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Andrea S.

Stilsicherheit

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Stilsicherheit würde ich so definieren: die Fähigkeit, zusammenpassende Wörter zu finden. Als Beispiel nehme ich mal einen Text aus einem anderen Forum, in dem irgend etwas sich "plötzlich" in etwas hineinfraß. Ich hab daran die unterschiedlichen Geschwindigkeiten benörgelt. "Plötzlich" bezeichnet ein abruptes Ereignis, "Fressen" einen längerdauernden Vorgang. Passt nicht zusammen.

 

Dasselbe gilt für Metaphern und Wortklänge.

 

Gruß

 

Astrid

Meine Homepage

 

Rabenzeit 1 gibt's als E-book und gedruckt bei Amazon. :)

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Hm, das "Grundlegend" wäre für mich das Einzige gewesen, was wirklich korrigiert werden muss - eindeutiger semantischer Fehler.

 Die "Hühnerkacke" - sag ich jetzt mal, ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen; aber es war meine spontane Assoziation - würde ich anstreichen lassen, wenn ich in einem Roman mal kurz und knackig und etwas klischeehaft eine Lektorin auftauchen lassen wollte. Es ist eine Korrektur, die viel über Textvorstellungen aussagt, und damit auch über den Korrigierenden und das Umfeld, in dem er arbeitet, und für das er arbeitet, und ist damit optimal zur Charakterisierung einer Figur und einer Situation geeignet. Genau wie die Abänderung ausgerechnet zu "Hühnermist" auch sehr aufschlussreich ist - nicht zwangsläufig im Sinne von "besserem Stil", aber auch nicht willkürlich. In dieser einen Korrektur steckt eine komplette Charakterisierung der Art von Literatur, um die es geht; der Zielgruppe, der Lektoratsphilosophie, der "Schule", der diese Lektorin angehört - diese Beispiel ist optimal für die Verwendung in einem entsprechenden Roman geeignet.

 Aber in Bezug auf Stil und Textarbeit ist es eher eine Korrektur, die nicht eindeutig und deren Sinnhaftigkeit von sehr vielen Variablen und vom Kontext abhängig ist.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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Hallo Spinner,

 

so hätte ich es auch gesehen. "Grundlegend" ist für mich die falsche Wortwahl. Die Hühnerkacke gefiel mir in diesem Zusammenhang zwar auch nicht (schien irgendwie nicht so recht zum Text zu passen), aber das hängt vom Rest des Buchs ab, von der Figur und vielen anderen Dingen. Es ist ja so etwas wie ein Kraftausdruck. Dazu passt dann wieder nicht die "Schliere", ein eher wohlüberlegtes Wort, denn es beinhaltet wie die Kacke sich verschmiert darstellt, eine Überlegung und Beschreibung, die nicht zum Kraftausdruck passt, wenn es als solcher gemeint ist. Also entweder das eine oder das andere. "... wäre ihr Gatte schon bald nichts weiter als Hühnerkacke im Hof." So verkürzt wäre es ein Kraftausdruck.

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Hm…, gar nicht so einfach zu definieren.

Textliche Stilsicherheit hat für mich in erster Linie etwas mit der Autorenstimme  zu tun. Diese Stimme gilt es zu finden und den gesamten Roman hindurch beizubehalten, sowohl was Tempo, Rhythmus als auch Vokabular betrifft.

 

Es kann sein Stil sein, eine Geschichte mit klaren, einfachen oder auch "lockeren" Worten zu erzählen. Dann wäre es ein Stilbruch, plötzlich ein Arsenal von poetisch verdichteten Wortbildern aufzufahren.

Gehört genau diese Art zu schreiben zum Stil des Autors, und er kreiert kraftvolle, präzise und originelle Wortbilder, wäre es stillos, plötzlich auf kunstloses Vokabular zurückzugreifen.  

