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Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf

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So, nachdem ich anderer Stelle es schon gesagt hatte, es aber ein eigenes Thema ist,  hier nochmal zu Kitsch und der Angst vor dem Kitsch:

 

ich halte die Behauptung' date=' Autoren wuerden aus Kitschangst tote Figuren produzieren, fuer absurd.[/quote']

Ist sie leider nicht. Ich kann dir jede Menge Texte zeigen, wo genau das passiert ;-).

 

Kitschige Figuren SIND tote Figuren, weil es ein Wesensmerkmal des Kitsches ist, dass er unecht ist

Ja, das ist ja der Witz. Aber Kitschige Figuren sind auf andere Weise tot, als die, die aus der Furcht vor Kitsch produziert werden.

 

Wenn ich es mal stark vereinfachen darf: Kitsch sind behauptete Gefühle - meist sehr melodramatischer Art-, die der Autor seinen Figuren andichtet. Deshalb wirken diese oft so unlebendig.

Wer aus Angst vor Kitsch schreibt, tut oft das Gegenteil. Er schreibt weiträumig um Gefühle herum. Aber fehlende Gefühle sind noch schlimmer als falsche Gefühle. Sie bringen tote Figuren hervor.

 

Ja, vielleicht sollte man das mal in einem separaten Thread besprechen. Ich möchte als Verlegerin gern dazu sagen, dass das oft missverstanden wird!

Markttauglichkeit ist nicht, wie oft so hingestellt, der Antichrist der Kreaktivität und schriftstellerischer Freiheit. Es heißt NICHT:

 

- das schreiben, was alle anderen schreiben

- schon tausendmal Dagewesenes widerkäuen

- nach vorgegebenen unumstößlichen Mustern schreiben

- nach dem Motto: Hauptsache Otto-Normal-Verbraucher versteht den Text

- für ungebildete Menschen schreiben

- Einheitsbrei abliefern

 

und so weiter.

Es bedeutet: Für eine möglichst große Zielgruppe interessant schreiben.

das will ich mal ganz dick unterstreichen.

 

Allerdings glaube ich, dass der Vorsatz "Ich will marktgängig schreiben" ungefähr so sinnvoll ist, wie der "Ich will keinen Kitsch schreiben". Beides sind Mauern und sie können ganz schön blockieren.

 

Zwar lässt sich einfach sagen, was man tun muss, damit etwas garantiert nicht marktgängig ist:

Fange mit einem Infodump an, schreibe alles mindestens dreimal, garniere es mit reichlich Predigten aus deinen gesammelten Weltanschauungen, lass die Leute nur in grammatikalisch korrekten Sätzen sprechen und vor allem: Umschreibe Konflikte weiträumig, lass deine Helden sich immer lieb haben, alle sind nett und mögen sich und immer scheint die Sonne.

 

Garantiert nicht marktgängig.

 

Aber was heißt marktgängig schreiben?

 

Mal vier Beispiele:

Sturminseln schreibt eine Fantasy, die in fiktiven napoleonischen Kriegen mit Magie spielt.

Glennkill von einer Schafherde, die den Mord an dem Schäfer aufklären will

Splitter von einem Mann, der nicht mehr weiß, was wirklich ist und ob er sein Gedächtnis verloren hat.

die Wanderhure von einer Frau, die sich als Hure durchschlagen muss

 

Also muss ich, will ich marktgängig schreiben, von einem Schaf schreiben, dass mal eine Hure war, dass aber vergessen hat und nun auf der Suche nach der eigenen Identität durch die napoleonischen Kriege zieht?  :s06

 

Hans Peter

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Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschen etwas "kitschig" nennen, das sie tief in ihrem Inneren berührt und ihnen eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt, weil es einfach so schön ist, aber fast schon wieder zu schön, um es sich einzugestehen oder schwach zu wirken. Man muss doch stark sein, darf nicht einfach wie ein Schlosshund wegen eines Buches/Films losheulen. Also wird "kitschig!" geschrien, um sich selbst davor zu schützen, sich so richtig fallen zu lassen. Und das sollte man nicht mit echtem Kitsch verwechseln. Natürlich ist es kitschig, am Schluss eines LiRos zu heulen (aber auch schön, sonst würden solche Bücher nicht gelesen ;) )

 

Zum Thema "marktgängig" denke ich, dass man zwei Sorten von marktgängig unterscheiden muss:

Das eine, was sich gerade verkauft, was "In" ist und deshalb gesucht wird: Schlagworte: HR Mittelalter, Fantasy Vampire.

 

Das andere: Was sich einfach gut liest und den Leser unterhält - und da bin ich davon überzeugt, dass auch neue/andere Themen eine Chance haben, aber es ist nur die Frage, wann. Aber vielleicht schaffen die es dann, eine neue Form von Mainstream zu schaffen.

 

Gruß, Melanie

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Manchmal habe ich den Eindruck' date=' dass Menschen etwas "kitschig" nennen, das sie tief in ihrem Inneren berührt und ihnen eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt[/quote']

Das ist natürlich das nächste Problem mit dem Kitsch. Vieles wird kitschig genannt, nicht weil es Kitsch ist, sondern weil es berührt. Weil es nicht kalt lässt. Weil man nicht in gesetzten Worten darüber Small Talk beim Wein treiben kann.

