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Andrea S.

Lesens-Wert

Empfohlene Beiträge

Es gibt Romane, die man liest und vergisst.

Es gibt Romane, die man liest und sich dann und wann an das eine oder andere daraus erinnert.

Es gibt Romane, die man, wenn man sie beendet hat, gerade noch einmal von vorne beginnt.

 

Und es gibt solche Bücher, die man immer wieder hervorkramt, in guten, oft gerade auch in schlechten Zeiten. Vertraute, Freunde, Seelentröster.

Es sind bei mir nicht die Bestseller oder Klassiker oder Nobelpreiswerke, die diesen Status erhalten.

 

Was macht solche Geschichten so einzigartig?

 

Jede Antwort darauf wird subjektiv sein, und aus jeder kann man sicher trotzdem etwas lernen.

Habt Ihr Antworten?

Ich habe meine gesucht und gefunden …

 

(Aber bitte ohne jedes namedropping von Autoren und Titeln. Das hilft wenig weiter und zeigt nur dass man selbst so literarisch wertvolle Werke wie Kabuvkovs „Wühlmäuse“ gelesen hat und technisch bewerten kann.)

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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...

 

Was macht solche Geschichten so einzigartig?

 

Das sie auch über Jahre und Jahrzehnte noch immer Neues aus dem Text hervorsprudeln lassen (Antworten, Fragen, Ansichten und Einsichten etc.).

 

VG

Tobias

"If it sounds like writing, I rewrite it." (Elmore Leonard)

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Bei mir sind es Bücher, die Bilder im Kopf erzeugen und mich innerlich berühren. Wahlweise sind es auch Geschichten, in denen ich mich gut mit den Protagonisten identifizieren kann und gern hinabtauche, mir vorstelle, selbst vor Ort zu sein.

 

Gruß, Melanie

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Für mich steht auf der einen Seite der Erinnerungswert, die Freundschaft, die ich mit diesem Buch verbinde und auch ein Nachwehen des Aha-oder Wow-Effekts, den ich beim ersten Lesen verspürte; auf der anderen Seite entdecke ich in meinen Lieblingen immer wieder etwas Neues, das ich vorher nicht sehen konnte ;D

Christiane

 

PS: Schönes Thema - danke :D

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Es gibt wahrscheinlich viele und auch sehr persönliche Gründe, warum einem ein bestimmtes Buch besonders ans Herz wächst.

 

Aber gerade habe ich etwas von Sol Stein gelesen, wo er von Resonanz spricht. Gewisse Dinge geben einem Buch Resonanz, sodass es in uns weiterschwingt, während des Lesens und vor allem darüber hinaus. Das kann die Behandlung einer großen geschichtlichen Persönlichkeit sein, oder auch nur Szenen von tiefer Eindringlichkeit, die uns im Innersten berühren. Oder "larger than life" Figuren, die eine starke Symbolkraft haben. Oder Menschen, die besondere Schicksale durchleben, vor allem die großen menschlichen Themen von Tod, Liebe, Hass, Verrat, vorausgesetzt sie sind in einer Weise dargestellt, die uns im Innersten berührt und etwas zum Schwingen bringen.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Stephanie Schuster

Das mit der Resonanz ist sehr gut getroffen, lieber Ulf.

Es geht in unserer Familie so weit, dass es gewisse geflügelte Worte oder Szenen aus Büchern gibt, die dann ein außenstehender gar nicht versteht. Sie sind so verinnerlicht als wären sie Erfahrungen, dabei sind sie nur erlesen und dann erzählt.

 

LG Rebecca

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Was macht solche Geschichten so einzigartig?

 

Dass sie in Worte kleiden, was man selbst nicht in solche fassen kann und damit etwas Klarheit in das innere Durcheinander bringen. Dass sie einen erleben lassen, was man gerade braucht - eine Flucht in eine andere Welt, die Erkenntnis, dass es anderen ebenso ergeht - selbst wenn die Figuren nur fiktiv sind.  

 

Ich habe auch schon erlebt, dass ich eine Geschichte las und mir inständig wünschte dem Autor etwas erzählen zu können, weil ich das Gefühl hatte, er/sie würde verstehen, was sonst nur Fragezeichen auf Gesichtern erscheinen ließ.

 

Grüße,

Tanja.

"Raukland Trilogie" (Jordis Lank) - Verlagshaus el Gato: http://www.jordis-lank.de/

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Wunderbar, Eure Antworten!