 

Ein anderes Thema wäre für mich die Erzählstimme in Dialogen. Hier kann der Autor seinem Personal eine eigene Stimme verleihen, die sich von derjenigen des Autors auch deutlich unterscheiden kann.

 

Vielleicht ist Stil einfach eine sichere Stimme, die genau weiß, was zu ihr passt und was sie sich und dem Leser zutrauen kann. Sie kann je nach Situation auch einmal in höherer oder tieferer Tonlage erzählen, aber sie sollte sich treu bleiben.

 

Denk ich ma´...

 

LG

Bettina

" Winterschwestern" (AT)
Figuren- und Storypsychologie

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Hallo Anna!

 

Ich habe ebenfalls auf die "Hühnerkacke" geschworen! (Kann ich ja jetzt leicht behaupten ... :s22) Bei solchen stilistischen Dingen verlasse ich mich immer auf mein Bauchgefühl, und dieses Wort hat mir beim ersten Lesen sofort in den Bauch gepiekst. Wenn ich bei meinen eigenen Texten solche Wörter gefunden habe, mache ich mich immer auf die Ursachensuche.

 

Bei Deinem Beispiel ist es für mich der Ton von "Hühnerkacke" zwischen dem Ton der anderen Wörter.

 

"Vater", "Sorgen" und "Anvertrauen", "Ivo vom Spiegel", "Gatte", die gesamte Wortwahl, in Verbindung mit dem Satzbau, lässt Bilder von einer wohlerzogenen jungen Dame vor dem geistigen Auge entstehen, die ihre Wörter bedächtig wählt und Bezeichnungen wie "Hühnerkacke" eher den Stallburschen überlassen würde. Wie Du ja selbst geschrieben hast.

 

"Hühnerkacke" hat außerdem einen sehr modernen Klang, es mag vielleicht sehr alt sein, wird aber in der heutigen Umgangssprache gerne verwendet. ("Das ist doch Hühnerkacke, Alter!") Und diese "assoziative VErknüpfung" reißt einen aus dem historischen Kontext.

 

Als Experiment könnte man den Kontext ja mal umwerfen:

 

Ellie war schwer in Versuchung, denn jetzt könnte sie ihrem Dad beichten, welchen Stress sie hatte. Doch dann überlegte sie es sich anders. Ingo Spiegler war kein Hinterhofzuhälter, wenn ihm irgendwer ans Bein pisste, pisste der bald überhaupt nicht mehr. Sollte er von Arnolds Extratouren erfahren, würde ihre bessere Hälfte so schnell von der Bildfläche gekratzt, wie ein Fladen festgetrockneter Hühnerkacke.

 

Wenn man mir den umgangssprachlichen Kalauer verzeihen mag: So funktioniert die Kacke schon besser! :s22

 

Ich möchte mir keine Definition für "Stilsicherheit" anmaßen, aber in dem Zusammenhang würde ich als stilsicher bezeichnen, wer eine Wortwahl und einen Satzbau verwendet, die die Figur und ihren Charakter "zeigen", eine Wortwahl, die die Stimmung in der Szene einfängt (lebensbedrohlicher Konflikt, oder entspannte Liebesszene) und die die Stimmung des kompletten Romanuniversums widerspiegelt. "Show, don´t tell" auf der ganzen Ebene sozusagen. Dabei muss natürlich miteinbezogen werden, was der zeitgenössische Leser als "widerspiegelnd" empfindet; der eine mag "Charisma" vielleicht, weil er (oder sie ;) ) weiß, dass es sich um ein altes Wort aus dem Griechischen handelt, dem anderen stößt dieses Wort auf, weil es in unserer Umgangssprache fest verankert ist und unangemessen modern klingt. Wer hat recht? Keiner. Jeder. Stilsicherheit ist wohl auch immer eine Frage von den Erwartungen, die der Leser an die Sprachgepflogenheiten eines Romanuniversums hat. Aber Erwartungen sind wie Meinungen: Jeder hat eine.

 

Ciao!

 

Alf.

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SPANNEND!

