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ClaudiaB

Sieben Sprünge vom Rand der Welt - Leserunde

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Och Menno, noch nicht mal die Affen leben im Hier und Jetzt ... wieder um eine Illusion ärmer geworden.

 

Barbara: Ich fand diesen ironischen Erzählton erst einmal schwierig, nach diesem intensiven Prolog - der ja, wie sich herausstellt (wen wundert's) ein Punkt im Roman ist, an dem vieles zusammenläuft, ein hot spot, das merkt man ihm auch an in seiner Intensität. Und dann dieser lässige, sorglose Ton. Simone hat also Angst vor Schnee. Na und, hab ich gedacht. Falls diese Wirkung beabsichtigt war, dann ist es super gelungen!

Wie ging es euch eigentlich mit den ganz jungen Stimmen?

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Wie ging es euch eigentlich mit den ganz jungen Stimmen?

Gute Frage, Claudia. Beim drüber Nachdenken bin ich darauf gekommen, dass sich bei den beiden für mich zeigt, wo der Haken der vielen Ich-Erzähler liegt. Jedes Ich braucht seine eigene Welt, mit eigenen Figuren, Sorgen, Zielen etc. Bei Jennifer und Esther ist diese Welt aber schon ziemlich weit von dem entfernt, worum es im Roman als Ganzes geht.

 

Jennifer wirkt auf mich dadurch sehr fremd. Ihr Sport, die Beziehung zu Mutter und Vater, all das hat nur noch wenig mit der Geschichte zu tun, die der Roman erzählt und von der Jennifer ein Stück weitererzählt. Sie taucht auf, weil sie eine dramaturgische Funktion hat, und verschwindet dann wieder.

(Wobei ich es dann auch wieder so klasse finde, dass sie – die Volleyballerin – eben mal einen Ball ins Spielfeld schmettert (indem sie Stachs Geheimnis verrät) und damit dem Spiel eine völlig neue Wendung gibt. Das ist einfach nur gut.)

 

Bei Esther empfinde ich das mit der Fremdheit als nicht so stark, weil sie natürlich eine enge Beziehung zu ihrem Großvater hat. Und dass Stachs Geschichte bis zu seinem Tod erzählt wird, hat mich sehr gefreut, diese Passagen habe ich einfach geliebt. Trotzdem habe ich auch bei Esther ein wenig das Gefühl, dass der Schwerpunkt ihrer Geschichte an der falschen Stelle liegt. Für sie müsste ihr eigenen Leben im Mittelpunkt stehen, nicht der Großvater. Das wäre anders, wenn sie einen konkreten Erzählanlass hätte. Darum habe ich oben geschrieben, hier liegt für mich der Haken der Erzählkonstruktion.

 

Das ist aber echt Meckern auf ganz hohem Niveau. Ich mag nicht einmal sagen, dass ich darin eine Schwäche des Romans sehe. Wobei mein größter Kritikpunkt schon wäre, dass der Roman einfach zu viel enthält. Zu viele Themen anschneidet, zu viele Bälle in die Luft wirft. Aber das vertagen wir vielleicht lieber auf später?

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Mir ging es mit Jennifer ähnlich. Man könnte fast sagen: Also, das hat mich echt aus dem Lesefluss gerissen.  :-X

Und dass Esther natürlich über Vertreibung recherchiert, passt mir auch ein bisschen zu gut ins Gesamtkonzept, bzw. in deinen Einwand, Barbara: Wo ist ihr eigenes Leben, ich glaube ihr nicht ganz, dass sie nur in diesen Zusammenhängen existiert - wie der Erzähler das will.

Dass das Thema derart präsent in dieser Familie ist, darüber habe ich mich beim Lesen immer wieder gewundert. Abgleich mit dem eigenen Leben: Kenne ich absolut nicht, die Enkelgeneration weiß noch nicht mal wirklich davon und Schlesien ist ihnen sowas von wurscht.

Andererseits: Hier kommt endlich das ins Spiel, woran ich auch immer wieder gedacht habe, Flucht und Vertreibung überall auf der Welt, unter schlimmsten Umständen. Den Ex-Vertriebenen des zweiten Weltkrieges ging es in Deutschland dann doch recht gut, vor allem im Westen, auch der Familie Grolmann. Die Mischung mit den polnischen Vertriebenen in der Geschichte der "Alten" ist sehr gelungen, sehr stark und wirkt kräftig gegen solche Gedanken, aber im letzten Drittel des Buches war ich dann soweit, mir den Blick über den Tellerrand sehnlich zu wünschen.

 

Da die Mehrheit schweigt: Wünscht ihr euch ein anderes Vorgehen? Mehr über den Inhalt reden, weniger über Erzählstimmen?

Was meine Zeit betrifft, bin ich selbst jenseits von allem und kurz vorm Wahnsinn, das gilt nicht als Ausrede!

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Dass das Thema derart präsent in dieser Familie ist' date=' darüber habe ich mich beim Lesen immer wieder gewundert. Abgleich mit dem eigenen Leben: Kenne ich absolut nicht, die Enkelgeneration weiß noch nicht mal wirklich davon und Schlesien ist ihnen sowas von wurscht.[/quote']

Ja, aus meiner Familie kenne ich das auch anders. Die Familie meines Vaters stammt aus Oberschlesien, aber zumindest vor uns Kindern wurde extrem wenig von früher erzählt. Aber das ist vermutlich in jeder Familie anders (gewesen), unsere war sowieso ein Club der Schweiger.

