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MelanieM

Schwebende Perspektiven in Genre-Literatur

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Anlässlich des Perspektiv-Threads und meiner Eindrücke aus Lisas Workshop möchte ich hier mal die Frage stellen, wie es sich mit einem Perspektiv-Wechsel in Genre-Literatur verhält, der geplant ist und innerhalb eines Kapitels stattfindet.

Mein Grundgedanke: Innerhalb eines Gespräches geschickt die Perspektive von einer auf die andere Person überleiten, um dann eine Rückblende aus deren Sicht zu beschreiben und erst wenn die Rückblende abgeschlossen ist, zurück auf den eigentlichen Handlungsträger zu springen.

Ich arbeite gerade an einem HR, in dem sich erst nach und nach etwas innerhalb einer Gesprächsbeziehung offenbaren soll und natürlich gäbe es da ja verschiedene Mittel, das auszudrücken. Der Gedanke an den sanften Perspektivwechsel innerhalb des Gesprächs lässt mich aber seit Oberursel nicht mehr los. Mich würden da eure Meinungen interessieren - wie verhält sich der Einsatz eines derartigen stilistischen Mittels (immer vorausgesetzt, man kriegt es gut hin) in der Genre-Literatur? Oder ist es besser, beim altbewährten Strickmuster zu bleiben?

Gruß, Melanie

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Ich glaube nicht, dass man es vom Genre abhängig machen sollte, welche Stilmittel man sich "gestattet" und welche "verboten" sind. Was Lisa im Workshop vorgestellt hat, waren ja keine experimentellen, abgehobenen Verfahren sondern Werkzeuge. die in jedem Autorenwerkzeugkasten liegen sollten. Leider lassen manche Autoren das eine oder andere Werkzeug einrosten, aus welchen Gründen auch immer. Entscheidend ist: Bringt dieses Stilmittel meine Erzählabsicht besser zur Geltung als jedes andere? Dann ist es auch das Richtige. Nur wenn Stilmittel reine Spielerei sind, wirken sie manieriert und nerven den Leser - zu Recht.

 

Liebe Grüße

Andreas

"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019

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In aller Eile und Kürze möchte ich Andreas recht geben - und zugleich Fred Vargas nennen, die in ihren Krimis ganz nach Belieben mitten im Absatz von einer Person zur anderen wechselt. Und das sicherlich nicht aus Versehen. ;-)

 

Herzliche Grüße

 

Barbara

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Ich finde das ein sehr spannendes Thema, vielleicht könnte man das anhand konkreter Textbeispiele vertiefen.

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Ich habe das das zuletzt auch toll in Tom Rob Smiths Thriller "Kind 44" gelesen - auch er gleitet innerhalb eines Kapitels hin und her, ohne dass es irgendwie stört. Er gibt innerhalb eines Gespräches oder einer Szene immer dann ab, wenn der andere sozusagen auch dran ist, und damit ist es okay.

 

Also in der Art: "Mutter Oksana warf die Knochen in die Suppe und schaute Pavel an. Der gute Junge, dachte sie, und er fasste ihre kalten Arme an. "Zieh dir was an Pavel", sagte sie. Pavel schlüpfte in die Jacke und betrachtete die blauen Arme seiner Mutter. Sie hatten sich angefühlt als seien sie aus Eis." Das Switchen ist wie so ein Abklatschen oder den Staffelstab weitergeben.

 

Da wird also geswitched, wenn eh eine Reaktion von Pavel kommen müsste - Murren oder dem Wunsch der Mutter folgen.

 

Ich denke, man sollte das dann aber auch durchgängig verwenden - es sei denn, irgendwo soll ganz bewusst ein klarer Bruch erzeugt werden. In meinen Augen ist das Überblenden ein so markantes Mittel, dass es sich ansonsten zu sehr abhebt.