 

Aber wollen wir Texte schreiben, die alle kalt lassen? Oder solche, die berühren?

 

Hans peter

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Nicht kitschig zu schreiben ist für mich ein Qualitätsmerkmal von Literatur. Eines von vielen anderen. Ich empfinde das nicht als Mauer in meinem Kopf, sondern als Leitlinie für mein Schreiben. Warum sollte dieser Anspruch zu toten Texten führen? Warum sollte dieser Anspruch mir verbieten, über Gefühle zu schreiben? Warum sollte kitschfreies Schreiben (sofern es mir denn überhaupt gelänge) nicht berühren können? Was wäre das für eine klägliche Vorstellung, dass nur Kitsch uns berührt?

 

Provokant gefragt: Wenn jemand behauptet, ein Text ist tot, weil der Autor Angst vor Kitsch hat, dann ist das eine Unterstellung.

 

Woher will man das wissen? Möglicherweise hat der Autor ganz andere erzählerische Probleme, die dazu führen, dass sein fertiger Text nicht lebt.

Ich halte das für eine Scheindebatte!

 

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Nicht kitschig zu schreiben ist für mich ein Qualitätsmerkmal von Literatur. Eines von vielen anderen. Ich empfinde das nicht als Mauer in meinem Kopf, sondern als Leitlinie für mein Schreiben. Warum sollte dieser Anspruch zu toten Texten führen? Warum sollte dieser Anspruch mir verbieten, über Gefühle zu schreiben? Warum sollte kitschfreies Schreiben (sofern es mir denn überhaupt gelänge) nicht berühren können? Was wäre das für eine klägliche Vorstellung, dass nur Kitsch uns berührt?

 

Provokant gefragt: Wenn jemand behauptet, ein Text ist tot, weil der Autor Angst vor Kitsch hat, dann ist das eine Unterstellung.

 

Woher will man das wissen? Möglicherweise hat der Autor ganz andere erzählerische Probleme, die dazu führen, dass sein fertiger Text nicht lebt.

Ich halte das für eine Scheindebatte!

 

Bravo!

 

Wir reden von KITSCH.

Nicht von dem hoechst schwierigen Versuch, durch die literarische Darstellung von Gefuehlen Lesende anzuruehren.

 

Kitsch wird nicht Kitsch genannt, weil er beruehrt, sondern weil "Kitsch" der Begriff fuer minderwertige, simplifizierende, popularisierende Produkte oder Elemente der Kunst ist.

 

Ich gebe zu, dass es Kitschmomente gibt, die mich beruehren - die naemlich, die in einen grossen Roman rutschen, wo dem ringenden Autor die sprachlichen Mittel vor seinem Gegenstand versagen (auffindbar beispielsweise bei K.Mann, H.Mann, Hemingway, Grass und vielen anderen - und jedesmal unuebersehbar deutlich als Einbruch kenntlich). Sie ruehren mich nicht, weil sie Aussagekraft haben, die haben sie naemlich nicht, sondern weil sie in diesen Augenblicken eine Art von Sprachlosigkeit darstellen, die der Versuch, vom Menschenleben zu erzaehlen, mit sich bringt (ob an solchen Stellen ausgespart, ausgewichen oder in die Falle gerannt wird, haengt von der Schriftstellerpersoenlichkeit ab).

Ja, ich moechte, dass sich Schriftsteller endlos daran versuchen und dass sie mutig sind und an den Grenzen entlang (die sich ja auch historisch verschieben, ohne Frage) sich ausprobieren, was geht noch und was geht nicht mehr, und sie duerfen von mir aus auch scheitern und in die Kitschkiste fallen und sich heraushieven und weiterringen. Wenn sie es sich aber leicht machen, indem sie mir unterstellen, ich haette an mir Knoepfe, auf die man druecken und damit Gaensehaut, Kloesse im Hals, traenenfeuchte Taschentuecher erzeugen koenne, dann lege ich ihre Buecher zur Seite und nehme mir andere.

Das Hauptmerkmal des Kitsches ist: Er luegt.

Kann er machen.

Das zweite Hauptmerkmal des Kitsches ist nur leider: Er luegt schlecht.

Und wie oft fallen wir auf schlecht Gelogenes rein?

 

Habt Ihr eigentlich alle roehrende Hirsche im Wohnzimmer haengen, hoert gern Andrew Lloyd Webber und Heino und trinkt dabei 'n Zuckerkaeffchen aus Taesschen in Engelkopfform?  

Nein?

Und weshalb wollt Ihr dann kitschige Buecher lesen?

Diese Hirsche, Engelkoeppe, Lloyd-Webber-Sauce findet, denke ich, kein Mensch hier schoen. Weshalb wird dann behauptet, Kitsch in Buechern werde Kitsch genannt, weil er schoen sei?

Er ist ganz genauso wenig schoen. Er ist ganz genauso eklig.