 

Dass über Esther ein Bogen zu all den Migranten, Flüchtlingen und Vertriebenen heutzutage geschlagen wird, fand ich auch sehr gut gelöst.

 

Da die Mehrheit schweigt: Wünscht ihr euch ein anderes Vorgehen? Mehr über den Inhalt reden, weniger über Erzählstimmen?

Was meine Zeit betrifft, bin ich selbst jenseits von allem und kurz vorm Wahnsinn, das gilt nicht als Ausrede!

Genau: Wo seid ihr alle?

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Uaa, ich melde mich mit schlechtem Gewissen, weil ich immer noch nicht wesentlich weiter gekommen bin (und außer Hausputz und solchem Kram keine rechte Entschuldigung habe).

 

Aber da ihr das Thema mit den Vertriebenen und ihrer Befindlichkeit schon aufgreift, mein allgemeines Ärgernis dazu und am Buch soweit gelesen:

 

Eine deutsche Schriftstellerin schreibt ein dickes Buch darüber, dass nach der Vertreibung der Sudentendeutschen und Schlesier alle so traumatisiert sind. Echt? Sind sie das?

 

Vertrieben werden ist zweifellos ein schlimmes Schicksal. Aber Vertreibung ist nicht Vertreibung. Was den Deutschen nach dem II. Weltkrieg widerfuhr, lässt sich nur in Einzelfällen vergleichen mit dem, was momentan etwa die Syrer mitmachen (es gäbe noch eine große Zahl von vergleichbaren, sehr traurigen Fällen). Und es gab eine Vorgeschichte, an der einige der Vertriebenen recht aktiv mitgewirkt haben. Das sollte bei einer gerechten Betrachtung der Dinge vielleicht nicht ganz vergessen werden. Kaum war die BR gegründet ging es aber – beflügelt durch die entsprechenden Verbände mit entsprechender politischer Protektion – schon los mit Ansprüchen und endlosem Gejammer über die Verluste in der alten Heimat. In unserer Familie genauso: "unser Haus ... unser Haus ...!" Ich habe in den 70ern dann dieses "Haus" besichtigen können: eine schiefe Hütte mit zwei Räumen, der eine für die Menschen, der andere fürs Vieh, den Gang haben beide Parteien benutzt.

 

Für bestimmte politische Ressentiments war die Aufrechterhaltung einer ständigen Vertreibungsdepression funktional – anders kann ich mir das anhaltende Gegreine nicht erklären. Und jetzt nimmt ein Buch sich dieser Depression an. Eine Stelle dazu, die mich aufgeregt hat: Jemand muss seinen Dackel zum Metzger bringen und dort sachgerecht schlachten lassen, weil "Haustiere bei der Flucht nicht erlaubt waren" (p.64). Bringt da die Verfasserin die Begrifflichkeiten durcheinander? Flucht ist was anderes als Vertreibung, Flucht wird  sozusagen privat organisiert, weshalb es auch keine Verbote oder Erlaubnisse gibt. Stalltiere, das weiß ich auch aus der Familiengeschichte, wurden vor der Vertreibung verkauft – zu einem Spottpreis, klar, aber hoch dramatische Kehledurchschneidungen fanden nicht statt.

 

Man kann eine Geschichte so oder so erzählen. In der Titanic habe ich mal einen Cartoon gesehen zur Demonstration eines Vertriebenenverbands, auf der ein Kleinkind quengelt, dass es jetzt heim will, worauf die Mutter ihrer Freundin erklärt: "Siehst du, die Stimme des Blutes!" Das ist natürlich Satire, der Roman hier läuft anders. Aber die Story vom Dackel drückt auf eine Tränendrüse, der ich noch nie geglaubt habe.

 

So,ich habe abgeschnaubt. Ich lese schon weiter. Vielleicht tue ich der Verfasserin unrecht.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Ja, das finde ich wirklich etwas ungerecht dem Buch gegenüber, liebe Angelika.

Ich kenne dieses "Gegreine" auch noch sehr gut und kann es ebenfalls nicht leiden (als "Halbvertriebene" darf ich das wohl sagen ;-)), und auf unserer Masurenreise in der Neunzigern fand ich nichts so ärgerlich wie die Busladungen wohlgenährter deutscher Sechzigjähriger mit fetten Kameras vor den Bäuchen, die sich gegenseitig erzählten, dass "wir hier mal Landwirtschaft hatten", ansonsten aber nur die Bernsteinläden plünderten. (Wir hatten  bei einer ansonsten wunderschönen Dampferfahrt eine solche Gruppe an Bord.)

 

Der Roman erzählt aber nicht von verlorenen Dackeln und Häuschen, sondern von sehr realen Traumatisierungen durch Geschehnisse am Ende des zweiten Weltkriegs. Von Flucht und Vertreibung über Volkssturm, Hinrichtungen, "verbrannte Erde", Bombennächte, Kriegsgefangenschaft … In den Kapiteln aus der Kriegszeit tut er das mit großer Eindringlichkeit und sehr viel Empathie. In den Kapiteln aus der Jetztzeit werden diese Themen dagegen mit großer Distanz und (wie ich finde) sehr viel Ironie abgehandelt. Ob die Kombination völlig gelungen ist, kann man sicher diskutieren. Aber selbstmitleidig fand ich den Roman eigentlich nirgendwo. (Was allein schon eine Leistung ist, meiner Meinung nach.) Aber das wäre ja vielleicht auch noch ein interessantes Diskussionsthema.

