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Jan vdB

Ich wünschte es wäre Nacht, oder der Film wäre zu Ende – "Napoleon" v. Ridley Scott

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Liebe Film+Drehbuch-Aficionados,

gestern habe ich mir, bevor er endgültig aus dem Kino verschwindet, doch noch Ridley Scotts Napoleon gegeben.

Seit dem Kinostart im November hatte ich verdächtig wenig zu dem Film gehört, und wenn, dann eher lauwarme Nicht-Begeisterung. Aber hey, Ridley Scott, Regisseur von epochalen Filmen wie Blade Runner, Alien oder Gladiator, kann doch eigentlich nicht schlecht sein. Dachte ich. Der Film hat dann den grandiosen Gegenbeweis angetreten. Lange hat es kein Streifen mehr geschafft, mich derartig kalt zu lassen, mich zu langweilen, um nicht zu sagen: zu ärgern. Ich wünschte, es wäre Nacht und die Preußen kämen. Dann wäre der Film endlich zu Ende. Nach 2/3 der Strecke wäre ich wohl aus dem Saal gegangen, wenn ich nicht mit einem Freund zusammen 30 Km ins Nachbarkaff gefahren wäre, um ihn noch zu sehen.

Zugegeben, der Aufwand an Kostümen, Komparsen und CGI-Effekten der Schlacht-Szenen ist exorbitant, steht aber in keinem Verhältnis zum emotionalen Erlebnis. Das war bei mir gleich null. Klar, die historischen Ereignisse werden brav und akkurat abgearbeitet, aber nur selten hinreichend erklärt oder in den historischen Kontext eingebettet. Die Hauptfigur - Napoleon -  hat mich zu keiner Zeit auch nur ansatzweise berührt. Im Gegenteil. Streckenweise fand ich den Charakter (und auch das Spiel von Joaquin Phoenix) derart peinlich überzeichnet und lächerlich, dass ich dachte, ich bin in einer Farce oder Buffo-Nummer gelandet. Das betrifft vor allem die "private line" von Napoleons Beziehung bzw. Ehe mit Josephine, kindisches Lippenschmatzen als Ankündigung der nächsten nähmaschinenschnellen 30-Sekunden-Rammelei zur Zeugung des Tronfolgers inclusive. Sollte da tatsächlich bewusst eine historische Figur demontiert werden? Europäische Geschichte mit Kriegen und hundertausenden Toten in ihrer Ursache reduziert auf den Mutterkomplex und die fehlende Schwanzlänge Napoleons?

Womit wir beim Thread-Topic sind: Drehbuch. Das glänzte durch weitestgehende Abwesenheit. Spannungsbogen? Flach bis linear. Turningpoints? Keine. Dialoge? Holz, stellenweise auf Hörspielniveau, wenn Figuren (hauptsächlich Napoleon) etwas sagen, das ausschließlich zur Erklärung für den Zuschauer gedacht ist. "Aaaah, das dort ist das feindliche Heer!"

Fazit: Ein Maximum an historischer "Geschichte" ersetzt keinesfalls die menschliche "Geschichte", wenn man seine Zuschauer mitnehmen will. Es wird lange dauern, bis ich Herrn Scott nochmal 12,50 € anvertraue.

Wie ging es Euch?

P.S - angefügt: Hier eine Kritik von TTT, die das Gleiche etwas freundlicher formuliert: https://www.ardmediathek.de/video/ttt-titel-thesen-temperamente/napoleon-arbeit-am-mythos-durch-regisseur-ridley-scott/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3R0dCAtIHRpdGVsIHRoZXNlbiB0ZW1wZXJhbWVudGUvZTYyOGY0OTgtMDM4Ny00OWY0LWJkZWUtODM2NWFiMWU3Y2Y0

Bearbeitet von Jan vdB
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Sebastian Niedlich

Ich habe den Film vor buchstäblich 15 Minuten zu Ende gesehen und obwohl mein Urteil nicht ganz so harsch ist, hatte ich stellenweise eine ähnliche Reaktion.

Der ganze Film fühlt sich an, wie die Montage einer 10-Episoden-Fernsehserie. Ein echtes Thema ist nicht zu erkennen, obwohl es wohl die Beziehung zwischen Napoléon und Josephine sein soll. Aber dafür bleibt es dann doch zu oberflächlich. Der Rest ist ein Mischmasch der wichtigsten Stationen in seinem Leben.

