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(Peter D. Lancester)

Übung Actionszene: Die Messerszene

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Wenn ich auch darf....?

 

 

 

Die Schlimme Sache war nicht sein Zustand; in den zwölf Sekunden, die ihr zur Verfügung standen, registrierte sie wie durch Watte, dass er wie üblich randvoll war; seine Augen hatten wie stets den Glanz nasser Murmeln, und in seinem Lächeln schien noch Kneipenrauch zu hängen. Er wirkte träumerisch und abwesend, so abwesend, wie ein massiver, betrunkener Mittvierziger nur sein konnte, aber er blockierte die Küchentür; Manfred wankte, und ein Muskelstrang an seinem Hals zuckte. Er mochte seinen Blick in eine trunkene Utopie von Sonst - was versenkt haben, er mochte die Augen schließen und von Flipperkugeln, Kleinen Feiglingen oder dem Zauberer von Oz phantasieren -  Saskia wusste dennoch, dass sie niemals an ihm vorbei kommen würde. Er war schnell, selbst wenn er besoffen war wie Tausend Mann. Ihm in die Arme zu laufen, seinen Griff an ihrer Schulter zu spüren und zurück geschleudert zu werden, war nicht die Schlimme Sache:

Das war das Messer.

Es lag locker in seiner Handfläche, so als wolle er es nicht beschädigen, und die Schneide schien zu lächeln.

Saskia machte einen kleinen Schritt zurück; sie spürte ihr Herz bis in den Hals pochen. Er hatte seine Augen nicht geschlossen, keine Sekunde. Manfred setzte den Fuß vor, eroberte etwas Linoleum und grinste. Was noch vor Sekunden wie die Zeitlupenstudie eines unbeholfenen Balletts gewesen war, wurde nun, und das ließ Saskias Herz eine Sekunde aussetzen, zu präziser Geschwindigkeit. Manfred stürmte vor, stieß mit der Schulter gegen die hängenden Kasserolen und drängte Saskia zur Spüle, in die Sackgasse. Im Himmel ist Kirmes, dachte sie tranig, als Manfreds silberne Hand einen Streich beschrieb, und dann kamen ihr die Tränen. Eine Gluthitze von Rot flutete ihr Gesichtsfeld, und zu ihren Füßen plätscherte etwas auf das römische Muster des Bodenbelags, der genau so eine billige Kopie von etwas Kostbarem war wie die Sache mit ihr und Manfred, Manfred, der doch am Anfang, im Frühling …

Der Fächer von Blut, der aus dem Schnitt in ihrer Wange sprühte, sprenkelte eine flüchtige Verdutztheit in Manfreds Gesicht. Für die Sekunde vor ihrem Schrei ruhte das Universum. Dann, als sie losbrüllte, ihren Blick auf die Klinge geheftet, die noch immer rein und blitzend war, überschwemmte sie Ungläubigkeit. Er hatte ihr wehgetan. Er hatte ihr mit dem Messer …

Ihre Faust krampfte sich blind um etwas, während die andere Hand wie ein flatternder Spatz war, der vor ihrem Gesicht schwirrte, aber nicht landen wollte. Nicht mal Manfred war erstaunter als sie selbst über das verwischte Ding am Ende ihres Armes, das in sein Gesicht krachte; seine Nase brach hörbar, und sie dachte: so ein kleines Knöchelchen, es klingt wie ein Auffahrunfall, so ein …

Manfred brüllte. Sie setzte nach, erneut, dann noch mal - rasend, als sei ihr Arm an die Nähmaschine einer durchgedrehten Gottheit montiert. Viel später, als das Geschirrtuch von ihrem Blut voll gesogen war und das Zittern schwächer wurde, betrachtete sie das erste Mal das Ding in ihrer triefenden Faust: Es war eine jener Rosina-Wachtmeister-Katzen aus Porzellan, die Manfred sehr gern als »diese verchromten Hasen« bezeichnete.

Manfred brach in die Knie, und die Gelegenheit, ihn zu vernichten kam, verstrich dann.

Er sah nur zu ihr auf, die Nase sonderbar fliehend nach links geknickt, blutend. Seine Augen tränten, aber er weinte nicht. Natürlich. Ihr Herz traf einen Entschluss, der zeigte, wie hirnlos dieses Organ war, und wie sehr ihm daran lag, zu schlagen und zu schlagen.

Die Katze kam erneut, und im finalen Aufflackern von Manfreds Blick sah sie wieder diese Verständnislosigkeit.

Die Katze, ehemals hübsch vergoldet, hatte beide Ohren eingebüsst. Blut bedeckte ihre Brust.Sie lag auf dem Boden, zwei Zentimeter von dem Timberland-Stiefel in 46 entfernt.

Der Lack ist ab, dachte Saskia, an die Spüle gelehnt. Tatsächlich. Dann weinte sie wieder.

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Alfs gefällt mir am besten. Wenn ich jetzt noch wüsste warum eigentlich, wäre ich mit der Analyse weiter. ;D

Bin gespannt ob noch einer kommt und ob wir bald anfangen können darüber zu diskutieren.

 

LG

Joy

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Hi Allerseits!

 

Erstma meinen Dank, Rocker, freut mich, dass Dir meine Szene gefallen hat! Auch wenn ich damit auf Deinem Weltbild rumgetrampelt bin, hähä :s22

 

Jedenfalls, ich wage jetzt einfach mal einen Analyseversuch und hab mir dazu Sabines Szene genauer angekuckt; ich fand nämlich, dass das Setting ziemliches Spannungspotenzial hat. Verteilte Messer auf dem Boden und ein potenzieller Gewalttäter, jawoll, da kaut man sich schon mal auf den Fingernägeln herum! Als er Markus nach dem Messerblock greift, passiert viel und es passiert rasch, aufgrund Deines flotten Schreibstils müsste es eigentlich ziemlich spannend sein!

 

Aber der Funke springt nicht über, man hat um Saskia einfach keine Angst.

Ich weiß nicht, es ist irgendwie die Stimmung der Szene, die einen spüren lässt, dass Du (als Autorin) Saskia nichts geschehen lassen wirst: Markus weicht zurück, er zittert, trinkt und beschimpft Saskia doch recht milde. Der Konflikt an sich hat nichts Bedrohliches und ich kann es Saskia fast nicht glauben, wenn sie sagt, dass er gleich zurückschreien und sie schlagen würde. (Ums mal übertrieben auszudrücken: Was? Der besoffene Tanzbär da? ;) )

 

Dann schnappt sich Markus ein Messer. Um Saskia damit umzubringen? Das nehme ich ihm einfach nicht ab. Selbst als er sie zu Boden reißt, wirft er sich "nur" gegen ihre Beine. Für mich ein Indiz, dass er sie gar nicht wirklich kalt machen will. Als er dann tatsächlich versucht Saskia das Messer reinzujagen, klingt das nicht nach dem Markus, den Du aufgebaut hast. Es klingt nach Dir :) Und da ich eh schon das Gefühl habe, dass Du Saskia nichts antun möchtest, wundert es mich nicht, dass sie sich im letzten Moment beiseite drehen kann! Wenn Du schon von Anfang an zeigen würdest, dass der besoffene Markus ein unberechenbarer Kotzbrocken ist, dann hätte der Rest eine ganz andere Wirkung auf den Leser! Schutzhypothese demolieren, sag ich immer dazu ;)

 

Ciao!