 

Gruesse von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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P.S.: Ich hab vor Kitsch uebrigens vergleichweise so viel Angst wie vor Grammatikfehlern.

Beide gehoeren nicht in einen Roman (wobei die Chancen, dass die zweiten Lektor oder Korrektor finden, zumeist leider groesser sind), beide zu vermeiden lernen, gehoert fuer mich zur Ausbildung des Romanautors.

 

Nachts aufs Klo trau ich mich trotzdem noch. Da erscheint kein gruenes Kitschmonster, nimmt mir den Bauch raus und setzt stattdessen zwei Koepfe ein.

Schoen waer's. Manchmal.

 

Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Nicht kitschig zu schreiben ist für mich ein Qualitätsmerkmal von Literatur. Eines von vielen anderen. Ich empfinde das nicht als Mauer in meinem Kopf, sondern als Leitlinie für mein Schreiben. Warum sollte dieser Anspruch zu toten Texten führen?
Er führt zu toten Texten, wenn du diesen Anspruch ständig vor dir herbetest.

 

Nicht kitschig schreiben zu wollen, ist oft eine Falle, wenn du dir beim Schreiben immer vorhältst. Vermutlich weil das Unterbewußtsein daraus die Folgerung zieht:

(Kitsch = Gefühle) => (keine Gefühle = kein Kitsch)

 

Doch, das passiert vielen Leuten und ich kenne zuviele Texte nach diesem Muster.

 

Warum sollte dieser Anspruch mir verbieten, über Gefühle zu schreiben?
Er verbietet es dir dann (und nur dann), wenn du das als große Mauer in deinem Kopf beim Schreiben vor dir aufbaust. Weil du damit deinem inneren Zensor freie Hand lässt. Ich kenne genügend Texte dieser Art, genügend Autoren dieser Art (die alle immer und immer wieder sagen, dass sie sich nicht verbiegen wollen, dass sie nicht marktgängig schreiben wollen, dass sie literarisch schreiben).

 

Kreativität läuft leider anders. Du musst für eine Zeit den inneren Zensor ausschalten, der Geschichte Raum lassen. Und den ganzen Käse mit Marktgängig, literarisch, Kitsch etc. vergessen. Wie hier jemand über den Rennfahrer sagte: Starre nicht auf die Mauer, sondern auf die Strecke dahinter.

 

Korrigieren kann man immer noch. Aber es gibt in Deutschland (und nicht nur in Deutschland) ein Kitschverbot, weil sofort, wenn Gefühle ins Spiel kommen, jemand aufsteht und "Kitsch" schreit. Und das ist nach Meinung aller Deutschlehrer die Todsünde überhaupt.

 

Warum sollte kitschfreies Schreiben (sofern es mir denn überhaupt gelänge) nicht berühren können? Was wäre das für eine klägliche Vorstellung, dass nur Kitsch uns berührt?
Wer hat das denn behauptet? Natürlich berühren gute Texte mehr als Kitsch. Die Betonung liegt auf "gut" nicht auf "gefühlsfrei" oder "weit von jedem Kitschverdacht gelegen". Du wirst immer jemand finden, der, wenn ein Text berührt, "Kitsch" schreit.

 

Wenn jemand behauptet, ein Text ist tot, weil der Autor Angst vor Kitsch hat, dann ist das eine Unterstellung.

 

Woher will man das wissen?

Weil die meisten dieser Autoren so endlos über Kitsch und Literatur reden. Dass sie nicht marktgängig, blablabla ...

 

Möglicherweise hat der Autor ganz andere erzählerische Probleme, die dazu führen, dass sein fertiger Text nicht lebt.

Das kann natürlich gut sein. Nicht jeder toter Text ist tot, weil der Autor aus Angst vor Kitsch seiner Geschichte ausweicht. Aber wenn der Autor jede Kritik abwürgt mit der Begründung, er wolle keinen Kitsch schreiben und das so hartnäckig tut, wie die Zeugen Jehovas, dann weckt das in mir Verdacht.

 

Hans Peter

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Wir reden von KITSCH.

Nicht von dem hoechst schwierigen Versuch, durch die literarische Darstellung von Gefuehlen Lesende anzuruehren.

Nein, ich habe nicht von Kitsch geredet. Sondern von der Angst vor dem Kitsch, vor den endlosen Debatten: Ich schreibe keinen Kitsch, deshalb ist mein Buch nicht marktgängig, von toten Texten, die zwar nicht kitschig, aber dennoch grottenlangweilig sind und garantiert frei von Gefühlen.

 

Kitsch wird nicht Kitsch genannt, weil er beruehrt, sondern weil "Kitsch" der Begriff fuer minderwertige, simplifizierende, popularisierende Produkte oder Elemente der Kunst ist.

Habt Ihr eigentlich alle roehrende Hirsche im Wohnzimmer haengen, hoert gern Andrew Lloyd Webber und Heino und trinkt dabei 'n Zuckerkaeffchen aus Taesschen in Engelkopfform?

