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(AndreaG)

Political Correctness im Roman

Empfohlene Beiträge

Hallo ihr Lieben,

 

nachdem ich im Sprechverben-Thread das Thema "Rauchen als erfüllende Beschäftigung in Dialog-Pausen" kurz angeschnitten hatte, würde ich gern für die Frage nach der "Political Correctness" einen eigenen Thread eröffnen.

 

Wie haltet ihr es damit in euren Manuskripten?

 

Was sind typische Themen mit Konfliktpotential in Sachen "Political Correctness"?

 

Wo würde ein Lektor die Schere ansetzen? Habt ihr selbst schon erlebt, dass euch Passagen angestrichen wurden, weil man damit gängige Konventionen verletzen könnte?

 

Schließlich - wie ist es, wenn man das Thema mal in Relation zu bestimmten Genres setzt?

 

Bin sehr gespannt und freue mich auf Beiträge zum Thema.

Viele Grüße,

Andrea

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(Peter_Dobrovka)

Es existieren nach meiner Beobachtung zwei gegenläufige Tendenzen.

Zum einen sehe ich immer mehr Bücher, die Tabus brechen und damit Aufsehen erregen. Böse Zungen behaupten, dies geschehe bewußt im Sinne von Effekthascherei und Befriedigung der Sensations- und Skandalgier des Mobs (der Leser).

Auf der anderen Seite wiederum gibt es die "weichgespülten Verlage", die alle Szenen bzw. Figueneigenschaften, welche dem politisch korrekten Zeitgeist zuwiderlaufen, streichen oder den Autor zumindest nachdrücklich auffordern, sich das noch mal zu überlegen.

 

Du fragst nach typischen Themen mit Konfliktpotential. Ich bin in der Erstellung von Listen schon immer miserabel gewesen. Aber ich weiß, daß nicht jedes Thema gleich konfliktbehaftet ist. Es gibt harmlose, heikle, und gefährliche Themen, und in welche Gruppe das Thema einzuordnen ist, hängt vom Kontext ab, in dem das Buch erscheint und gelesen wird.

 

So kann man beispielweise iranische Todesurteile bekommen, wenn man den Islam durch den Kakao zieht und das die falschen Leute in die Finger bekommen. Aber auch sonst steht man unter Umständen schnell als Ausländerfeind da.

 

Auch nicht ohne ist es, wenn man das Judentum durch den Kakao zieht. Dafür wird man zwar nicht umgebracht, aber die gesellschaftliche Ächtung erfolgt dafür umso schneller und gründlicher. Einzige Ausnahme: Der Autor ist selber Jude.

 

Auf der christlichen Kirche darf man inzwischen herumhacken und sie mit Schmutz bewerfen wie man lustig ist, da kommen schon lange keine Konsequenzen mehr.

 

In Bezug auf Gewalt gibt es praktisch keine Tabus mehr. Man kann sich ausdenken was man will, irgendwer druckt es und es kräht inzwischen auch kein juristischer Hahn mehr danach.

 

In Bezug auf Sex gibt es inzwischen auch nicht mehr viele Tabus. Aber einige gibt es noch. Zum Beispiel Sex zwischen Erwachsenen und Kindern. Wer den positiv schildert, sollte das nur unter Pseudonym tun. Aber wahrscheinlich wird das Buch eh nicht verlegt werden. Vergewaltigungen, die als lustvoll erlebt werden, sind auch nicht ungefährlich, und Sex mit Tieren ist ebenfalls suspekt.

 

Ausländer als Bösewichte zu haben ist politisch unkorrekt, die Unkorrektheit wiederum typisch Deutsch, aber richtig auffallen tut man damit nicht, es gibt schon viel zu viele Bücher, bei denen es so zugeht.

 

Alkoholismus ist salonfähig! Suffige Ermittler und trinkende Looser sind beliebte Klassiker der Literatur.

 

Rauchen war früher mal salonfähig, wird aber zunehmend zu einem Merkmal des Bösewichts. Der Gute soll nicht rauchen, das schädigt sein Image als Guter.

 

Auch so eine PC-Regel: Die moralisch einwandfreieste Handlung soll auch immer die erfolgreichste sein. Wenn also z.B. zur Rettung der Welt ein paar unschuldige Menschen sterben müssen, ist das politisch nicht korrekt.

 

Relation zu bestimmten Genres, hm.