 

Danke.

 

@Astrid: Du nimmst es vorweg, was die anderen schreiben - zueinander passende Worte finden.

 

@Spinner: nein, ich möchte Dir widersprechen, meine Lektorin lässt mir die seltsamsten Dinge durchgehen und hat mich noch nie "gestreamlined".

Ich empfinde ihre Hinweis als für mich und meine Art zu schreiben für nützlich und hätte beim Überarbeiten selbst das Wort ausgetauscht.

 

@Ulf: eben, die Schliere passt nicht zur Kacke und so weiter. Dass sich beim ersten Aufguss des Schreibens semantisch und auch Rechtschreibfehler einschleichen, damit lebe ich locker, die bereinige ich beim Überarbeiten oder der Redakteur oder Korrektor tut es (hoffentlich)

 

@Bettina: Ja, das konsequente Durchhalten einer gewählten Stimme, das hat auch sehr viel damit zu tun. Und deshalb musste die Hühnerkacke weggewischt werden. Sie war nicht konsistent.

 

@Alf: Du bist ein Genie! Darf ich den Text verwenden - nur um zu sehen, wie blass meine Lektorin dann wird?

Ich glaube, Dein Beispiel trifft es sehr gut, was Stilsicherheit bedeutet.

 

Gruß

Anna

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Liebe Anna,

 

die Schliere Hühnermist solltest du jetzt deiner Lektorin anstreichen. Das geht nämlich gar nicht. Mist ist definiert als "mit Kot und Urin bestimmter Haustiere vermischte Streu, die als Dünger verwendet wird." Duden Bedeutungswörterbuch

 

Platt gesagt: Mist ist gleich Kacke plus Streu - und dann wird es mit den Schlieren schwierig. Die macht höchstens die Kacke, wenn sie eben nicht beim Streu bleibt, wobei es dann wieder kein Mist wäre. Alles klar? ;)

 

Viel Spaß noch mit der...

Klaus

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@Spinner: nein, ich möchte Dir widersprechen, meine Lektorin lässt mir die seltsamsten Dinge durchgehen und hat mich noch nie "gestreamlined".

Ich empfinde ihre Hinweis als für mich und meine Art zu schreiben für nützlich und hätte beim Überarbeiten selbst das Wort ausgetauscht.

Einen Text so zu verbessern, wie der Autor selbst ihn geschrieben hätte, wenn er daran gedacht hätte, halte ich für das höchste Ideal beim Lektorat. Wenn ein Verbesserungsvorschlag den Effekt erzielt, gibt es daran ohnehin nichts zu deuteln ;) Aber auch das spricht dann eher dafür, dass Autor und Lektor auf einer Linie liegen und muss nicht unbedingt eine allgemeingültige Stilfrage sein.

 Wie gesagt, ich will aus einem Beispiel auch nicht gleich eine allgemeine Charakterisierung ableiten. Aber selbst wenn es eine individuelle Korrektur war, kann sie doch in gewisser Hinsicht idealtypisch sein - und diese hier war es. Man kann beispielsweise ein euphemisiserendes Sprachmuster daraus ableiten; ob es nun von der Lektorin stammt oder schlichtweg zurecht der Figur zugeschrieben wurde, kann man ohne weitere Beispiele natürlich nicht beurteilen.

eben' date=' die Schliere passt nicht zur Kacke und so weiter.[/quote']Hm, wenn überhaupt, dann passt die "Schliere" noch am wenigsten zum "Mist". Denn Mist ist ein Gemenge von Kot und Einstreu, während die "Schliere" eine eher flüssig-schmierig verteilte Verunreinigung ohne klare Struktur beschreibt. "Kacke" ist also grenzwertig, aber spätestens beim Übergang zum "Mist" müsste man dann auch die "Schliere" anpassen. So holpert es ein wenig, weil sich die Einstreu im Mist eben nicht zu einer "Schliere" streichen lässt.

