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(Peter D. Lancester)

Übung Actionszene: Die Messerszene

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...was Peter festgestellt hatt, habe ich ja auch bereits erwähnt: Es wird vielfach versucht, die Szene mit Innenleben, Reflektionen und ein wenig Charakterbeschreibung zu füllen - und ich glaube, dass das nicht daran liegt, dass die meisten das für Action erforderlich halten. Ich denke, das liegt an der kurzen Szene in die man meint, doch noch dieses und jenes reinpacken zu müssen. Stünde diese Szene in einem Roman und würde einfach herausgeschnitten, sähe das sicherlich puristischer aus. Kur: Das "Weniger ist mehr" haben wir nicht so berücksichtigt. Zum Vergleich hatte ich deswegen mal diesen anderen Textausschnitt reingestellt. Und den Vulkanausbruch, den Marco erwähnt: Ja, genau das ist pure Action, die funktioniert, ohne dass irgendetwas über irgendwen bekannt ist. Mein Reden. Nach meiner Einschätzung herrscht hier auch bei den allerwenigsten Unklarheit darüber, wie klassische Action aufzufassen ist. Einen Definitions-Thread würde durchaus ich mit Interesse lesen... ;-)

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Vielelicht ist es einfach so, dass man als Mensch, ob nun Leser oder Autor, interessiert daran ist, was in Menschen vorgeht. BESONDERS in extremen Situationen. Und Actionszenen sind ja in den meisten Fällen extreme Situationen.

Ob die Szene puristischer wäre, würde man sie einfach ausschneiden? Möglich. Aber ganz ohne Innenleben?

Ich denke, es gibt einfach eine Trennung zwischen Action, an der Menschen beteiligt sind (Und die daher Innenansichten beinhaltet, weil es einfach von großem Interesse ist), und Action ohne jede menschliche Beteiligung, bei der auch auf das Innenleben irgendjemandes verzichtet werden kann.

 

Versucht man, Action, an der Menschen beteiligt sind, ohne Innenleben zu schreiben, fehlt irgendwie etwas, wie Rocker ja angemerkt hat.

 

Gruß,

Marco

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Doch, Action ist drin, jede Menge. Mehrere nicht erfolgreiche Selbstverstümmelungs- und Selbstmordversuche, den Tisch zerbrochen und gleich auch noch die ganze Küche abgefackelt, so weit ist bisher keiner gegangen.

Das Thema ist deswegen verfehlt, weil über was anderes geschrieben wurde als vorgegeben. Das heißt nicht, daß die Szene keine Action sei, und das hat auch keiner gesagt. Das heißt nicht, die Szene sei schlecht. Nur ist es witzlos, die Stilmittel zu vergleichen, wenn der Inhalt ein anderer ist.

 

Peter

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Die Psychologie, das Aufeinandertreffen der Personen gehört für mich nicht mehr zu "Action", (Für dich doch eigentlich auch nicht, wie ich dich verstanden habe...??)

Für mich auch nicht.

 

Eine Sache ist doch: "Wie schildere/schreibe ich Action/eine Actionszene?" Und eine andere Frage ist: "Wie schildere ich, wie Menschen mit einer gewalttätigen Situation/in ihr Leben einbrechender Action umgehen?" Oder sehe ich das jetzt falsch?

Du siehst das richtig.

 

Vieleicht resultiert ja daraus, dass verschiedene Auffassungen der Aufgabenstellung existieren? Oder sind das einfach verschiedene 'Actionszenen'? Ist ein Vulkanausbruch, der genußvoll und bildgewaltig einen unbelebten Dschungel verschlingt, keine Action mehr? Wo fängt Action an?

Deshalb ja meine Begeisterung für einen entsprechenden Definitionsthread.

Das können wir haben.

 

Peter

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...was Peter festgestellt hatt, habe ich ja auch bereits erwähnt: Es wird vielfach versucht, die Szene mit Innenleben, Reflektionen und ein wenig Charakterbeschreibung zu füllen - und ich glaube, dass das nicht daran liegt, dass die meisten das für Action erforderlich halten. Ich denke, das liegt an der kurzen Szene in die man meint, doch noch dieses und jenes reinpacken zu müssen.