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Also in der Art: "Mutter Oksana warf die Knochen in die Suppe und schaute Pavel an. Der gute Junge' date=' dachte sie, und er fasste ihre kalten Arme an. "Zieh dir was an Pavel", sagte sie. Pavel schlüpfte in die Jacke und betrachtete die blauen Arme seiner Mutter. Sie hatten sich angefühlt als seien sie aus Eis." Das Switchen ist wie so ein Abklatschen oder den Staffelstab weitergeben. [/quote']

 

Ja, genauso stelle ich mir das vor - aber dann eben als Stilmittel immer nur in der Situation, wenn die für den Roman wichtige Gesprächsbeziehung eintritt - als ein geschützter Raum, da sich gerade in dem Gespräch viel Wichtiges offenbaren soll, ohne dass ich einen endlosen Dialog daraus mache. Die Prota gibt sozusagen den Staffelstab ab - sie selbst wie auch der Leser sieht ab da durch die Augen des Gegenübers - und erst danach wird zurückgeswitched.

 

Gruß, Melanie

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Ich tippe gerade mal ein Beispiel raus, in dem Smith sogar innerhalb einer actionreichen Verfolgungsjagd hin und her springt:

 

"Anatoli machte jetzt nicht mehr den Fehler, sich umzublicken. Er konzentrierte sich auf den Wald vor ihm. Wenn er in dieser Geschwindigkeit weiterlief, würde er ihn erreichen, bevor sein Verfolger ihn einholte. Der Wald bot eine Chance zu verschwinden, sich zu verstecken. Und wenn es zum Kampf kam, hatte er da drinnen, wo es Äste und Steine gab, eine größere Chance.

Leo legte an Tempo zu, trieb sich noch weiter an, sprintete wie auf einer Laufbahn. Tief drinen sagte ihm eine Stimme, dass der Untergrund trügerisch und so schnell zu laufen gefährlich war. Aber die Amphetamine machten ihn glauben, dass alles möglich war - als könnte er den Abstand zwischen ihnen beiden einfach überspringen."

 

(...)

 

"Endlich konnt er (Leo) sehen, was Brodsky zum Halten gebracht hatte: Ein eisbedeckter Fluss, um die 20 Meter breit, lag zwischen ihm und dem Wald. Vom Hügel aus war der nicht zu sehen gewesen, weil er unter einer dünnen Schneeschicht verborgen lag, die sich auf der gefrorenen Oberfläche gebildet hatte. Leo rief ihm zu: "Es ist vorbei!"

Anatoli erwog diese Worte, dann wandte er sich wieder dem Wald zu und trat auf das Eis hinaus. Seine Schritte waren unsicher, er rutschte über die glatte Oberfläche."

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Ich habe die "schwebende Perspektive" als Begriff nicht gekannt, als etwas, das es gibt aber schon. Als eine Form des auktorialen Erzählens nämlich.

 

Der auktoriale Erzähler kann in die Köpfe seiner Figuren schauen und folglich auch aus ihnen heraus erzählen.

 

"Schöner Tag", sagte Peter. Warum redete er nur solchen Stuß, statt ihr zu sagen, dass er sie liebte?

"Meinst du?", sagte Liese. Gott, was für ein einfältiger Idiot!

Die beiden hatten noch genau einen Tag zu leben.

 

Auktorialer, allwissender Erzähler, der im ersten Absatz in den Kopf von Peter schaut und aus ihm heraus erzählt, im zweiten aus dem Kopf von Liese und im dritten in allwissender Weise die Zukunft erzählt.

 

Für sich genommen wäre absatz 1 personal Peter, Absatz 2 personal Liese.

 

Wer auf die Idee kommt, um die auktoriale Perspektive klar zu machen, Gott, dachte Liese, was für ein Idiot zu schreiben, macht einen Fehler. Dadurch verlierst du die Nähe zu der Figur.

 

Und wer hin und herspringt, weil er es nicht besser kann, oder nur, um Infos loszuwerden, ebenfalls.

 

Hans Peter

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Und wer hin und herspringt, weil er es nicht besser kann, oder nur, um Infos loszuwerden, ebenfalls.

 