Gerüchteweise gibt es ja einen Vier-Stunden-Cut des Films, der später erscheinen soll. Wäre bei Ridley Scott ja nichts Ungewöhnliches. In den meisten Fällen sind seine Director's Cuts auch wesentlich besser. ("Kingdom Of Heaven" ist als Director's Cut großartig, als Kino- Version lediglich okay.)

Dennoch frage ich mich, für wen "Napoléon" eigentlich sein soll. Für eine tragische Liebesgeschichte ist er zu lang und unfokussiert. Für die Historien-Nerds (wie mich) ist zu viel falsch und oberflächlich. Für Epen-Freunde ist es ebenfalls nicht stringent genug. Fans von Schlachten kommen auch nur bedingt auf ihre Kosten. Der Film hat auch einige satirische Aspekte, die aber im großen Ganzen irgendwie ins Leere laufen. Also... ???

Meiner Meinung nach hätte man den Fokus viel deutlicher auf die Liebesgeschichte zwischen den beiden legen sollen, wie die Beziehung zu Josephine ihn beflügelt bzw. niederschlägt.

 

P.S. Ich fände es ja ziemlich cool, wenn wir öfter Filme besprechen würden. Ich hätte z.B. nichts dagegen auch "Killers Of The Flower Moon" zu besprechen, der mich mehr als "Napoléon" enttäuscht hat...

 

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vor 1 Stunde schrieb Sebastian Niedlich:

Ich fände es ja ziemlich cool, wenn wir öfter Filme besprechen würden. Ich hätte z.B. nichts dagegen auch "Killers Of The Flower Moon" zu besprechen, der mich mehr als "Napoléon" enttäuscht hat...

Gute Idee.

"Napoleon" habe ich leider (noch) nicht gesehen.

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Lieber Sebastian, ich finde auch, dass man als Romanautor sehr viel vom filmischen Erzählen lernen kann – und  wir daher hier gerne öfter Vergleiche und Bewertungen einstellen sollten. KerstinH hat das ja auch schon sehr schön im Handwerk-Schreiben-Thread mit ihrer Frage nach den (Film-)Antagonisten von Murmeltier und Odyssee 2001getan.

Was "Killers of the flower moon" angeht, den habe nun ich leider noch nicht gesehen ... und muss daher schweigen.

Lg, Jan

Bearbeitet von Jan vdB
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vor 12 Stunden schrieb Holger:

Gute Idee.

"Napoleon" habe ich leider (noch) nicht gesehen.

Ich habe eine Vorschau davon im Fernsehen gesehen, und das hat mich nicht dazu animiert, mir den Film anzuschauen. Denn ich habe schon viele Dokus und auch Filme über Napoleon gesehen und brauche jetzt eigentlich keinen neuen Film darüber. Aber ein Filmbewertungsthread im Drehbuchbereich würde mich auch interessieren - sofern ich die Filme kenne.

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Sebastian Niedlich

"Napoléon" und "Killers Of The Flower Moon" sind übrigens nur die letzten einer ganzen Reihe von Filmen, die in den letzten paar Jahren erschienen sind, wo man sich fragt, ob Leute langsam vergessen, wie man ordentliche Geschichten erzählt. Letztes Jahr sind mir auch noch "The Creator" und "Leave The World Behind" negativ aufgefallen. Letzterer war ja ein Netflix-Film, die ohnehin die Tendenz haben unterdurchschnittlich zu sein. Scheint fast so, als würde due Freiheit, die Filmschaffenden da gegeben wird, sich negativ auf das Endprodukt auswirken. Vielleicht braucht es manchmal doch kreative Produzenten, die die Regisseure etwas auf Spur bringen. Keine Ahnung.

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vor 15 Minuten schrieb Sebastian Niedlich:

Letzterer war ja ein Netflix-Film, die ohnehin die Tendenz haben unterdurchschnittlich zu sein. Scheint fast so, als würde due Freiheit, die Filmschaffenden da gegeben wird, sich negativ auf das Endprodukt auswirken.

Ich glaube, die Freiheiten sind nach einer euphorischen Anfangszeit recht begrenzt, zumal bei Netflix meines Wissens nach tatsächlich ein Algorithmus die Erfolgswahrscheinlichkeit als auch das Budget einer Story berechnet. Und was dabei rauskommt, gilt.
Und Netflix-Redakteure klar sagen, dass es ihnen nichts nutzt, wenn der Film (die Serie) in Minute 20 richtig großartig wird, weil die Kiddies mit der geringen Aufmerksamkeitsspanne, die in Minute 2 raus sind, die 20. Minute niemals erleben werden.
Daraus folgt: wenn es sich nicht um Ausnahmeprojekte handelt (wie kriege ich Mr. Scorcese etc. dazu, einen Netflix-Film zu machen), muss ein Film / eine Serie sehr früh punkten. Und daraus folgt: Schema F. 