 Ansonsten entschuldige ich mich für die Klugscheißerei :-X

 

P.S.: Ich seh grad ... und dann auch noch zu spät. Mist. Entweder bin ich blind und habe gerade Klaus' Posting übersehen, oder ich habe deutlich zu lange an meinem Text getippt. Ich glaub, ich mach jetzt lieber Feierabend ...

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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Eine Schliere Hühnerschiss od. Hühnerkot?

 

Wenn Hühner frei herumlaufen, sch.. sie allerdings nicht ins Stroh, sondern da, wo sie grad stehen. Also auch in den Schlamm ;D

(Sagt eine Ex-Hühnerzücherin mit vieeel Erfahrung i.S. Hühnerkacke :s06)

 

Stil ist die Kunst, die falschen Wörter wegzulassen.

Liebe Grüße, Susanne

 

"Books! The best weapons in the world!" (The Doctor)

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Hallo Alf, das war brilliant, was du geschrieben hast.

 

Irgendwie hatte mich die Hühnerkacke auch gestört. Ich wollte nur nicht so pingelig sein, einen Kraftausdruck zu monieren, wenn es der Autorin gefällt, aber er passt nicht zum Rest des Textes. Sticht offensiv hervor wie Hühnerkacke auf einem spiegelglatt polierten Marmortisch.  :s22 Es gibt ja auch andere, etwas elegantere Bilder, auf die man zurückgreifen könnte.

 

Ich könnte immer noch keine erschöpfende Definition von Stilsicherheit geben, habe aber eine Ahnung, was es sein könnte. Komisch, wie viel man doch schon aus dem Bauch heraus tut, ohne sich genau darüber im Klaren zu sein. Dabei sind es gerade solche Stilbrüche, die einem oft ein Buch verleiden können ... fällt mir jetzt ein ... ohne, dass ich immer genau hätte sagen können, warum.

 

Danke, Anna, ein sehr nützlicher Thread und ein schönes Beispiel.

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Ich sagte es doch gleich, es hängt an der Schliere - die passt nicht zur Hühnerkacke und jetzt auch nicht zum Hühnermist. Am ehesten noch zum Hühnerkot ;D. Vielleicht bin ich wegen der Hühnerkacke an der Schliere hängengeblieben, da ich die Hühnerkacke noch als etwas "normales" für den Zeitkontext wahrgenommen habe, während mir die Schliere dabei nicht so ganz passend vorkam.

 

Gruß, Melanie

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 Wie gesagt, ich will aus einem Beispiel auch nicht gleich eine allgemeine Charakterisierung ableiten. Aber selbst wenn es eine individuelle Korrektur war, kann sie doch in gewisser Hinsicht idealtypisch sein - und diese hier war es. Man kann beispielsweise ein euphemisiserendes Sprachmuster daraus ableiten; ob es nun von der Lektorin stammt oder schlichtweg zurecht der Figur zugeschrieben wurde, kann man ohne weitere Beispiele natürlich nicht beurteilen.

 

Gut, dass ich jetzt endlich weiß, dass mein Stil euphemisierend ist  ;) Elaboriert hat man ihn ja auch schon genannt.

(Das ist spaßig gemeint und ich bin n i c h t beleidigt!)

 

Ja, Stilsicherheit ist ein schwammiges Kriterium und hat vermutlich wirklich sehr viel mit Bauchgefühl zu tun. Selbst wenn man sagt, dass man die "falschen" Wörter weglassen soll, sogehört doch erst einmal das Urteilsvermögen dazu, herauszufinden was "falsch" klingt.

 

Ist Euch eigentlich aufgefallen, dass in Alfs witziger Parodie auch ein unpassender Begriff enthalten ist?