Meine Absicht liegt nicht darin, hin- und herzuspringen, um Infos loszuwerden, sondern um die Empathie darzustellen, mit der die Prota die Geheimnisse aufdröselt - der Grundgedanke ist, den Wechsel fließend darzustellen, um zu zeigen, wie die aktive Prota plötzlich selbst zur Nebenfigur wird, weil der Fokus jetzt bei der anderen Person liegt. Ich könnte natürlich auch sauber in jeder Perspektive bleiben und dann mit einem neuen Kapitel beginnen, um in der anderen personalen Perspektive zu zu bleiben, aber ich finde es ein spannendes Gedankenexperiment, innerhalb eines Kapitels den Schwerpunkt zu verlagern - so ähnlich wie in einer echten Psychotherapie, wo der Therapeut plötzlich ganz beim Patienten und dessen Empfindungen ist, während die eigenen Gefühle nur noch als Werkzeug wahrgenommen werden, um sich klar zu machen, was im Gegenüber abläuft. Es wäre also eine Aussage dahinter, die die Beziehung zwischen den beiden Figuren deutlich machen soll - die Information ist zwar wichtig, aber spielt auf einer anderen Ebene und ist je nachdem, welche Ebene man betrachtet, u.U. zweitranging, wenngleich für den weiteren Geschichtsverlauf wichtig.

 

Gruß, Melanie

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Als Gedankenexperiment ist das natürlich höchst spannend, aber es muss verdammt gut gemacht sein, damit es den Leser nicht verwirrt und damit ein Empathie-Verlust einhergeht. Oder die Handlung muss dermaßen spannend sein, dass der Leser es sowieso nicht merkt.

 

Und wenn es nicht gut gemacht ist ...

 

Ich gebe Hans-Peter in sofern recht, als dieser Wechsel innerhalb weniger Sätze sehr stark auktorial wirkt, weil jemand von außen weißund dem Leser erzählt, was jeder Person zu jedem Zeitpunkt fühlt und weiß.

Das muss nicht schlecht sein und ist nicht verboten, aber man sollte um die Wirkung wissen.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ich habe die "schwebende Perspektive" als Begriff nicht gekannt, als etwas, das es gibt aber schon. Als eine Form des auktorialen Erzählens nämlich.

 

Der auktoriale Erzähler kann in die Köpfe seiner Figuren schauen und folglich auch aus ihnen heraus erzählen.

 

Da mein Workshop hier zitiert wurde, möchte ich kurz etwas richtig stellen, damit es keine Missverständnisse gibt: Die "schwebende Perspektive", so wie ich sie kenne und gelesen und im Workshop gemeint habe, muss nicht auktorial sein. Es gibt genug Beispiele, in denen der Autor einfach von der einen zum Beispiel nahen personalen Figurenperspektive in die andere nahe personale Figurenperspektive gleitet. Da muss nichts aus dem Kopf der Figur heraus erzählt werden, da geht auch keine Nähe verloren, der Autor bleibt personal (mit zum Beispiel naher Erzählhaltung) auf eine Figur beschränkt, er wechselt nur zwischen den Figuren hin und her. Das kann manchmal auktorial sein, aber eben genauso gut auch personal und sogar sehr nah. Die schwebende Perspektive kann ich in allen Erzählperspektiven einsetzen, ich muss mich nur mit den "Markern" auseinandersetzen, die das Hin und Hergleiten erzeugen. Und das geht meiner Meinung nach am Besten, indem man ausprobiert und experimentiert. Aus Fehlern lernt man oft am schnellsten... 

 

Und: Ein personaler Erzähler schaut genauso in die Köpfe seiner Figuren und erzählt aus ihnen heraus - er macht es nur nicht gleichzeitig wie der auktoriale.

 

Liebe Grüße

Lisa

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PS: Dein Beispiel mit Peter und Liese, hpr, ist für mich ein rein auktorialer Erzähler, hier springt einer hin und her. In der "schwebenden Perspektive" wird aber sanft von einer Perspektive in die andere geglitten. Und je nachdem auch wieder zurück.

 

Liebe Grüße

Lisa

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Ich denke auch, dass es sehr schwierig ist - insofern bin ich mir auch noch gar nicht sicher, ob ich es schaffe - falls nicht, gibt es ja noch genügend andere handwerkliche Kniffe, den Inhalt entsprechend zu vermitteln.

 

Gruß, Melanie

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Ich habe mal so ein bisschen gegoogelt - manchmal findet man da ja was.

 

Die schwebende Perspektive nicht.

 

Mag sein, dass das ein Begriff aus dem Film und seiner Dramaturgie ist, im Bereich des Schreibens stiftet sie nur Verwirrung.

 

Es gibt genug Beispiele, in denen der Autor einfach von der einen zum Beispiel nahen personalen Figurenperspektive in die andere nahe personale Figurenperspektive gleitet.