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vor einer Stunde schrieb Sebastian Niedlich:

. Letztes Jahr sind mir auch noch "The Creator" und "Leave The World Behind" negativ aufgefallen.

The Creator habe ich mir leider auch angeguckt. Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging.

Ansonsten: Gerne mehr Filmbesprechungen. Ich habe sehr viel übers Geschichtenerzählen von amerikanischen Filmen und Serien gelernt. Häufig ist z.b die Heldenreise hervorragend umgesetzt, ein Trope, das ich am liebsten gucke, lese und schreibe.

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Filme hier zu diskutieren, halte ich für eine Superidee, weil gerade das Thema "Erzähltechniken" in gängigen Schreibratgebern kaum bis gar nicht behandelt werden. Dass dieses Defizit nicht stärker auffällt, mag daran liegen, dass Autoren wohl ein gewisses Talent im Erzählen haben. Sonst würde sie auch keine Geschichten schreiben wollen. Für mich selbst gestehe ich, dass ich, was Erzähltechniken angeht, ein völliger Autodidakt bin. Bücher wie die von Cunningham oder McKee habe ich erst spät gelesen. Sie haben eher bestätigt, was ich selbst schon gewusst habe. Was mir viel mehr beigebracht hat, sind die drei Bände Drehbücher von Downton Abbey, die neben dem Text viele persönliche Kommentare von Julien Fellowes enthalten, und mich so an den Überlegungen des Drehbuchautors teilhaben lassen. Das war zwar viel Arbeit, aber auch recht spannend. Selten so gekonnte Dialoge gelesen.

Bearbeitet von Wolf
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Bitte nicht auf die Schiene „Früher war alles besser …“ abdriften. Klingt ja wie bei „alten Leuten“. ;-)

Inspiration exists, but it has to find us working! (Pablo Picasso)

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Sebastian Niedlich

Ich glaube, sie bezog sich auf mich. ;)

Und, nein, ganz so war es natürlich nicht gemeint. Es gibt ja tolle Geschichten (z.B. "The Holdovers"), aber es ist schon verblüffend, dass so viele Leute, die es besser wissen sollten, so daneben gegriffen haben.

Ist mir einfach nur aufgefallen. Man muss ja meine Auffassung nicht teilen. 

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Ich habe den "Napoleon" auch gesehen und wollte durchaus, dass er mir gefällt (hatte auch gedacht: Ridley Scott? Joaquin Phoenix? Was soll da schiefgehen?), aber es hat leider auch nicht geklappt. Lange her, dass ich das letzte Mal aus dem Kino gekommen und derart heftig "So ein Scheiß!" gesagt habe.

Bloß, was das Schreiben anbelangt, ist mir so, als könnte man zwar aus schlechten Büchern viel lernen, aber aus schlechten Filmen? Eher nicht. 

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Ich lerne lieber aus guten Büchern. Am besten sind die, die mir gefallen und bei denen ich nicht weiß, warum. Dann muss man zweimal bohren: einmal im buch und einmal in sich selbst. ;D

 

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Ich habe mir jetzt das Eingangsposting von Jan nochmal durchgelesen und das Video von TTT angeschaut. Da wird schon klar, woran es dem Film  mangelt, zu sehen an Begriffen wie gänzlich fehlender Spannungsbogen,  null Turning Points, hölzerne Dialoge, Pathos und distanzloses Gesäusel. Den Gladiator hatte ich damals im Kino gesehen, bin raus und war hin und weg, den Schlusssatz bis heute in den Ohren, in etwa: Ich werde sterben ...aber noch nicht jetzt." Frage für mich: Warum konnte der Film mich dazu hinreißen, ihn in der Folge noch mindestens zweimal anzusehen? Ebenso wie den "Herrn der Ringe" oder auch "Titanic", wenn ich den auch am Anfang wegen der Liebesgeschichte etwas kitschig fand?

Die andere Frage, was können wir von guten oder schlechten Filmen für unser Schreiben lernen? Aus beiden vielleicht das oben angeführte, nämlich etwas über die Dramaturgie. 