 

Die politisch korrekteste Spezies dürfte wohl der Liebesroman sein, dicht gefolgt vom Kinderbuch bzw. Jugendbuch.

Generell sind Heftromane eher korrekt, egal welchem Genre sie dienen.

Krimis sind politisch korrekter als Thriller, wo ein gewisser Zynismus erwartet wird.

Historische Romane können so und so sein. Was ich so kenne, befindet sich aber überwiegend in der Nähe der Liebesromane.

Am politisch unkorrektesten dürfte Horror sein. Da wird es sogar erwartet, daß man über die Stränge schlägt.

 

Peter

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Mir fallen an heiklen Themen folgende ein:

 

Religion:

Ganz gleich welche Glaubensrichtung, aber da gewagte Behauptungen - egal wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sie sind - ist eine Sache für sich. Peter hat ja schon den Islam genannt, aber auch andere Glaubensgemeinschaften sind sicher nicht erfreut bei einigen Texten.

 

Mafia:

Wäre ein Thema, von dem ich die Finger lassen würde, egal ob nun die italienische (oder heißt das sizilianische?) oder die Russenmafia.

 

Ausländerfeindlichkeit:

Worte wie "Neger" oder "Kanake" darf allenfalls der Bösewicht sagen, um dafür dann eins auf die Mütze zu kriegen.

Ausnahme wäre hier aber ein historischer Roman, der in einer Zeit spielt, in der Farbige unterdrückt wurden. Der Plantagenbesitzer würde von seinen dunkelhäutigen Sklaven nicht als Afro-Amerikanern sprechen, sondern sie Schwarze oder Neger nennen und nichts dabei finden.

 

Drogen:

Gehen in Jugendbüchern ganz gut, wenn es die aus der Sparte Problembuch sind, also Prota rutscht ab. In anderen Genres eher nicht.

 

Erkrankungen wie Magersucht und Bulimie sind auch wieder nur was für die Jugendbuchsparte.

 

Bei Sex kommt es sehr aufs Genre an und was der Verlag sonst so im Programm hat.

 

 

Die politisch korrekteste Spezies dürfte wohl der Liebesroman sein, dicht gefolgt vom Kinderbuch bzw. Jugendbuch.

 

Bei Jugendbüchern gibt es etliche, die gezielt Probleme aufgreifen; sexueller Missbrauch, Essstörungen, Drogenprobleme, etc.

 

Generell sind Heftromane eher korrekt, egal welchem Genre sie dienen.

 

Da kenne ich mich vor allem im Liebesromanbereich recht gut aus und da ist es absolut so, dass Happy End Pflicht ist und keine schwerwiegenden Probleme behandelt werden dürfen.

 

 

Am politisch unkorrektesten dürfte Horror sein. Da wird es sogar erwartet, daß man über die Stränge schlägt.

 

Aber geht bei Horror wirklich alles? Mit der Entschuldigung, dass es eben dem Genre entspricht?

 

LG

Maren

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Rauchen war früher mal salonfähig, wird aber zunehmend zu einem Merkmal des Bösewichts. Der Gute soll nicht rauchen, das schädigt sein Image als Guter.

Ja, das stimmt (und ist auch gut so!): Früher war ein Held nur dann ein Held, wenn er rauchte. Aus irgendeinem Grund sah man da noch was Gutes dran. Heute ist ein Held, der raucht, bemitleidenswert.

Generell sind Heftromane eher korrekt, egal welchem Genre sie dienen.

Peter

Na wenn ich heute noch mal so ein Cottonteil lese, zweifle ich daran schon manches Mal. Oder den x-ten Nachdruck eines Heimatromans aus den 60ern (was der Leser aber nicht weiß, der dank fehlendem Hinweis denkt, einen neuen Roman gekauft zu haben), wo die "bösen Ausländer" mitspielen.

 

Allerdings sind das die einzigen Ausnahmen, ansonsten stimmt es!

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Ich werde mich erschießen, wenn Rauchen einem zum Buh-Mann/frau macht und meinen Prot erschieß ich gleich mit.

 

Scheiß- Diskriminierung.

 

Ja, da kommt doch gleich mit: Die Kette der Frau soll bis zum Mülleimer im Hof reichen und: Je mehr Kinder pro Hausfrau desto besser für den Staat. Eva Hermanns als Kaiserin und Merkel als ihr Mann.

