belehrungen, von denen ich gar nicht genug bekommen kann.

Doch mein größter Dank gilt Charlie. Puuh, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen. Kannst du ihn hören?

 

L.G.

Gabi

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Habe ich das richtig verstanden' date=' wenn ich nah an den Figuren bleiben möchte, benutze ich das Fürwort. Das ist näher wie der Vorname der Person. Wenn da drei Frauen sind, die miteinader reden und interagieren, dann bin ich an der "sie" am nächsten dran, Petra und Katrin sind hingegen entfernter. Wenn ich statt Katrin mal sie schreibe und statt sie im nächsten Satz dann Irma, bin ich an Katrin näher dran und von Irma weiter weg.[/quote']

Nicht nur. Wenn du drei Frauen hast, musst der Leser wissen, welche gerade spricht. Also musst du, wenn das wechselt, den Namen benutzen, wenn es aber weiter die gleiche Person ist, kann man bei "sie" bleiben.

 

Natürlich kann man den Namen bewußt einführen, wie Lisa ja gezeigt hat, um Distanz zu erhalten. Auch "dachte sie", "fühlte sie" schafft eine Distanz, weshalb man diese Formulierung nur benutzen sollte, wenn man genau diese Distanz schaffen will. Sonst bitte um Gottes Willen nicht, dann bekommt man nämlich einen Effekt, der nicht erwünscht ist.

 

Ich muss gestehen, ich habe Eigenname meist gebraucht, um nicht zu eintönig immer nur sie sie sie schreiben zu müssen. Ich muss mich echt mehr mit solchen Dingen auseinandersetzen und filmischer denken.

Es gibt Worte, die darf man ruhig immer wieder benutzen, weil sie nur als "Marker", als "Tag" dienen (was ist eigentlich der Unterschied zwischen Marker und Tag? Oder ist Tag (meine Vermutung) das englische Wort für Marker).

 

Zu diesen Worten zählt "sagte er", "sagte sie" oder eben auch "er" oder "sie" im Satz. Wenn allerdings mehrere Sätze hintereinander mit "Er" eingeleitet werden, wirkt das wiederholend - sprich auch das sollte man nur tun, wenn man die Wiederholung als Wirkung benutzen möchte.

 

Hans Peter

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Ich finde es befremdlich, dass eine simple handwerkliche Frage bei manchen zu solch einer Abwehrhaltung führt. Mir hilft es sehr, meine Erzähltechnik anhand theoretischer Grundlagen zu hinterfragen und dadurch zu erweitern, weshalb ich entsprechende Beiträge von Spinner, Lisa und anderen mit Interesse lese. Leider gibt es bei Postings, die das Wort "Theorie" enthalten, immer wieder seltsame antiintellektuelle Reaktionen.

Das waren keine antiintellektuellen Reaktionen (zumindest nicht von mir), sondern einfach der Eindruck, der entstand, dass dieser schleichende Perspektivwechsel was ganz normales sei und man folglich beliebig die Perspektive wechseln dürfe. Sicher keine Absicht, aber ich hatte den Eindruck.

 

Da genau das aber ein Problem ist, wenn es aus Schlamperei passiert - und in ca 95% der Fälle, die ich kenne, ist es Schlamperei -, habe ich da einige skeptische Worte eingeworfen.

 

Personale Perspektive hat einfach ein paar Vorteile, vor allem, wenn man noch nicht so sicher im Sattel sitzt.

 

Was nicht heißt, dass wechselnde Perspektiven nicht möglich sind.

 

Hans Peter

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Natürlich kann man den Namen bewußt einführen' date=' wie Lisa ja gezeigt hat, um Distanz zu erhalten. Auch "dachte sie", "fühlte sie" schafft eine Distanz, weshalb man diese Formulierung nur benutzen sollte, wenn man genau diese Distanz schaffen will.[/quote']Nein, eigentlich nicht. Man sollte diese Wendungen immer dann benutzen, wenn man sicher gehen will, dass es auch beim Leser ankommt, dass das Gesagte eine rein subjektive Wahrnehmung ist. Man sollte nicht glauben, wie viele Leser das sonst für eine auktoriale Aussage des Autors halten, selbst wenn durch die Perspektive eigentlich klar sein sollte, dass jede Empfindung und jeder Gedanke von der Figur ausgeht.