Warum sollte ich das an der Wand hängen haben? Aber ich lese auch keine Texte, deren Autoren so auf der Kitschfreiheit herumreiten, dass sie nicht marktgängig, etc. sind. Und in Wirklichkeit haben sie Schiss vor der eigenen Geschichte und was für Gefühle sie wecken könnte.

 

Ich kenne jede Menge Literaten, die alles, was berührt, als "Kitsch" abqualifizieren. Leute, lest mal Feuilleton Artikel. Das ist das, was sich dort wiederholt wie ein schlechtes Arztklischee in Arztromanen. Das sind die "röhrenden Hirsche" von heute, die sich so viele so gerne an die Wand hängen.

 

Und weshalb wollt Ihr dann kitschige Buecher lesen?
Wer bitte, will hier kitschige Bücher lesen? Ich will keine garantiert gefühls- und handlungsfreien Bücher lesen, die sich rühmen, kitschfrei zu sein.

 

Diese Hirsche, Engelkoeppe, Lloyd-Webber-Sauce findet, denke ich, kein Mensch hier schoen. Weshalb wird dann behauptet, Kitsch in Buechern werde Kitsch genannt, weil er schoen sei?

Wer findet denn bitte den Kitsch schön? Aber aus Abscheu vor den röhrenden Hirsche gar kein Rotwild mehr anzusehen, halte ich für keine Lösung. ,-)

 

liebe Grüße

 

Hans Peter

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Hallo,

wenn jemand aus Kitschangst tote Figuren konstruiert, wäre das für mich ein Indiz für einen zu spärlich ausgestatteten "Werkzeugkasten". Gefühle z.B. kann ich mit Attributen, adverbialen Bestimmungen, Inneren Monologen, Direkter Rede, erlebter Rede, mit Handlungen usw. usw. beschreiben. Eine Möglichkeit davon sollte dem Autor einfallen. Wenn er /sie tote Figuren beschreibt, WEIL ihm außer kitschigen Wendungen nichts einfällt, muss er/sie noch viel "üben".

 

Gruß

Werner

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Ich sehe es so wie Hans Peter - nicht alles, was "kitschig" genannt wird, ist es auch. Vieles ist wirklich schön beschrieben, berührt, ist gefühlsecht. Aber es wird entwertet und Kitsch genannt, ohne die Kriterien zu erfüllen. Und genau dadurch wird die Mauer im Kopf festbetoniert - wenn Gefühl mit Kitsch gleichgesetzt wird.

 

Gruß, Melanie

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[Aber aus Abscheu vor den röhrenden Hirsche gar kein Rotwild mehr anzusehen' date= halte ich für keine Lösung. [/quote]

 

Darin stimme ich Dir voellig zu. (Und dass Kitsch schoen sei, hatte ich bei Dir auch nicht gelesen.)

 

Ich glaube aber nicht, dass Autoren bestimmte (nicht alle!) Gefuehle aussparen, weil sie Angst vor Kitsch haben, sondern weil deren Darstellung schwierig ist, haeufig ueberfordert, viel Uebung (und viel anderes - m.E. zum Beispiel Lebenserfahrung) braucht.

Ich persoenlich finde es nicht ehrenruehrig, wenn ein Autor sich Bereiche aufspart, denen er sich auf dem Stand seiner Entwicklung noch nicht gewachsen fuehlt. Ebenso wenig finde ich es ehrenruehrig, wenn ein anderer Autor einen tollkuehnen Versuch wagt und grandios und partiell kitschig scheitert (Feuchtwangers "toenerner Gott" ist m.E. dafuer ein Musterbeispiel). Meiner Ansicht nach haengt das, wie gesagt, von der Persoenlichkeit des Autors ab.

 

"Mut zum Scheitern" wuerde ich unter gewissen Umstaenden auch befuerworten. "Mut zum Kitsch" aber nicht, weil "Mut zum Kitsch" nicht bedeutet, sich zu versuchen und zu scheitern, sondern von Anfang an zu beschliessen, es sich leicht zu machen.

 

Fuer mich ist das nicht weit entfernt (nur auf anderer Ebene) von: "Wozu muss ich'n Konjunktiv koennen? Das faellt doch heut' keinem Schwein mehr auf." oder "Ist doch nicht wichtig, ob das Xenophon war oder Aristoteles. Hauptsache, die haben Sex."

 

Herzliche Gruesse von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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... von dem hoechst schwierigen Versuch' date=' durch die literarische Darstellung von Gefuehlen Lesende anzuruehren.[/quote']

Danke für den Satz, Charlie, denn darum geht es ja wohl. Und es ist in der Tat schwierig. Man muss sich bemühen und etwas einfallen lassen als Autor. Es geht eben nicht mit ein bisschen Pathos und dem schnellen Heraufbeschwören rührseliger Bilder. Besonders in einer Zeit der Massenmedien und billiger Serien werden wir mit diesem Zeug zugemüllt, dass man es nicht mehr ertragen kann. Welcher Literat, der auf sich hält, will gern in die Kitschfalle tappen?

 

Dass das bei dem einen oder anderen dazu führen kann, wie hpr sagt, von großen Gefühlen eher die Finger zu lassen, glaube ich schon. Ist aber ein Fehler, denn ohne große Gefühle kann man auch keine großen Romane schreiben.

