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Angelika Jo

Satire, Ironie, Sarkasmus

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Ja' date=' aber das meine ich doch gerade, Barbara: All dieses "der ist desillusioniert" trifft nicht den Zyniker.[/quote']

Ja, das habe ich schon verstanden, Angelika (glaube ich jedenfalls ...)

Ich wollte zurückkehren zu der Frage, ob es neben "dem Zyniker" auch "die zynische Bemerkung" gibt, also neben der Charaktereigenschaft auch das Stilmittel, das nicht zwingend mit einem zynischen Charakter gekoppelt sein muss.

 

jueb schrieb:

gesetzt dem Fall ich würde diesen Satz im Feuilleton im Rahmen eines kritischen Portraits über einen Prominenten schreiben und wäre tatsächlich dieser Auffassung - nach der Sichtung meines Materials -, dann würde ich das von mir nicht als zynisch empfinden, sondern als Schlussfolgerung, bzw. "nüchterne" Einschätzung.

Völlig einverstanden - auch mit dem, was du dazu schreibst, Bettina. Tatsächlich hört man diesen Satz aber doch ganz häufig reflexartig, ohne dass der Sprecher Näheres über besagten Prominenten weiß. Diese Variante meinte ich.

 

Noch mal etwas stärker zugespitzt: Meinem Eindruck nach gibt es neben dem echten Zyniker auch noch den Zynismus als Pose, als rhetorisches Mittel, sich als klug und welterfahren darzustellen, indem man signalisiert, dass man eben nicht mehr an den Osterhasen glaubt. (Ohne daran, dass auch Prominente noch andere Ziele haben könnten als die Steigerung ihrer Prominenz). Aber wenn ihr alle findet, dass das Wort "zynisch" hier nicht zutrifft, gibt mir das natürlich zu denken.

 

Peter, wenn ich dich richtig verstehe, gehört für dich zum Zynischen auch eine ganze Portion Aggression. Bosheit. Ich verbinde dagegen eher Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit damit.

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Vielleicht helfen uns Textstellen weiter?!

Ich habe vorne irgendwo erwähnt, dass ich Sibylle Berg für eine Autorin halte, bei der Zynismus als Erzählhaltung eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielt. Die Ich-Erzählerin aus "Der Mann schläft" beispielsweise reflektiert ständig so oder ähnlich:

 

"Gibt es einen größeren Witz als den Menschen? Emotionale Krüppel in abstoßenden Hüllen, der Welt, dem Rudel, dem Wetter, den Gewalten hilflos ausgeliefert, torkeln wir durch ein Dasein, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. All unsere ernsthaften Versuche, die Welt zu verstehen, charakterlich integre Personen zu werden, Besitz anzuhäufen, die Umwelt zu retten, Doktortitel zu erwerben, enden mit verschissenen Windeln im Altersheim."

(aus: Sibylle Berg, Der Mann schläft, S. 63)

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Noch mal etwas stärker zugespitzt: Meinem Eindruck nach gibt es neben dem echten Zyniker auch noch den Zynismus als Pose, als rhetorisches Mittel, sich als klug und welterfahren darzustellen, indem man signalisiert, dass man eben nicht mehr an den Osterhasen glaubt. (Ohne daran, dass auch Prominente noch andere Ziele haben könnten als die Steigerung ihrer Prominenz). Aber wenn ihr alle findet, dass das Wort "zynisch" hier nicht zutrifft, gibt mir das natürlich zu denken.

 

Ja, Barbara, ich glaube Zynismus als rhetorisches Mittel gibt es durchaus. Du hast es als "Pose" bezeichnet, oder als "Durchblickertum", das finde ich sehr passend. Denn dann ist es ja ein Mittel zur Selbstdarstellung (im Sinne von: Ich bin zu schlau! Mir kann keiner 'was vormachen!) und nicht wirklich Ausdruck einer Lebenshaltung oder Weltanschauung.