 

Ellie war schwer in Versuchung, denn jetzt könnte sie ihrem Dad beichten, welchen Stress sie hatte. Doch dann überlegte sie es sich anders. Ingo Spiegler war kein Hinterhofzuhälter, wenn ihm irgendwer ans Bein pisste, pisste der bald überhaupt nicht mehr. Sollte er von Arnolds Extratouren erfahren, würde ihre bessere Hälfte so schnell von der Bildfläche gekratzt, wie ein Fladen festgetrockneter Hühnerkacke.

 

Gruß

Anna

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Gut, dass ich jetzt endlich weiß, dass mein Stil euphemisierend ist  ;) Elaboriert hat man ihn ja auch schon genannt.

(Das ist spaßig gemeint und ich bin n i c h t beleidigt!)

Dazu besteht auch sicher kein Grund, denn weder das eine noch das andere ist ja etwas Ehrenrühriges ;) Jeweils die richtige Stilebene zu treffen, gehört ja auch zur Stilsicherheit.

 

Im vorliegenden Fall liegt mir aber auch eine wertende und verallgemeinernde Aussage über deinen Stil fern. Es geht nur um dieses Wort - und ist eine eher formale Feststellung. Es ist ja nicht so, dass der "Hühnermist" ohne naheliegende Alternativen wäre. "Hühnerkot" oder "Hühnerdreck" hätten ebenso als weniger derbe Varianten zur Verfügung gestanden.

 Und das Interessante an dem Fall ist eben, dass genau die einzige Variante gewählt wurde, die am weitesten von dem entfernt ist, was eigentlich gemeint ist. Wie oben schon jemand gesagt hat: Hühner scheißen in der Regel nicht auf Streu. Streu gehört aber zu Mist zwangsläufig hinzu, womit der "Mist" schon einen gewissen Bruch in die Darstellung bringt und Distanz zu dem schafft, was man eigentlich nicht nennen möchte. Und die Aufmerksamkeit umso mehr auf das lenkt, was eigentlich nicht in das Bild gehört, nämlich das saubere und unverfängliche "Stroh".

 Es hat also unter den zur Verfügung stehenden Varianten den höchsten Euphemisierungsgrad, und gerade weil für das Begriffsfeld die Alternativen so schön abgestuft zur Verfügung stehen und das ganze auch ein klassischer Fall fürs Lektorat ist, hatte es irgendwie "Lehrbuchcharakter".

 Ich finde dein Beispiel also sprachlich auch sehr interessant, wenn auch nicht unbedingt in Hinblick auf eine Wertung, was denn nun "passt" oder was "richtig" ist. Interessant finde ich, dass dieses Beispiel viele offensichtliche Varianten mit jeweils leicht unterschiedlichen sprachlichen Nuancen und Bedeutungen auftut. Für welche man sich entscheidet, ist oft diffizil und auch vom "Geschmack" abhängig. Aber "Stilsicherheit" hat für mich viel damit zu tun, dass man sich der Varianten und ihrer Konnotationen, ihrer semantischen und pragmatischen Merkmale und den damit verbundenen Definitionen bewusst ist und sich dadurch auch bewusst und präzise entscheiden kann.

 Ob andere die Auswahl für treffend halten oder kritisieren - na ja, man wird es niemals jedem Recht machen können. Aber es ist doch wichtig, dass man selbst zumindest weiß, was man da geschrieben hat. Und davon gehe ich bei einem Lektorat eigentlich auch aus - dass eine Änderung bewusst vorgenommen wurde, dass der "Hühnermist" also nicht irgendwie zufällig da reingekommen ist, weil man Kacke nicht schreiben wollte und einem nichts anderes einfiel, sondern weil man die Alternativen geprüft hat und genau diejenige genommen hat, die die Aussageabsicht am besten unterstützt.

 Wenn ich "euphemisierend" schreibe, ist das also nicht negativ gemeint, sondern unterstellt im Gegenteil, dass es einen Grund für diese Wortwahl gab. Viel schlimmer wäre hingegen, wenn die euphemisierende Wirkung tatsächlich unerwünscht wäre und irgendwie ungewollt reingekommen ist. Dann wäre es für mich ein Gegenbeispiel für "Stilsicherheit".