Das ist auch noch eine Erklärungsmöglichkeit. Die Kürze der Szene verführt dazu, eine Art Kurzgeschichte daraus zu machen / darin zu sehen.

 

Peter

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Hoi Allerseits!

 

Ich muss Euch ma widersprechen, ich glaub nämlich nicht, dass man als Schreibender eine "zusätzliche" Innenschau erschafft. Ich glaube eine solche Innenschau ist IMMER vorhanden, auch in der scheinbar nackten Film-Actionszene. Der Unterschied zum Film: Der Autor "sagt" dem Leser, was in seinen Figuren vor geht ganz direkt, der Regisseur nutzt dazu viel subtilere Methoden.

Man nehme Matrix. Neo rammt seinen Gegner durch die Wand, U-Bahnschächte wackeln, Staubwolken explodieren, Flucht vor dem heranrasenden Zug im letzten Moment.

Auf den ersten Blick ein Action Showdown reinsten Wassers.

So (psychologisch) nackt ist die Szene aber nicht.

Großaufnahme Agent Smith, er lässt die Knöchel knacken, wartet einen Augenblick geht erst dann wieder auf Neo zu. ("Verdammt", dachte er und ein Selbstschutzimpuls flackerte durch seine Programmroutine, "dieses Arschloch ist zäher, als ich gedacht hätte..."); Oder auch Neo: Er steht da, deutet Agent Smith mit einer Geste, dass er nur kommen solle, beißt aber die Zähne zusammen, Schweiß läuft ihm den Hals hinab und er ist beinahe außer Atem. ("Der Schweiß brannte ihm in den Augen, aber er versuchte nicht zu blinzeln. Er hatte Smith überrascht, aber das verfluchte Programm roch seine Schwäche. Kampflos würde er dennoch nicht untergehen...") Und so weiter.

 

Dass alles Gelesene in Vorstellungen umgerechnet wird, ist mit Sicherheit jedem Leser klar. Aber dass auch alle gesehenen Bilder "nur" in Vorstellungen umgerechnet werden, dürfte nicht jedem derartig unumstößlich bewusst sein. Dazu kommt, dass die optische Informationsverarbeitung sehr viel schneller stattfindet, als die Info-Destillation aus Wörtern. Dazu kommt außerdem, dass im Film ja noch die Ohren Infos aufnehmen. Gleichzeitig mit den Augen.

 

Deswegen sind Actionszenen ja so verteufelt schwer zu schreiben: Neo prallt mit dem Rücken an die Wand, Großaufnahme auf sein verzerrtes Gesicht, Betonbrocken regnen, gleichzeitig bringt der Heimkino-Subwoofer die Fenster zum Klirren, und ein greller Keyboard-Triller suggeriert einem die Schmerzspitze, die durch Neos Körper jagt.

 

Und damit steckt man als Autor im Dilemma: Effekte und Subtilitäten, die Augen und Ohren in Sekundenschnelle in Infos umsetzen, müssen in einen entsprechenden Text umgewandelt werden. Wenn man sich jetzt aber in einen Bilder, Vergleichs- und Metaphernrausch schreibt, dabei auch noch die innere Befindlichkeit der Figuren mikroskopisch beleuchtet, geht sehr schnell die Rasanz flöten. Und die ist mindestens genauso wichtig, wie der Bombast! (Beispiel dafür: Torsten. Seine Szene hatte echt coole Bilder am Start, aber so viele davon, dass sie jede Rasanz und jeden Affekt unter sich begraben haben).

 

Und deswegen glaube ich, dass man alle diese Elemente unbedingt in eine Actionszene einbringen muss um sie schweißtreibend zu machen:

Bilderbombast (Wie Marcos "Badewanne im Porzellanladen" zum Beispiel ;D.) Aber auch Innenschau, hauptsächlich IN der Action gezeigt, nur gelegentlich als Verzögerungsmoment vor einem Geschehen. Auch für die Innenschau möglichst unverbrauchte Vergleiche, Bilder und Metaphern suchen, das geschriebene Äquivalent also, zu Hitchcocks Psycho-Streicher und besagtem Schmerz-jagte-durch-seinen ganzen-Körper Triller in Matrix. Gleichzeitig aber die nackten, knappen Handlungsabfolgen nicht vergessen, die für Geschwindigkeit sorgen.