 

LG

Bettina

" Winterschwestern" (AT)
Figuren- und Storypsychologie

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(Peter_Dobrovka)

Peter, wenn ich dich richtig verstehe, gehört für dich zum Zynischen auch eine ganze Portion Aggression. Bosheit. Ich verbinde dagegen eher Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit damit.

Man kann auch durch Unterlassung großen Schaden anrichten.

In meinen Beispielen ist der Zyniker zugleich auch der Aggressor, aber das sind halt nur Beispiele.

 

So ginge es auch:

 

"... während Kinder in Afrika verhungern."

"Gut so. Umso weniger kommen dann als Erwachsene hierher." <---- ZYNISCH

 

"... während Kinder in Afrika verhungern."

"Ach? Wie interessant." <------ ZYNISCH + IRONISCH

 

"... während Kinder in Afrika verhungern."

"Wir können ihnen ja Kochbücher schicken. Ach nee, die können ja nicht lesen. Scheiße, wa?" <------ ZYNISCH + SARKASTISCH

 

Der Zyniker ist hier nicht der Urheber des Übels, aber seine Einstellung ist ... zynisch.

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In deinem Eingangsposting hast du von der resignativen Haltung des Zynikers gesprochen. Nur, wenn er resigniert hat, dann muss er doch einmal eine andere Haltung eingenommen haben? Das trockene Plätzchen, der Nihilismus von dem Andreas sprach, scheint mir dann eine Position der Selbstbehautpung (die Ich-Bezogenheit des Zynikers wurde ja schon erwähnt), in der keine Enttäuschung mehr möglich ist. Insofern finde ich schon, dass der Zyniker ein enttäuschter Idealist oder ein gescheiteter Missionar ist. Einer, der verbittert ist, weil die Welt schlecht ist, weil die Welt ihm nicht zuhört, seine Bemühungen aussichtslos erscheinen. Ich glaube nicht, dass man als Zyniker geboren wird.

 

Ja, das letzte glaube ich ja auch nicht, Bettina. Vom Wickelkind bis zum ausgewachsenen Charakter ist ja immer einWeg mit vielen Stationen.

 

Aber resignieren muss der Mensch beileibe nicht nur wegen gescheiterter Ideale.

Die Art, sich zynisch zur Welt zu stellen, wie ich sie kenne, gehört zu den Leuten, die mal große Rosinen im Kopf hatten, was ihre eigene Persönlichkeit betrifft, und ebenso große Ziele, deren Erfüllung ihnen selbstredend zusteht – eben wegen der schicken Persönlichkeit. Wenns dann nicht so wird, wie erwartet, hat die Welt schuld. Den Umdreher beherrscht der eitle Fatzke geradeso wie ein Weltkriege anzettelnder Politiker, der am Ende erkennt, dass sein Volk ihn enttäuscht und nicht verdient hat.

 

Ich hoffe, dass ich morgen auf mehr antworten kann, hier ists schon wieder Schlafenszeit.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Ich sehe es so: Ironie sagt etwas und meint etwas anderes, daraus ergibt sich dann eine gewisse Komik. Was das Prinzessinenbeispiel betrifft, so kommt es bei dem Ausspruch: DAS hast du aber ganz toll gemacht, zum Ausdruck, wo doch offentsichtlich ist, dass sie eben nichts toll gemacht hat. Ironie ist auch, auf folgende Frage:

"Ist sie eine gute Autorin?"

mit

"Sie trägt exquisite Schuhe."

zu antworten.

 

Ja, zu diesem königlichen Beispiel wollte ich schon die ganze Zeit was sagen:

 

Zweifelsohne ist das eine Entgegnung voll Ironie. Die aber noch weitere Besonderheiten hat: Es wird ausgewichen, es ist fast ein kleiner Wendepunkt innerhalb eines Dialogs, nicht wahr? So wie bei Loriot, wo sie auf den Anwurf "Das Ei ist hart" reagiert mit "Zu viele Eier sind gar nicht gesund." Auch bei dir, Bettina, wechselt der Angesprochene das Thema, aber er bringt sich dabei nicht einfach aus der Schusslinie, sondern verpasst gleichzeitig einen eleganten kleinen Stich.