 

Noch konkret zu dem Dackel: Im Lauf des Romans wird klarer, wie sich die Flucht abgespielt hat. Wenn ich es richtig im Kopf habe, hat die deutsche Obrigkeit angeordnet, dass Frauen, Kinder und Alte das Dorf zu verlassen haben, während die Männer zum Volkssturm eingesammelt wurden. Die Menge Gepäck, die mitgenommen werden durfte, war vorgeschrieben – ja, und eben keine Haustiere. Das alles, wie gesagt, aus dem Gedächtnis, ich komme im Moment nicht dazu, die Stellen herauszusuchen. Aber falls du weiterliest, kommst du ja selbst noch daran vorbei.

 

Liebe Grüße

 

Barbara

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Barbara, du bist gerecht, dir glaub ich alles. :D

 

Okay, ich hätte eh weiter gelesen, aber nach deinen Worten tue ich es mit weniger Widerwillen.

 

Bis später,

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Hallo in die Runde,

 

wo die Mehrheit ist? In Schlesien, etwas USA, Bayern. Bin gerade wieder hier angekommen und muss mich von dem Jetlag erholen.

 

Soviel schon mal während der Kopf noch schwirrt vor Eindrücken. Hut ab! Beeindruckend, vor allem sprachlich. Unfassbare Breite von Registern. Die Bilder der schlimmen Zeit erinnern mich an Paul Celan, auch wenn die Autorin eine Generation nach ihm lebt.

 

Ich kann Angelikas Zögern aber gut nachvollziehen. Ab dem 4. Kapitel (Lilly) erschienen mir die Figuren glaubhaft. Mit den Simone und Borris hatte ich so einige Probleme.

 

Ich melde mich gleich wieder mit Eindrücken zur Erzählperspektive und Sprache.

 

Manfred

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Mein Eindruck von der Erzählperspektive ist ähnlich wie der von Claudia und Barbara. Es gibt zwar verschiedene Ich-Erzähler, aber es gibt auch – wie Claudia sagt – einen Meta-Erzähler, der nach meinem Eindruck durch Draesners markantem Schreibstil durchdringt. So verwendet sie bei allen Ich-Erzählern ungewöhnliche Komposita wie „Fellkinder“, „Kommunismusbett“, „Grußgreis“ oder „Mutterblödigkeit“ ebenso eher Partizipien als Nebensätzen („Das von mir vor ein paar Wochen gelesene Buch einer israelischen Autorin ...“ statt „Das Buch einer israelischen Autorin, das ich vor ein paar Wochen gelesen habe/hatte, ...“), archaische Verbformen wo möglich („buk“ statt „backte“, „dürsten“ statt „dursten“ ) und Kurzsätze, die als Kontrapunkt am Schluss einer lebhaften Ausführung stehen.

 

Daneben verwenden einige der Erzähler authentische Redemittel, z.B. der etwas nervige Wortwitz von Eustachius, das Jugendregister vor allem bei Esther und z.T. bei Jennifer, Jagd- und Militärregister bei Hannes. Dazu die schlesischen und bairischen Dialekteinfärbungen, polnisches, russisches und englisches Code-switching und die entsprechende Sprachmischung (z.B. bei der Re-Migrantin „Maggie“ – im Roman „Maggy“, z.B. „We are oalt enouff dafür“). All das wirkt auf mich sprachlich authentisch und trägt dazu bei, die jeweilige Figur darzustellen.

 

Der Wechsel zwischen den eher figurentypischen und den Draesner-typischen Ausdrucksmitteln hat mich in den ersten drei Kapiteln etwas gestört, wahrscheinlich weil ich die Figuren aus inhaltlichen Gründen nicht ganz überzeugend fand. Dabei fand ich die Innenperspektive aber inhaltlich konsequent dargestellt. Mich überraschte, dass Lilly sich in ihrer Erzählung so weit von sich selbst entfernt, dass sie sich selbst „Lilly“ nennt („Lilly hatte gekocht, Lilly, die ich vor mir sehe, Lilly-Ich ...“) und dass dies nicht zur Verwirrung des Lesers führt – zumindest nicht bei mir. Im Hannes-kapitel geht Draesner noch einen Schritt weiter. Hannes erzählt zunächst in der ersten Person und wechselt dann mit dem Tod seines Freundes Ewald zur dritten Person (ab S. 328), bleibt aber in der Innenperspektive des Hannes. Auch das funktionierte für mich. Es hatte den Effekt, dass ich Hannes aus weiterer Distanz betrachtete, so als wäre Hannes, der Erzähler, losgelöst von Hannes, dem die Dinge passieren. Erst nach seinem Suizidversuch im Wald kommt er zu sich und der ersten Person zurück (S. 373). Auf mich hat dieses Heraus- und Hereintreten stark gewirkt.

 

Ok, das erst mal als mein erster Kommentar zu meiner Wahrnehmung der Form. Es gibt sowohl dazu als auch zu etlichen anderen Themen sicher noch viel zu sagen. Mich interessieren natürlich die Affen brennend, ebenso die Frage des freien Willens, die Migration, die lyrischen Stellen und ...

 

Herzliche Grüße,

 

Manfred

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Ach, toll, Manfred – danke für diesen scharfen Blick auf das Durchmischen der Erzählstimmen.