Sebastians Analyse von "Killers of the Flower Moon" fand ich übrigens auch gut, und sie hat mir Lust gemacht, den Film mal in einer ruhigen Stunde anzuschauen. Da ging es doch darum, wenn ich es richtig verstanden habe, ob man den Film nicht lieber als Krimi konzipiert hätte. Leonardo di Caprio ist mir wohlbekannt, und es wäre interessant zu sehen, wie er den fiesen Charakter verkörpert, nachdem er in Titanic ja der strahlende, tragische Held gewesen ist.

Und nein, direkt lerne ich nie was aus Filmen, weil sie ja eine Bildsprache haben. Bisher habe ich mich darauf beschränkt zu vergleichen, ob die Vorlage, das Buch, im Film schlecht, gut oder sogar besser umgesetzt worden ist.

Bearbeitet von Christa
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Ridley Scott hat in "Napoleon" einige beeindruckende Bilder gefunden, gerade was die Inszenierung der Schlachten angeht, aber er hat meines Erachtens keine Idee davon entwickelt, wer und was Napoleon eigentlich war, was ihn antrieb usw. Der Film findet kein Thema, keine besondere Perspektive auf Napoleon. Wer war er als Mensch? Bzw., da wir uns ja im Bereich des Fiktiven bewegen: Wer könnte er gewesen sein? Als Kriegsherr, als Liebender, als korsischer Underdog, der sich erst Frankreich und dann (um ein Haar) ganz Europa untertan gemacht hat? Wo wäre die Klammer zwischen all dem?

Andererseits verzeihe ich Ridley Scott fast alles. Der Mann hat so viele Genres nachhaltig geprägt. Dass sein Alterswerk da nicht mithalten kann (nicht nur bei "Napoleon"), fällt für mich nicht so sehr ins Gewicht.

"Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch, Dressler Verlag 2020;  Romane bei FISCHER Scherz: "Die im Dunkeln sieht man nicht"; "Die Nachtigall singt nicht mehr"; "Die Zeit der Jäger"

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vor 1 Stunde schrieb AndreasG:

Ridley Scott hat in "Napoleon" einige beeindruckende Bilder gefunden, gerade was die Inszenierung der Schlachten angeht, aber er hat meines Erachtens keine Idee davon entwickelt, wer und was Napoleon eigentlich war, was ihn antrieb usw. Der Film findet kein Thema, keine besondere Perspektive auf Napoleon. Wer war er als Mensch? Bzw., da wir uns ja im Bereich des Fiktiven bewegen: Wer könnte er gewesen sein? Als Kriegsherr, als Liebender, als korsischer Underdog, der sich erst Frankreich und dann (um ein Haar) ganz Europa untertan gemacht hat? Wo wäre die Klammer zwischen all dem?

Andererseits verzeihe ich Ridley Scott fast alles. Der Mann hat so viele Genres nachhaltig geprägt. Dass sein Alterswerk da nicht mithalten kann (nicht nur bei "Napoleon"), fällt für mich nicht so sehr ins Gewicht.

Man kann es natürlich auch unter dem Aspekt des Lebenswerks ansehen. Ich habe mir mal die Filmografie von Ridley Scott angeschaut (und die von Martin Scorsese und Stanley Kubrik.) Da sind so viele Filme, die ich gesehen habe oder deren Titel ich kenne. Von Scott unter anderem "Robin Hood", der mich auch sehr beeindruckt hat. Und der Schauspieler war derselbe wie im Gladiator, das habe ich sofort erkannt. Kubrik ist 1999 gestorben, nachdem er seinen letzten Film "Wide eyes shut" gemacht hat, den ich noch in Stuttgart im Kino gesehen habe. Von ihm habe ich die meisten Filme überhaupt gesehen (vergesse nie "Shining" mit Jack Nickolson.)  Ridley Scott und Martin Scorsese sind beide weit über 80, das muss man erst mal nachmachen! Walser hat ja auch mit über 90 noch geschrieben. Vielleicht dreht Scott noch einen weiteren Film. Auf jeden Fall sind das alles Legenden, die mich mein Leben lang begleitet und mich beeinflusst haben -vielleicht auch im Schreiben?

Zu Napoleon noch eine Erinnerung. Schon zu Schulzeiten habe ich eine Napoleon-Biografie oder einen Roman gelesen. Da tauchte immer wieder die Geliebte Désiree auf und die Beziehungskämpfe in der Dreikonstellation. Es gibt so viele Facetten von Napoleon, dass es wahrscheinlich vermessen wäre, alles in einem Film unterzubringen. Daran krankt sicher dieser Film, denn es ist zu viel auf einmal und zu oberflächlich reingepackt, was uns ja auch manchmal in unseren Romanen passiert.