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Hallo zusammen!

 

Hier noch ein Versuch. Ohne Dialog ist echt hart. Stellt sich die Frage, wie das zum Beispiel mit indirekter Rede funktioniert.

 

 

Es war ein breites Fleischmesser von Zwilling. Sie hatte es eben noch geschärft, um die Filets zu schneiden. Es lag gut in der Hand. Eins schönes Messer. Mit Holzgriff. Jonas hielt ihn fest umschlossen und stand in der Küchentür wie ein wankender Matrose. Der Geruch seines Atems nach scharfen Schnaps und Minze verdrängte den Duft des frischen Basilikums und der brutzelnden Steaks in der Pfanne. Die Fishermans Friend, die er gegen seien Fahne lutschte, waren alle, und mit der Linken rollte Jonas aus der Verpackung eine Kugel und schnippste sie in ihre Richtung. Sie sagte ihm, dass er armselig sei, widerlich und abstoßend. Als er schwer atmend auf sie zukam und sie aus glasigen Augen anstarrte, hob er das Messer und zeigte wortlos mit der Spitze auf ihren Hals. Für einen Moment dachte sie, eine eiserne Faust hätte nach ihrem Herz gegriffen und fest zugedrückt. Trotzdem gab sie sich allen Anschein so zu tun, als wäre das Messer gar nicht da. Dann ritzte er sich in die Handfläche und hielt ihr die Linke vor das Gesicht. So gehe das, wenn sie ihn verletzen wolle. So sei das richtig. Blut sickerte aus der Wunde und tropfte auf den PVC-Belag. Dann fasste Jonas nach ihrem Gesicht und verschmierte das Blut auf ihren Wangen. Sie zuckte zurück und spürte einen heißen Schmerz, als sich die spitze Kante des Esstisches in ihr Kreuz bohrte. Dann war die glitschige Hand an ihrem Hals. Jonas drückte sie auf die Tischplatte. Ihre Arme ruderten, fanden aber keinen Halt. Dann knickten die Beine weg, und sie krachte in die Teller. Einige zerbrachen. Die Scherben schnitten ihr den Rücken auf. Jonas drängte sich zwischen ihre Beine. Sein heißer Atem stank. Ein Druck an ihrer Wange. Das Messer. In der Klinge spiegelte sich seine verzerrte Fratze. Wirre Haarsträhnen hingen in seiner Stirn. Und jetzt?, fragte sie tonlos und kalt, obwohl das Adrenalin ihr durch die Adern schoss und die eiserne Faust immer noch ihr Herz umschlossen hielt. Ob er es ihr jetzt richtig geben und besorgen wolle oder sie lieber mit dem Messer zum Schreien bringen. Sie solle ruhig sein, schrie Jonas. Speichel spritzte ihr ins Gesicht. Du spuckst, sagte sie. Und blau bekommst du ihn sowieso nicht hoch. Seine Lippen bebten. Die milchigen Augen wollten aus ihren Höhlen springen. Einige Adern waren geplatzt. Der Druck an ihrer Wange wurde stärker. Etwas Warmes lief über ihr Gesicht. Dann ließ Jonas von ihr ab, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und schleuderte das Messer quer durch den Raum. Armer Jonas, sagte sie und stand auf. Noch nicht mal das bekommst du hin. Dann ging sie zum Herd, um die Filets zu wenden. Glücklicherweise waren sie nicht angebrannt.

 

 

Viele Grüße, Sven

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Peter, ich finde die Idee toll! Wenn die Actionszenen hier erst mal ausführlich auseinander genommen worden sind, denkst du, man könnte noch weitere Übungen dieser Art hier machen?

 

Hier meine Äktschn-Szene:

 

 

"Sag' mir seinen Namen!" Er hielt das Messer erhoben, kam auf sie zu.

Zuerst waren ihre Umrisse leicht verschwommen, dann sah er sie wieder deutlicher. Wie entsetzt sie ihn anstarrte, diese kleine Hure. Saskia so zu sehen, erfüllte ihn mit heimlicher Erregung. Fasziniert ließ er seinen Blick über ihre Brust gleiten, die sich unter ihren unregelmäßigen Atemzügen hob und senkte. Mit ihren kleinen Händen umklammerte sie angstvoll die Tischkante.

"Bitte, Manuel." Sie keuchte. "Du... du hast getrunken, du weißt nicht, was du..."

Dieses Biest. Oh, dieses verdammte Biest!

Er stieß einen Wutschrei aus, ließ das Messer niedersausen. Die Klinge verfehlte sie, bohrte sich in den Tisch - wo war sie hin?

Sie war ihm ausgewichen, wollte in Richtung Tür laufen. Er bekam gerade noch ihren Hemdärmel zu fassen.

"Bleib", schrie er. "Sag' mir, wer es war!" Seine Zunge war schwer, er hatte Mühe, die Worte hervorzubringen. "Mit wem hast du... du-"

"Mit keinem!" Sie schlug nach ihm, unbeholfen, panisch. "Du bist verrückt!" Ihr hübsches Gesicht war vor Furcht verzerrt.

Er ging auf sie zu, wobei die Umgebung der Küche vor seinen Augen leicht ins Wanken geriet. Da war sie... sie... Wieder verschwommen ihre Umrisse.

"Du Hure..." Er versuchte, ihr eine wohlformulierte Beleidigung an den Kopf zu werfen, brachte jedoch nur ein Lallen zu Stande. Erneut holte er mit dem Messer aus, bereit, zuzustechen.

Sie ließ ihre Hand hervorschnellen, packte sein Gesicht. Für einen Moment war es dunkel um ihn herum; er roch den salzigen Schweiß ihrer Handfläche.

Mit einem Ruck zog er ihre Hand fort, hielt ihr Handgelenk fest. "Wag's nicht!"

So deutlich stand die Angst in ihrem Gesicht. "Lass mich los!" Sie zappelte in seinem Griff, schlug mit der freien Hand nach ihm.

