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(Steffi (Ronya))

Der verfluchte erste Satz

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Kann man diese Fragestellung wirklich auf die Zielgruppe reduzieren?

Ja Peter. Wir sollten aber hier nicht in eine E oder U-Diskussion abrutschen. Natürlich spielt es für deinen Romananfang eine Rolle, welches Genre du schreibst, für welche Leute du schreibst, welche Atmosphäre du vermitteln willst, in welcher Welt sich dein Roman bewegt...

Schöne Grüße,

Petra

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Hi.

 

Obwohl mich das Buch nicht reizt, fand ich diesen Anfang bei Simmons' ENDYMION ja ganz genial (1300-Seiten SF(?)-Wälzer):

"Sie lesen dies aus dem Falschen Grund."

 

Um bei dem Genre zu bleiben:

Aus irgendeinem Grund haben mich die Anfangssätze von Ballard immer SEHR fasziniert; vielleicht weil sie für das SF-Genre relativ ungewöhnlich sind (wie sein Werk ohnehin). Beispiel:

 

"Faulkner was slowly going insane."

Irgendwie strahlen die Anfäne (ersten Absätze) bei Ballard etwas wie eine "erwachsene Abgeklärtheit" dar (für mich).

 

Eine andere Sache sind die Anfänge von Julio Cortázar, der bei seinen Erzählungen nicht selten einen Anfangssatz nimmt, der über eine ganze Seite geht - und den Leser, wenn er sich darauf einlässt, in die Geschichte hineinzieht.

 

Bei mir sieht es etwas anders aus:

Extra Kafkaesk: "Als Yah aus der traumlosen Ohnmacht erwachte, stand ein kleines, dunkelhaariges Mädchen neben ihm."

 

Extra Borgesk: "Der vorliegende Text wurde durch die Vorsehung, die einige Zufall nennen, von meiner Freundin auf einer norwegischen Website gefunden. "

 

Ralphesk: "M., der Kommissar, benahm sich anständig. "

 

Ralphesk: "[nach einem Ausschnitt aus einer Radiosendung] ,Das Verrückte ist, dass es den Alltag nicht beeinflusst', sagte er. ,Zumindest läuft oberflächlich alles wie immer.'"

 

Ralphesk: "Hakim Bey forderte einmal, man solle an seinem Arbeitsplatz einen Streik organisieren mit der Begründung, man könne dort nicht sein Verlangen nach Trägheit und spiritueller Schönheit befriedigen. Nichts lieber hätte Mark in diesem Augenblick getan ..."

 

usw.

 

 

Ralph

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(Steffi (Ronya))

Vor nun schon drei Wochen habe ich diesen Thread eröffnet und kann euch sagen: ich bin immer noch nicht weiter. Seit verfluchten drei Wochen überlege ich jetzt rum, wie ich mein Buch anfangen könnt! Und ich hab keine Idee, es ist zum verzweifeln :s07!

Gruß Ronya

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Hallo Ronya,

 

warum schreibst du dann nicht irgendeinen Satz- und schreibst dann einfach los. Vielleicht einen Dialogsatz:

" Mach hin, wir müssen uns beeilen."

 

Du kannst ja später nach etwas besserem suchen.

 

Gruss

 

Bluomo

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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(Peter_Dobrovka)

Der erste Satz ist mit dem Inhalt eng verknüpft.

Man kann keinen genialen ersten Satz schreiben, wenn der Inhalt es nicht hergibt.

 

Ich habe übrigens häufig festgestellt, daß man bei vielen Texten vom Anfang viel wegschneiden kann. Bis zu der Stelle, an der erstmals etwas passiert. Manchmal ist der gute erste Satz bereits geschrieben, man muß nur alles, was davor steht, wegräumen und ihn freilegen.

 

Peter

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(Steffi (Ronya))

da sieht man mal wie versteift ich schon auf diesen verfluchten ersten Satz war, darauf wär ich jetzt nämlich wirklich absolut nicht gekommen.

Gruß Ronya

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Hallo Ronya!

 

Ich fand Peters Tipp mit dem Rausschneiden bis zum "Das ist ER-Satz" sehr gut und hilfreich!