 

Hey, ich find Nicht-Rauchen voll cool, aber .. das so zu thematisieren find ich lachhaft.

 

Ulli, quarzend

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(Peter_Dobrovka)

Aber geht bei Horror wirklich alles? Mit der Entschuldigung, dass es eben dem Genre entspricht?

Gewalt: Unbegrenzt erlaubt.

Sex:Unbegrenzt erlaubt, solange keine Kinder im Spiel sind.

Politische Themen (Islam, Mafia, Rassismus etc.): Kaum gefährlich, weil die lesende Zielgruppe es nicht weiterträgt.

 

Peter

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(Peter_Dobrovka)

Ich werde mich erschießen, wenn Rauchen einem zum Buh-Mann/frau macht und meinen Prot erschieß ich gleich mit.

Meine Prota im jüngsten Romanprojekt raucht auch. Ich denke mal, das ist eher ein Problem im Kopf des Verlegers als des Lesers.

 

Peter

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Ja, das stimmt (und ist auch gut so!): Früher war ein Held nur dann ein Held, wenn er rauchte. Aus irgendeinem Grund sah man da noch was Gutes dran. Heute ist ein Held, der raucht, bemitleidenswert.

 

 

 

Wobei ich den bemitleidenswerten Helden als allemal interessanteren und lesenswerteren Charakter einstufen würde, als den perfekten Helden mit weißer Weste. Irgend ne Schwäche braucht einfach jeder Charakter, und wenn es eben nur ein gewisses Laster ist. Meine Helden rauchen oft und neigen häufig zu übermäßigem Alkoholkonsum. Es gibt keine Menschen mit blütenweißer Weste, und das ist auch gut so. Von daher sehe ich - gerade was meine Protas angeht - von sogenannter "political correctness" ab.

 

Ich habe mal eine Geschichte veröffentlicht, in der es darum ging, dass eine Großfamilie ihren geistig Behinderten Sohn in ein Heim gibt, und vergisst. Jahre später rächt sich der Sohn auf blutige Art und Weise - die Familie und auch der Titel der Story heißt: "Die Stoibers".

 

Fazit: die Story wurde komplett außen vor gelassen. In keiner der Rezensionen der Anthologie ging der Rezensent auf diese Story ein, und ich habe keine einzige,

Leserzuschrift bekommen.

 

Was soll ich nun daraus schließen? Das die Geschichte so gut war, dass jeder verstanden hat, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte? Das die Story so schlecht war, dass man sie gar nicht erst gelesen hat? Vermutlich einfach nur, dass es den Leuten einfach wurscht ist - man möchte einfach nur gut unterhalten werden. Aufregen tun sich immer nur ein paar wenige.

 

Mal sehen. In einem demnächst erscheinenden Erzählband von mir, wird die Story auch enthalten sein. Vielleicht erntet sie da mehr Aufmerksamkeit, auch wenn sie politisch nicht mehr ganz aktuell ist. Damals war wenigstens Wahl, und ein gewisser bayerischer Minister (halt, der ist ja jetzt keiner mehr) wollte Kanzler werden...

"Kein Buch oder Gedicht ist je fertig. Es wurde lediglich aufgegeben." (Sprichwort, unbek. Verf.)

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Ich werde mich erschießen, wenn Rauchen einem zum Buh-Mann/frau macht und meinen Prot erschieß ich gleich mit.

Meine Prota im jüngsten Romanprojekt raucht auch. Ich denke mal, das ist eher ein Problem im Kopf des Verlegers als des Lesers.

 

Peter

 

Mein Verleger raucht auch. *Schweißabwisch* Er raucht die ohne Filter ..

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Irgendetwas muss der Prota ja nun mal machen. Ob er nun raucht, frisst, kein Sport treibt, säuft, schmutzige Wörter benutzt, ist dabei ziemlich egal. Hauptsache es gibt Ecken. Ansonsten würden ja nur Monks bei raus kommen  ;D

 

Möglicherweise hängen die Eigenschaften, die ein Prota mitbringt, einfach nur mit eigenen Vorlieben zusammen, z.B. früher haben mehr Menschen/ SchriftstellerInnen geraucht, daher qualmten auch die Prots wie die Schlote. Könnte doch was dran sein.

 

Mein Kommissar kocht und isst gerne Italienisch ...  :s18

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Was sind typische Themen mit Konfliktpotential in Sachen "Political Correctness"?