Wieder stach er zu, sah kaum, wohin er traf. Doch diesmal hatte er gut gezielt.

Er hörte ihren Aufschrei, noch bevor er spürte, wie sich die Klinge in das weiche Fleisch ihres Oberarmes bohrte.

In einem kurzen Moment des Schreckens ließ er das Messer los, taumelte einen Schritt nach hinten.

Ihr Schrei ebbte ab, sie sackte zu Boden. Dort, wo er sie getroffen hatte, breitete sich ein dunkelroter Fleck auf ihrem weißen Hemdärmel aus. Sie hielt ihren Arm umklammert, wobei Blut zwischen ihren Fingern hervorrann und auf die Fliesen tropfte.

"Deine Lektion", sagte er. Sein Atem hatte sich beruhigt.

Er wand sich um, in Richtung Tür. Jetzt war Georg an der Reihe. Georg, er würde ihn umbringen - dieses Arschloch, mit dem Saskia ihn betrogen hatte-

"Warte nur, Georg", rief er, tastete nach dem Türgriff, um die Wohnung zu verlassen. "Dir... reiß ich die Eier a-ab!" Die Messerklinge schrammte über die Tür, er bemerkte, dass er das Messer wieder erhoben hatte, als wäre Georgs Gesicht gerade auf der Tür erschienen.

"Nein, nicht Georg!" schrie Saskia. Er sah sich um.

Sie streckte den unverletzten Arm nach ihm aus. "Tu ihm nichts, bitte." Sie wischte sich Tränen vom Gesicht, wobei sie Blut über ihre Wangen schmierte.

Er wandte sich wieder zur Tür, wollte sie öffnen.

Ein plötzlicher Widerstand an seinen Beinen brachte ihn ins Taumeln. Das Biest hatte ihren Arm um seine Beine geschlungen, zerrte kräftig daran. Es war, als zöge sie ihm den Boden unter den Füßen fort.

Die Erkenntnis ließ ihn vor Wut aufschreien. Diese Hure, diese miese, dreckige--

Er sah die Tür auf sich zukommen, hörte noch, wie sein Schädel aufschlug.

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Mich juckt es ja auch in den Fingern, hier was zu verfassen. Aber ich mag nicht.

Der Grund ist folgender: Thema war eine Actionszene ohne Dialog, oder?

Nun bin ich ein bisschen verwirrt, weil allen hier vorgetragenen Versionen drei Dinge gemein sind, wenn auch verschieden stark ausgeprägt:

 

- Splatter

- Vulgärsprache

- Trivialität

 

Das soll jetzt keine Kritik eurer Fähigkeiten sein, aber jede einzelne Szene hier klingt, wie aus einem Groschenheftchen. Und nicht gerade aus einem guten.

Ich frage mich, ob das konstituierend für eine Actionszene ist, oder ob das nur eure Auffassung ist. Für mich wäre es nicht konstituierend.

 

Nun könnte, kann, und wird man sagen: Mensch, Marco, dann machs doch besser. Ob ichs besser machen würde, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall anders.

Das Problem ist dann wieder: Eine Actionszene ohne obige drei Punkte ist 'schwieriger' zu schreiben. Und die Mühe kann ich zurzeit zeitlich nicht aufbringen.

 

Ich lerne aus dem Thread also zumindest einmal folgendes: Eine Actionszene ist einfacher zu schreiben, wenn man sie mit Splatter, Vulgärsprache und Trivialität 'streckt'.

 

Falls es sich ergibt, kann ich ja dennoch versuchen, eine Actionszene zu verfassen, die 'anders' ist. Aber bisher kann ich nur sagen, dass für mein Verständnis eine Actionszene weder Blut, noch Fäkalwörter, noch triviale Sprache/Struktur braucht.

 

Von daher halte ich die Übung bisher für - sehr, sehr einseitig, und wenig aussagekräftig...

 

Gruß,

Marco!

 

P.S. In Alf's Szene sind die drei Elemente übrigens am wenigsten vorhanden, oder am unauffälligsten, weshalb ich sie auch für die beste halte...

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- Splatter

- Vulgärsprache

- Trivialität

 

 

...ich glaube, das liegt an der Ausgangssituation und daran, dass die Szene ein Standalone ist, in den man intuitiv noch etwas über die Figuren und ihre Beziehung zueinander möglichst knapp packen will. Im Grunde müsste die Szene losgelöst aus jedem Kontext sein: wie eine aus einem Film herausgeschnittene Actionszene, in der nichts außer purer Action passiert. Zudem liegt vieles einfach nah und sicher in der Kürze begründet. Zerrüttete Ehe: Trivial. Betrunkener: Vulgärsprache. Messerattacke: Splatter. Eine Actionszene kommt grundsätzlich sehr leicht und in der Mehrheit ohne diese drei Elemente aus. Diese besondere aber offenbar nur sehr schlecht. In der Übung finde ich die unterschiedliche Herangehensweise und die Varianten der Beschreibung von aktionsreichen Handlungen interessant. Der Subkontext ist mir egal.

 

Viele Grüße, Sven

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...ich glaube, das liegt an der Ausgangssituation und daran, dass die Szene ein Standalone ist, in den man intuitiv noch etwas über die Figuren und ihre Beziehung zueinander möglichst knapp packen will.

[...]

Diese besondere aber offenbar nur sehr schlecht. In der Übung finde ich die unterschiedliche Herangehensweise und die Varianten der Beschreibung von aktionsreichen Handlungen interessant. Der Subkontext ist mir egal.

 

Ja, das kann gut sein. Trotzdem bin ich der Ansicht, und wirklich verführt, die Szene zu schreiben, ohne triviale Inhalte, ohne Splatter (Meinetwegen gerne ohne Blut!) und ohne Vulgärsprache. In den 'Anweisungen' steht ja nix davon, dass der Mann vulgär wird, wenn er betrunken ist. Oder dass Blut fliessen muss.

Interessant finde ich halt, dass das ganze psychologisch sofort in diese typischen, in meinen Augen recht 'ausgelutschten' Bahnen rutscht.

Das ist, wie gesagt, keine Kritik an den Autoren. Nur eine Beobachtung, die ich mache. Offenbar bekommen Autoren bei dieser Ausgangssituation sofort bestimmte 'Muster' und 'Klischees' vor Augen. Oder sehe ich das falsch?

Wo ist das Besondere? Das Kreative? Warum nicht die Frau zur 'Agressiven' machen, und das Messer vom Mann als Notwehrmittel nutzen lassen? Warm nicht das Messer nehmen, und der Frau drohen, sich selbst umzubringen? Warum nicht zwei Intellektuelle nehmen? Oder warum muss es zwischen den beiden handgreiflich werden? Mit einem Messer lassen sich auch andere Dinge zerschneiden, als Haut und Knochen... Alles das sind Situationen, aus denen sich gute Actionelemente ableiten ließen.