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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"Stilsicherheit" ist so ne Frage ...

Sooooo fein waren die Damen im 15. Jahrh. nicht, überhaupt war der Sprachgebrauch ein ganz anderer als heute, wissen wir doch. Das, was wir heute als derb, unflätig oder Kraftausdruck kennen, war damals u. U. "normal" (z.B. das Wort Arsch).

Der Begriff Hühnerkacke passt durchaus in die Zeit. Was in den Mund der Dame überhaupt nicht passt, ist die Schliere, denn die dürfte im damaligen Sprachgebrauch, wenn überhaupt existent, ein Fachbegriff aus dem Handwerk gewesen sein.

 

Das Wort Charisma dürfte der Dame unbekannt gewesen sein (außer vielleicht, wenn sie humanistisch gebildet wäre) ... für mich ist der komplette Textauszug nicht stilsicher, da ich überhaupt nicht weiß, welcher Begriff von Stil zugrunde liegt.

Stil des 15. Jahrhunderts (samt damaligem Vokabular)? Stil der gesprochenen/gedachten Sprache damals? Stil der Autorin (aus heutiger Sicht selbstverständlich)? Wenn Kraftausdrücke und derbe Sprache (alles aus heutiger Sicht) nicht zum Stil der Autorin passen, muss man die Hühnerkacke natürlich weglassen. Aber wenn die Dame, um die es geht, authentisch geschildert werden soll, spielt das Wort Hühnerkacke keine Rolle, weil es das damals zweifellos gab und auch im Sprachgebrauch der Dame vorhanden gewesen sein könnte, da sie das Bild ja assoziiert. Die Assoziation als solche charakterisiert Alyss, und zu dem, was dieses Bild aussagt, passt das Wort Hühnerkacke.

 

Ich hätte den kompletten Gedankengang angestrichen, nicht das Wort Hühnerkacke. Schliere und Charisma passen sowieso nicht - für mich ist die ganze Textpassage nicht stimmig.

 

Als Variante zur Hühnerkacke hätten sich eher Hühnerkot oder Hühnerdreck angeboten. Ich sehe es wie Spinner: Durch den "Mist" wird die Assoziation auf das Stroh (=sauber) gelenkt und nicht auf den Dreck, der dem ursprünglich gewählten Ausdruck anhaftete.

Alles rein subjektiv - soll keine (negative) Aussage über Stil von Autorin oder Lektorin sein.

 

LG - Barbara

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 Es hat also unter den zur Verfügung stehenden Varianten den höchsten Euphemisierungsgrad, und gerade weil für das Begriffsfeld die Alternativen so schön abgestuft zur Verfügung stehen und das ganze auch ein klassischer Fall fürs Lektorat ist, hatte es irgendwie "Lehrbuchcharakter".

Ja, klasse, nicht wahr? Das wird mir jetzt auch allmählich klar.

 

Aber "Stilsicherheit" hat für mich viel damit zu tun, dass man sich der Varianten und ihrer Konnotationen, ihrer semantischen und pragmatischen Merkmale und den damit verbundenen Definitionen bewusst ist und sich dadurch auch bewusst und präzise entscheiden kann.

 

Weshalb zur Stilsicherheit vermutlich auch ein umfangreicher Wortschatz oder zumindest ein gutes Synonym-Wörterbuch gehört.

 

Könnte man Sprachgefühl mit Stilsicherheit gleichsetzen?

Denn nicht nur die technische Abwägung der möglichen Synonyme spielt ja um Text eine Rolle, sondern auch das Gefühl, das man vermitteln will.

Die hartlautende "Hühnerkacke" reißt aus dem traulichen Vater-Tochter-Verhältnis den Leser auch gefühlsmäßig heraus - das kann ich natürlich vor allem beurteilen, weil ich die gesamte Szene geschrieben habe.