Wo würde ein Lektor die Schere ansetzen? Habt ihr selbst schon erlebt, dass euch Passagen angestrichen wurden, weil man damit gängige Konventionen verletzen könnte?

Schließlich - wie ist es, wenn man das Thema mal in Relation zu bestimmten Genres setzt?

 

Da ist ein ähnliches Thema wie die Frage nach den Tabus.

 

Ich bin der Ansicht: Literatur muss alles dürfen!

Und wenn "political correctness" das Vermeiden jedweden Aneckens ist, so ist ambitionierte, energische und effektive Literatur, die etwas höheres aussagen und bewirken will, zwangsläufig das Gegenteil davon.

 

Es ist die unterhaltende Genreliteratur hingegen, wo es Erwartungen und ungeschriebene Gesetze gibt, die nicht oder nur sehr bedacht übertreten werden sollten.

 

Der Umkehrschluss ist verlockend und trügerisch: Wer Erwartungen bricht und Gesetzte übertritt, ist nämlich nicht automatisch Literat.

 

Gruß,

 

Andreas

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Was würdet ihr als den Unterschied bezeichnen zwischen political correctness und Tabus?

Das vermischt sich nämlich leicht in einer solchen Diskussion.

Als Tabu bezeichne ich die bekannten und meist (mit Recht) als geschmacklos bezeichneten Themen wie offener Ausländerhass, Nazi-Sprüche, auf Minderheiten einschlagen wie Behinderte usw. Aber auch Sex mit Kindern, Gewaltverherrlichung.

 

Unter Political correctness fällt z.B., dass man nicht mehr "Negerkuss" sagt. Aber ist das dann nicht dasselbe wie ein Tabu?

 

Neugierige Grüße

Joy

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Das ist eine interessante Frage, die du da aufwirfst, Joy.

Zunächst habe ich gedacht, dass es nur ein gradueller Unterschied ist, bin mir aber nicht mehr so sicher.

Ich denke einmal laut:

Die political correctness umschreibt vielleicht eher Sachen mit ungefährlichen Begriffen, zB wenn in der Zeitung nicht steht, dass "Zigeunerinnen" etwas gestohlen haben sollen, sondern "dunkelhäutige Frauen in bunten Kleidern".

Umgeht man ein Tabu, in dem man political correct schreibt?

Oder ist es doch nur graduell, dh political incorrect ist, wenn der Held raucht (was ja ein ziemlich unwichtiger Punkt ist).

Vielleicht kann jemand die genaueren Definitionen finden (habe im Moment keine Zeit nachzuschauen).

Rabe

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Wenn man sich das Land ansieht, das diesen Begriff erfunden hat, dann handelt es sich dort immer um ein Tabu, das mit der pc umschifft wird.

Aber ist das bei uns auch so?

 

LG

Joy

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Hallo zusammen.

 

Das Land, aus dem der Begriff kommt, ist für mich die Fleisch gewordene Bigotterie.

 

Gottes Land, in dem alles möglich ist. Ein Land, in dem sogar gewisse sexuelle Praktiken innerhalb der EHE verboten sind. Aber zugleich ein Land, dass die größte und schmutzigste Pornoindustrie der Welt hat.

 

In diesem Sinne halte ich von "pc" nicht viel. Tabus sind meiner Meinung nach etwas anderes, da sie aus uns selber herauskommen, in einer Art stiller Übereinkunft der Masse. Nazisprüche, Gewalt gegen Kinder und Frauen etc., fallen für mich unter Tabus. Die Allgemeinheit empfindet so etwas als widerwärtig, weswegen man hier auch von einer Art "kulturellem Gruppenzwang" reden könnte.

Trotzdem kann ich diese Tabus nachvollziehen und absolut dahinter stehen, ohne die Ehrlichkeit der Figuren oder der Story zu verbiegen.

 

"Pc" ist dagegen eine von oben verordnete Doktrin, an die sich die Entwickler dieser Maxime selber aber nicht mehr gebunden fühlen, sobald die Kameras aus und die Scheinwerfer verloschen sind.