 

Gut, der Subkontext mag jetzt nicht bedeutend sein. Aber ich finds halt auffällig. Bleibt die Frage: Provoziert eine klischeehafte Ausgangslage eine klischeehafte Umsetzung...?

 

Gruß,

Marco!

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Aber bisher kann ich nur sagen, dass für mein Verständnis eine Actionszene weder Blut, noch Fäkalwörter, noch triviale Sprache/Struktur braucht.

Es handelt sich hier allerdings nicht um irgendeine Actionszene, sondern um eine Messerstecherei, in die zumindest ein Betrunkener verwickelt ist. Es braucht also schon Blut, und natürlich auch Fäkalwörter, weil die einem auch in betrunkenem Zustand am besten von der Zunge schlüpfen. Dazu ist diese ganze Szene an Trivialität wohl kaum zu übertreffen.

 

Was also, Marco, hätten wir tun sollen?

Ich habe in den vorangegangenen Beispielen so einige Methoden entdeckt, diese Szene über den Groschenromanstandard hinauszuhieven. Sogar ziemlich gut gelungen, besonders wenn man bedenkt, dass wir in diese Szene gestoßen wurden, ohne uns vorher über mehrere hundert Manuskriptseiten mit den beiden Charakteren zu beschäftigen. Es sind alles Schnellschüsse - aus der Hüfte. Ich habe mir meine Szene z.B. beim Aufschreiben ausgedacht, keine Minute früher.

Und dafür sind einige wirkliche Treffer darunter. Besonders interessant fand ich die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Szene: Analytisch die einen, eher gefühlt bei den anderen, erklärerisch beschrieben, choreographisch inszeniert, alles da.

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Stefan Mühlfried

Nee, Marco, das kann ich so nicht stehen lassen. Sven hat das meiste schon m.E. ganz richtig gesagt, und ein paar Sachen möchte ich noch hinzufügen:

 

- Splatter: Hier war nix, aber auch gar nix mit Splatter. Splatter ist, wenn Gedärme fliegen. Hey, es ging um eine Messerszene. Mit Action. Ohne Blut? Hm.

- Trivialität: Es ging ja gerade darum herauszuarbeiten, was eine Actionszene ausmacht. Ich habe mir (übrigens ohne Dialog :s08) keine Mühe gegeben, eine literarisch wertvolle Version ohne Blut und Pfui-Bäh-Worte zu schreiben. Warum auch? War nicht Teil der Aufgabe. Und mal ehrlich: Wenn schon Action - dann aber auch richtig. Meine Version - und nur für die kann ich sprechen - sollte in Richtung einer *prototypischen* Actionszene gehen. Zugegeben, nicht eines meiner besten Werke. Aber: Klassenziel erreicht.

 

Dazu kommt, daß ich als Quintessenz aus dieser Übung den Eindruck habe, daß "nackte" Action ohne umgebende, "sinngebende" Handlung sehr schnell trivial wirkt. In einen vernünftigen Text eingebettet würde m.E. keine der Szenen aus dem Rahmen fallen, zumal Sprache und Wortwahl dann natürlich an den umgebenden Text angepasst wären.

 

Übrigens hatte ich Peters Vorgabe so verstanden, daß kein Dialog am Anfang

kommen soll. Von völlig Dialogfrei hat er m.E. nichts gesagt.

 

Gruß,

Stefan

"Schriftsteller sollten gar keine Adjektive haben. Sie sind keine französischen oder australischen Schriftsteller, sondern einfach Schriftsteller. Am Ende sind sie ohnehin nicht mal ein Substantiv, sondern ein Verb: Sie schreiben." - Richard Flanagan

Zur Hölle mit der Kohle

Der steinerne Zeuge

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Oh je... :s03

 

Doch den ein oder anderen Schlips getroffen, hmm?

Das tut mir natürlich leid.

 

Es handelt sich hier allerdings nicht um irgendeine Actionszene, sondern um eine Messerstecherei, in die zumindest ein Betrunkener verwickelt ist. Es braucht also schon Blut, und natürlich auch Fäkalwörter, weil die einem auch in betrunkenem Zustand am besten von der Zunge schlüpfen.

Genau das meine ich. Diese Verbindung erweckt SOFORT solche Assoziationen. Aber nein, sie sind weder nötig, noch zwingend. Vulgarität hat nichts mit Alkohol, sondern mit Charakter zu tun...

 

Was also, Marco, hätten wir tun sollen?

SOLLEN hättet ihr gar nichts. Ich kritisiere euch ja gar nicht. Ich weise nur auf etwas bemerkenswertes hin.

 

- Splatter: Hier war nix' date=' aber auch gar nix mit Splatter. Splatter ist, wenn Gedärme fliegen. Hey, es ging um eine Messerszene. Mit Action. Ohne Blut? Hm.[/quote']

Auch hier wieder das, was ich als bemerkenswert empfinde: Action=Blut. Warum? Ist totaler Unsinn. Es liegt nahe, ist aber nicht Notwendig. Nichts anderes meine ich.

 

- Trivialität: Es ging ja gerade darum herauszuarbeiten, was eine Actionszene ausmacht. Ich habe mir (übrigens ohne Dialog :s08) keine Mühe gegeben, eine literarisch wertvolle Version ohne Blut und Pfui-Bäh-Worte zu schreiben. Warum auch? War nicht Teil der Aufgabe.

Gegenfrage: Warum NICHT??

Wenn du das so sagst, klingt das, als würdest du meinen, Action ist vom Sprachstil und Feinarbeit losgelöst. Wenn du das natürlich meinst, dann bitte. Aber auch hier würde ich als erstes sagen: Unsinn. Action ist, stärker noch als alle anderen Szenen, von einer genauen, durchdachten, und äußerst präzisen Wortwahl abhängig. Ich wage es, als These in den Raum zu stellen: Eine im weitesten Sinne "hingeklierte" Actionszene, wie Rocker ja ach meint, dass diese Szenen das sind, wird zwangsläufig trivial.

Action ist an Charaktere gebunden, und an Sprache. Warum gilt das hier plötzlich nicht mehr??

 

Und mal ehrlich: Wenn schon Action - dann aber auch richtig. Meine Version - und nur für die kann ich sprechen - sollte in Richtung einer *prototypischen* Actionszene gehen. Zugegeben, nicht eines meiner besten Werke. Aber: Klassenziel erreicht.

