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SabineW

"wo" statt "da"

Empfohlene Beiträge

"Jetzt, wo ich Zeit habe ..."

"Nun, wo ich dich endlich getroffen habe ..."

 

Für mich klingt das Wo umgangssprachlich und schrecklich falsch, für mich gehört da ein "da" hin.

 

Dummerweise findet man das in jedem - in wirklich jedem - Buch. Bin ich also der gefühlte Einbahnstraßenfahrer, und mein Sprachgefühl gehört überarbeitet? Oder was ist da los?

 

Rein von der Wahrscheinlichkeit her müssten sich hier ja auch fast ausschließlich Wo-Schreiber rumtreiben. Erklärt euch. *g*

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Jetzt, wo ich darüber nachdenke: ich neige oft zum Wo ;-)

 

„Selbst große Schriftsteller und makellose Stilisten sind von der Scheu ergriffen, dem Wo zu geben, was ihm gebührt.“

Martin Beheim-Schwarzbach brach 1964 in der ZEIT eine Lanze für das Wörtchen „wo“: Da – oder wo?

Bearbeitet von GesineS
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Frederike Eggs (2005, 298) Die Grammatik von als und wie. Narr

 

Zitiert u.a. Hermann Hesse für den Gebrauch von „Jetzt, wo ...“ und beobachtet "Ein durch wo subordinierter Nebensatz kann auch als Parenthese zu einem temporaldeiktischen Adverb auftreten ..."

 

https://books.google.de/books?id=es0ltHELSf0C&pg=PA298&lpg=PA298&dq=%22jetzt+wo%22+grammatik&source=bl&ots=Rbb_1h1qDs&sig=vi5fo1F98Gk5qwD6kHNUCRSO7Bk&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjL94biop7OAhWDORoKHZevA4IQ6AEILTAD#v=onepage&q=%22jetzt%20wo%22%20grammatik&f=false

 

Institut für deutsche Sprache in einer Analyse des gegenwärtigen Sprachgebrauchs:

 

„Bei Adverbien wie jetzt und heute ist wo das häufigste der drei Einleitungselemente ...“

 

http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/fragen.ansicht?v_id=3209

 

 

Martin Beheim-Schivarzbacb wandte sich übrigens in seinem Beitrag in „Die Zeit“ im Jahr 1964 an „Meine Herrn Schriftsteller“ und empfahl ihnen Fontane als leuchtendes Beispiel für den Gebrauch von „jetzt, wo“. Für Schriftstellerinnen machte er keine Empfehlung.

 

http://www.zeit.de/1964/04/da-oder-wo

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Ich fürchte, ich habe zu diesen Thread mit beigetragen, da Sabine (W.) mich als zauberhafte Probeleserin gerade bei einem wo ertappt hatte.

Man darf das echt???

Ich hatte mich so geschämt, weil ich die Einheimischen hier ob ihres wo immer zart verachtet hatte und jetzt dachte: Nach nur dreißig Jahren hier hat es sich doch tatsächlich in mein Unbewusstes geschlichen, das doofe Vieh.

Nee, ich will das auch zukünftig nicht. Und dabei war Fontane ja nun wirklich kein Süddeutscher ... Auf nix kann man sich mehr verlassen ... Brummel.

 

Liebe Grüße

Uschi

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"Die Frage, wo du stellst …" wäre hier in der Gegend tatsächlich ein normaler Satzanfang. Gruselig! :o

 

Über das zeitliche "Wo" anstelles eines "Da" hätte ich mich nicht gewundert. Ich finde es aber komisch, dass beide Wörter in ihrer Hauptbedeutung auf Orte hinweisen und in der Nebenbedeutung auf Zeiten.

Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de

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"Die Frage, wo du stellst …" wäre hier in der Gegend tatsächlich ein normaler Satzanfang. Gruselig! :o

 

Über das zeitliche "Wo" anstelles eines "Da" hätte ich mich nicht gewundert. Ich finde es aber komisch, dass beide Wörter in ihrer Hauptbedeutung auf Orte hinweisen und in der Nebenbedeutung auf Zeiten.

 

Im ersten Satz soll "wo" ein Relativpronomen vertreten. Das ist in süddeutschen Dialekten so, findet also in der gesprochenen Sprache statt und da funktioniert es auch, weil im Dialog die Bälle hin und her fliegen, kurze Sätze vorherrschen und bei Schwierigkeiten nachgefragt werden kann. Für Geschriebenes passt es weniger gut, da stellt die Schriftsprache eine reiche Palette an deklinierten Pronomen zur Verfügung:

 

- der Mann, der so was macht; den ich bei falschem Gebrauch des "wo" erwischt habe, dem ich auf die Sprünge helfen werde;

- die Frau, die ...; der ...;

- das Kind, das ...; dem ...;

- die Leute, die ...; denen ... –

 

während man im Bairischen stur beim "wo" bleibt, manchmal durch eine Verdoppelung des Pronomens ein wenig Präzision schaffend:

 

- der Mann, wo so was macht; wo (oder dem wo) i derwischt hab ..; de Frau, wo, des Kind, wo...  usw.

 

Und zur anderen Verwundernis: Es ist normal, dass die Sprache mit dem Örtlichen beginnt, die Kategorie der Zeit – wesentlich luftiger und abstrakter – ist es quasi schon gewohnt, dass sie später dran kommt und auf Worte zurückgreifen muss, die eigentlich dem Ort gehören. Siehe Präpositionen:

 

Ich liege am Beckenrand im Liegestuhl, während die Kinder um den Pool springen. 