 

Aber kann es sein, dass du gar nicht an deinem ersten Satz zweifelst, sondern an etwas anderem (was natürlich nur du wissen kannst)?

 

Das war eben so ein Gedanke, denn ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass ich mich drei Wochen lang auf die Suche begebe, immer und immer weiter nach einem einzigen Satz suche - wenn er auch DER erste Satz sein soll.

 

"Weg vom Sätzebasteln" schrieb hier die EINE Dame, deren Namen wir sicher alle kennen. ;)

Sie hat Recht. Vor allem, wenn es nur um EINEN Satz geht. Wenn also alles andere brach liegt. Das ist für mich so, als wenn man ständig mit Scheuklappen herumläuft, ständig nur in eine Richtung gucken kann. Im toten Winkel spielen sich doch so oft die interessantesten Dinge ab - und solche, die einem zum Verhängnis werden können...

 

Grüße,

 

Danielle

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Ich habe übrigens häufig festgestellt, daß man bei vielen Texten vom Anfang viel wegschneiden kann...Manchmal ist der gute erste Satz bereits geschrieben, man muß nur alles, was davor steht, wegräumen und ihn freilegen.

 

Von Hemingway gibt's dazu einen Ausspruch (sinngemäß): Wenn die Kurzgeschichte fertig ist, den ersten Absatz streichen (ersten Satz? erste Seite? Ich weiß es nicht mehr genau, aber vielleicht kennt einer von Euch den exakten Wortlaut).

 

@Ronya: Ich würde mich um den Anfang erst kümmern, wenn das ganze Manuskript komplett ist - bis dahin ist Dir auch der beste Anfangssatz eingefallen.

 

Gruß

Jan

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Hallo Ronya,

wenn's bei mir nicht laufen will, schreib ich einfach hintendran weiter... irgendwann kommt der berühmte Klick und es fällt mir ein. Sonst blockierst du dich ja total...

Schöne Grüße,

Petra

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(Steffi (Ronya))

@Danielle: darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber ich denk nicht, dass es so ist. Ich mag meine Geschichte und ich will sie auch erzählen.

@Petra: das Problem ist nur, dass ich ganz gern das ganze von vorn her nochmal überarbeiten würde, weil ich ein paar Änderungen vorgenommen habe und ich allmählich mim Szenen rein- und verschieben in ein kleines Chaos hineinstolpere.

Gruß Ronya

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Oh, ich plumpse hier einfach so herein... Es gibt inzwischen so viel zu lesen im Forum, ich komme nicht hinterher...

 

Für mich der schönste Romananfang: "Ich hatte eine Farm in Afrika..." Das ist für mich wie progressive Entspannung nach Jacobsen ;-)

 

Ronya, ich glaube, viele große Werke sind ungeschrieben geblieben, weil der Autor an seinen eigenen Maßstäben scheiterte.

 

Hau in die Tasten.

 

Gruß,

 

Tin

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(Steffi (Ronya))

Bin grad dabei... Hab momentan Einstieg mit Dialog oder ich nenns mal temporalen Einstieg zur Auswahl. Vielleicht kommt ja noch was hinzu, die nacht ist lang und nachts bin ich immer am kreativsten und außerdem ist morgen samstag ;D!

Gruß Ronya

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(Peter_Dobrovka)

Ich liebe ihn auch - solange ich ihn nicht lesen muß.

 

Wobei ich zugeben muß, daß DIE VERWANDLUNG auch mir sehr gut gefällt.

 

Nun überlegt mal, WARUM dieser erste Satz so "genial" ist. Er bringt einen medias in res, und diese res sind spektakulär.

 

Peter

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(Steffi (Ronya))

Auch wenn ich aus diesem Thread keinen Kafka Thread machen will, würde mich doch interessieren, warum du ihn liebst solange du ihn nicht lesen musst? das ergibt in meinen augen keinen sinn.

und trotzdem ist auch so ein in medias res satz kein patent rezept. aber wir waren ja schon so weit, dass es für den ersten satz kein patent rezept gibt.

Gruß Ronya

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(Peter_Dobrovka)

Kafka hatte eine wunderbar kranke Phantasie, die bei genauerer Betrachtung die Krankheit der Gesellschaft, in der er lebte, reflektierte. Nicht umsonst ist "kafkaesk" sprichwörtlich geworden für traurig-absurde Ereignisse, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, und denen man hilflos gegenüber steht, sich nicht wehren kann.