Wenn mich nicht alles täuscht, bedeutet die personale Perspektive, besonders wenn sie nah ist, dass genau das getan wird - nämlich aus dem Kopf - der Sichtweise der Person erzählt.

Da muss nichts aus dem Kopf der Figur heraus erzählt werden, da geht auch keine Nähe verloren, der Autor bleibt personal (mit zum Beispiel naher Erzählhaltung) auf eine Figur beschränkt, er wechselt nur zwischen den Figuren hin und her.

 

Das ist schlicht der Wechsel der personalen Perspektive. Oder ich verstehe diese Argumentation nicht.

 

Das Springen in der Sichtweise von einer Person in die andere ist personal, nicht schwebend. Es ist entweder ein Anfängerfehler oder eine sehr hohe Kunst.

Meist ist es ein Anfängerfehler und verwirrt die Leser.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Hallo Andrea,

eine "schwebende Perspektive" bedeutet gerade, dass man nicht "springt". Sie ist ein gleitender Wechsel von zum Beispiel der einen personalen Perspektive in die andere(n) personale(n) Perspektiven in dieser Szene/diesem Kapitel. Gleitend bedeutet: In der Erzählhaltung wird der Wechsel vorbereitet, so dass er möglichst fließend stattfindet - wie eine vorsichtige Schärfenverlagerung, wenn man so will. Das heißt: Der Autor entfernt sich über bestimme Marker langsam von der einen personalen Perspektive und nähert sich der anderen an. Zum Beispiel: Hatte der Autor zu Figur A eine nahe Erzählhaltung eingenommen, so wechselt er jetzt gleitend in eine distanziertere, gleichzeitig nimmt er zu Figur B, zu der er bisher eine distanzierte Erzählhaltung hatte, eine nahe ein. Und umgekehrt.

 

Und klar, es kann alles Anfängerfehler oder hohe Kunst sein. Wenn ich's nicht ausprobiere, finde ich es nicht heraus. Ich persönlich glaube nicht, dass Fußballtrainer ihre Spieler motivieren, indem sie ihnen permanent sagen: Schieß bloß nicht daneben!

 

Und was die Stilmittelbezeichnung angeht: Dann müsste die Rückblende als allererstes aus dem Prosa-Autoren-Vokabular gestrichen werden, denn sie kommt komplett aus dem Filmbereich. Und für Verwirrung sorgt sie ja nicht, oder? Aber das ist nur meine Meinung!

 

Liebe Grüße

Lisa

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Hallo,

 

vermutlich habe ich zur Verwirrung beigetragen, denn ich habe Melanies Frage in der Eile so verstanden, als ginge es ihr generell um Perspektivwechsel im Erzählfluss. Was Lisa im Workshop als "schwebende Perspektive" erklärt hat (und zwar sehr anschaulich erklärt hat, wie ich fand), ist aber eine spezielle Methode, von einem "Kopfinneren" zum anderen "Kopfinneren" zu gleiten. (Und ob man den Begriff nun über Google findet oder nicht, das stilistische Mittel gibt es unzweifelhaft, also warum soll man es nicht anwenden dürfen? Und warum sollen wir nicht darüber diskutieren, wie man es am besten anwendet?)

 

Fred Vargas' Erzählstil, den ich oben erwähnte, würde ich dagegen (aus dem Gedächtnis & ohne noch einmal nachgelesen zu haben) eher als auktorial bezeichnen, er hat in diesem Thread also eigentlich nichts verloren. Tut mir leid, wenn ich Verwirrung gestiftet haben sollte.

 

Beste Grüße

 

Barbara

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Ob man sich mit Springen - also ruckweise - in eine andere Person versetzt oder gleitend - es ist und bleibt ein Wechsel der Perspektive im personalen Erzählen.

 

Und damit eigentlich nichts Neues.

 

Was den Begriff "schwebende Perspektive" anbelangt, würde ich gerne deren Herkunft erfahren. Ist ein Literaturwissenschaftler hier, der ihn kennt? Oder ein Lektor?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ob man sich mit Springen - also ruckweise - in eine andere Person versetzt oder gleitend - es ist und bleibt ein Wechsel der Perspektive im personalen Erzählen.

Dann ist es ja legitim ;).