 

Von Sibylle Berg habe ich noch nie was gelesen, jueb, und auch das von dir zitierte Buch kenne ich nicht, Andreas.

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

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Noch mal etwas stärker zugespitzt: Meinem Eindruck nach gibt es neben dem echten Zyniker auch noch den Zynismus als Pose, als rhetorisches Mittel, sich als klug und welterfahren darzustellen, indem man signalisiert, dass man eben nicht mehr an den Osterhasen glaubt. (Ohne daran, dass auch Prominente noch andere Ziele haben könnten als die Steigerung ihrer Prominenz). Aber wenn ihr alle findet, dass das Wort "zynisch" hier nicht zutrifft, gibt mir das natürlich zu denken.

 

Doch, die "zynische Pose" geht mir schon ein, Barbara. Eine Art von Angeberei. Der kleine Depp sieht bewundernd zum Zynismus hoch und versucht sich darin.

 

Er hält den Zyniker für einen tollen Hecht, weil er sich von nichts rühren lässt. Was er nicht sieht, das ist der heftige Untertan im Zyniker. Ich jedenfalls halte es für eine prinzipiell untertänige Einstellung zur Welt und ihren Fährnissen, wenn man allen Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, indem man sich von Haus aus auf die Seite des – wenigstens ideellen, eingebildeten – Siegers schlägt: Mir kann keiner was erzählen, ich habs durchblickt. Passend dazu fängt bei solchen Leuten das große Zähneklappern an, wenn es so ernst wird, dass die stolze Geste nicht mehr hilft.

 

Jetzt suche ich noch nach einem literarischen Beispiel dazu und finde keines. Meine Erkenntnisse dazu stammen "aus dem richtigen Leben", das kann ich schlecht hier zitieren. Und die literarischen Zyniker, die hier genannt wurden: der Typ vom Murmeltier etwa, ließen sich ja im Lauf des Buchs umstricken. Der Gatte von Ana Karenina ist mir eingefallen, der bei der Aussicht auf ein Duell die große Flatter kriegt. Aber der ist eine selbstgerechte Betschwester, kein Zyniker. Bestimmt gibt es aber die Figur! Wenn sie mir einfällt, schreie ich laut.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

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Hmm, Mephisto – glaub ich nicht, Andrea. Der ist viel zu klug für einen Zyniker. Der pflegt kein eitles Selbstbild, sondern kennt sich. Dieses "Ich bin der Geist, der stets verneint – und stets das Gute schafft", ist doch fast Selbstironie: Jetzt ist man schon mal Teufel, und dann erschafft man ausgerechnet das Gute. Berufsziel verfehlt. Witzig ist er auch. Er macht sich doch einen Riesenspaß, wenn er diesen eifrigen Scholaren foppt. Zyniker sind nicht witzig. Eher geht er in Richtung Boshaftigkeit und Schadenfreude, von der Claudia sprach.

 

Faust schon eher. Aber ich weiß nicht mehr – kriegt der das eigentlich mit: Gretchens Lage im Kerker? Außerdem wird er am Schluss erlöst, der alte Streber.