Himmel, ich probier damit schon ewig rum ;)

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So jetzt will ich endlich auch:

 

Plötzlich grinste er. Nicht verlegen, wie sonst, sondern selbstgewiss. Öffnete die Schublade fast ohne Geräusch, ohne zu zittern wie vorher. Und griff sich das große Messer.

Dann ging er ruhig auf sie zu. Ohne zu schwanken. Ohne eine Wort. Nur Grinsen.

Sie stand starr, wie immer. Konnte sich nicht rühren, wie immer.

Er holte aus und schwang das Messer. Knapp an ihrem Hals vorbei und da trat sie zurück. Ihr Gesicht, vorher so anklagend wie ihre Stimme, zeigte nur noch Angst. Und Unterwerfung.

Wieder holte er aus. Wieder knapp vorbei, während sie gegen den Tisch stieß und die Schnapsflasche krachend herunterfiel. Das einzige Geräusch in der Küche, die plötzlich nicht mehr von Wortgefechten wiederhallte.

Sie wich nach rechts aus, stolperte über die Flasche und setzte sich auf den Hintern. Den Blick auf das Messer gerichtet. Das Messer. Eine Schlange, ein Kaninchen und ein Messer, dass das Kaninchen hypnotisierte. Unterwarf. Bezwang.

Er ging in die Hocke. Lächelte freundlich. Hielt ihr das Messer an die Kehle, es berührte die Haut, aber verletzte sie nicht. Jetzt starrte sie nicht mehr darauf, sondern in seine Augen. "Ich ..."

"Pssst!"

Leicht, fast zärtlich strich er um den Hals. Ein wenig Blut erschien. Nicht viel.

"Bitte!"

Seinen linken Zeigefinger legte er auf die Lippen. Die Augen leuchteten. Kein besoffenes Flehen mehr, nur noch Strahlen.

Und dann ging alles sehr schnell.

Ihre Hand tastete über den Boden, fasste die Flasche, schlug zu, das Messer biss links in den Hals und jetzt blutete es wirklich und sie schlug zu, schlug zu, egal wohin, einfach zuschlagen, selbst zuschlagen, nicht mehr starr sein, lebendig, ihr Blut tropfte auf den Körper unter ihr und dann waren Stimmen an der Tür, die brüllten, "Aufmachen" und es krachte und jemand riss ihr die Flasche aus der Hand, die Flasche, die doch ihre Macht war und sie schlug um sich und sie hielten sie fest, aber das alles änderte nichts daran. Dass sie frei war.

 

Bin mal gespannt auf eure Meinung. So und jetzt lese ich mir erst mal die anderen Fassungen durch.

 

Hans Peter

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Leider ist es so' date=' dass in solchen Momenten wie z.B. bei der vorliegenden Messerstecherei, die Hormone in uns das Kommando übernehmen und das rationale Denken abschalten.[/quote']

Nicht unbedingt. In solchen Szene (in der Realität) läuft die Zeit viel langsamer ab und es ist erstaunlich, wieviel du dir da überlegen kannst. Hängt vom Typ ab, ist mir aber von mehreren Leuten bestätigt worden.

 

Aber, Joy, deine Überlegungen sind Kommentar, da wird uns die Vorgeschichte, der Typ, etc. erklärt. Da höre ich die Autorin. Deshalb glaube ich, Rocxker, dass sie dich stören (mich auch). Das wäre etwas, was man beim Überarbeiten aber leicht entweder streichen könnte - oder wirklich in glaubhafte Gedanken der Frau verwandeln könnte.

 

Hans Peter

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Interessant finde ich halt' date=' dass das ganze psychologisch sofort in diese typischen, in meinen Augen recht 'ausgelutschten' Bahnen rutscht.[/quote']

Als erstes fallen einem immer die "ausgelutschten", "typischen" Szenen ein. Auch weil sie in der Realität ja nicht selten sind.