Gruß, Melanie

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Dass es um etwas Neues, nie Dagewesenes geht, hat aber auch niemand behauptet, oder? Im Gegenteil: dass es sich um ein sehr nützliches und erprobtes Stilmittel handelt. (Von dem man natürlich herausfinden muss, wie es funktioniert und wie es wirkt, wenn man es einsetzen will, aber das gilt ja immer. Und das sollte ja hier Thema sein.)

 

Beste Grüße

 

Barbara

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Was den Begriff "schwebende Perspektive" anbelangt, würde ich gerne deren Herkunft erfahren. Ist ein Literaturwissenschaftler hier, der ihn kennt? Oder ein Lektor?

 

Andrea

 

Sicher sein kann ich mir nicht, da ich den Workshop ja nicht miterlebt habe, vermute aber, dass gemeint ist, wofuer Shipley den Begriff "shifting view point" gepraegt hat. Der wuerde in der Tat aus der Erzaehltheorie, nicht aus dem Filmbereich stammen.

 

Der Begriff "schwebende Perspektive" ist mir und den paar griffbereiten Nachschlagewerken (Metzler, Laemmert, Martinez/Scheffler) zwar nicht bekannt, aber das Stilmittel durchaus. (Und dass ich den Begriff jetzt nicht kenne, kann, so traurig das ist, durchaus auch daran liegen, dass ich ja nicht gestern aus der letzten deutschen Uni raus bin. Es werden ja immer mal wieder Begriffe neu gepraegt.)

So wie ich es kenne (falls wir tatsaechlich von shifting point-of-view sprechen), sind das Paul-und-Liese-Beispiel und die (beeindruckenden!) Beispiele von Sven durchaus dasselbe: Shifting view-point, Wechsel von internal/personal zu internal/personal, NICHT zu external/auktorial. Der Unterschied besteht meines (begrenzten!) Wissens darin, dass das eine (Liese/Paul) schlecht-hoelzern und das andere (Svens Beispiele) ausgezeichnet gemacht ist.

 

Shifting point-of-view ist meines Wissens ein bisschen (!) aus der "Mode", was aber ja nichts heisst. Es kann ein brillantes Mittel sein, das aufruehrt und dem Leser keine Ruhe laesst. Es kann aber auch ein plattes Mittel sein (haeufig recht penetrant, wenn in Liebesszenen zwischen "Er" und "Sie" wild geschwenkt wird), das dem Autor, der sich nicht traut, Luecken/Geheimnisse fuer den Leser zu lassen, aus der Verlegenheit hilft.

Ich haette dieselben Bedenken wie Melanie: Es ist schwierig, und wenn's nicht toll gemacht ist, wirkt's grauslig und eben ungewollt.

 

Aber - ich finde, das gilt fuer fast jedes Werkzeug und sollte nicht davon abschrecken, sich daran die Zaehne abzuwetzen. Und womoeglich sich selbst zu ueberraschen, weil als Ergebnis genau das Gehetzte, Wechselnde, Unsichere, am Leser Ruettelnde entstanden ist, das in die Erzaehlung gehoert.

 

(Das ist zwar off-topic, aber vielleicht nicht so ganz: Ich hab dreissig Jahre lang auf dem Hocker mit der Aufschrift Wer-Praesens-schreibt-muss-ein-Genie-sein-oder-es-wird-doof gesessen und war ganz sicher: Alles, aber nicht Praesens.

Ich hab's grad gemacht! Und bin sowas von hingerissen. Ich denke, es ist schoen, wenn wir schreibend aelter als Kuehe werden und immer noch dazu usw., kennt ihr ja.)

 

Alles Liebe von Charlie

 

P.S.: Noch ein Autor, der's ganz toll kann (finde ich) und bei dem das Anschauen lohnt, ist Stewart O'Nan.

Und da ausdruecklich nach Genreromanen - und in Melanies Fall explizit nach dem historischen Roman gefragt wurde: Ich finde, Kirsten Schuetzhofer macht es in ihren Romanen sehr schoen.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Liebe Charlie,

ja, die "schwebende Perspektive" ist von Shipleys "shifting viewpoint" abgeleitet. Sie beschreibt - andere sagen auch "gleitende Perspektive" - einfach nur EINE Art, WIE die Perspektive gewechselt wird. Nämlich ganz sachte, gleitend. Manchmal, wenn der Autor permanent hin und hergleitet, entsteht dadurch ein "Schwebezustand", der Leser kann keine Figurenperspektive "fest verankern". Neben Stewart O'Nan (klasse vor allem in "Alle, alle lieben dich"), ist auch Michael Cunningham ein Meister dieses gleitenden Perspektivwechsels.