 

Haben wir als schon mal

 

- die Resonanz

- die Eindringlichkeit der Bilder unr Figuren

- die Mehrschichtigkeit (immer noch etwas Neues darin entdecken)

 

Ich füge von meiner Seite auch noch hinzu: Ein Thema, das meine Neugier weckt, mich damit weiter zu beschäftigen, dann mit neuer Kenntnis das Buch wieder zu lesen und noch mehr genießen zu können. Und dann noch neugieriger zu werden ... Erkenntnisgewinn also.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Gerade las ich die NYT Kolumne von Roger Cohen und am Ende schreibt er dieses (was m.E. gut zum Thema passt):

 

Reading James Salter’s haunting novel “A Sport and a Pastime,” [...] I encountered this passage: “Life is composed of certain basic elements,” he says. “Of course, there are a lot of impurities, that’s what’s misleading. ... What I’m saying may sound mystical, but in everybody, Ame, in all of us, there’s the desire to find those elements somehow ...”

 

In the end we must go back to the things — birth, death, love and beauty [...] and we must each discover and render the elemental in our own lives.

 

Ich glaube, dies ist wichtig: die elementaren Dinge, authentisch und überzeugend dargestellt, die berühren uns und bringen uns zum Nachdenken.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ihr Lieben,

 

es gibt verschiedenste Zugänge, die ein Buch zu etwas Besonderem machen und es aus der Menge der schon gelesenen Bücher hervorheben.

Je nach meinen momentanen Bedürfnissen hole ich mir Unterschiedliches.

Da gibts den Wunsch nach Flucht in eine heile Welt.

Die Suche nach Abenteuern, für die ich selbst zu feig wäre.

Das Bombastische und Machtvolle, das kein Hindernis kennt.

Oder das einfach so wahnsinnig gut Geschriebene, das ich am liebsten auswendig lernen würde - und immer wieder nachlese, um herauszufinden, warum es so verdammt toll rüberkommt.

Weils hier grad so gut in die Rubrik "Handwerk Schreiben" passt:

Es gibt tatasächlich ein paar Bücher, bei denen ich verschiedene Szenen immer wieder nachschlage, die ich gerade selbst zu schreiben versuche. Nicht, um bei ihnen abzukupfern, sondern um mich in die Stimmung zu versetzen, die ich selbst gerade so gerne mit meinem Geschriebenen erzeugen wollte.

Das sind dann die mit den abgegriffenen Seiten und den Zahnabdrücken im Umschlag ...

 

Dass es für jedes Bedürfnis wenigstens ein Buch gibt, das Heilung verspricht, lässt mich daran glauben, dass es immer noch sinnvoll ist, weiter zu schreiben und zu versuchen, genau so etwas für irgendjemanden da draußen zu schaffen.

 

Herzlich

Gabi

Schachzüge, Störfaktor, Grenzenlos nah, Infinity/ alle bei Thienemann, &&http://www.gabriele-gfrerer.at&&http://teamor61.blogspot.com/

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Dass es für jedes Bedürfnis wenigstens ein Buch gibt, das Heilung verspricht, lässt mich daran glauben, dass es immer noch sinnvoll ist, weiter zu schreiben und zu versuchen, genau so etwas für irgendjemanden da draußen zu schaffen.

 

Das, Gabi, hätte ich schreiben können.

 

Und es gibt für mich auch noch einen weiteren, überaus wichtigen Punkt - Heiterkeit muss das Werk ausstahlen. Keinen Klamauk, keine oberflächlichen Kalauer, sondern eine hintergründige, weise, distanzierte Heiterkeit, die sich erst beim mehrfachen Lesen wirklich erschließt.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Und es gibt für mich auch noch einen weiteren, überaus wichtigen Punkt - Heiterkeit muss das Werk ausstahlen. Keinen Klamauk, keine oberflächlichen Kalauer, sondern eine hintergründige, weise, distanzierte Heiterkeit, die sich erst beim mehrfachen Lesen wirklich erschließt.

 

Das nehme ich für mich auch in Anspruch, obwohl es vielleicht eine persönliche Präferenz ist.

 

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Resonanz trifft es ganz gut, finde ich. Aber ich brauche auch ein Geheimnis.