 

Da es eben nicht mit dem Holzhammer geht, muss man sich an die Gefühle anpirschen. Es sind oft die kleinen Dinge, die kleinen Sätze, die Nichtigkeiten des Lebens, die Rückschläge oder spontanen Regungen, die einem das Schicksal einer Figur ans Herz wachsen lassen. Und im entscheidenden Moment genügen dann nur noch wenige Sätze, um große Gefühle auszulösen. So etwas muss man aber aufbauen, das muss den ganzen Roman durchziehen, das geht nicht mal so eben Hauruck.

 

Wie immer im Leben, man muss sich bemühen, oder? :)

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ich glaube aber nicht, dass Autoren aus Angst vor Kitsch bestimmte (nicht alle!) Gefuehle aussparen, weil sie Angst vor Kitsch haben, sondern weil deren Darstellung schwierig ist, haeufig ueberfordert, viel Uebung (und viel anderes - m.E. zum Beispiel Lebenserfahrung) braucht.

Das widerspricht sich ja nicht. Es gibt hunderte Möglichkeiten zu scheitern. Aus Angst vor Kitsch ist eine unter vielen. Weil man es nicht schafft, die Gefühle adäquat zu beschreiben wäre eine weitere.

 

"Mut zum Scheitern" wuerde ich unter gewissen Umstaenden auch befuerworten. "Mut zum Kitsch" aber nicht, weil "Mut zum Kitsch" nicht bedeutet, sich zu versuchen und zu scheitern, sondern von Anfang an zu beschliessen, es sich leicht zu machen.
Mut zum Kitsch ist Mut zum Scheitern ;-). Und das ist in Deutschland keineswegs leicht.

 

Du musst es riskieren, in den Kitsch abzurutschen. Natürlich, je besser du bist, desto besser erkennst du die Grenze. Dann rutschst du eben nicht ab oder nur selten.

 

Fuer mich ist das nicht weit entfernt (nur auf anderer Ebene) von: "Wozu muss ich'n Konjunktiv koennen? Das faellt doch heut' keinem Schwein mehr auf." oder "Ist doch nicht wichtig, ob das Xenophon war oder Aristoteles. Hauptsache, die haben Sex."
Das wäre hlöchstens vergleichbar der Aussage "Wozu muss ich Kitsch erkennen können". Das wäre nochmal eine andere Haltung.

 

Und Xenophon und Aristoteles hatten Sex? Interesting. :s22

 

herzliche Grüße

 

Hans Peter

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[Dass das bei dem einen oder anderen dazu führen kann, wie hpr sagt, von großen Gefühlen eher die Finger zu lassen, glaube ich schon. Ist aber ein Fehler, denn ohne große Gefühle kann man auch keine großen Romane schreiben.

 

 

Dem widerspreche ich nicht im Geringsten.

Im Gegenteil.

Und die Diskussion ueber die Mittel, die Moeglichkeiten, die Fallen, die Wege, sich zu staerken, finde ich auch immer wieder hilfreich und notwendig.

Nur gegen die Absegnung des Kitsches "weil die Leser moegen das doch" wehre ich mich. Auf keinen Fall gegen die Tatsache, dass wir uns an diesen Aufgaben versuchen muessen und dabei viele Fehler machen werden - auch triefende, triviale, billige, gaenzlich daneben getappte.

 

Herzliche Gruesse von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Hallo,

 

dieser Thread ist wirklich interessant.

 

Man kann Kitsch zwar definieren, aber ich glaube im Einzelfall fällt das Urteil dann doch subjektiv aus. Es gibt Texte, Lieder, Bilder etc., aus denen einem der Kitsch förmlich ins Gesicht schreit. Es gibt aber auch Leute, die jeden Film oder jeden Roman als Kitsch abtun, wo ab und an ein Satz wie "Ich liebe dich" fällt. Wenn niemand Bilder mit röhrenden Hirschen mögen würde, würde kein Mensch sie malen. Es muss also Leute geben, für die das kein Kitsch ist, sondern denen es gefällt. Die haben dann wohl den berühmten schlechten Geschmack. Aber sind wir nicht auch ein wenig anmaßend, wenn wir unseren Geschmack als "gut" bezeichnen?

Davon abgesehen mögen manche Leute Kitsch, obwohl sie wissen, dass er ein solcher ist. Kitsch ist auch irgendwie süß, nett, entspannend. Mir fällt da eine Szenekneipe in München ein, wo lauter röhrende Hirsche an rosa bemalten Wänden hängen. Da wurde ganz bewusst so dick aufgetragen, dass es schon wieder gut war, fand ich zumindest.

 

Aber zum Thema: kaum jemand will Sachen schreiben, die er selbst als kitschig empfindet. Aber jeder zieht die Grenze eben etwas anders. Bei manchen Genres erwarten Leser heile Welt und rosarotes Happy End. Das muss ein Autor dann auch liefern und vielleicht gefällt es ihm sogar, so zu schreiben.