 

Mich überraschte' date=' dass Lilly sich in ihrer Erzählung so weit von sich selbst entfernt, dass sie sich selbst „Lilly“ nennt („Lilly hatte gekocht, Lilly, die ich vor mir sehe, Lilly-Ich ...“) und dass dies nicht zur Verwirrung des Lesers führt – zumindest nicht bei mir.[/quote']

So ging es mir auch. Ich fand überhaupt, dass der Roman seinen Lesern zwar einiges abverlangt, sie aber nirgendwo verprellt. Ich fand ihn sorgsam erzählt, mit guter Dramaturgie, und die stark verdichteten oder lyrischen oder besonders heftigen Passagen haben alle eine Funktion. Jedenfalls habe ich es so empfunden. Den Wechsel zur 3. Person bei Hannes und Lilly fand ich auch sehr wirkungsvoll und sehr überzeugend. Dass Lilly sich den Wechsel bewusst macht, Hannes dagegen nicht, dient ja auch der Figurenzeichnung.

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Wie gesagt, das Mischen der Erzählstimmen war für mich nachvollziehbar.

 

Gewöhnungsbedürftig war für mich aber das Mischen der Stilmittel. Stach machte zuerst seine Sprachwitze, zeigte dann aber viele derselben sprachlichen Präferenzen wie Simone. Dabei wirken ja diese Ausdrucksmittel auf uns Leser und zeichnen die Figur mit. Wie stellt man sich jemanden vor, der in der indirekten Rede stets einen Konjunktiv wählt, möglichst archaische Verbfomen wählt (etwa „büke“ statt „backte“ im Konjunktiv II),  der lieber satzlange nominale Gruppen baut statt einen Nebensatz einzufügen. Ich wage zu behaupten, dass diese Art von Ausdrucksmitteln bei intensivem Gerbrauch bei vielen Lesern den Eindruck vermitteln, dass der Schreiber bewusst ein formelles Register wählt, denn die gewählten Ausdrucksmittel könnten allesamt auch durch weniger formelle oder weniger archaische Mittel ersetzt werden. Bei Lilly und Hannes funktioniert das gut, weil mit einem formellen Register die gewählte Mischung aus Prosa und Lyrik gut gelingt. Besonders bei der schwergängigen Kriegsthematik. So können tiefgreifende Stimmungen und Empfindungen in Worte gefasst werden, die sonst schwer fassbar wären, zum Beispiel die Verbundenheit von Hannes mit seiner schlesischen Umgebung.

 

Sehr viel schwerer war es für mich als Leser, diese Mischung von sehr formellen Ausdrucksmitteln mit banalen Ausdrücken aus der Alltagssprache wie „Kabuff“, „Gekotzt“ oder „Sex-Geschichte“ (alle in Kapitel 1 – Simone) als natürlich anzunehmen. Esther sagt neben einander „... während David ... ziemlich deutlich rüber kam.“ Und „Sie hungern und dürsten.“ Dieses Nebeneinander von eher authentischen und streng gewollten Ausdrucksmitteln machte mir anfangs das Lesen schwer. Es erschwerte es mir, mich in der Figur einzufinden, machte mir immer wieder deutlich „hier schreibt Ulrike Draesner, bekannt für ihre Lyrik.“. Ab dem 4 Kapitel habe ich mich dann dran gewöhnt.

 

Schöne Grüße,

 

Manfred

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Hallo ihr Lieben,

 

ich wollte nur sagen, ich lese das hier sehr interessiert und aufmerksam, muss mich leider noch etwas zurückhalten, da ich das Buch noch immer nicht ganz zu Ende gelesen habe...

 

Liebe Grüße

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Lieber Manfred,

danke für deine tolle Analyse! Du hast vieles klargemacht, für das mir die Worte gefehlt haben.

Der Wechsel zwischen den eher figurentypischen und den Draesner-typischen Ausdrucksmitteln hat mich in den ersten drei Kapiteln etwas gestört, wahrscheinlich weil ich die Figuren aus inhaltlichen Gründen nicht ganz überzeugend fand. Dabei fand ich die Innenperspektive aber inhaltlich konsequent dargestellt.

 

Ja, genauso ging's mir mit Simone und mit Boris. Wobei mir nicht ganz klar ist, warum ich ihnen nicht wirklich glauben wollte und ich immer wieder "na und" gedacht habe. Abgesehen vom Sprachlichen ging es mir inhaltlich so, dass ich die "übertragenen Ängste" ein bisschen plakativ fand. Sie hat diffuse Angst vor Schnee, weil der Vater durch den Wald gestapft ist, er mag keine Rolläden, weil die Mutter hinter vernagelten Fenstern gelebt hat. Dass es diese übertragenen Ängste gibt, finde ich faszinierend - und ich bin auch froh, dass dies zum Thema gemacht wird. Meiner Erfahrung nach sind diese Ängste aber weniger greif- und festnagelbar. Allein dass es Simone so bewusst ist, grenzt schon an ein Wunder. Wie wir auch schon aus den wenigen Beispielen hier gehört haben und wie ich bestätigen kann, wurde kaum darüber gesprochen. Was ja auch damit zusammenhängt, dass über Kriegstraumata nicht oder nicht in einer konstruktiven Weise geredet wurde. Also nur in Form von dem von Angelika angeführten "Gejammer" - das ich selbst fragwürdig fand, habe es als Kind aber nur aus dem Fernsehen mitbekommen per Bericht über "Schlesiertreffen."

Natürlich kann bei anderen, speziell bei der Familie Grolmann mehr geredet worden sein.