 

Das ist bei Actionszenen nicht anders als bei jeder anderen Szene. Warum fangen Anfänger fast immer mit Klischees an?

 

Aber ich finde nicht, dass alle Szenen hier "Trash" sind. PeterD, Alf und einige andere sind es definitiv nicht. Bei anderen kommen "die üblichen Verdächtigen" vor, liessen sich aber bei einer Überarbeitung leicht bereinigen. Das sind Erstfassungen, vergiß das nicht.

Wo ist das Besondere? Das Kreative? Warum nicht die Frau zur 'Agressiven' machen, und das Messer vom Mann als Notwehrmittel nutzen lassen? Warm nicht das Messer nehmen, und der Frau drohen, sich selbst umzubringen? Warum nicht zwei Intellektuelle nehmen? Oder warum muss es zwischen den beiden handgreiflich werden? Mit einem Messer lassen sich auch andere Dinge zerschneiden, als Haut und Knochen...

Das ist die Art und Weise, wie man von den Klischees loskommt, ja. So kann man überraschende Wendungen entwickeln, das gilt nicht nur für Actionszenen.

 

Bleibt die Frage: Provoziert eine klischeehafte Ausgangslage eine klischeehafte Umsetzung...?

Nein, Unerfahrenheit ;-). Klischeehaft ist jede Ausgangslage (oder bietet eine klischeehafte Lösung an). Ein Mann und eine Frau treffen sich. Klischee: Sie verlieben sich. Eine dunkle Gestalt erscheint. Klischee: Das ist der Bösewicht.

 

Hans Peter

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Klar, ganz andere Hausnummer, aber: Action oder nicht? Funktionierts als Actionsequenz, obwohl keine Figur bekannt ist? Obwohl niemand weiß, worum es geht? Obwohl es keine Vorgeschichte hat oder eine übergeordnete Bedeutung? Ich denke, schon.

Funktioniert für mich nicht. Musste mich zwingen, weiterzulesen, schlechter, als etliche Szenen hier.

 

Anders wäre es vermutlich, wenn ich es im Zusammenhang läse.

 

Hans Peter

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Dass es etwas länger ist, liegt daran, dass ich versucht habe, verschiedene Arten von Action (Psychologische, körperliche, bildliche etc.) und verschiedene Wirkungsweisen (Dramatik, Spannung, Unterhaltung) zu kombinieren.

Wurde hier schon richtig gesagt: Marco, deine Szene ist Slapstick-Action. Du nimmst typische Action Szenen auf die Schippe und verwendest die üblichen Slapstick Klischees. Es passiert was. das normalerweise dramatisch ist, aber hier ist es witzig, weil du es jedesmal daneben gehen lässt. Und weil das immer passiert, reproduzierst du eben Slapstick Klischees.

 

Hans Peter

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Mensch, hpr, da warste aber fleissig! :)

 

Nur kurz zu deiner anderen Antwort: Von "Trash" hab ich keine Silbe gesagt, das ist eine ganz andere Baustelle.

 

Wurde hier schon richtig gesagt: Marco, deine Szene ist Slapstick-Action. Du nimmst typische Action Szenen auf die Schippe und verwendest die üblichen Slapstick Klischees.

 

Ich bin relativ zufrieden, weil sich eine Wirkung abzeichnet, die ich so geplant hatte: Die Szene wird als Slapstick wahrgenomen. Dabei wurde sie gar nicht so geschrieben.  ;D

Ursprünglich hab ich das ganze als Drama verfasst. Und total unwitzig. Die 'Action' war aber die gleiche: Stürzen, scheitern, Feuer... Alles was ich getan habe, war Dialoge umzuschreiben, dem Jungen eine Größenphantasie zu geben, und die Wortwahl an der ein oder anderen Stelle umzuändern. Allein dadurch wirkt es im Endeffekt komisch.