 

In dem Sinne halte von "pc" gar nichts, da ein Schriftsteller immer ehrlich sein sollte. Eine Oma, die sich in einer Story den Hammer auf die Finger haut, mag ja noch "Scheibenkleister" rufen. Aber ein Bauarbeiter, der sich mit einem Kollegen streitet, wird  niemals "Du dummer, ausländischer Mitbürger, türkischer Herkunft" rufen, sondern eher etwas wie "Du dämlicher Kanacke!", was dann natürlich zu einer verbalen Gegenattacke des Kollegen führen dürfte, die sich auch nicht gerade für ein Treffen im Teestübchen eignet  ;)

 

Zuviel "pc" kostet Ehrlichkeit und wirkt gekünstelt. Das merkt der Leser und wird das Buch in 99% der Fälle auf Seite legen, da er sich vom Autor verarscht fühlt.

 

Politisch inkorrekte Grüße  ;)

 

Dirk

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Landläufig sagten Menschen zu Personen, die etwas dunkelhäutig sind und bunte Kleider tragen, Zigeuner. Heute sollte man differenzieren, zu einem gibt es Sintis und Romas.

 

Während ich am Computer saß, sah ich einen Bericht auf 3Sat über eine Roma, die aus Rumänien nach Wien gekommen ist. Sie sagt von sich selbst, das sie eine Zigeunerin ist.

 

Im Romanen (Krimi eingeschlossen) die vor langer Zeit spielen, sei es im Mittelalter oder Anfang des 20. Jahrhunderts - bis etwa der 1980er Jahre, wurde von den Sintis und Romas nur als Zigeuner gesprochen, kann man diesen Begriff verwenden.

 

Und jetzt zur Justiz, hier die Polizei. In der Textkritik, wegen Dialoglastigkeit habe ich es bereits angesprochen.

 

Nur die Verbrecher/das Milieu und Heranwachsende, sowie diejenigen die die Sprache der Straße (Gossenjargon) sprechen, reden von Polizeibeamten von Bulle. Auch hier sollte man, darauf achten, das ein Polizeibeamter (sei es bei der Kripo oder im Streifendienst) von sich als Polizist oder Kommissar reden. Oder auch kurzgefasst sagen ich bin Kripobeamter.

 

Bei meiner Tätigkeit als Hotline bei der Mahnabteilung, hatte ich einen Polizeibeamten am Telefon. Zu ihm sagte ich im Gespräch, das er wohl zur Kripo gehöre, das verneinte er. Er sagte fährt Streife. Das sind zwei Paar Schuhe.

 

(Link ungültig) Das ist die offizeile Seite der deutschen Polizei.

 

:s13

Hadmut

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Landläufig sagten Menschen zu Personen' date=' die etwas dunkelhäutig sind und bunte Kleider tragen, Zigeuner. Heute sollte man differenzieren, zu einem gibt es Sintis und Romas.[/quote']Womit wir bei einem der großen Fallstricke der PC sind - nämlich der politischen Instrumentalisierung. "Sinti und Roma" ist nämlich mitnichten die politische korrekte moderne Form von "Zigeuner". Denn Zigeuner war ein allgemeiner Oberbegriff, während "Sinti und Roma" nur zwei Volksgruppen aus der Reichweite dieses Oberbegriffs sind. Die bedeutendsten vielleicht, aber längst nicht die einzigsten.

Und das tückische dabei ist nun, dass die Synonymisierung von "Sinti und Roma" mit "Zigeuner" auch den Fokus der Aufmerksamkeit auf diese beiden Volksgruppen lenkt - und mit diesem Fokus einher geht auch politischer Einfluss und Geld. Die Etablierung des "politisch korrekten Begriffs" war also durchaus auch ein erfolgreich geführtes Propagandaunternehmen politischer Interessengruppen. Es gibt so manche Gruppierung, die sich darüber beklagt, dass sie durch diese Neudefinition von "Zigeuner" entweder vergessen oder zum Anschluss an die größeren Verbände gezwungen wird.

 

Und so ist es bei vielen politisch korrekten Begriffen: Wenn man ihre Entstehung analysiert, wird man feststellen, dass es nicht unbedingt um den Schutz eventueller "Opfer" vor diesen Begriffen geht. Es geht darum, bestimmte Begriffe zu besetzen und durch Definitionshoheit über Worte auch die Diskussion kontrollieren zu können.

 Ich halte PC also im Großen und Ganzen für die praktische Realisierung des "Neusprech" - und es funktioniert gut.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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 Ich halte PC also im Großen und Ganzen für die praktische Realisierung des "Neusprech" - und es funktioniert gut.