 

Wieder zurück zur sprachlichen Ebene. Hier legt Manfred den Finger auf das, was mich auch gestört hat, das ich aber dann unter "Meta-Erzähler" abgehakt habe.

Stach machte zuerst seine Sprachwitze, zeigte dann aber viele derselben sprachlichen Präferenzen wie Simone.

Das war der Grund, warum ich ganz am Anfang fragte, ob für euch die Stimmen unterschiedlich klingen.

 

Und bei allem war ich vollkommen hingerissen von den Wortschöpfungen, der sprachlichen Souveränität des Erzählers bzw der Autorin und von der

Wucht und der Wirkung der Sprache, ganz besonders in den Lilly- und Hannes-Kapiteln. Hier stimmt für mich alles. Mir erscheinen diese Wechsel in die dritte Person und auch das Nicht-Reflektierte von Hannes darüber absolut schlüssig.

Manfred und Barbara haben dazu aber schon so viel Kluges gesagt, dass ich gar nix Neues mehr habe, nur: Schwierigkeiten weiterzulesen oder auch nur fehlende Lust, weiterzulesen, gab es bei mir nie - egal, ob mich mal eine Stelle aufgeregt hat, ich etwas unglaubwürdig fand etc.

 

Und zu Angelika: Ja, das ist mir alles bewusst. Und es ist klar, dass diese Vertriebenenschicksale den Vergleich zu dem, was jetzt an viel Schlimmerem passiert, natürlich herausfordern. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass darüber in dieser Weise geschrieben wird und nicht alles den Jammeren (der letzten Generation) überlassen bleibt.

Dass in den letzten Jahren die Kriegskinder zu Wort kommen durften, empfinde ich als durchaus befreiend.

 

Wann immer wir uns den Affen und der Empathie zuwenden wollen, ich bin gespannt!

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Hallo in die Runde,

 

kann es sein, dass das Lesen doch etwas länger dauert als wir gedacht haben? Ich habe aber den Eindruck, dass es reichlich Meinungen zum Buch gibt und habe mal einige Themen aus der bisherigen Diskussion heraus gefischt und einige hinzu gefügt: 

 

- "übertragene Ängste"

(Link ungültig)

 

- Primaten: menschliche und nicht-menschliche

- Migration/ Fremdheit

- Prolog: er taucht ja im Roman an mehreren Stellen wieder auf.

- Humor, welche Rolle hat er und wie funktioniert er im Roman?

- Wie glaubhaft wird Stachs und Simones Beruf dargestellt?

- Die Rolle von Bildung

- ...

 

LG,

 

Manfred

 

(Änderung: zwei Tippfehler)

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Der Wechsel zwischen den eher figurentypischen und den Draesner-typischen Ausdrucksmitteln hat mich in den ersten drei Kapiteln etwas gestört, wahrscheinlich weil ich die Figuren aus inhaltlichen Gründen nicht ganz überzeugend fand. Dabei fand ich die Innenperspektive aber inhaltlich konsequent dargestellt.

 

Ja, genauso ging's mir mit Simone und mit Boris. Wobei mir nicht ganz klar ist, warum ich ihnen nicht wirklich glauben wollte und ich immer wieder "na und" gedacht habe. Abgesehen vom Sprachlichen ging es mir inhaltlich so, dass ich die "übertragenen Ängste" ein bisschen plakativ fand.

Mir ging es ähnlich wie euch. Dass die Erzählstimmen sich stilistisch wenig unterscheiden, hat mich kaum gestört – am ehesten, als Boris dann auch prompt betrunken war, da kam so ein Gefühl "Och, nicht schon wieder" bei mir auf. Ansonsten fand (und finde) ich eher interessant, dass ich die Erzählstimmen schnell als authentische Widerspiegelungen der Erlebens- und Gedankenwelt der Figuren akzeptiert habe, obwohl sie die üblichen Anforderungen an "authentische" Ich-Erzählungen nicht erfüllen. Das fand ich handwerklich einfach interessant.

 

Probleme hatte ich am Anfang auch eher aus inhaltlichen Gründen. Ich habe auch jetzt im Rückblick noch den Eindruck, dass da sehr viele aufgeladene Themen mal kurz in den Raum geworfen, aber dann nur halbherzig weitergeführt werden. Der plakative, ironische Umgang mit den ererbten Traumata ist für mich so ein Fall – da habe ich eigentlich erwartet, dass das später noch einmal ernsthaft aufgegriffen wird, aber die (behaupteten) Traumatisierungen der Nachkriegsgeneration sind für mich in dem gesamten Roman wenig spürbar geworden.

 

Ähnlich ging es mir mit den vielen Themen rund um die Affen, die im Laufe des Romans ins Spiel gebracht werden, vom freien Willen über Empathie und Kooperation, Gewalttätigkeit bis hin zum Milgram-Experiment. Alles spannende Themen, die neugierig machen, aber wenn ich versuche, einen Bezug zur zweiten Handlungsebene – Krieg und Vertreibung – herzustellen, bleibe ich doch ziemlich ratlos zurück. Und auch innerhalb der ersten Zeitebene finde ich das alles zwar suggestiv (wie gesagt), aber letztlich doch ziellos. Was auch daran liegen mag, dass mich weder Simone und Stach als Naturwissenschaftler überzeugt haben. Am deutlichsten wird das für mich bei Simones Vortrag: Ich kann mir beim besten Willen keine Gründe vorstellen, weshalb eine Institutsdirektorin ihren eigenen Mitarbeitern einen solchen Vortrag halten sollte. Auch Stachs Verhältnis zu seinen zwei Affen überzeugt mich in dieser Hinsicht eigentlich nicht. Mag aber sein, dass ich das wegen meiner biologischen Vorgeschichte zu eng sehe oder zu wichtig nehme.