 

Für mich sind es Bücher, die über Magie verfügen. Einen gewissen Zauber, ein Funkeln im Zwielicht, das ich nicht genau verorten kann, das mich aber anzieht wie ein Blinker den Fisch. Es kann die Sprache sein, die Atmosphäre, die Geschichte, die Menschen, eine Szene, ein einzelner Satz. Aber es muss etwas haben, das mich nachhaltig beeindruckt wie einen kleinen Jungen, der in der Zaubershow in der ersten Reihe sitzt und einfach nicht fassen kann und will, dass er gerade etwas zu sehen bekommt, das deswegen so wundervoll ist, weil die Nahtstellen zwischen fantasievoller Illusion, Trick und wirklichem Zauber verschwimmen.

 

Es sind die Bücher, deren Stimme mir von Anfang an sagt: "Hey, du weißt genau, wovon ich gerade rede, oder? Und du willst doch am liebsten gar nicht, dass ich nur ein Buch bin, oder? Du wärst doch eigentlich lieber dabei? Na dann komm rüber..."

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Einzigartig macht ein Buch für mich ... wenn ich mich persönlich damit identifizieren kann.

 

Das kann alles Mögliche sein ... die Situation, durch die die Heldin durch muss ... ein Thema, das ihr Leben begleitet ... ein Hobby/Interesse, das ich teile ... eine bestimmte Herangehensweise an Herausforderungen ...

 

Und es muss mich immer auch zum (Nach-)Denken bringen und zum Träumen, wobei sich diese beiden Dinge vermischen.

 

Liebe Grüße

Anni

Autorin | Ein  Buch schreiben

Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher

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Neben der schon erwähnten Resonanz, den lebendigen Charakteren, der Identifikationsmöglichkeit oder der ersehnten Flucht in eine andere Welt ist es bei mir manchmal die Musikalität der Erzählstimme, der besondere Tonfall eines Buches - also eine sprachliche Qualität - die mir als einzigartig in Erinnerung bleibt.

 

Liebe Grüße

Alexandra

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Für mich schwingt eine Geschichte nach, wenn mich die Figuren so sehr faszinieren, dass sie mir noch ewiglang im Kopf herumspuken.

Manchmal ist es auch eine besonders schöne Erzählsprache, die bei mir nachklingt und ebenso besondere Bilder aufsteigen lässt.

Perfekt ist, wenn beides zusammenkommt.  

 

Herzlichst

 

Anja

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Schwer zu sagen, was ein Buch über Jahre hinweg so nachdrücklich macht.

 

Sicherlich, dass es nicht dem Zeitgeist hinterherläuft. Also keine Bücher, wo alle mit dem Kopf nicken, weil es die Stimmung im Moment so gut ausdrückt. Solche Bücher vergehen natürlich, wenn diese Stimmung umgeschlagen ist.

 

Viel eher, dass ein Buch etwas sieht, was sonst nicht gerne gesehen wird - aber jeder weiß instinktiv, ja, das gibt es eben auch. Nur traut sich sonst keiner, es zu sagen.

 

Vielleicht auch etwas parabelhaftes, märchenhaftes. Eine Geschichte, bei der nicht die Details wichtig sind, sondern eine Art Weisheit, die eben auch nach vielen Jahren noch wirkt. Vielleicht die Art Bücher, die ihr Leben als Erwachsenenbücher beginnen, später für Kinder nachgedichtet werden und deren Quintessenz so nicht nur überlebt, sondern auch zur Bildung beiträgt?

 

Humor ist dabei sicher wichtig. Dass der Autor sich traut, seine Geschichte wirklich konsequent weiterzuerzählen, selbst dort, wo es unangenehm wird, gehört auch dazu.

 

Hans Peter

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Die Frage hat mich schon des Öfteren beschäftigt.

Bei mir sind es meist die Bücher, die in mir Emotionen wecken. Ich erinnere mich gerne an die, bei denen ich herzhaft lachen musste, aber auch an die, bei denen ich zwanzig Seiten lang geheult habe, oder einfach nur zornig war. Eine Geschichte muss mich berühren, egal in welcher Form. Es gehört natürlich dazu, dass mir die Figuren lebendig gegenwärtig sind, mich an die Hand nehmen und durch ihre Welt führen.

 

Vor etwas längerer Zeit erzählte mir eine Bekannte von einem Buch, dass sie so fasziniert hat, dass sie nicht wollte, dass es jemand anderes liest. Aus Eifersucht, wie sie sagte. Sie hatte sogar Mühe, mir überhaupt den Titel zu nennen.