 

Bei gehobener Unterhaltungsliteratur - ich glaube, um die geht's hier hauptsächlich - muss man einen Mittelweg finden. Rein intellektuelles Debattieren

verschreckt jeden Leser. Er will emotional angesprochen werden, doch das auf keine abgedroschene, unglaubwürdige Weise. Hier kann man in beide Richtungen abstürzen. Schwülstig beschriebene Gefühle mögen ein Zeichen von handwerklichem Ungeschick sein. Aber das von Hans-Peter beschriebene Phänomen der Angst vor dem Kitsch kenne ich sehr gut. Mir graute es vor zunächst vor jeder Liebesszene. Es fiel mir leichter, die Empfindungen eines Vergewaltigungsopfers zu beschreiben als die einer Frau, die gerade tollen Sex hat. Alles aus Angst vor dem Kitschvorwurf, da ich als studiertes Mädel, das einige linksintellektuelle Freunde hatte, eben wusste, wie schnell in manchen Kreisen "Kitsch!" gebrüllt wird. Nur fielen meine ersten Texte dann auch reichlich unterkühlt aus.

Aber es wird besser. Also vielleicht doch handwerkliches Geschick?

 

Und jetzt muss ich Charlie was beichten: ich habe eine alte LP mit Songs von Andrew L.W. Zu der bin ich früher heimlich dahingeschmolzen. Mir war zwar klar, dass das nicht mit Mozart und auch nicht mit Bob Dylan zu vergleichen war, aber wie ich schon sagte: manchmal ist Kitsch so herrlich entspannend und schön. ;)

 

Viele Grüße

 

Tereza

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Und jetzt muss ich Charlie was beichten: ich habe eine alte LP mit Songs von Andrew L.W. Zu der bin ich früher heimlich dahingeschmolzen. Mir war zwar klar, dass das nicht mit Mozart und auch nicht mit Bob Dylan zu vergleichen war, aber wie ich schon sagte: manchmal ist Kitsch so herrlich entspannend und schön. ;)

 

 

(Mein Mann sagt zu dem, was ich so wahnsinnig gern und traenenueberstroemt und gaensehaeutig lese - Hemingway, Steinbeck, Greene, Roth - immer: "Na, liest Du wieder Deinen Maennerkitsch?"

Ich gebe Dir voellig recht darin, dass Kitsch sich nicht eindeutig eingrenzen laesst - er veraendert sich zudem enorm mit dem Zeitgeschmack. Mir geht es um die Bemuehung, Baeume, Geschirrspuelmaschinen, Vergewaltigungen, Wandertage, Pofalten, Kaesestullen und eben auch Zorn, Verliebtsein, Eifersucht, Todesangst, Kinderwuensche etc. so gut zu beschreiben, wie wir koennen.

 

Und dass irgendwer Heino hoert und ein anderer sich 'nen Gartenzwerg kauft und ein dritter - ich - Juventus-Zebras auf dem Schrank sitzen hat, finde ich selbstredend so wenig verwerflich wie wenn einer seinen Teenies erlaubt, am ersten Ferientag zu MacDonalds zu gehen. Nur wenn gefordert wird: Lasst uns doch nur noch Heino und Gartenzwerge und Pressfleisch und Fussball-Maskottchen produzieren, den meisten Leuten reicht das doch, dann graust's mir.

 

Das mit der Vergewaltigung und dem guten Sex geht mir noch immer genauso. Schwierig finde ich aber beides. Am besten kann ich so sabbelnde Maenner in der Kneipe. Maennerkitsch, wuerde mein Mann sagen.

 

Alles Liebe von Charlie)

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Ich glaube, niemand hat gesagt, dass wir "nur" Kitsch schreiben sollten.

 

Aber wir dürfen Kitsch schreiben.

 

Kitsch (nach eigener Interpretation) um jeden Preis vermeiden zu wollen, kann sehr leicht in die Persiflage umschlagen. Und unfreiwillig komisch zu schreiben, ist auch kein Zeichen von Könnerschaft, gebe ich zu bedenken.

Dann lieber Winnetou und Old Shatterhand Seite an Seite ins Abendrot reiten lassen.

 

Ich habe keine Angst vor Kitsch, weil hinter den kitschigen Beschreibungen oft tatsächlich ein großes Gefühl steckt, das alle auf ihre Weise als ein solches erkennen. Genau wie hinter den Archetypen auch ganz bestimmte, für alle wiedererkennbare Charaktere stecken.

 

Alles, was wiedererkennbar ist, ist verständlich, muss nicht erklärt werden, macht dem Leser es leichter, sich in die Geschichte ziehen zu lassen. Viel leichter, als wenn man mit Gewalt versucht, derartige Szenen zu umgehen oder Gefühle mit sperrigen Sentenzen zu umschreiben, die nicht den Nerv des Lesers treffen.

 

Man kann Kitsch verwenden, und wenn man den Mut erworben und die Geschicklichkeit entwickelt hat, sich mit dem auseinanderzusetzen, was dahinter steckt, dann kann man die platten Formulierungen oder Bilder mehr und mehr mit Originalität füllen.

Nicht Vermeiden ist die richtige Strategie, sondern richtig einsetzen.