 

Angelika

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Was er nicht sieht' date=' das ist der heftige Untertan im Zyniker. Ich jedenfalls halte es für eine prinzipiell untertänige Einstellung zur Welt und ihren Fährnissen, wenn man allen Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, indem man sich von Haus aus auf die Seite des – wenigstens ideellen, eingebildeten – Siegers schlägt: Mir kann keiner was erzählen, ich habs durchblickt. Passend dazu fängt bei solchen Leuten das große Zähneklappern an, wenn es so ernst wird, dass die stolze Geste nicht mehr hilft.[/quote']

 

Hier muss ich jetzt doch mal widersprechen, Angelika. Was du beschreibst, ist eher die zynische Haltung, aber nicht der echte "Wesens-"Zyniker. Der moderne Zyniker sieht keine Sieger, sondern nur Verlierer. Sein Spott und vielleicht sogar Hass gilt gerade auch denen, die sich für Sieger halten, oft gerade denen. Denn das sind die Leute, die die meisten Ideale vor sich hertragen: "Harte Arbeit wird belohnt." - "Die Familie ist heilig." - "Der Staat ist für die Bürger da und nicht umgekehrt." Was du als "untertänig" empfindest, ist diese oft aggressive Bejahung des Untergangs und der Zerstörung ("Drum ist alles, was entsteht, wert dass es zugrunde geht"). Der Zyniker würde nie gegen die Verhältnisse aufbegehren, aber nicht weil er untertänig oder bequem ist, sondern weil er weiß: Es kommt nichts Besseres nach.

 

Natürlich gibt es aber Leute, die so sind, wie du sie beschreibst: Die gerne zynisch daherreden, weil es cool ist, aber eigentlich alles ganz in Ordnung finden. So würde ich einen Zyniker aber nicht definieren.

 

Liebe Grüße

Andreas  

"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019

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Mephisto? Der Geist, der stets verneint.

Und Faust, den er verführt?

 

Andrea

 

Wir haben uns überschnitten, Andrea. Aber schön, dass dir auch der Mephisto einfällt. Der passt für mich auch.

 

Andreas

"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019

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Hier muss ich jetzt doch mal widersprechen, Angelika. Was du beschreibst, ist eher die zynische Haltung, aber nicht der echte "Wesens-"Zyniker. Der moderne Zyniker sieht keine Sieger, sondern nur Verlierer. Sein Spott und vielleicht sogar Hass gilt gerade auch denen, die sich für Sieger halten, oft gerade denen. Denn das sind die Leute, die die meisten Ideale vor sich hertragen: "Harte Arbeit wird belohnt." - "Die Familie ist heilig." - "Der Staat ist für die Bürger da und nicht umgekehrt." Was du als "untertänig" empfindest, ist diese oft aggressive Bejahung des Untergangs und der Zerstörung ("Drum ist alles, was entsteht, wert dass es zugrunde geht"). Der Zyniker würde nie gegen die Verhältnisse aufbegehren, aber nicht weil er untertänig oder bequem ist, sondern weil er weiß: Es kommt nichts Besseres nach. 

 

Nein, ich widersprech dir! Wesens-Zyniker? Echte noch dazu? Dagegen halte ich jetzt einfach mal meine geballte Weltsicht. Die heißt: Objektiv sind wir alle ausnahmslos Würstchen. Wir sind krankheitsanfällig, werden alt und sterben. Außerdem leben wir in einer Welt, worin einigermaßen systematisch an Ausbeutung und Vergiftung von Mensch und Natur gearbeitet wird. Wer darin mal ein Weilchen die anderen wegboxen konnte vom Futtertrog, mag sich wie ein Sieger vorkommen, wer er ist, was die anderen sind, davon hat er aber nicht viel verstanden. Der Zyniker –deshalb kommt er mir untertänig vor – teilt diese Weltsicht. Er glaubt, dass es gerechterweise Sieger und Verlierer gibt und ist maßlos enttäuscht darüber, dass er nicht bei der ersten Garnitur gelandet ist, wohin er seiner Ansicht nach gehört. Die Reaktion: Ich habs durchschaut, ungerecht gehts zu auf der Welt, und dann folgt dieses von dir beschriebene Verachten der braven Deppen um ihn rum, die noch ans Gute glauben. Ideell macht er sich so zum Sieger wenigstens auf dieser Ebene. Auf die Weise begeht er die gleiche Täuschung wie die von ihm verachteten braven Leute. Aber ein Kotzbrocken ist er zusätzlich, das unterscheidet ihn.