Auch hier wieder: Ich will ja niemanden kritisieren, sondern frage: Warum *Richtig*? Was spricht denn GEGEN eine andere Actionszene? Hier ist eigentlich nur ein Typ von Actionszene vorhanden. Der eher mal kurz nebenher verfasste (Jedenfalls wirkt es so, falls jemand Stundenlang an seinem Text gefeilt hat, entschuldige ich mich.) Aber war ein "Schnellschuß" denn auch Teil der Aufgabe? Eine durchdachte, kreative, andersartige und gereifte Actionszene würde anders wirken. Solche werden aber nicht behandelt.

Und das ist genau das, was mich stört, weil so ein einseitiges Bild von Actionszene entsteht. Das ist, als wolltet ihr eine Diskussion über Paprika halten wollen, aber nur rote Paprika besprechen, und grüne und gelbe außen vor lassen. Nichts verwerfliches, aber halt auffällig.

 

Dazu kommt, daß ich als Quintessenz aus dieser Übung den Eindruck habe, daß "nackte" Action ohne umgebende, "sinngebende" Handlung sehr schnell trivial wirkt. In einen vernünftigen Text eingebettet würde m.E. keine der Szenen aus dem Rahmen fallen, zumal Sprache und Wortwahl dann natürlich an den umgebenden Text angepasst wären.

Das mag sicherlich sein. Ich behaupte aber (Und mag mich irren): Diese Actionszenen sind trivial und durchgehend suboptimal, weil sie eben 'schnell mal hingekliert' wurden. Was ja auch nicht schlimm ist. Nur hat das halt eine einseitige Diskussionsgrundlage zur Folge.

 

Übrigens hatte ich Peters Vorgabe so verstanden, daß kein Dialog am Anfang

kommen soll. Von völlig Dialogfrei hat er m.E. nichts gesagt.

Das stimmt allerdings.

 

Gruß,

Marco!

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Achso, eines noch vergessen:

 

Und dafür sind einige wirkliche Treffer darunter. Besonders interessant fand ich die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Szene: Analytisch die einen' date=' eher gefühlt bei den anderen, erklärerisch beschrieben, choreographisch inszeniert, alles da. [/quote']

 

Das ist ja richtig, aber als Erkenntnis aus diesem Thread irgendwie überflüssig. Denn alles das ist ja nicht an Action gebunden, sondern ans Erzählen generell. Auch eine Liebessene, eine Sexszene, oder ein Dialog (!) kann analytisch, eher gefühlt, erklärerisch oder choreographisch sein. Die Frage war doch, wie man an ACTION herangehen kann.

Hier wurde eine Art vorgestellt: blutig, vulgär, brutal, trivial. Fein, aber welche Möglichkeiten gibt es für Action NOCH? Denn das ist alles Standard und halt 'trivial'.

 

Das ist die Frage, die mich hier interessieren würde, und die bisher weiträumig ausgespart worden ist.

 

Gruß,

Marco!

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Stefan Mühlfried

Ach was, auf'n Schlips treten ist was anderes. ;)

 

Ja klar, man hätte das nicht so machen *müssen* - und ich würde mich freuen, wenn du das Spektrum der Beispiele in der von dir angedeuteten Richtung erweitern würdest.

 

Ich hatte die "Übung" bislang einfach so verstanden, daß wir an Hand einiger selbst gebastelter Beispiele Wirkungsweise und Wesen einer Actionszene diskutieren wollen. Meine persönlich Interpretation ging in die Richtung: "Gut, dann schreib' doch mal was, was für dich eine typische Actionszene ist. Hinein ins Klischee."

Dein Ansatz ist eher, die Möglichkeiten der Äkschn dadurch auszuloten, daß du an ihre Grenzen gehst. Ist genauso legitim und würde - wie gesagt - die Diskussion bereichern.

 

A propos Diskussion: Schlips hin oder her, dank deines Postings haben wir jetzt endlich die Analyserunde eröffnet. War überfällig :)

 

Gruß,

Stefan

"Schriftsteller sollten gar keine Adjektive haben. Sie sind keine französischen oder australischen Schriftsteller, sondern einfach Schriftsteller. Am Ende sind sie ohnehin nicht mal ein Substantiv, sondern ein Verb: Sie schreiben." - Richard Flanagan

Zur Hölle mit der Kohle

Der steinerne Zeuge

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...grundsätzlich hat Marco mit seiner Beobachtung ja auch Recht. Zudem sind die Strickmuster im Prinzip weitgehend identisch. Die Rollen in jedem Beitrag ähnlich, mal schlägt die Frau am Ende zurück, mal nicht. Und natürlich werden Klischees bedient - warum das so ist, habe ich ja versucht, zu erklären. Ich bin mir sicher, dass es ähnlich gelaufen wäre, wenn als Ausgangspunkt zB eine Verfolgungsjagd gelaufen wäre. Ich glaube in jedem Fall, dass man zunächst voll in die ausgetretenen Pfade latscht und Stereotypen bedient. Ja. Davor muss man sich beim ernsthaften Arbeiten ja auch so fürchterlich hüten ;-) Nach meiner Einschätzung geht es hier aber in erster Linie um die Mechanik der Action und Spannung. Die kann natürlich auch von Handlung und Charakteren motiviert sein, dazu muss man aber sicher weiter ausholen. Wer mal schnell etwas dahinwirft für eine Skizze, greift natürlich zur Schablone, schon klar Marco. Macht ja auch nix, wie du sagst. Das Tolle an Klischees ist aber auch, dass es sie gibt, weil sie in jedem Fall funktionieren. So wie die Akkordfolge in 99 Luftballons, die sich auch bei Furys Time to Wonder, Stand by me, Unchained Melodie, Every breath you take und Tausenden anderen liedern wiederholt. Und ob da in der Szene jetzt Intellektuelle zu Werke gehen, die Frau auf den Mann, Blut fließt oder nicht - das ändert, glaube ich, nicht viel an dem, um das es hier in meinen Augen geht. Ich hatte zB versucht, meinen Beitrag etwas anders zu gestalten. Aber an der Schilderung, wie einer mit einem Messer auf den nächsten losgeht, hat sich nicht viel getan... Wie gesagt: Mechanik.

 

Gruß, Sven

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Ich hatte die "Übung" bislang einfach so verstanden, daß wir an Hand einiger selbst gebastelter Beispiele Wirkungsweise und Wesen einer Actionszene diskutieren wollen. Meine persönlich Interpretation ging in die Richtung: "Gut, dann schreib' doch mal was, was für dich eine typische Actionszene ist. Hinein ins Klischee."

hmm, so hab ich das noch gar nicht betrachtet. Irgendwie war ich mir über die "Klischee-Actionszene" schon so im klaren, dass ich nicht gedacht hätte, dass man das hier erst definieren muss. Mag aber durchaus sinnvoll sein.