 Ich hab jedenfalls lange gebraucht, um das zu glauben ;) Aber lass deine Figur mal etwas denken, was sich später als falsch herausstellt - und wenn dann kein "dachte sie" dasteht, wird die Hälfte der Leser später glauben, dass der Autor einen Fehler gemacht hat und vorher etwas anderes geschrieben hat. Und es wird erheblich mehr Leser geben, die über so einen gefühlten "Widerspruch" stolpern, als solche, die für derart indirekt vermittelte, subtile Nuancen von "Distanz" empfänglich sind.

 

Mein Nachtrag zu dem Thema wäre also, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man sprachliche Elemente als subtile Marker verwenden möchte, die auch eine ganz platten, inhaltliche und oberflächliche Botschaft haben, die nicht mit der subtilen Nuance konform läuft. Meist (er)schlägt die direkte Botschaft die unterschwellige; meist verliert man mehr, als man gewinnt, wenn man auf die direkte Botschaft verzichtet, weil man das verwendete Mittel für subtilere Botschaften aufsparen will.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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Nein, eigentlich nicht. Man sollte diese Wendungen immer dann benutzen, wenn man sicher gehen will, dass es auch beim Leser ankommt, dass das Gesagte eine rein subjektive Wahrnehmung ist. Man sollte nicht glauben, wie viele Leser das sonst für eine auktoriale Aussage des Autors halten, selbst wenn durch die Perspektive eigentlich klar sein sollte, dass jede Empfindung und jeder Gedanke von der Figur ausgeht.

 Ich hab jedenfalls lange gebraucht, um das zu glauben ;)

Ich glaube es auch nur schwer - obwohl es sicher etliche gibt, die das annehmen dürften, hängt natürlich auch davon ab, wie klar das ist.

 

Nur hat immer wiederholtes "dachte er", "fühlte er", "wusste er" auf die andere Hälfte die distanzierende Wirkung - und dann legen sie das Buch schnell beiseite.

 

Wie mans auch macht, man wird es nie allen recht machen können. Da müsste man wirklich wissen, welche Fraktion bei den eigenen Lesern vorherrschend ist ;-). Aber wer weiß das schon ...

 

Hans Peter

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Hallo, alle zusammen,

 

Die Arbeit am aktuellen Kapitel kam in den letzten Tagen etwas stockend voran, bis mir das Licht aufging - womöglich verlangt dieses Kapitel etwas Besonderes von mir? Etwas, was ich noch nie riskiert habe?

 

Normalerweise wechsele ich die Perspektiven (die bei mir in einem sehr überschaubaren Bereich bleiben) kapitelweise: Kapitel 1 - Held, Kapitel - 2 Heldin etc. Ein paar Mal war es notwendig, in einem Kapitel nach einer Szene zu wechseln, das habe ich dann gemacht und mit einer Leerzeile die beiden Perspektiven voneinander getrennt. Das wirkt wie ein Stopp-Schild: "Halt, umsteigen! Die nächste Mitfahrgelegenheit mit dem Helden und nicht mehr mit der Heldin."

 

Nun aber habe ich etwas ganz anderes im Sinn: Ich möchte in einem Kapitel ein paar Mal von der einen Perspektive in die andere gleiten (nicht springen). Das hat mehrere Gründe: Zum einen hat das Kapitel Momente, die mal für den Helden, mal für die Heldin wichtiger sind und deshalb in der jeweiligen Sicht dargestellt werden sollten. Zum anderen sind die beiden gerade ein Paar geworden und ich möchte gern allein auf dieser Ebene den Eindruck vermitteln, sie wären eine "Einheit", sie teilen sogar harmonisch das Erzählen innerhalb eines Kapitels.

 

Jedoch bin ich mir nicht sicher, wie ich das - handwerklich - am besten machen soll (die Leerzeile ist schon mal tabu, sie zerstückelt, statt zusammenzufügen), da ich so etwas noch nie gemacht habe.

Wie würdet ihr das stilistisch darstellen?

 

Liebe Grüße,

Olga

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