Das kann ich so gar nicht verstehen, denn wenn mich ein Buch fasziniert, lege ich es jedem ans Herz, der mir über den Weg läuft.

Übrigens hat mich das Buch der Bekannten überhaupt nicht fasziniert, obwohl es ein nicht zu verachtender Bestseller ist.  :s21

Die Geschmäcker sind eben verschieden. Vielleicht mag ich lieber die leisen Töne.

 

L.G.

Gabi

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Sicher - allen Antworten liegt der eigene Geschmack zu Grunde.

 

Und dennoch gibt es ein paar Gemeinsamkeiten: Bücher, die man mehrmals liest, müssen das Potentzial haben, dass man bei jedem Lesen sowohl etwas Neues darin entdecken kann und gleichzeitig auch eine gewisse Vertrautheit darin wiederfindet.

 

Die Vertrautheit, die Identifikation mit der Situation und/oder dem Helden ist eine sehr sujektive Angelegenheit, die kaum vom Autor beeinflusst werden kann, denn er kennt den Leser nicht. Die Verwendung von Archetypen und Klischees ist eine gefährliche Gratwanderung.

 

Die immer wieder neuen Erkenntnisse, die man in dem Werk findet und auch die Schönheit der Sprache, darauf (und deshalb habe ich diesen Thread ins Handwerk gestellt) kann ein Schrifsteller Einfluss nehmen.

 

Wie, das sollten wir uns eigentlich immer wieder fragen, damit unsere Leser Bücher nicht zuklappen und vergessen.

Ich fürchte aber, es gibt kaum Rezepte, wie man die Magie in eine Geschichte hineingezaubert bekommt.

 

Oder doch?

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Ich fürchte aber, es gibt kaum Rezepte, wie man die Magie in eine Geschichte hineingezaubert bekommt.

 

Oder doch?

Nee. Sage ich.

Wenn ich so zurückdenke an meine ganz besonderen Leseerfahrungen, dann könnten sie verschiedener nicht sein.

Zum Beispiel fällt mir Kafka ein, der in seinen obskureren Geschichten völlig wirre, traumgleiche Erlebnisse schildert. Da reiten Leute einander auf den Schultern, Hinrichtungsmaschinen richten sich selbst hin, das obligatorische Ungeziefer sei auch erwähnt... Der hat mich beeindruckt.

Als Gegenprogramm dann ein etwas älterer Fantasyautor(Name und entsprechender Roman aus Spoiler-Gründen nicht genannt), der mich mit dem einfachsten denkbaren Dialog zum Weinen gebracht hat.

 

"'Ich liebe dich', sagte er.

'Ich liebe dich auch', sagte sie."

 

Das sind nur zwei Zeilen, und eigentlich wahrscheinlich die klischeebeladensten überhaupt, aber darin wirkt in diesem ganz speziellen Fall unheimlich viel mit, praktisch der ganze vorhergegangene Romaninhalt. Denn zwar richten sie die Worte aneinander, aber doch an verschiedene Personen. Sein Satz richtet sich an eine Geliebte, und ihr Satz an jemanden, der ein kleiner Bruder sein könnte. Mit diesen zwei Zeilen weiß man, dass das Buch am Ende keines mit Happy End sein wird.

 

Ich glaube wirklich, dass man diese Magie nicht heraufbeschwören kann. Man kann nur üben, üben, üben, und irgendwann setzt sich dann beim Schreiben vielleicht ein Stück Magie zusammen.

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"'Ich liebe dich', sagte er.

'Ich liebe dich auch', sagte sie."

...

Sein Satz richtet sich an eine Geliebte, und ihr Satz an jemanden, der ein kleiner Bruder sein könnte. Mit diesen zwei Zeilen weiß man, dass das Buch am Ende keines mit Happy End sein wird.

 

Das ist interessant, aber natürlich auch eine Technik. Ein Dialog, der eigentlich nicht wirklich ein Dialog ist, denn sie antwortet und doch meint sie etwas ganz anderes. Und diese Spannung, die sich nur aus dem Kontext ergibt, teilt sich dem Leser mit, der den Konflikt oder die zu erwartende Tragik ahnt.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ich glaube übrigens gar nicht mal, dass man den Zauber beim Schreiben wahrnehmen würde - und ich meine nicht den bewussten Einsatz von Tricks, sondern die echte Magie, die nebenbei aus den Fingern strömen kann. Ich glaube, die spürt erst der Leser, sicherlich auch nicht jeder - und der Schreiber vielleicht in Ansätzen ein paar Wochen später beim Korrekturlesen. Zudem möchte ich die Technik der "magic moments" vielleicht gar nicht mal entschlüsseln, sondern mir den Zauber beim Lesen erhalten.