 

Also: nicht alle Mütter lieben ihre Kinder immer und unbedingt.

Aber diese eine, von der erzählt wird, tut es, und deshalb darf sie auch "kitschig" auf ihre Sabbergöre reagieren.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Und dass irgendwer Heino hoert und ein anderer sich 'nen Gartenzwerg kauft und ein dritter - ich - Juventus-Zebras auf dem Schrank sitzen hat, finde ich selbstredend so wenig verwerflich wie wenn einer seinen Teenies erlaubt, am ersten Ferientag zu MacDonalds zu gehen. Nur wenn gefordert wird: Lasst uns doch nur noch Heino und Gartenzwerge und Pressfleisch und Fussball-Maskottchen produzieren, den meisten Leuten reicht das doch, dann graust's mir.

 

Wer soll das gefordert haben?  :s05 Aus irgendeinem Grund denke ich, du meinst mich, obwohl du es nicht direkt sagst.

Nochmal zum Mitschreiben: Ich habe gesagt, dass unter marktgängig allgemein (nicht nur von mir!) verstanden wird, möglichst viele Leser zu erreichen.

 

Wenn du nun meinst diese vielen Leser seien alles Gartenzwergliebhaber, "billig und trivial", beleidigst du nicht nur eine riesige Leserschaft, sondern auch Verlage, die das erfolgreich verlegen, Autoren, die davon leben.

 

Ich habe außerdem gesagt, dass man sich nicht wundern darf, dass ein wirtschaftlich denkender Verlag ein Manuskript, das diese Marktgängigkeit eben nicht erfüllt, unter Umständen ablehnt.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Und dann hat der Autor Glück gehabt.

Wenn man aber frustriert feststellt, dass sein nicht marktgängiges MS immerzu abgelehnt wird, dann könnte man ja mal hinterfragen, ob man nicht doch lieber marktgängig schreiben will.

 

Damit habe ich nicht gesagt, dass jeder nur noch billig und trivial schreiben sollte.

(Threads genauer lesen wäre mal eine Maßnahme)

 

LG

Martina

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Hallo,

ich persönlich mag lieber ehrlichen Kitsch als gespreizte Bemühungen, diesen zu vermeiden. Was dabei raus kommt ist, wie Andrea sagt, schon mal unfreiwillig komisch.

Ansonsten muss jeder für sich selber überhaupt erstmal bestimmen, was für ihn Kitsch ist und was nicht. Die Schmerzgrenze ist da sehr individuell - das darf man nicht vergessen - und hat auch viel mit dem Genre und dem generellen Schreibstil und den Lesevorlieben zu tun. (Beispiel Isabel Allende: für manche ne Mega-Kitsch-Tante, für andere eine bilderstarke Erzählerin.)

 

Was mich generell ein wenig stört, ist, dass Kitsch immer automatisch als das billigere, weil einfachere und irgendwie auch "faulere" gilt. Auch Autoren, die Kitsch meiden, indem sie sich auf eine schnörkellose, gefühlsdistanzierte Protokollsprache stützen, machen es sich manchmal leicht. Da - so meine Ansicht - lieber mal aus dem Vollen schöpfen und richtig danebenhauen als ängstlich und schmallippig jede Gefühlsdusselei meiden.

 

Liebe Grüße,

Julia

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Ich stimme Julia zu. Es ist schwer Kitsch genau einzugrenzen. Manch einer findet schon eine im Roman vorkommende Weihnachts-Familienfeier kitschig, mag sie noch so wichtig für die Handlung sein. Ein anderer schreit Kitsch, wenn er liest: "Ich liebe dich".

Viele finden aber gerade diese Dinge schön und schwelgen so richtig mit.

Wenn sowas in einem Roman vorkommt, ist er aber nicht gleich trivial. Auch daran scheiden sich die Geister. Deshalb muss das wohl jeder Autor mit sich selbst ausmachen, seine eigene Linie ziehen. Aber man sollte es wirklich nicht zu einer Mauer im Kopf kommen lassen. Was man selbst furchtbar kitschig findet, kommentieren sehr viele andere mit: "Nee, wieso denn? Ist überhaupt nicht kitschig!"

 

LG

Martina

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Guten Abend!

 

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir nicht klar, welche deutschen Autoren genau damit gemeint sind, die vor lauter Kitschangst, leblose Geschichten und Romane verzapfen. Hans Peter, nenne doch mal ein paar Namen, dass ich mir ein Bild davon machen kann!

 

Ich lese eher nur diffuse Ressentiments heraus, auf alles, was irgendwie literarisch ist oder literarisch zu sein meint. Aber das bringt uns ja nicht wirklich weiter.

 

Mir ist wirklich nicht so recht klar, von welchen Autoren da KONKRET die Rede ist.

 

 

Herzlcihst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Nicht kitschig schreiben zu wollen, ist oft eine Falle, wenn du dir beim Schreiben immer vorhältst. Vermutlich weil das Unterbewußtsein daraus die Folgerung zieht:

(Kitsch = Gefühle) => (keine Gefühle = kein Kitsch)

 

Doch, das passiert vielen Leuten und ich kenne zuviele Texte nach diesem Muster.