Weshalb der weiche "Mist", auch wenn technisch nicht korrekt mit der Schliere in Verbindung, eine mir tatsächlich zusagende Variante ist.

 

Gruß

Anna

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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"Stilsicherheit" ist so ne Frage ...

Sooooo fein waren die Damen im 15. Jahrh. nicht, überhaupt war der Sprachgebrauch ein ganz anderer als heute, wissen wir doch. Das, was wir heute als derb, unflätig oder Kraftausdruck kennen, war damals u. U. "normal" (z.B. das Wort Arsch).

Der Begriff Hühnerkacke passt durchaus in die Zeit. Was in den Mund der Dame überhaupt nicht passt, ist die Schliere, denn die dürfte im damaligen Sprachgebrauch, wenn überhaupt existent, ein Fachbegriff aus dem Handwerk gewesen sein.

 

Wenn Du aufmerksam gelesen hättest, wäre Dir sicher aufgefallen, dass es sich nicht um wörtliche Rede handelt.

 

Das Wort Charisma dürfte der Dame unbekannt gewesen sein (außer vielleicht, wenn sie humanistisch gebildet wäre) ...

Wohl aber der Autorin  :)

 

für mich ist der komplette Textauszug nicht stilsicher, da ich überhaupt nicht weiß, welcher Begriff von Stil zugrunde liegt.

Das merkt man.

 

Stil des 15. Jahrhunderts (samt damaligem Vokabular)? Stil der gesprochenen/gedachten Sprache damals? Stil der Autorin (aus heutiger Sicht selbstverständlich)? Wenn Kraftausdrücke und derbe Sprache (alles aus heutiger Sicht) nicht zum Stil der Autorin passen, muss man die Hühnerkacke natürlich weglassen.

Es geht hier um Stilsicherheit der Autoren, nicht den Sprachstil einer anderen Zeit.

 

Aber wenn die Dame, um die es geht, authentisch geschildert werden soll, spielt das Wort Hühnerkacke keine Rolle, weil es das damals zweifellos gab und auch im Sprachgebrauch der Dame vorhanden gewesen sein könnte, da sie das Bild ja assoziiert. Die Assoziation als solche charakterisiert Alyss, und zu dem, was dieses Bild aussagt, passt das Wort Hühnerkacke.

Definitiv nein. Man schildert mittelalterliche Frauen nicht durch derbe Worte authentisch, das gehört  m.E. zu den üblichen Manierismen wie das ständige Werfen von Münzen und Rülpsen beim Essen.

 

Ich hätte den kompletten Gedankengang angestrichen, nicht das Wort Hühnerkacke. Schliere und Charisma passen sowieso nicht - für mich ist die ganze Textpassage nicht stimmig.

Geschmackssache. Ich würde Dir empfehlen, nie ein Buch von mir in die Hand zu nehmen.

 

Anna

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Darf ich zwischendurch mal wissen, warum es nicht der Fladen ist, der bei Alf nicht passt? ;D

Ich hätte gedacht, Fladen passt eher zu etwas Flächigen wie Kuhscheiße und nicht zu Hühnerkacke. Oder ist so aufgehäuft, dass es ganze Fladen ergibt?

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Darf ich zwischendurch mal wissen' date=' warum es nicht der Fladen ist, der bei Alf nicht passt? [/quote']

 

Ich tippe mal auf bessere Hälfte, dieser Ausdruck passt für meinen Geschmack nicht zur Erzählstimme. Eher schon "ihr Alter" o.s.ä. :s12.

 

LG

Bettina

" Winterschwestern" (AT)
Figuren- und Storypsychologie

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Darf ich zwischendurch mal wissen, warum es nicht der Fladen ist, der bei Alf nicht passt?  ;D

Ich tippe bei Alfs Parodie, dass die "Versuchung" nicht ganz stimmig ist. Ein Wort, das wohl in dem beschriebenen Umfeld und dem Alter der Ellie, nicht im Wortschatz vorkommt.

Da hätte fast oder beinahe besser gepasst.