Die 'Action' selber, das heisst, der Mann, der versucht, sich selbst zu bestrafen um seine Ehe zu retten, um endlich die Finger von der Flasche lassen zu können, und dabei durch seinen betrunkenen Zustand immer wieder scheitert, ist total unwitzig. (Echt. Streicht die Dialoge, den ganzen "Er fühlte sich unbesigebar" quatsch, und tauscht das ein oder andere 'plumpste' gegen ein 'stürzte' oder 'krachte', und es ist eben kein Slapstick mehr, sondern etwas anderes.)

Das ist genau was ich meine: Action ist Action. Die Wirkungsweise kommt aus anderer Ecke, nämlich Wortwahl und Sprache.

 

Gruß,

Marco!

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Darf ich nochmal? Um zu zeigen, was ich meine?

 

Er nahm das Messer, vergewisserte sich mit zerfasertem Blick, dass die scharfe Seite nach unten gerichtet war, presste seine rechte Hand flach auf den Tisch und schlug zu.

„Scheiße“, brüllte er, riß die Augen auf und zog die Luft ein. Seine Frau stand mit überkreuzten Armen auf der anderen Seite und starrte ihn an.

„So“, lallte er. „Ohne Hand werd ich nicht trinken.“

Mit dem Geräusch eines Schnappschlosses griff sie die Tasse vom Tisch und warf. Als würde sie sich durch Sirup bohren, sah er aus der Öffnung braunen Kaffee mit der Eleganz eines Schmetterlings fächern, wie eine Blume, die nur für Sekundenbruchteile blüht.

Sie krachte ihm an die Schläfe, als hätte man eine Badewanne in einen Porzellanladen geschossen. Er geriet ins Wanken, kurz übernahm ihn die alkoholische Erschöpfung und er sank in die Knie.

„Ah, scheiße“, wiederholte er, und hielt sich den Kopf. Alles drehte sich.

Seine Frau stand über ihm, das Messer in der Hand und richtete die Spitze auf ihn: „Es geht mir nicht darum, dass du deine Hand abschneidest. Du sollst nur nicht mehr trinken.“

„Aber ich werde nicht aufhören können.“

Sie ließ mit einem entnervten Schrei das Messer auf den Tisch klirren und stapfte davon. Er sah auf seine Hand hinab, die unverletzt war.

„Mist.“ Er hatte versagt. Er war schwach, und er würde niemals ohne Alkohol leen können. Anders war alles nicht zu ertragen. Er musste einen Weg finden, mit dem Trinken aufzuhören. Er griff nach der Tischkante. Ächzend riß und ruckte er daran, unfähig sein Gewicht in die Höhe zu zerren, als der Tisch unerwartet nachgab, ankippte, und ihn wieder abrutschen ließ. Er blieb rücklings liegen. Ängstlich sah er das Messer direkt über ihm auf der Kante hängen, unentschlossen, ob es nun fallen wollte oder nicht.

„Oh, oh“, brummte er, als ihm die Situation bewusst wurde.

„Nein, bitte“, flehte er, und versuchte, sich zur Seite zu rollen. Alles drehte sich, und er war nicht sicher, wo genau links, recht, oben oder unten war.

„Ich dachte, du würdest mich genug lieben, um ohne Alkohol leben zu können", rief seine Frau tränenerstickt.

„Vermutlich“, murmelte er, und beobachtete hilflos, wie das Messer gemächlich, mit der Ruhe eines Rentners im Supermarkt, über die Kante sank.

Er kniff die Augen zu, erwartete das kalte, metallische Gefühl, mit dem die Klinge in seinen Körper tauchen würde. Stattdessen zuckte er zusammen und prustete, als ein grober, Schlag auf seiner Stirn landete, etwas kaltes über sein Gesicht fuhr, und es neben ihm schepperte.

Er öffnete die Augen, wandte den Blick und sah das Messer neben sich liegen. Die Stelle über seinem Auge pochte, wo es mit dem Eichenholzgriff voran aufgeschlagen war.

Erleichtert seufzte er. Er würde leben. Er hatte noch eine Chance erhalten.

„Schatz!“, rief er, und rappelte sich auf.