 

 

Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ablaufen soll und bezweifle das.

Habe ich mir einen Autor vorzustellen, der sich ständig ermahnen muss, Dinge nicht zu schreiben, die er sonst schreiben würde, wenn er die "Mauer" nicht aufgerichtet hätte? Schreibt der gegen seine eigene "unbewusste" Schreibe an und konstruiert deshalb "tote Figuren"? Will da jemand sich zwingen "literarisch" zu schreiben, der aus seinem Bauchgefühl heraus lieber wie Rosamunde Pilcher schriebe ?

 

Gibt es solche AutorenInnen ?

 

Ich denke, dass man sich zu nichts zwingen soll, was absolut neben der eigenen SPRACHE liegt. Wer Kitsch schreiben will, soll ihn schreiben, der Markt ist da. Wer keinen Kitsch schreiben will, soll es lassen. Ich finde es viel wichtiger, dass man als Autor SEINE SPRACHE findet und in dieser schreibt- unabhängig davon, ob dabei Kitsch raus kommt oder "Literatur". Und ich glaube nicht daran, dass jemand zwecks Kitschvermeidung eine Sprache schreibt, die nicht die seine ist.

 

Gruß

Werner

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Wer Kitsch schreiben will, soll ihn schreiben, der Markt ist da.

 

Ich glaube nicht, dass es darum geht einen von vorne bis hinten kitschigen Roman zu schreiben. Es geht darum, sich seinen nicht-kitschigen Roman nicht selbst zu versauen, indem man unfreiwillig Kitsch hineinproduziert hat. Und um die Angst, dass einem genau das passieren könnte.

 

Ansonsten finde ich die Erwähnung von der eigenen Sprache sehr gut. Dem stimme ich gern zu.

 

LG

Martina

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Guten Abend!

 

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir nicht klar, welche deutschen Autoren genau damit gemeint sind, die vor lauter Kitschangst, leblose Geschichten und Romane verzapfen. Hans Peter, nenne doch mal ein paar Namen, dass ich mir ein Bild davon machen kann!

 

Ich lese eher nur diffuse Ressentiments heraus, auf alles, was irgendwie literarisch ist oder literarisch zu sein meint. Aber das bringt uns ja nicht wirklich weiter.

 

Mir ist wirklich nicht so recht klar, von welchen Autoren da KONKRET die Rede ist.

 

 

Herzlcihst

jueb

 

Hallo,

 

ich bin zwar nicht Hans-Peter, aber mein Eindruck ist, dass er keine veröffentlichten, anerkannten Autoren meinte, sondern solche, die sich noch um eine Veröffentlichung bemühen und dabei bisher gescheitert sind, weil sie eben Fehler machen. Die Versuche, krampfhaft alles zu vermeiden, was sich nach Kitsch anhört, könnte einer davon sein, wenn man Texte schreibt, die etwas mehr Gefühl vertragen würden. Das muss aber nicht bei allen Texten der Fall sein.

 

Milan Kundera oder Alberto Moravia scheinen mir zum Beispiel kein besonders romantischen Autoren. Ich finde, bei ihnen klingt Sex oft wie groteske Gymnastik. Aber es passt zu ihren Büchern, die ja nicht unbedingt Ladenhüter waren. In einer leidenschaftlichen Lovestory hingegen wäre so etwas unangebracht.

 

Mir fällt zu dem Beispiel eine Anekdote aus meiner Schulzeit ein: Deutsch LK anno 1984. Vor Frau Friese sitzt ein buntes Gemisch aus braven Strebern, Alternativen, hell gestylten Poppern und schwarz gewandeten Wavern. Wir lesen "Die fürsorgliche Belagerung" von Heinrich Böll. Diesem Roman wurde von der Kritik vorgeworfen, kitschig zu sein. Frau Friese analysiert den Text pflichtbewusst. Es geht um eine reiche Familie, die von Terroristen bedroht und dauernd bewacht wird. Eine junge Frau aus dieser Familie hat eine heimliche Liebschaft mit einem der Polizisten, der dann eine Weile weg muss. Sie leidet. "Sie sehnte sich nach seinen Händen, nach seinem Mund..." Frau Friese legt ihren Finger triumphierend auf diesen Satz. "Das", ruft sie laut. "Das ist Kitsch!"

Eine typische Vertreterin der Generation Golf wirft ihr glänzendes Blondhaar über die Schultern, reißt die blauen Augen auf und mustert staunend das bebrillte Gesicht von Frau Friese. "Aber so ist es eben, wenn eine Frau einen Mann vermisst!", flötet sie. Auf einmal haben alle Schüler ihre politischen und sonstigen Differenzen vergessen und kichern einstimmig. Frau Friese räuspert sich und wechselt das Thema.

Ich muss dem Mädchen im Nachhinein recht geben. Es ist genau so, wenn man einen geliebten Menschen vermisst. Aber in den Text von Böll hätte vielleicht eine andere Formulierung besser gepasst.

 

Viele Grüße

 

Tereza

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