 

Dein Ansatz ist eher, die Möglichkeiten der Äkschn dadurch auszuloten, daß du an ihre Grenzen gehst. Ist genauso legitim und würde - wie gesagt - die Diskussion bereichern.

Ich habe da durchaus Ideen. Aber da, wo ich zeit zum schreiben hab, komm ich nicht ins Netz. Und wo ich ins Netz kann, hab ich nicht die Zeit zu schreiben. :s07

 

A propos Diskussion: Schlips hin oder her, dank deines Postings haben wir jetzt endlich die Analyserunde eröffnet. War überfällig :)

Na, dann hatte es ja auch was Gutes. :)

 

Gruß,

Marco!

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Nach meiner Einschätzung geht es hier aber in erster Linie um die Mechanik der Action und Spannung.

 

Genau. Aber ich behaupte, dass diese Mechanik auch von Dingen beeinflusst wird, die hier ausgespart werden.

Die Szene, wo der Betrunkene Mann mit dem Messer die wehrlose Frau in die Ecke drängt, und anfängt aufzuschlitzen, wirkt auf eine Art.

Würde die Frau den Mann beim trinken erwischen, und anfangen, brutal auf ihn einzuschlagen, worauf er aus Angst und Verzweiflung zum Messer greift, und versucht, weitere Prügel zu vermeiden, wirkt die Szene ganz anders.

 

Die Szene mit dem vulgären Säufer, der der Frau sämtliche Genitalausdrücke als Schimpfnamen an den Kopf wirft, wirkt auf eine Art.

Der Intellektuelle Säufer, der anfängt, mit stolzgeschwellter Brust durch die Küche zu wandern, Herodot zitiert, und völlig unberechenbar nach dem Messer greift, und es auf seine Frau wirft, wirkt ganz anders.

 

Bedrohlichkeiten, Sympathien, Hoffnungen, all so etwas wirkt sich doch auf eine Actionszene und ihre Wirkung aus.

Auch das eine Mechanik.

 

Und vor allem bin ich der Meinung: Es braucht keinen weiteren Text, um all das zu etablieren. Man kann mit kleinsten Gesten und Handlungen sehr viel Charakterisieren und zeigen, auch ohne Klischees zu nutzen.

 

Die Frage, worum es eigentlich geht, sollte vielleicht noch geklärt werden. wenn all das, was ich hier als Beispiel anführe, nichts daran ändert, worum es deiner Ansicht nach geht, dann habe ich nämlich eine andere Ansicht, worum es geht... :-/

 

Gruß,

Marco!

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Diese Verbindung erweckt SOFORT solche Assoziationen. Aber nein, sie sind weder nötig, noch zwingend.

Doch, schon. Denn wenn etwas in mir keine Assoziationen erzeugt, kann ich es per definitionem auch nicht schreiben.

 

Vulgarität hat nichts mit Alkohol, sondern mit Charakter zu tun...

... und wenn sich ein Macker derartig volllaufen (richtig, mit drei l?) lässt, dass er das Messer zückt, dann assoziiere ich eben auch einen Charakter, der nicht vor Fäkalwörtern zurückschreckt.

 

Action ist nicht gleich Action! Wenn es um eine besoffene Messerstecherei geht, dann assoziieren eben 99 von 100 Autoren und Lesern damit rüde Sprache, geistige Umnachtung, zumindest ein Messer und natürlich ... Blut.

 

Wäre die Aufgabenstellung eine Autoverfolgungsjagd gewesen, dann hättest Du jetzt in den meisten Beispieltexten quietschende Reifen, hektisches Gekurbel am Lenkrad, aufheulende Motoren, etwas Metallkaltverformung (aka Beulen), krachende Gangschaltungen, schwitzende Hände und den Gestank von verbranntem Gummi gefunden. Warum auch nicht?

 

Und, ja, tatsächlich schön, dass wir jetzt endlich analysieren dürfen.

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Ich glaube nicht, das wir anderer Ansicht sind, Marco. Vielleicht reden wir aber aneinander vorbei ;-) Dass sich Handlung und Charaktere natürlich auswirken können, habe ich ja bereits erwähnt. Das ist dann eine andere Ebene der Action, denke ich. Eher Spannung. Zum ist da die reine Mechanik, und damit meine ich: Was ist geiler: "X griff nach dem Messer, und Y prallte an Tisch." "X schäumte vor Wut. Kalte Panik ergriff Y." oder "Das war das Messer. Es lag einfach so da. X sah es an. Dann griff er/sie danach. Y merkte es nicht. Er/sie war viel zu blau." usw... So bald die Platzhalter gefüllt werden, ändert sich was. Klar. Und je nach Figuren ändert sich die Handlung - und dadurch die Art der Action und ihr Stil. Auch klar. Mit Mechanik meine ich von mir aus das rein handwerkliche Beschreiben von Aktion, damit diese als spannend empfunden wird, das "How to". Charaktere usw. können weitere Bestandteile sein, müssen aber nicht. Sie sind die nächste Ebene. Wenn ein Auto mit einem Affenzahn durch die Stadt rast und ein anderes mit quietschend Reifen hinterher, ist das Action, ein Hingucker und spannend. Auch ohne, dass du weißt, wer am Steuer sitzt. Damit mehr passiert und es weitergeht, ist es natürlich zu empfehlen, die Figuren im nächsten Schritt einzuführen und dann auch mit einer Prise Handlung zu kommen: Warum wird da jemand verfolgt usw. Dann geht es nämlich mit Spannung los.

 

Gruß, Sven

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...und mit den Autos: Das kann man natürlich auch bescheuert finden, wenn die vorbeirasen. Wenn dann in dem einen Stallone und im anderen Bruce Willis sitzen, kannst du sofort umschalten oder gähnen. Wenn aber Michel Piccoli im einen und Woody Allen im anderen sitzen, wirst du sicherlich neugierig. Das stimmt sicherlich, und da ändert sich dann auch was entscheidendes...  ;)

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Doch, schon. Denn wenn etwas in mir keine Assoziationen erzeugt, kann ich es per definitionem auch nicht schreiben.

Versteh mich nicht falsch, aber: Dass etas in dir eine bestimmte Assoziation weckt, heisst ja nciht, dass es die einzig mögliche ist. Ich finde halt interressant, dass es bei jedem sofort ähnliche Assoziationen geweckt hat. Aber das heisst ja nicht, dass es die einzig möglichen sind.

 

... und wenn sich ein Macker derartig volllaufen (richtig, mit drei l?) lässt, dass er das Messer zückt, dann assoziiere ich eben auch einen Charakter, der nicht vor Fäkalwörtern zurückschreckt.