 

Shifting view-point, Wechsel von internal/personal zu internal/personal, NICHT zu external/auktorial.

 

Ja, genau das meine ich. Bei dem Lise-Peter-Beispiel ist aber der letzte Satz auktorial, denn dass die beiden nur noch einen Tag zu leben haben, können sie ja nicht wissen. Hier wird meiner Meinung nach die internal/personal Ebene verlassen. Und das ist nicht das, was ich unter "shifting view point" verstehe. Svens Beispiele sind super Beispiele dafür!

 

Liebe Grüße

Lisa

PS: Dein Off-topic im Bezug auf das Präsens klingt toll!!!

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Ja' date=' genau das meine ich. Bei dem Lise-Peter-Beispiel ist aber der letzte Satz auktorial, denn dass die beiden nur noch einen Tag zu leben haben, können sie ja nicht wissen. [/quote']

 

Das stimmt natuerlich auffallend.

Ich hatte nur auf den Liese-Peter-Wechsel gesehen und dabei ist mir der Rest verschuett gegangen.

 

Alles Liebe von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Bei dem Lise-Peter-Beispiel ist aber der letzte Satz auktorial, denn dass die beiden nur noch einen Tag zu leben haben, können sie ja nicht wissen. Hier wird meiner Meinung nach die internal/personal Ebene verlassen.

Genau das war ja auch beabsichtigt - eben auktorial.

 

Was die (hart oder schwebenden) Perspetivwechsel angeht, fürchte ich allerdings, dass sie viele Lektoren anstreichen, weil sie auf Perspektive geeicht sind. Schließlich haben sie zu viele Fälle erlebt, wo die unbewußten Perspektivwechsel Verwirrung stiften und die beibehaltung der Perspektive den Text verbessert.

 

Dass es Fälle gibt, in denen Autoren Perspektivwechsel gelingt, steht außer Zweifel. Leider sind sie selten. Und man sollte sich überlegen, wozu man einen Perspektivwechsel braucht - und in nur machen, wenn es wirklich nötig ist (und man den Mut hat, sich mit dem Lektor anzulegen ;-)).

 

Hans Peter

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Ich würde gerne einfach noch mal ein Textbeispiel bringen, vielleicht kann man hier die Frage, ob geschwebt oder gesprungen wird, nochmal konkret besprechen?

 

Und dazu eine zweite Frage, was nämlich Nutz und Frommen eines solchen - ich sags mal neutral - Wechsels sind?

 

Der Auszug stammt aus Victorija Tokarijewas Roman "Eine Liebe fürs ganze Leben". Es lieben sich darin der Aserbeidschaner Kjamal und die Russin Irina. Heiraten geht nicht, das würde Kjamals gesellschaftlich hoch stehende Mutter niemals erlauben. Stattdessen hat sie verfügt, dass Kjamal eine jungfräuliche Muslima seiner Ethnie heiratet, was der brave Sohn auch getan hat. Gestern war die Hochzeit. Nun begibt der frisch verheiratete Liebhaber sich zur Arbeitsstelle von Irina, um ihr von diesem bisher verheimlichten Schritt zu berichten.

(Diese Stelle habe ich an anderer Stelle schon mal zitiert, Lisa wird sie vielleicht bekannt vorkommen.)

 

Irina erschien auf der Schwelle des großen Schultores, ganz in ein hellgraues "Orenburger Tuch" gehüllt, ein Spitzentuch aus feinster Ziegenwolle. Es war Anfang März, der Wind blies bösartig. Kjamal sah ihre Weiblichkeit und ihre Schutzlosigkeit. Sie hatte das Tuch fest um sich geschlungen - wie ein Mädchen und gleichzeitig wie eine alte Frau.

Plötzlich begriff er, sah es mit eigenen Augen, wie sehr er sie im Stich gelassen hatte. Er schluchzte.

"Was hast du denn?", fragte Irina und hob die ohnehin hohen Brauen.

Kjamal schluchzte weiter und brachte kein einziges Wort heraus.