Rabe

PS: Das macht Spaß!

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Sooooo fein waren die Damen im 15. Jahrh. nicht, ... für mich ist der komplette Textauszug nicht stilsicher, da ich überhaupt nicht weiß, welcher Begriff von Stil zugrunde liegt.

Stil des 15. Jahrhunderts (samt damaligem Vokabular)? Stil der gesprochenen/gedachten Sprache damals? Stil der Autorin?

Nun, ich bin in der Diskussion immer davon ausgegangen, dass es weder um den Sprachstil des 15. Jahrhunderts noch darum geht, wie heute gesprochen wird, sondern dass man von einem Text für moderne Leser ausgeht, der so geschrieben sein soll, dass beim Leser ein "Gefühl" von 15. Jahrhundert entsteht. Was letztendlich immer auf einen künstlichen "Zwitter" zwischen moderner Sprache und "alt klingender Sprache" hinausläuft.

 Alles andere ergibt für mich eigentlich keinen Sinn, weil man heute ja kaum einen Roman mit original 15.-Jhdt-Sprache verkaufen könnte, andererseits aber auch keinen historischen Roman mit modernem Ghetto-Sprech. Der Kompromiss ist also bei historischen Romanen systemimmanent, so dass man über die Extreme "(moderne) Sprache der Autorin" oder "Wie haben sie im 15. Jhdt. gesprochen?" eigentlich nicht lange nachdenken muss. Es geht eher um den Stil einer "genreangemessenen" Sprache.

 Aber wenn ich mich recht entsinne, war das ohnehin eher ein Thema für einen anderen Thread, den wir in den letzten Wochen hier hatten.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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Wenn Du aufmerksam gelesen hättest' date=' wäre Dir sicher aufgefallen, dass es sich nicht um wörtliche Rede handelt.[/quote']

Bitte nicht persönlich werden. Ich habe aufmerksam gelesen und zwar so, dass es sich um einen Gedankengang von Alyss handelt (die Konjunktive legen mir das nahe) - infolgedessen dieses Bild des Hühnermistes ein Bild in ihrem Kopf ist, nicht in dem der Autorin. Jetzt weiß ich nicht - schildert die Autorin mir das Bild aus ihrer (der Autorin) Sicht, oder wird es mir aus Sicht von Alyss geschildert. Je nachdem kann der Sprachgebrauch ja ein unterschiedlicher sein. Beim Lesen der Textpassage hatte ich eben den Eindruck, das untreschiedliche Vokabular ginge etwas durcheinander.

Dass dir, Anna, das Wort Charisma bekannt ist, bezweifele ich nicht.

 

Ich habe durchaus absichtlich unter mein Posting geschrieben, dass meine Bemerkungen rein subjektiv sind und keine negative Aussage zum Stil der Autorin oder der Lektorin sein sollen.

Generell finde ich, dass anhand eines so kurzen Textauszuges definitive Äußerungen über "Stilsicherheit" kaum zu treffen sind.

 

Dass es im HR nicht darum geht, den Sprachgebrauch einer vergangenen Zeit abzubilden, ist mir bewusst - das geht auch gar nicht. Dann verstünde man, das Mittelalter betreffend, rein gar nichts. Ich (nicht: man) kann in der Textpassage die Sprache der Autorin und die Sprache der Figur (nicht wörtliche Rede, sondern Gedankengang) nicht auseinanderhalten, das ist alles.

Hühnerkacke als Stil der Figur kann ich mir vorstellen, Hühnerkacke als Stil der Autorin nicht.

 

LG - Barbara

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Der Topf mit der Hühnerkacke, pardon, der mit den Blumen natürlich, geht an Bettina - die bessere Hälfte passt so gar nicht, das würde eher im Kontext mit einer spießigen Hausfrau verwendet werde.

 

Im Originaltext hat Alf das in kursiv gesetzt.

 

Aaalf?  Hab ich recht?

 

Gruß

Anna

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