Hier gilt das gleiche: das KANNST du so machen. Aber es ist nciht zwingend die einzig mögliche Möglichkeit. So hatte ich deine Aussage halt verstanden.

 

Action ist nicht gleich Action! Wenn es um eine besoffene Messerstecherei geht, dann assoziieren eben 99 von 100 Autoren und Lesern damit rüde Sprache, geistige Umnachtung, zumindest ein Messer und natürlich ... Blut.

Ich wäre ja mit so empirischen Aussagen immer vorsichtig, finde das aber interessant. Bei mir kam diese Assoziation nämlich keine Sekunde auf. Vor allem, weil ich bei "Eines Tages erwischt sie ihn, dass er wieder zu trinken angefangen hat." nichts blutrünstiges im kopf hatte. Bei mir ist nämlich dank des davor stehenden: "Die Frau die mit dem Alkoholiker liiert ist. Sie trennen sich, sie versöhnen sich, es geht eine Zeitlang gut." SOFORT ein Drama im Kopf entstanden.

Drum haben mich die brutalen, sinnfreien Haudrauf-Szenen halt so überrascht...

 

Wäre die Aufgabenstellung eine Autoverfolgungsjagd gewesen, dann hättest Du jetzt in den meisten Beispieltexten quietschende Reifen, hektisches Gekurbel am Lenkrad, aufheulende Motoren, etwas Metallkaltverformung (aka Beulen), krachende Gangschaltungen, schwitzende Hände und den Gestank von verbranntem Gummi gefunden. Warum auch nicht?

Das ist ein gigantischer Unterschied. "AUTOverfolgungsjagd" engt das ganze relativ stark ein. Du wirst um schnell fahrende Autos zwar auch herumkommen, aber nur schwer. Und schnell fahrende Autos haben einfach bestimmte physikalische Eigenschaften, um die man nicht drum herum kommt.

 

"Alkoholiker wird von seiner Frau beim trinken erwischt und schnappt sich ein Messer - es folgt Action" besitzt keinerlei Einschränkungen dieser Art. Du kannst natürlich schreiben und assoziieren, was du willst, ich würde aber nicht behaupten, dass deine Interpretation die einzig mögliche ist.

 

Würdest du beispielsweise "Verfolgungsjagd" als Aufgabenstellung nehmen, hättest du gleich ganz andere Vorraussetzungen. Da zu behaupten: "Verfolgungsjagd" setzt quietschende Reifen und Motorenlärm und hektisch am Lenkrad wirbelnde Hände voraus, ist schlicht Unsinn.

 

Gruß,

Marco!

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Ich glaube nicht' date=' das wir anderer Ansicht sind, Marco. Vielleicht reden wir aber aneinander vorbei ;-)[/quote']

Gut möglich. :)

 

Was ist geiler: "X griff nach dem Messer, und Y prallte an Tisch." "X schäumte vor Wut. Kalte Panik ergriff Y." oder "Das war das Messer. Es lag einfach so da. X sah es an. Dann griff er/sie danach. Y merkte es nicht. Er/sie war viel zu blau." usw...

Okay, soweit verstehe ich dich.

 

Das würde aber zum einen wieder bedeuten, was ich ja schon gesagt habe, dass nämlich die Wortwahl enorm wichtig ist. Und daher sauber und präzise gesetzt sein sollte.

Ansonsten finde ich nach wie vor: das hier ist eben nichts actionspezifisches. Vielleicht definiere ich das auch einfach anders. Action sehe ich als Handlungselement, das durch körperliche Handlung und Aktionen bestimmt wird. Kampf, Jagd, Verfolgung etc.

Die Unterschiede in deinem Beispiel sind aber für mich keine unterschiedliche Art von Action, sondern verschiedene Formulierungen, verschiedene Stilrichtungen derselben Action, derselben Sache.

 

Unterschiede in der Action fängt für mich etwa da an: Fühle ich mich getrieben, gehtzt, atemlos, visuell stimuliert? Fühle ich mich traurig berührt? Fühle ich mich ein wenig belustigt? (Die ganze Szene könnte man auch wunderbar als Slapstickszene schreiben.)

Anders gesagt: Unterschiede in der Action fangen für mich da an, wo die Wirkung der Action sich ändert. Wo die ART der Action sich ändert. Action kann roh sein, wie hier, dramatisch, spaßig, kühl (wie in Matrix), detailliert, sadistisch (Wie in Splatterfilmen), elegant (wie in alten Gangsterfilmen) etc.

 

Aber die Unterschiede, die du oben nennst, wirken sich nicht auf diese Wirkungen, oder Arten, von Action aus. Die hier vorgestellten beispiele hatten zwar alle einen unterschiedlichen Stil, wie du es andeutest, aber alle die gleiche Art von Action.

Kann sein, dass wieder mal nur ich das so sehe, aber das ist vermutlich der Punkt, an dem wir etwas aneinander vorbeireden. Oder einfach anderer Ansicht sind.

 

gruß,

Marco! :s17

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Okay.

 

Kommen wir mal weg von der Frage, was man hier hätte schreiben können/sollen/dürfen, und sehen wir uns die Szenen einmal an, die denn nun dastehen.

Was, ausser einer gewissen trivialität und Rohheit, fällt noch auf?

 

Als erstes, denke ich, das sehr intensive Spiel mit der Zeit. Die wird, was tatsächlich in vielen Actionszenen üblich ist, wie ein Akkordeon gedehnt und gequetscht. Schnelle Bewegungen werden ausführlich geschildert, was ihnen einen 'Zeitlupeneffekt' gibt, ebenso werden, nach Möglichkeit, spannende Szenen hinausgezögert, ausgereizt. Etwa der Moment der Bedrohlichkeit.

 

Nochmal Filmanalytisch: Auch dort ist dieses Strecken und Quetschen von Zeit in Actionszenen Gang und Gäbe. Stilistische Unterschiede gibt es meist in dem WANN. John Ford beispielsweise, oder Sam Peckinpah, waren als Regisseure berühmt dafür, den Moment des Todes, oder Niederganges zu dehnen. Die helden gingen nach dem Schuß/dem Schlag/dem Wurf in Zeitlupe zu Boden.

John Woo drehte das genu um, er dehnte den Moment VOR der Gewalt aus. Hier wurde in Zeitlupe geschlagen, getreten, gestoßen, der Aufprall selbst vollzog sich meist in Normaltempo.

Sehr berühmt ist auch die Methode von Sergio Leone, der in seinem Gesamtwerk gerade einmal eine Handvoll Zeitlupen nutzt (eine berühmte im Lied vom Tod).