Irina wusste, dass bei ihm die Tränen locker saßen. Er weinte oft nach der Liebe, als könne er das Gewicht des Glücks nicht ertragen. Er weinte am Telefon, wenn er sich nach ihr sehnte. Kjamal war sentimental, er liebte es, auf die Tränendrüse zu drücken. Und jetzt, nachdem er von einer zehntägigen Dienstreise zurückgekehrt war, stand er da und heulte, der Dummerjahn.

Irina lächelte nachsichtig. Ihn auf der Schwelle des Schultores vor den Augen der älteren Schüler umarmen konnte sie nicht. Deshalb fragte sie: "Kommst du heute abend?"

"Ja", sagte Kjamal.

"Ich muss mich eilen", sagte Irina. "Ich hab eine Vertretungsstunde zu übernehmen."

 

Auftritt Kjamal: Wir sehen Irina durch seine Augen, die Gewissensbisse schmerzen in seiner Brust. Und dann ist es so einfach an Irina, diese Tränen zu deuten. Die Szene bleibt eine Weile bei ihr, kehrt dann wieder zu ihm zurück bzw. zunächst kreist der Blick irgendwie über allen beiden:

 

Sie wandte sich um und ging. Hatte nichts erraten, fühlte gar nichts. Das war seltsam. Irina war sehr intuitiv. Sie spürte sonst alles, was im Inneren des geliebten Menschen vor sich ging. Aber hier war Stille. Offensichtlich [wer sieht das? Der auktoriale Autor? Oder Kjamal? - Ich finde, es könnten beide sein; dafür, dass es sich um seine Wahrnehmung handelt, spricht, dass der ganze folgende Gedanke zwar stimmig ist, aber auch seiner Gewissensberuhigung dient] hatte sich in Kjamals Innerem nichts geändert. Sein Pass hatte einen Stempel bekommen. Sein Pass, aber nicht sein Herz.

 

Und dann, bruchlos, ist er wieder da:

Irina ging hinein. Kjamal blieb stehen. Seine Tränen trockneten im Wind. Und wirklich, dachte er, warum sollte er nicht abends kommen?

 

Es war seine Szene. Er hat sie betreten, er verlässt sie wieder mit einer neuen Stimmung und einem neu gefassten Beschluss. Irina war zwischendrin an der Reihe und hat mit ihrer Sicht der Dinge dem Leser ein paar Informationen gegeben: 1. über den Charakter Kjamals - weichherzig bis zur Sentimentalität - 2. über sich: Sie ist ja nicht dumm, kennt ihren Lover, muss also auf ihre Interpretation "da ist gar nichts, der hat halt manchmal solche Anwandlungen" kommen. Und 3. über die neue Situation: Jetzt wird die Liebe zwischen den beiden - vorläufig zumindest - weitergehen, weil er nichts gesagt hat und sie nichts ahnt.

Das kann man sicher auf vielerlei Weise auch anders machen, aber ich finde es ziemlich ideal, so wie es ist. Mich stört hier auch kein Bruch, ich spüre keinen. - Vielleicht bin ich da aber auch dickfelliger und anderen gehts anders damit?

 

Und ich finde - dies der dramatische Mehrwert dabei - dass gerade so auch Spannung erzeugt wurde: Ab dem Moment, wo ich erfahre, dass Kjamal zum Beichten geht, steht die Frage an: O Gott, wie wird das ausgehen? Dann sehen wir Kjamal, wie er sich unter der Situation windet. Würde Irina insistieren und weiter fragen: "Was ist denn los?", würde das eine andere Situation schaffen, dann müsste er gestehen oder lügen. Kjamal müsste sie aufgeben oder stünde zumindest einen Tick unsympathischer da. Würden wir ihre Gedanken aus seiner Perspektive sehen, dann bekäme Kjamal einen lauernden, berechnenden Zug. So, wie es ist, finde ich es sehr, sehr realistisch: Zwei Leute reden, da jeder von seinem Gefühlshintergrund ausgeht, aneinander vorbei und vertagen damit die Katastrophe - auf die man als Leser (also ich jedenfalls) dann mit umso mehr Spannung wartet.

 

Die Autorin schreibt übrigens immer so; ein Versehen oder eine Notlösung ist das nicht bei ihr.  

Schwebt sie? Springt sie? Vielleicht beherrscht sie als Russin ja einen Kasatchok-Mix aus beiden?  :)

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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