 

Und bei Mephisto widersprech ich dir auch, das hab ich oben schon getan.

 

Angelika aus dem Heiligen Russland

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

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Faust schon eher. Aber ich weiß nicht mehr – kriegt der das eigentlich mit: Gretchens Lage im Kerker? Außerdem wird er am Schluss erlöst, der alte Streber.

 

Angelika

Wird er erst in der Tragödie zweiten Teil.

Im ersten heißt es: Heinrich, mir graut vor dir.

 

Mephisto ist schon ein rechter Zyniker - zumindest in meiner Wahrnehmung. Die "Spottgeburt von Dreck und Feuer" ist eigentlich nicht witzig sondern betrachtet die Welt ziemlich verächtlich.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Faust schon eher. Aber ich weiß nicht mehr – kriegt der das eigentlich mit: Gretchens Lage im Kerker? Außerdem wird er am Schluss erlöst, der alte Streber.

 

Angelika

Wird er erst in der Tragödie zweiten Teil.

Im ersten heißt es: Heinrich, mir graut vor dir.

 

Stimmt.

 

Mephisto ist schon ein rechter Zyniker - zumindest in meiner Wahrnehmung. Die "Spottgeburt von Dreck und Feuer" ist eigentlich nicht witzig sondern betrachtet die Welt ziemlich verächtlich.

 

Sagt er das selber über sich oder ist es der Herr im Himmel?

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Sagt er das selber über sich oder ist es der Herr im Himmel?

 

Sagt Fausten zu ihm.

 

Mephistopheles

Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst

Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,

Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,

So siehst du mich auch unter dem Gesinde.

...

Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,

Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

Ein wenig besser würd er leben,

Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;

Er nennt's Vernunft und braucht's allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,

Wie eine der langbeinigen Zikaden,

Die immer fliegt und fliegend springt

Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;

Und läg er nur noch immer in dem Grase!

In jeden Quark begräbt er seine Nase.

 

Der Herr

Hast du mir weiter nichts zu sagen?

Kommst du nur immer anzuklagen?

Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

 

Sicher eine Geschmacksfrage, aber ich finde Mephs Haltung hier reichlich zynisch.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Meph! – Na, ich muss schon sagen ...! 8-)

 

Doch ja, da richtet er schon schwer von oben herab, an der Stelle sehe ich das auch.

 

Aber andere Frage: Wieso kann er behaupten, dass der Herrgott ihn "sonst gewöhnlich gerne sah"? Offenbar besitzt er doch unterhaltsames Potential. Und das stellt er später beim Scholaren und mehr noch, als er die Frau Marthe bezirzt doch eindrucksvoll unter Beweis! Für mich war – nein, bei Teufeln bin ich vorsichtig und nehm den ganzen Namen – Mephistoteles immer die köstliche Figur im Stück! Zyniker haben etwas Graues im Gesicht. Mephisto nicht, der ist schwarz.weiß geschminkt und hat listige Augen. Siehst du/seht ihr ihn anders?

 

Angelika

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Schwarz-weiß stellte ihn nur Gustaf Gründgens dar, aber gut, das hat sich eingeprägt.

Und ja, er ist - wie hier ja schon festgestellt wurde - eine faszinierende Gestalt, wie Zyniker und Zerstörer es gerne sind.

 

Womit ich Dir aber Recht gebe, Angelika: Meph ist mit Begeisterung der Zerstörer, er erfreut sich an seinen herabsetzenden Bosheiten. Grau isser wirklich nicht.

 

Da auch er eine Schöpfung des Herrn ist, kann man dem allerdings einen Sinn für skurrilen Humor auch nicht absprechen. Weshalb der Alte ihn hin und wieder gerne sieht.