Leone steigerte allerdings durch seine Bildkompositionen den Moment VOR der Action hinaus. Die Duellanten belauern sich zum Teil fünf Minuten lang, Bewegungslos. Allein der Schnitt und die Musik erzeugen die Illusion von Bewegung. Auch eine sehr eigene Art von Zeitdehnung. Im Gegensatz dazu verlief die Schießerei meist in ein bis zwei Sekunden.

 

Ich denke also, ein wichtiges Moment von Action, das sich hier auch allenthalben findet, ist dieses Spiel mit der Zeit. In Actionmomenten läuft vieles sehr schnell ab, und das wird dann, nach Gutdünken des Autors, verlangsamt, gedehnt, oder auch gequetscht, damit der Leser sich diesen einen Moment in Ruhe betrachten kann. Ein bisschen die Lust an der Gewalt, denke ich. Der Leser soll den Moment der Gewalt betrachten, meinetwegen auch genießen, können.

 

Nur um das mal anzufangen. :)

 

Gruß,

Marco! :s17

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Zeit ist ganz entscheidend, ja. Zum Faktor Zeit kommen - um beim Bild/Film zu bleiben - die Faktoren Detail, Zoom und Fokus dazu. Von der Gesamtszenerie der Küche wird häufig über das Messer in der Hand auf die milchigen Augen gezoomt und dann in die Innenwelt vorgedrungen. Es gibt auch oft das Montagemittel der schnellen harten Schnitte und den Fokuswechsel. Er kommt auf sie zu. Das Messer in der Hand. Sie weicht zurück. Ein Tisch. Er holt aus. Sie fällt. Stahl blitzt auf. Er ist über ihr. Zackzackzack. Ebenso wird blitzschnell zwischen Innen- und Außenwelt hin und her geblendet. Die Montagen und Wechsel sind zum Teil auch assoziativ und symbolisch. Kurz: Es wird insgesamt aus dem Vollen geschöpft.

 

Was den Faktor Detail angeht, fällt mir zudem eine Szene aus "Wallenstein" ein - ich meine aus dem von Mann, weiß ich aber nicht mehr genau. Da wird zum Beispiel das Zustechen mit einer Lanze ellenlang und ganz sachlich/kühl beschrieben wie die Spitze durch die Haut dringt in das Innere, dort zunächst dieses und jenes Organ durchbohrt undsoweiter. So ließe sich auch mit dem Messer ausholen, es eine kreisförmige Bewegung beschreiben und sich in der Klinge alles spiegeln lassen, die Klinge niedergehen, einen Lichtreflex auf die Frau werfen, undsoweiter... Natürlich dient das vor allem - wie Marco sagt - zur Zeitverzögerung und damit auch Spannungserhöhung. Zudem wird die Aktion in seinen Beispiel mit verschiedenen Stilmitteln artifiziell überhöht und von ihrem Selbstzweck erlöst - obwohl ich mir imemr noch nicht sicher bin, ob vieles von Leone nicht zum Besipiel auch l'art pour l'art war. (Sam Packinpah fand das wahrscheinlich einfach nur geil ;-) Aber ich halte den eh für überschätzt.) Aber so ein Zweikampf zwischen Angreifer und Frau hätte auch wie ein Tanz choreografiert werden können, der zum Beispiel Assoziationen zum Walzer auf ihrer Hochzeit vor 20 Jahren weckt. Und damit fällt mir noch etwas Wichtiges ein für Action - genau: Choreografie ;-)

 

Hitchcock zum Beispiel verwendet eine andere Art von Action - Suspense, eher passive Action und spannungsorientiert. Hier müsste der Mann mit dem Messer hinter dem Rücken die ganze Zeit lang dastehen ohne dass die Frau weiß, dass er den Dolch hinterm Gewande trägt - sehr wohl aber der Leser. Er müsste immer näher kommen, sie nach wie vor nichts ahnen, und sie Dinge fragen, die darauf hindeuten, dass er sofort zustechen wird, wenn sie etwas Falsches sagt. Und wir müssten denken: Sag bloß nix Falsches, menno! Merkst du dass denn nicht, dass der nen Dolch hat? Wie kann man denn das nicht sehen, mein Gott! Das zum Beispiel haben wir in sehr vielen Beispielen völlig ausgeklammert, denn: Natürlich erwarten wir, dass der besoffene Kerl mit dem Messer auf die Frau losgeht und diese dann Angst hat und sich zur Wehr setzt. Hier wird Spannung also verschenkt.

 

Vielfach übrigens auch die Spannung während des Kampfes. Es wird meistens geschildert, was gerade passiert, seltener, was gleich erst passieren könnte, wenn nicht... Öfter kommt die klassische Spannungs-Variante vor, die auch Hitch gerne nahm: Täter kommt auf unbewaffnete Frau zu, die versucht zu entkommen und zunächst Hindernisse in den Weg wirft, vergeblich nach Verteidgungsmöglichkeiten suchen, am Ende dann hinfallen, weiterkriechen und schließlich an einer verschlossenen Türe rütteln, worauf der Schatten des Täters auf sie fällt. Und damit wird auch das drohende Scheitern des Protagonisten zu einem bestimmenden Element von Action. Und natürlich Angst. Wir haben ja alle andauernd Angst davor, dass jemandem etwas passieren könnte, der uns symptahisch ist...

 

Viele Grüße, Sven

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Hallo zusammen,

 

auch wenn Marco mich schlagen wird... jetzt hat er Filmmittel für den Einsatz bei einem Text vorgeschlagen, mehr oder weniger.

Natürlich kann man eine Aktionszene choreographieren, das fängt mit der Sprache an, geht über Perspektive, Erzählhaltung weiter, über die Geschwindigkeit der Sprache, die Nachahmung von Atemfrequenz, durch einen Bruch im Tempo einem anscheinenden Stillstand vor der Handlung oder währenddessen.

 

Letztlich lebt die Aktionszene aber von einer ganz anderen Dimension. Dass der Leser die Figuren kennt oder glaubt zu kennen, und hier eine Figur die Situation über das bekannte hinaus eskalieren läßt, und damit auch die bisher gezeigte Beziehung der beiden Figuren sich verändert.

Bedrohlich ist die Eskalation, und die Sorge um die Person, die der Leser kennengelernt hat, ob er sie nun mag oder nicht. Da hier aber die Figuren nicht entworfen sind, und der Leser die Ausgangslage nicht kennt, wird die Aktionszene einer wichtigen Dimension beraubt.

Vielleicht wäre es besser für eine Besprechung, wenn man die Szene davor, also vor der Eskalation mitnimmt, weil die Veränderung klarer ist, die Figuren klarer sind, und so die Aktionszene besser wirken können. Das würde es auch einfacher machen über sie zu sprechen.

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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