 

Dem kann ich nur zustimmen, aber die Frage bleibt offen, was du davon hältst und wie du es in deinen Romanen umsetzt? Unterstützt du Neusprech*?

 

LG

 

Dirk

 

 

(*Begriff aus Orwells 1984, einem Buch, das evtl. nicht jedermanns Sache ist. Deswegen die kurze Erläuterung)

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Mir ist gerade ein erschreckender Gedanke gekommen.

 

Wenn wir als Schriftsteller doch die Wahrheit in erfundenen Geschichten finden sollen und somit zur Ehrlichkeit verpflichtet sind, machen wir uns dann nicht mitschuldig an der Umsetzumg von Orwells Vision, wenn wir alle nur noch auf "pc" achten?

Sollten, um mal auf die andere Seite des Spiegels zu blicken, nicht auch Lektoren den Mut haben, "politisch inkorrekte" Aussagen stehen zu lassen, anstatt sie zu streichen oder ihre Streichung von uns zu verlangen? Ist das vielleicht der Beginn einer hintergründigen Zensur?

Unterstützen wir dann nicht eine neue Form von Diskussionen, politischen Gruppen und "Meinungsmachern", die uns in Zukunft vielleicht sogar das Recht auf eigene Gedanken absprechen?

 

Viele Fragen, teilweise auch provozierend, aber bestimmt nachdenkenswert.

 

Klingt vielleicht auch alles ziemlich weit hergeholt und paranoid, aber ... bei Orwell ging das auch schleichend.

 

Nachdenkliche grüße,

 

Dirk

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(Peter_Dobrovka)

Es wurde schon angedeutet, ich sag's noch mal klar:

 

Ein Tabu ist ein Thema, über das man nicht spricht. Wer es dennoch tut, macht sich unbeliebt. Bei wem? Bei mehr oder weniger allen. Es handelt sich hierbei oft um unliebsame Fakten, die man versucht, durch Totschweigen und Nichtzurkenntnisnehmen zu verdrängen. Wobei der Wahrheitsgehalt von denen, die das Tabu aufrechterhalten wollen, oft bestritten wird. Es ist aber nicht der vorhandene oder fehlende Wahrheitsgehalt, der das Tabu zum Tabu macht, sondern die Strafbarkeit des Darüberredens. Strafbar nicht unbedingt im Sinne des Gesetzes, sondern auch im Sinne sozialer Ächtung.

So ein Tabu ist beispielsweise die Frage, ob die Ermordung der Juden zur Nazizeit wirklich stattfand. Wer das öffentlich bestreitet, diskreditiert sich wird sogar strafrechtlich belangt.

 

Political correctness im engeren Sinne ist "Neusprech". Gewisse Wörter dürfen nicht mehr benutzt werden, weil sie angeblich beleidigend und herabwürdigend sind und werden durch abstraktere, harmlosere ersetzt. Zwerge werden zu Kleinwüchsigen, Schwachsinnige zu mental Benachteiligten, Neger zu Dunkelhäutigen.

 

Political correctness im weiteren Sinne geht in Richtung Tabu. Es wird dabei eine Mainstream-Meinung bzw. Mainstream-Geschmack angenommen, und wer dieser widerspricht, ist "böse". Das ist teilweise sehr komplex und kaum abstrakt zu formulieren, nur durch Beispiele.

 

Peter

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Wenn wir als Schriftsteller doch die Wahrheit in erfundenen Geschichten finden sollen und somit zur Ehrlichkeit verpflichtet sind, machen wir uns dann nicht mitschuldig an der Umsetzumg von Orwells Vision, wenn wir alle nur noch auf "pc" achten?

 

Das ist kein "erschreckender Gedanke" sondern eine Frage von Respekt, bzw. Respektlosigkeit, wenn die PC nicht eingehalten wird.

Mit Ehrlichkeit haben Beleidigungen gegenüber z. B. Volksgruppen nichts zu tun. Es wäre einfach nur schlechtes Benehmen (freundlich ausgedrückt), wenn ein Schriftsteller rassistische Parolen verwendet, ohne einen trifftigen Grund - das wäre nur gegeben, wenn z. B. eine der Figuren als ausländerfeindlich charakterisiert ist und von daher so reden muss oder der Roman in einer Zeit spielt, in der gerade diese Punkte ein Thema waren - dafür zu haben.

 

Maren

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