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Ihr Lieben,

ich bin gerade ziemlich im Stress und kann deshalb nur ganz kurz:

Liest außer BarbaraS, Manfred und mir überhaupt noch jemand bzw interessiert sich dafür?

Ich finde Manfreds Fragen hochspannend und würde mich zunächst gern auf Folgendes konzentrieren:

Primaten: menschliche und nicht-menschliche  

Prolog: er taucht ja im Roman an mehreren Stellen wieder auf.

Wie glaubhaft wird Stachs und Simones Beruf dargestellt? (Dazu kann vielleicht Barbara noch mehr sagen!)

Die Rolle von Bildung (dazu hätte ich, lieber Manfred, gern eine nähere Erklärung, wie du das genau meinst)

 

Auf den Humor und die Migration können wir uns ja nachher stürzen.

 

Und zu der Übertragung der Ängste will ich unbedingt noch etwas beitragen bzw ein bisschen sammeln, das war für mich eigentlich das spannendste Thema am Roman und ich hatte hier auch gehofft, dass es noch vertieft würde - was nicht geschah.

 

Im Moment reicht die Zeit nicht für mehr ... sorry. Wird wieder besser! Und vielleicht melden sich ja auch noch ein paar Abtrünnige?

Liebe Grüße

Claudia

 

 

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ihr Lieben,

 

ja! Ich lese hier alles mit und lerne wahnsinnig viel! Aber auch ich bin so eingedeckt mit Arbeit, Lesungen, etc., dass es mir zeitlich kaum möglich ist, hier etwas Sinnvolles zu schreiben ...

 

Auf jeden Fall bin ich total dankbar, dass ich über euch überhaupt auf dieses faszinierende Buch gestoßen bin. Wir haben es nämlich atemlos verschlungen :-).

 

Liebe Grüße

Barbara

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Hallo in die Runde,

 

ich stecke auch bis zum Hals in Terminen, obwohl ich schon seit Jahren dabei bin, das abzuschaffen. Trotzdem möchte ich heute wenigstens ein paar Worte zum Prolog „sagen“ und nachfragen, wie Ihr das seht.

 

Ich wähle den Prolog, weil er zu den Teilen des Romans gehört, die mich am stärksten beeindruckt haben. Dabei hört Ihr auch einen Zwischenton: Es gibt auch einige Aspekte, die mich weniger beindruckt haben. Wenn man aber selbst versucht, passende Worte für Geschichten zu finden und damit einen Ton anzuschlagen, der nachhallt, dann ist man vielleicht übervorsichtig mit Kritik an anderen, besonders wenn sie so viel vorzuweisen haben wie Ulrike Draesner.

 

Ich hatte den Prolog zunächst für nur für sich gelesen, weil er hier im Forum an anderer Stelle angesprochen wurde. Schon beim ersten Lesen löste er eindrucksvolle und verstörende Bilder aus. Ein Kind ist angeleint, ein Kind ist behindert, der Gruß der Herrenmenschen, die Gefühlte Ablehnung aus kindlicher Perspektive. Beklemmend. Man fragt sich, wie es zu diesen Widersprüchen kommt. Wer leint sein Kind an wie einen Hund? Was wollen die Herrenmenschen hier?

 

Erst 300 Seiten später sehen wir die Szene noch einmal – aus der Sicht des Vaters (Hannes) und erfahren einen Teil der Tragik, die in der Situation steckt und auch den Vater innerlich zerreißt. Ist Emils Leben „unwert“? Die Eltern versuchen verzweifelt dem eugenetischen Arzt etwas vorzugaukeln und traumatisieren zugleich den jüngeren, angeleinten Bruder. Das wird in Stachs Erinnerungen als Erwachsener deutlich.  Er empfindet als Kind ungerechte Ablehnung, die ihn prägt.

 

Der Prolog enthält also schon einige der wesentlichen tragischen Momente des Romans, insbesondere den empfundenen Zwang zur Selbstverleugnung und das daraus resultierende Trauma von Dritten. Die Bedrohung Emils ist bildhaft im Prolog präsent und zieht sich durch viele Teile des Romans. Von Lilly erfahren wir, dass sie sich regelmäßig mit dem Eugenetiker trifft. Die positive Lesart wäre wohl, das sie ihn damit wohlwollend gegenüber Emil stimmen wollte. Leider fand sie auch seine angebliche Bildung attraktiv. Das warf für mich einen Schatten auf ihre Motive.

 

Der Prolog steht also nach meiner Ansicht in einer besonderen Verbindung zu den  Kriegskapiteln, die ich – im Gegensatz zu den Kapiteln über Simone und Borris - als besonders authentisch und sprachlich sehr eindrucksvoll empfand. Hier kam nach meiner Ansicht die besondere sprachliche Ausdruckskraft von Draesner zur Geltung, genau wie im Prolog. Dabei gleitet sie an beiden Stellen mühelos zwischen der lyrischen und der erzählenden Form. Beim wiederholten Lesen wurden die Bilder, die der Prolog erzeugt, nur noch eindringlicher. Vielleicht gerade heute.