Ich fürchte, Angelika, Du bist Mephistopheles' zynischen Zauber auch schon erlegen 8-)

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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(Peter_Dobrovka)

Man kann es in der Tat so betrachten. Der Teufel ist ein Zyniker. Die Personifikation des Bösen, jede Form von Leben verachtend.

Interessant, dass ihr nicht folgendes Mephisto-Zitat als Paradebeispiel hergenommen habt:

"Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Drum besser wär's, wenn nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element."

Das ist Zynismus. Kristallklar zusammengefasst.

 

Hmm, Mephisto – glaub ich nicht, Andrea. Der ist viel zu klug für einen Zyniker.

[...]

Zyniker sind nicht witzig.

[..]

Er [der Zyniker] glaubt, dass es gerechterweise Sieger und Verlierer gibt und ist maßlos enttäuscht darüber, dass er nicht bei der ersten Garnitur gelandet ist, wohin er seiner Ansicht nach gehört. Die Reaktion: Ich habs durchschaut, ungerecht gehts zu auf der Welt, und dann folgt dieses von dir beschriebene Verachten der braven Deppen um ihn rum, die noch ans Gute glauben. Ideell macht er sich so zum Sieger wenigstens auf dieser Ebene. Auf die Weise begeht er die gleiche Täuschung wie die von ihm verachteten braven Leute.

[...]

Zyniker haben etwas Graues im Gesicht.

 

Ich glaube, du hast noch vergessen, dass alle Zyniker schwarze Anzüge tragen und einen Tic am rechten Auge haben. ::)

Aber jetzt mal im Ernst.

Wo nimmst du all das her? All das hab ich noch nie gehört. Warum soll ein Zyniker nicht klug sein können? Oder witzig?

Und warum soll er grau im Gesicht sein?

Ich will ja nicht in Abrede stellen, dass es auch solche Leute gibt, aber es gibt doch nicht NUR solche ...?

 

Peter

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Grau sollte nichts weiter sein als eine Metapher für Resignation. Warum ein Zyniker für mich gar nicht klug ist, habe ich weiter oben im Einspruch gegen AndreasG erklärt.

 

Deshalb ist es mir, fürchte ich, auch unmöglich einem Zyniker Zauber abzugewinnen, Andreas, dem Mephistoteles aber wohl.

 

Aber wir müssen uns ja nicht um Worte streiten. Wenn der eine sich zu Zyniker etwas Schlaues, Kluges, Bösartiges vorstellen mag, dann tut ers eben. Ich für mich tue es nicht.

 

Nun, falls mir noch ein Beispiel einfällt zu dem, was bei mir Zynismus ist, melde ich mich.

 

Angelika

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Kennt ihr den "Herrn Karl", gespielt von Helmut Qualtinger? (Die Ösls müssen ihn kennen!) Wenn der über den Tag spricht, an dem die Juden in Wien das Trottoir mit dem Zahnbürstl putzen mussten und so sonnig dazu lacht: "Jo, unser Hausmeister! Der war bei jeder Hetz dabei!" Das ist Zynismus. Und da er sich ausspricht zu einer Zeit, als der Krieg schon verloren war, muss er sich alle drei Minuten zusammenreißen, ein bisschen ducken und entschuldigend lächeln. Ein Paradebeispiel für den Zusammenhang von Zynismus und Untertanengeist.

 

Aber ich habe schon auch noch einmal nachgedacht. Besonders zu Barbaras Vorstellung von der Figur, die sonst was sein kann, sich nur in einem Zusammenhang zynisch äußert. Das stimmt. Zumal kein Mensch, so auch keine (realistisch gezeichnete) Figur genau dieser eine Typus in Reinform ist. "Einfach nur böse", hat Lisa mal zu mir gesagt, "sind nur die Orks".

 

Das stimmt auf alle Fälle.