 

Nur kann ich leider Kafkas Stil nicht länger als über drei Sätze ertragen, dann muß ich ihn weglegen.

 

Peter

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Ich finde diesen Thread ungemeind lehrreich! Er zwingt geradezu dazu, eigenes Tun zu überdenken. Peter hat mich mit seinem Einwurf über den Anfang und was man da wegstreichen kann auf richtig gute Ideen gebracht. Ich habe ja auch seit Monaten mit meinem Anfang gehadert, vier Kapitel gestrichen und weiter gehadert. Die Lösung ist: es müssen noch mindestens zwei weg!

Danke für den Tipp!

Allerdings schlummert kein ultimativer erster Satz an dieser Stelle...  ;) - aber wie wäre es damit:

Paale stand mit dem Schürhaken in der Hand vor dem Bett seiner Schwester und hielt seinen Atem an.

(Entwarnung: es erfolgt kein Mord und kein Totschlag und auch keine inzestuöse Beziehung, er ist nur ein Neunjähriger, der glaubt, seine Schwester vor einer Gefahr schützen zu müssen.)

Maja Papaya

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(Peter_Dobrovka)
Ich habe ja auch seit Monaten mit meinem Anfang gehadert, vier Kapitel gestrichen und weiter gehadert. Die Lösung ist: es müssen noch mindestens zwei weg!

Danke für den Tipp!

Uuuh, ja, ich weiß, wie weh sowas tut!

Umso größeren Respekt zolle ich dir, daß du es dennoch machst.

 

Allerdings schlummert kein ultimativer erster Satz an dieser Stelle...  ;) - aber wie wäre es damit:

Paale stand mit dem Schürhaken in der Hand vor dem Bett seiner Schwester und hielt seinen Atem an.

Jaaaa! Dieser Satz atmet!

 

(Entwarnung: es erfolgt kein Mord und kein Totschlag und auch keine inzestuöse Beziehung, er ist nur ein Neunjähriger, der glaubt, seine Schwester vor einer Gefahr schützen zu müssen.)

Das macht erst mal nichts. Meine Aufmerksamkeit hättest du damit auf jeden Fall schon. Und der Glaube, die Schwester beschützen zu müssen, ist ja auch nicht schlecht.

Schlecht wäre nur, wenn man den Leser verarscht.

Wenn der zweite Satz lauten würde: "Kannst du mir mal mit dem Feuer im Kamin helfen?"

Da sind wir dann wieder bei der Frage: was gibt der Inhalt her?

 

Peter

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(Peter_Dobrovka)

Ach ja, auch wenn ich aus der Action-Ecke komme, so heißt das nicht, daß der erste Satz unbedingt mit Action beginnen muß. Er muß dem Inhalt angemessen sein und den Leser neugierig darauf machen, wie es weitergeht. - Eigentlich trifft das auf jeden Satz zu, holla! Aber das kann man von keinem Autor verlangen, daß er über jeden Satz so viel nachgrübelt, und gelegentlich müssen auch unspektakuläre Dinge gesagt werden. Auch die Fassade einer barocken Kirche hat irgendwo ein gerades Stück Sims.

 

Peter

 

---------

 

"Achternak war verwirrt. Die Bewerberin, die vor ihm saß, unterschied sich nicht nur erheblich von den zwanzig anderen, die an diesem Morgen auf dem viel zu kleinen Metallstuhl Platz genommen hatten, sie schien überhaupt ganz grundsätzlich kein Wesen von dieser Welt zu sein."

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Schlecht wäre nur, wenn man den Leser verarscht.

Ich hoffe nicht. Es ist nachts um halb eins, jemand rüttelt an der Tür und die Kinder sind allein zu Hause. Sie wissen bloß nicht, dass dort kein untoter Pirat steht.  ;)

Papaya

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Also, dies hier wird so ganz, ganz langsam der längste, erste Satz überhaupt. ;D

 

Ich hätte nicht gedacht, dass man sich so viele Gedanken darüber machen kann.

 

Danielle

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