 

Manfred

 

Korrektur: Tippfehler

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Ja, ganz toll analysiert, Manfred, herzlichen Dank.

Ich möchte gern mit einer Frage anschließen, aber vorher noch in einem Punkt widersprechen: Dass Lilly manches an dem Arzt attraktiv findet, wirft für mich keinen Schatten auf ihre Motive, sondern macht ihr Verhalten überhaupt erst glaubwürdig. Ich hätte mir schwer vorstellen können, dass sie mit reiner Schauspielkunst etwas bei ihm erreicht hätte. Ebenso glaubwürdig – und charakteristisch – finde ich, dass sie ihn nicht aus politischen oder ethischen Gründen, als Vertreter einer verbrecherischen "Wissenschaft" ablehnt, sondern dass sie in ihm eine konkreten Menschen sieht, von dem eine konkrete Gefahr ausgeht, dem sie ansonsten aber sympathische Züge abgewinnen kann.

Etwas Ähnliches wiederholt sich ja später mit dem Dorfgendarm in Bayern. Auch da geht sie sehr pragmatisch mit der Gefahr um.

 

Aber jetzt meine Frage: Was meint ihr, warum ist der Prolog in der 3. Person geschrieben? Ich erkläre es mir so, dass die Szene zwar aus Eustachius' Sicht geschildert ist, aber keine Erinnerung ist in dem Sinn, dass er sie erzählen könnte. Du hast so etwas in dem früheren Thread schon geschrieben, Manfred: Es ist keine Kindersprache, und es ist auch kein Erwachsener, der sich erinnert, aber es stellt dar, wie sich die Ereignisse im Bewusstsein des kleinen Jungen spiegeln könnten.

 

Dazu passt für mich, dass der Prolog ja ganz kurz noch einmal aufgegriffen wird, in der Passage, bevor Eustachius stirbt (S. 545f.). Auch hier erzählt kein Ich, sondern wir "hören" mit, was dem Sterbenden durch den Sinn geht. (Auch eine Stelle, in der die Autorin sich souverän über die Regeln für "authentische" Ich-Erzähler hinwegsetzt, auch das hat mir sehr gut gefallen.)

 

Darüber hinaus deutet die 3. Person aber auch darauf hin, dass die Szene, auf die der Prolog vorgreift, für viele Figuren des Romans zentral ist. Nicht nur für Eustachius, sondern auch für Hannes, Lilly und natürlich Emil. Wäre sie in der Ich-Form geschrieben, würde sie viel stärker Eustachius "gehören".

Mich würde aber sehr interessieren, wie ihr das seht.

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Interessante Frage, Barbara. Draesner wählt ja die verschiedenen Ich-Erzähler und setzt sich an einigen Stellen, wie du sagst, „souverän über die Regeln für ‚authentische’ Ich-Erzähler hinweg“. Das sehe ich auch so. Dabei gelingt es ihr nach meiner Ansicht, dass der Erzähler aus der Sicht des Lesers Distanz zu sich selbst einnimmt. Für mich besteht die besondere Kunst der Autorin darin, dass sie trotz der wechselnden Erzählperson noch genügend sprachliche Mittel einsetzt, die die Erzählperspektive für den Leser auf Kurs halten, etwa „er, Hannes“ oder „Ich-Lilly“. Im Prolog geschieht dies – genial, wie ich denke - durch die kindliche Sichtweise. Aus Sicht der Kinderaugen schlängelt sich die Hundeleine auf das Kind zu. Der sprachliche Ausdruck ist aber nicht der eines Kindes, sondern eine Mischung aus der bewussten Sprachform der Autorin und einer zitierten kindlichen Sprech- und sichtweise („Wenn Vatis Jäger Vati besuchten, ...“).

 

Barbara, du sagst „Wäre sie (die Szene im Prolog) in der Ich-Form geschrieben, würde sie viel stärker Eustachius "gehören".

 

Das sehe ich auch so. Ich denke, dass die Szene deshalb auch Hannes und Lilly gehören kann, weil Erwachsene sich in die Lage anderer Personen versetzen können. Deshalb können sie ja auch lügen. Vierjährige können das noch nicht besonders erfolgreich. Hannes und Lilly können sich in die Perspektive des kleinen angeleinten Eustachius hinein versetzen. Deshalb ist diese Vorstellung für Hannes ja so schmerzhaft. Und daher gehört diese Szene auch ihnen – denke ich. Nur, wie passt Emil da hinein? Am Ende schien es ja manchmal, dass er doch geistig weiter entwickelt war als man zunächst dachte. - ?

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Nur, wie passt Emil da hinein? Am Ende schien es ja manchmal, dass er doch geistig weiter entwickelt war als man zunächst dachte. - ?

Oh ja: Emil. Mir ist erst durch deine Postings zum Prolog bewusst geworden, wie wenig man eigentlich über Emil erfährt. Dramaturgisch hat er ja eine ganz wichtige Funktion, weil die Frage, was mit Emil geschehen ist, aus dem Kriegs-Strang in den Gegenwarts-Strang hineinreicht und dadurch beide verknüpft. (Geradezu ein Krimi-Rätsel ;) mit Andeutungen, Vermutungen, falschen – oder doch nicht so falschen? – Fährten usw.)