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Ja, diese Einstellung hat was für sich - das, was der Autor spürt, die eigene Magie seiner Geschichte, die unbewusst einfließt, in der er sich selbst die freien Räume schafft, deren Inhalte man sich selbst nicht erklären, die dann auch den Leser in eben diese Räume zieht - so etwas macht den Zauber aus.

 

Was aber dem bewussten Konstruieren entgegen steht - nicht in der Planung der Handlung, sondern dem Agieren der Figuren oder dem atmosphärischen Ausgestalten. Die Hingabe an das Erzählen verursacht so etwas manchmal.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Stimmt, Ulf, auch das ist natürlich auch eine Technik. Aber ich denke, letztlich ließe sich alles auf Techniken, oder filigrane Kombinationen aus Techniken, reduzieren. Vielleicht konstruieren wir eines Tages einen Supercomputer, der die magischen Lesemomente entschlüsselt und dann reihenweise magische Romane schreibt. (Zugegeben, ein sehr interessanter Gedanke ;))

Aber für mich persönlich ist da auch eine Grenze. Ich behalte für mich selbst gern diese romantische Vorstellung, wie Andrea sie beschrieben hat. Die Magie ist nicht erklärbar, und sie kann sich nur unbewusst in die Geschichte schleichen.

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Zudem möchte ich die Technik der "magic moments" vielleicht gar nicht mal entschlüsseln' date=' sondern mir den Zauber beim Lesen erhalten.[/quote']

Darf ich trotzdem mal kurz einen Versuch wagen?  ;)

 

"'Ich liebe dich', sagte er.

'Ich liebe dich auch', sagte sie."

...

Sein Satz richtet sich an eine Geliebte, und ihr Satz an jemanden, der ein kleiner Bruder sein könnte. Mit diesen zwei Zeilen weiß man, dass das Buch am Ende keines mit Happy End sein wird.

Das ist interessant, aber natürlich auch eine  Technik. Ein Dialog, der eigentlich nicht wirklich ein Dialog ist, denn sie antwortet und doch meint sie etwas ganz anderes. Und diese Spannung, die sich nur aus dem Kontext ergibt, teilt sich dem Leser mit, der den Konflikt oder die zu erwartende Tragik ahnt.

Ein schönes Beispiel, und "diese Spannung, die sich nur aus dem Kontext ergibt" ist für mich der Schlüssel.

Haben die "magischen Momente" vielleicht die gleichen Ursachen wie in jeder guten Beziehung? (Wobei ich damit vorausetze, dass sie dann entstehen, wenn es dem Autor gelingt, eine gute Beziehung zwischen sich und dem Leser zu schaffen.)

In einer Freundschaft oder Partnerschaft sind es oft die Momente, wenn Worte nicht mehr nötig sind, weil man weiß, dass der Andere genauso über eine Sache denkt wie ich, wenn etwas ausgesprochen wurde, das nur für uns beide eine andere Bedeutung hat als für andere Menschen, oder wenn beide zur gleichen Zeit eine scheinbar völlig abwegige Assoziation aussprechen.

 

Wenn die Figuren so sorgsam und liebevoll aufgebaut werden, dass sie leben, dass ich weiß, wie sie denken, was bestimmte Dinge für sie bedeuten, dann braucht manches nicht mehr ausgesprochen zu werden, und ich als Leser erlebe diesen magischen Moment des "wortlosen" Einklangs, wie im beschriebenen Bespiel.

 

Als Lehre kann man daraus ziehen, dass man sich das trauen darf und sollte, was der Anfänger sich zu selten traut: wegzulassen. Den Leser miteinzubeziehen, darauf zu vertrauen, dass er die Lücken füllt, die ich in meinem Dialog mit ihm gelassen habe.

 

Gegenprobe:

Man versuche, bei dem Beispiel eine winzige Erklärung einzufügen, nur um sicher zu gehen, dass der Leser bloß nicht denkt, die kriegen sich.

Und? Der Zauber ist weg.

 

Liebe Grüße

Uschi

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