„Was?“ rief seine Frau, die wieder erschien, einen Trolli hinter sich, und ihren Mantel um die Schultern.

„Wohin willst du? Ich liebe dich.“

„Du liebst deinen Suff.“

„Du darfst nicht gehen. Bitte. Ohne dich schaffe ich es nicht“ Er fühlte den Alkohol schwer in den Gliedern.

Er wollte sie aufhalten, hatte jedoch den Tisch überseen, und schlug mit den Beinen hart dagegen, verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die Tischplatte, was mit einem Knall ein Tischbein splittern ließ, worauf der Tisch wie ein gesprengtes Gebäude wegkippte. Er schrie überrascht, als ein weiteres Tischbein barst, und er wie in einer Achterbahn aus müden Holzsplittern niederging. Es stach in der Seite, als er erneut über den Boden rollte, wo er hilflos liegenblieb und seine Frau anbettelte zu bleiben, das er ohne sie nicht leben konnte.

„Du bist alles was ich habe.“ Er kämpfte sich hoch, kniff ein Auge zu, um besser sehen zu können, und bückte sich ächzend, um das Messer aufzuheben. Er sah seine Frau doppelt, verschleiert, aber er muste ihr beweisen, wie ernst es ihm war, hielt das Messer an seine Pulsader, und seiner Frau so ernst in die Augen wie er konnte.

„Ohne dich hat mein Leben keinen Sinn.“ Mit einem harten Ruck schnitt er sich ins Fleisch.

Sie sprang mit einem jammernden Geräusch auf ihn zu, packte ihn am Handgelenk und wand seinen Arm schmerzhaft herum. „Spinnst du?“, rief sie, und stahl ihm mit kurzer Bewegung das Messer. „Wenn du die scharfe Seite genommen hättest ...“

„Wenn du gehst, kann ich mich gleich umbringen“, brüllte er, stieß sie zur Seite, und war mit einem Satz am Gasherd. Mit suchenden Handgriffen und zitterigen Bewegungen öffnete er alle vier Gashähne, stieg angestrengt auf den Herd, und kramte sein Feuerzeug aus der Tasche.

„Lieber sterbe ich!“

Er suchte seine Frau, fand jedoch nur noch den Schatten einer Bewegung aus der Tür flüchten und ihren Mantel wie ein Herbstblatt zu Boden tanzen.

„Warte“, rief er ihr nach. „Geh nicht!“ Die Luft um ihn war beißend, er hustete, konzentrierte sich auf das Feuerzeug in seinen Händen, und war allein. Einsam. Ohne sie. Er ließ den Daumen über das Rädchen schnarren.

Die Stichflamme hüllte ihn ein wie ein Mutterleib: Warm, ein wenig schmerzhaft, irgendwie feucht. Etwas pfiff, und der Geruch schmorender Haare ließ seine Nase kribbeln.

Der Schmerz war samtig und überall, stieg an ihm empor, vom Hintern über die Nieren und die Brust, schnürte sich um seinen Hals, und wischte wie aus Drahtwolle über sein Gesicht.

„Ahh“, gurgelte er. Jaulend stieß sich vom Herd ab, und taumelte durch die Küche. „Scheiße. Scheiße, Scheiße!“ Der Geruch von sengender Kleidung wurde stärker, und er sah, dass seine Hose von dicken Flammen eingehüllt wurde, als würde er von riesigen, leuchtenden Nacktschnecken aufgefressen. Der Schmerz an den Beinen wurde stechender, klarer. „Hiiiilfeeeee!“, jaulte er.

Seine Frau kam aus dem Durchgang gesprungen, in der Hand ein riesiges, wassertriefendes Handtuch, und warf sich ohne zu zögern auf ihn.

„Verdammt, das ertrag ich nicht mehr“, heulte sie, während beide umstürzten.