 

Aber ansonsten behandeln ihn die übrigen Figuren eigentlich nicht wie eine Person, oder? Eher wie einen Gegenstand, auf den man achtgeben muss. Eustachius bezeichnet ihn ja sogar als "Stein". Es wird beschrieben, wie die Eltern ihn verstecken und seine Behinderung tarnen, welche Gefahr ihm droht, wie man ihn hierhin bringt und dorthin nicht bringt und was man mit ihm macht und was nicht.

 

Und dann während der Flucht entwickelt er plötzlich ein Eigenleben. Die Aufsicht durch die Familie bricht zusammen – und plötzlich zieht er Uniform an, schreibt einen Brief, hat eigenen Pläne.

 

Für mich bekommt er dadurch etwas Surreales, Spukhaftes. Ich empfinde viele Figuren in diesem Roman – vor allem die aus der Gegenwartshandlung – als ein wenig überzeichnet. Das ist nicht als Kritik gemeint, denn ich denke, es ist beabsichtigt. Aber viele Situationen (wie gesagt: in der Gegenwartshandlung) haben für mich etwas leicht Theatralisches. Emil dagegen ist "unterzeichnet" (ich weiß, das Wort gibt es nicht). Er verschwindet fast. Oder übertreibe ich da?

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Ihr Lieben, ich bin auch noch da!

Und Jueb ... du weißt ja: :s23

 

Ich will erst eure Beiträge sorgfältig lesen, dann kommt von mir auch noch mehr.

Danke auf jeden Fall erst einmal für eure Gedanken und Analysen, das ist sehr interessant und lehrreich!

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Stimmt, Barbara. Emil bleibt als Figur auch aus meiner Sicht eher eine Rolle als eine wirkliche Person. Das ist schon bemerkenswert, auch weil Emil ein Mensch mit Behinderung ist. Dabei meint Christian Mürner, ein an Literatur interessierter Pädagoge, in seiner „Bibliothek behinderter Figuren“, dass Menschen mit einer Behinderung in der Literatur auch an anderer Stelle auf eine Rolle reduziert wurden (neben anderen Funktionen in literarischen Texten).

 

Ich hatte mich beim Lesen zunächst daran gestoßen, dass bei der Darstellung von Emil eher die Defizite im Vordergrund stehen und nicht seine Fähigkeiten. Das möchte ich im richtigen Leben unbedingt vermeiden. Hinzu kommt, dass der Text aus meiner Sicht ein Krankheitsbild suggeriert, das ich von alten Vorurteilen kenne: humpelnde Gangart gepaart mit schwachem Geist. Wir sehen den Glöckner von Notre Dame. Dabei geht der pes equinovarus meines Wissens nicht allgemein mit einer mentalen Schwäche einher. Groll. Damit hat der Text bei mir als Leser eine starke Emotion ausgelöst. Auf den zweiten Blick gestehe ich Draesner zu, dass wir uns in den Jahren der Herrenmenschen befinden und dass dies zu dem Zeitpunkt eine weit verbreitete Sichtweise war.

 

Nur finden wir nicht heraus (ich zumindest nicht), welche Fähigkeiten Emil wirklich besaß. Im Vordergrund stehen die Ängste der Familie um ihn. Großeltern,  Eltern und Stach verbalisieren alle an den verschiedensten Stellen ihre Ängste um Emil und richten ihr Leben darauf aus. Es entstehen Schuldgefühle und Traumata.

 

Das Schlusskapitel zeigt ein wenig mehr von Emils Innenwelt. Er fühlt sich nicht anerkannt, verkannt, hat auch ein schlechtes Gewissen.

 

Ich habe mich gefragt, wie die Innensicht eines Menschen sein mag, der über etwa dieselben mentalen Mittel verfügt wie Emil (soweit erkennbar) und habe im „Ohrenkuss“ gestöbert, der Internetseite zu der Literaturzeitschrift für Menschen mit Down-Syndrom.  Da schreibt etwa Lars Breidenbach, zum Thema „Du bist ein Mensch“:

 

Viel Nahrung ist wichtig (zum) Wachsen,

Essen, Trinken.

Immer größer, immer älter. Aber noch jung,

ist immer noch Kind. Erst Schulkind,

gibt auch Schultüte.

Später Jugendliche, dann Erwachsene,

bin erwachsena, junga Mann.

Tante Hildegard sagt immer:

'Na, junga Mann!?'

Dann sage ich: ‚Das geht runter wie Öl, das höre ich gerne.’

Aber Kind bleibt auch Kind,

immer Kind.

Tochter bleibt Tochter,

Sohn bleibt Sohn.

Bruder ist Bruder,

Schwester ist Schwester, bleibt auch immer Schwester.

Cousine ist Cousine,

Cousin ist Cousin,

Großcousin ist Großcousin

und Leben geht weiter, sage ich.

                              (diktiert)

 

Ich sehe hier in der Form (dem Stakkato der Aussagen) und der Art der Gedankenführung durchaus eine Ähnlichkeit zum Schlusskapitel des Romans. Natürlich ist der Satzbau und die Wortwahl bei Draesner komplexer. Aber aus meiner Sicht gibt es – gewollt oder ungewollt - in Ansätzen einen gemeinsamen Grundton.

 

Ich frage mich aber, warum die Autorin es bei dieser vagen Darstellung der Behinderung und der Fähigkeiten von Emil belässt. Das steht ganz im Gegensatz zu ihrem Drang, Wissenschaftler von Affen erzählen zu lassen und so die Welt zu ergründen. Hätte es dem Roman geschadet, wenn die Figur des Emil genauer gezeichnet worden wäre?

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