Angelika

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Hallo,

 

ja, der Herr Karl ist da sicherlich ein gutes Beispiel für Zynismus. Aber so 100%ig passt's aber auch nicht, finde ich. Denn ein Zyniker ist sich, denke ich, seiner Weltsicht prinzipiell auch bewusst. Er setzt Zynismus bewusst ein. Der Herr Karl hingegen ist ein Opportunist, ein Mitläufer, wie er im Buche steht. Immer schön am Ducken und die eigenen Schäfchen im Trockenen halten, und wenn dafür Andere den Kopf hinhalten müssen, umso besser. Wenn man ihn aber fragen würde, ob er sich als zynisch bezeichnen würde, so würde er dies wohl entrüstet abstreiten und darauf hinweisen, dass er eh ein guter Mensch sei, nur die Umstände sind halt manchmal gegen ihn. Er würde sofort ein Beispiel finden (und sei es noch so sehr an den Haaren herbeigezogen), um zu beweisen, wieviel Großmut und Menschlichkeit in ihm stecke. Insofern ist die Weltsicht eines Herrn Karl wohl zynisch in meinen Augen, er selbst aber nicht unbedingt ein "reiner" Zyniker.

 

Viele Grüße

 

Thomas

"Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben befähigt ist."&&- Jorge Luis Borges -

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Ja, Thomas, ich stimm dir zu. Völlig richtig. So gesehen hat der Herr Karl auch nicht die schon beschworene abstrakte "Haltung" des Zynikers. Seine Haltung ist jede Haltung, wie mans gerade braucht.

 

Angelika

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Aber resignieren muss der Mensch beileibe nicht nur wegen gescheiterter Ideale.

Die Art, sich zynisch zur Welt zu stellen, wie ich sie kenne, gehört zu den Leuten, die mal große Rosinen im Kopf hatten, was ihre eigene Persönlichkeit betrifft, und ebenso große Ziele, deren Erfüllung ihnen selbstredend zusteht – eben wegen der schicken Persönlichkeit.

Ja, diese Art Zyniker kenne ich auch. Die am Biertisch über die bestechlichen Politiker klagt und über den Filmstar, der sich an einem Charity Projekt beteiligt und diese Sorte Mensch ist fest davon überzeugt, dass er es nur der Publicity wegen tut - würde sich aber nie für Charity Projekte einsetzen. Ist fest überzeugt, dass er der bessere Mensch ist und eigentlich die Prominenz dieses Schauspielers verdienen würde.

 

Aber es gibt auch den anderen Zyniker, den Mephisto, Tyrion in Song of Fire and Ice ist auch so einer. Harte Sprüche aber nicht, weil er glaubt, besser zu sein. Humphrey Bogart hat oft solche Typen gespielt.

 

Also nachdem ich die Diskussion gelesen habe, glaube ich, dass es mindestens zwei Typen von Zynikern gibt.

 

@Claudia: Du hast recht, dass Journalisten zynisch sind, ist ein Klischee. Wenn in einem Krimi ein Journalist auftaucht, kannst du sicher sein, dass er in 99% der Fälle ein widerlicher Zyniker ist. Trotzdem gibt es natürlich unter Journalisten Zyniker (und zwar beide Sorten, die, die man irgendwo dann doch mag und die weniger angenehme, den Herrn Karl & Co.).

 

herzliche Grüße, Hans Peter

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(Peter_Dobrovka)

Der Tyrion, ja ...

Muss mal nachdenken, ob der ein Zyniker ist. Er ist in jedem Fall einer der wenigen Charaktere, die meine volle Sympathie genießen, denn

- er erkennt, was falsch läuft

- er spart nicht mit bissigen und durchaus humorvollen Kommentare darüber

- er handelt die meiste Zeit über ethisch "gut"

Nein, ein Zyniker ist er nicht. Ob seine sarkastischen Aussagen eine zynische Färbung haben, erinnere ich gerade nicht. Müsste dazu noch mal die Bücher in die Hand nehmen.

Peter

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