Und das am Vormittag im Sommer um zehn Uhr.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Es ist normal, dass die Sprache mit dem Örtlichen beginnt, die Kategorie der Zeit – wesentlich luftiger und abstrakter – ist es quasi schon gewohnt, dass sie später dran kommt und auf Worte zurückgreifen muss, die eigentlich dem Ort gehören.

 

 

Ja, wir denken uns die abstrakte Zeit in ein greifbareres räumliches Schema. Aber nicht alle Kulturen machen das gleich. Während für uns die Zukunft "vor" uns liegt, ist sie für andere Völker "oben:

 

http://www.zeit.de/wissen/2012-04/kognitionswissenschaft-yupno

 

Sprache ist schon komisch ::):-)

Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de

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Es ist das dialektale Relativpronomen. Welches nicht der Standardsprache entspricht. 

 

Die Frage in diesem Thread richtete sich aber auf ein anderes "wo", das – speziell nach dem Adverb "jetzt" einen temporalen Nebensatz einleitet,  modifizieren hilft und vollkommen korrekt ist:

 

Jetzt, wo du das sagst, wird es mir auch klar.

 

Was sollte daran falsch sein?

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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... ja, die Verwendung von „wo“ als temporale Konjunktion (z.B. jetzt, wo ...) kommt vor allem in oberdeutschen Mundarten vor, also im Bairischen, Fränkischen, Schwäbischen und Alemannischen.

 

 

 

Neben dieser Verwendung des „wo“ als temporale Konjunktion wurden hier auch Beispiele angeführt, in denen das „wo“ als Relativpronomen verwendet wird. („Der Mann, wo ... statt der Mann, der ...“) Angelika führte Beispiele aus dem Bairischen an. Dasselbe gilt auch für das Schwäbische. Diese Verwendung ist in der deutschen Standardsprache grammatisch nicht akzeptiert.

 

Und genau dieser Kontrast zwischen der Mundart und der Standardsprache führt zu einem Problem, das als Hyperkorrektheit bekannt ist. Den Sprechern der oberdeutschen Mundarten ist bewusst, dass sie im Standarddeutschen (also meist beim Schreiben) das „wo“ an „falschen Stellen“ verwenden. Sie verfügen aber z.T. nicht über genügend grammatisches Regelwissen und genügend Übung, um die Verwendung von „wo“ als Relativpronomen (unakzeptabel) von der Verwendung als temporale Konjunktion (akzeptabel) zu unterscheiden. Sie sind also hinsichtlich des „wo“ sensibilisiert, ohne dies grammatisch differenzieren zu können.  Als Konsequenz vermeiden sie den Gebrauch von „wo“ in der Standardsprache, da sie „wo“ generell als negativ belastet empfinden.

 

Es gibt in allen Sprachen, die über Mundarten und einem Standard verfügen, dasselbe Phänomen. So sagen z.B. einige Leute in Norddeutschland „MaRgen“ statt „Magen“, weil sie das „r“ nach Vokalen generell nicht aussprechen, und hier auch sensibilisiert sind. Also sie sagen „ich daaf das“, statt „ich daRf das“. So kommt es, dass sie manchmal aus Hyperkorrektheit z.B. bei „Magen“ ein unakzeptables „R“ einschmuggeln.

 

Man könnte viele schöne Beispiele dafür nennen, wie Sprecher einer Mundart die Standardsprache verfehlen. Man muss aber dabei bedenken, wie die (deutsche) Standardsprache entstanden ist. Sie ist nämlich über Jahrhunderte durch wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen bewusst geformt worden, um überregionale Verständigung zu ermöglichen.  Sie ist also nicht einfach unbewusst in einer festen Form aus dem Boden gewachsen. Statt dessen wurden bewusst sprachliche Formen gefunden und erfunden, die in vielen der verwandten Mundarten verständlich sind.

 

Die Beherrschung der Standardsprache war lange und ist z.T. noch immer Herrschaftswissen (wie auch früher die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben). Das hat eine Dynamik in Gang gesetzt, die dazu geführt hat, dass heute die niederdeutschen Mundarten fast vollständig von der Standardsprache verdrängt worden sind. In diesem Verdrängungsprozess haben sich aber Dramen der sprachlichen Verunsicherung abgespielt, die weit über den wo-Fall hinaus gehen, die aber nach denselben Gesetzmäßigkeiten abliefen. Dabei steht immer die Frage im Vordergrund „ist das richtig oder falsch?“ Die sprachliche Norm wurde bei der Standardsprache tatsächlich durch die Elite vorgegeben, nur wird sie inzwischen von der Mehrheit gesprochen und geschrieben. Und es sind immer die Sprecher einer Sprache, die bei sprachlicher Richtigkeit den Ton angeben. Daher können sich nach meiner Ansicht vor allem Autoren/innen gut von ihrer Intuition leiten lassen.

Bearbeitet von Manfred
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Wunderbar, diese sprachlichen Erkenntnisse! 

http://Also sie sagen „ich daaf das“, statt „ich daRf das“.

Das ist doch klein Erna. Dass das das daaf! Ich selbst sage als gebürtige Flensburgerin heute noch "Tach", würde aber nur auf die Idee kommen, es geschrieben zu verwenden, wenn einer in einem Text eben so spricht. Das "wo"  von Angelika klingt einleuchtend, irgendwie stimmig, auch wenn es mir noch nie untergekommen ist. Liegt wahrscheinlich an der herrschaftlichen Hochsprache.*g*

 

Christa

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