„Es tut mir leid“, brummte er unter ihr. „Bitte geh nicht. Hilf mir.“

„Ich kann nicht mehr.“

Er zog sich den Stoff vom Gesicht. „Oh, oh“, wiederholte er, als er an seiner Frau vorbei die Küche sah. Wie Tapeten aus purer Wut leckten die Flammen an den Wänden empor. Stinkende Tropfen geschmolzenen Kunststoffs und Leims befruchteten den Teppich, die Arbeitsfläche und weitere Einrichtung mit Feuer. Wie Insektenschwärme quollen Qualmwolken durch Ritzen und Spalten und innerhalb von Sekunden fühlte sich jeder Atemzug an, als würde man Schleifsand gurgeln.

„Raus hier“, hustete seine Frau, während aus dem Feuer ein klagender Pfeifton erklang und sich mit einem Dröhnen irgendein Metall verformte.

[...]

 

Gleiche Szene, EXAKT die gleiche Action. Aber eine andere Wirkung. Nämlich eine ernsthafte.

DAS ist das, was ich meinte, wie ich die Aufgabenstellung verstehe: Wie schreibt man Action? Wie erzielt man Wirkungen mit Action? Wie eine lustige? Wie eine ernste? Wie eine Brutale? Wie eine traurige? etc.

Und das meinte ich, als ich sagte: Alle hier vorgeführten Beispiele waren gleich: ernsthaft bis brutal. Der Rest sind Stilfragen.

Wie müsste nun, wo hier ernsthafte, brutale, spannende, lustige Actionszenen stehen, eine traurige aussehen? Oder eine lehrreiche? oder was noch?

 

Die Frage, ob die Frau sich nun wehrt oder nicht ist doch für die Frage: "Wie schreibt man Action?" total irrelevant... :-/

 

Gruß,

Marco!

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Hallo Peter,

 

1)So langsam, daß es beinahe unentschlossen wirkte.

2) Und er schwankte dabei so grotesk, daß es an ein Wunder grenzte, daß er nicht das Gleichgewicht verlor und stürzte.

3) Sein Arm schnellte vor wie eine Sprungfeder, Saskia fühlte seinen steinharten Griff um ihren Hals.

4) Dann berührte die Messerspitze ihre Haut. Es brannte.

5) Ihr Knie hob sich, als entwickele es einen eigenen Willen, und rammte sich zwischen seine Beine. Ein Klischee, lächerlich, doch es wirkte:

Peter

 

Ich versuche mich in einer kurzen Kritik, indem ich mir allerdings nur die Stellen herauspicke, die mir nicht schlüssig sind oder die mir nicht so gefallen.

 

1) Ich würde ihn zögernd auf sie zukommen lassen. Deine Konstruktion liest sich umständlich.

2) dabei so grotesk würde ich weglassen. Das liest sich flüssiger.

3) einen steinharten Griff? Ich verbinde mit Steinen eher etwas passives und würde eher die Schraubzwinge oder den daraus resultierenden Griff bevorzugen.

4) Ich weiß nicht, wie eine Messerspitze brennen kann. Ich würde mit einer Klinge eher Kälte assoziieren, es sei denn, Du erklärst, warum es brennt.

5) Der Klischeesatz passt nicht hinein.

 

Ich konnte mir die Szene gut vorstellen und sie macht neugierig auf mehr. Hoffentlich kannst u etwas mit meinen kurzen Anmerkungen anfangen.

 

Mfg Steffen

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Um nochmals auf Klischees zurückzukommen. Jedem fällt bei einer Vorgegebenem Ausgangssituation immer als erstes was ein - und meist ist es das Gängige, was allen einfällt.

 

Was viele Autoren deshalb sagen: Überlegen Sie, was das übliche wäre - und lassen sie dann das Gegenteil passieren.

 

Er geht mit dem Messer auf sie los (üblich) - sie geht mit dem Messer auf ihn los

Er ist der Alkoholiker (üblich) - sie ist die Alkoholikerin

etc.

 

Natürlich kann man das nicht zu oft machen, sonst strapaziert man die Glaubwürdigkeit. Aber an einigen Stellen erhält man dann schon überraschende Twists. Oder mal übt sich in Brainstorming. Statt einer Lösung denkt man sich zwölf aus, egal wie unsinnig, unglaubwürdig, etc. Das funktioniert vor allem, wenn man nicht mehr weiterweiß.

 

Hans Peter

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