Bearbeitet von Christa
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Am 15.1.2024 um 12:54 schrieb AndreasG:

Ridley Scott hat in "Napoleon" einige beeindruckende Bilder gefunden, gerade was die Inszenierung der Schlachten angeht, aber er hat meines Erachtens keine Idee davon entwickelt, wer und was Napoleon eigentlich war, was ihn antrieb usw. Der Film findet kein Thema, keine besondere Perspektive auf Napoleon. Wer war er als Mensch? Bzw., da wir uns ja im Bereich des Fiktiven bewegen: Wer könnte er gewesen sein? Als Kriegsherr, als Liebender, als korsischer Underdog, der sich erst Frankreich und dann (um ein Haar) ganz Europa untertan gemacht hat? Wo wäre die Klammer zwischen all dem?

Andreas, mich haben vor allem die irre aufwändigen Kostüme beeindruckt, z.B. in der Krönungsszene. Möchte nicht wissen, wie lange es gedauert hat, das "Stilleben" der anwesenden Noblesse so zu arrangieren, dass es wirklich wie ein Renaissance-Gemälde aussieht.

Was Du über die Schwächen des Filmes schreibst, teile ich voll. Die Fragen nach dem Thema, dem Besonderen, der Perspektive und der Klammer werden von Redaktion und Produzenten im deutschen Fernsehen gewöhnlich an jedes x-beliebige Vorabend-Serien-Drehbuch gestellt. Wenn der Autor sie nicht oder nicht ausreichend tief beantworten kann, ist er schnell den Buchauftrag los. Weswegen ich meine Drehbuchschreiberei als harte, aber sehr gute Schule fürs Romanfach empfinde; kein Verlagslektor oder Agent würde jemals so "brutal" mit einem Romanautor über dessen Werk sprechen, wie es die Verantwortlichen in der Filmbranche mit ihren Autoren tun. Was wiederum damit zu tun hat, dass 1. Schwächen in der Dramaturgie im fertigen Film umso gnadenloser zu Tage treten (wohingegen sie im Buch bis zu einem gewissen Grad "wegformuliert" werden können), und dass 2. erheblich mehr Geld eingesetzt werden muss, um einen Film zu machen.

Speziell vor diesem Hintergrund ist es sehr merkwürdig, dass die Schwächen im Napoleon-Streifen im Vorfeld niemandem aufgefallen sind. Meine Vermutung ist ein bisschen, dass man dem Über-Genie Scott so freie Hand gelassen hat, dass tatsächlich keine Kontrollinstanz mehr am Werk war. Die Produktionsfirma ist ja  seine eigene. Und Apple als Auftraggeber ist zwar finanziell enorm potent, aber eben auch noch eher ein Neuling im Filmbusiness.

Bearbeitet von Jan vdB
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vor einer Stunde schrieb Jan vdB:

… dass im Film … Schwächen in der Dramaturgie umso gnadenloser zu Tage treten (wohingegen sie im Buch bis zu einem Gewissen Grad kaschiert werden können)

Inwiefern? Könntest du da ein paar Beispiele nennen? Interessiert mich wirklich. Ich dachte bisher, dass ein schlechter Film und ein schlechtes Buch nicht wirklich einen Unterschied machen bzw. kaschierte Schwächen hier wie da auffallen. Sowas wäre, rein für die handwerkliche Analyse, gut zu wissen.

Und was meinst du mit der "Klammer"?

Edit: Du hast gerade nochmal editiert und jetzt „wegformuliert“ geschrieben. Aber ist das so? Fällt das im Lektorat nicht auch auf, wenn es da Schwächen in der Erzählstruktur gibt? Frag ich ganz ohne Arg, da ich bisher weder ein „richtiges“ Buch noch ein Drehbuch veröffentlicht habe …

Bearbeitet von KerstinH
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Die Klammer meint die Verbindung zweier Themen oder Stränge. Bei Napoleon sind das offensichtlich seine Feldzüge und sein Privatleben. Bei einem durchschnittlichen TV-Krimi wäre das z.B. die Verbindung des Hauptthemas, als Beispiel Mordermittlungen im Drogenmillieu, und der Private-Line des Ermittlers, z.B. dem vom Bullen vernachlässigten Sohn, der selber Drogen konsumiert.

Jetzt zu den dramaturgischen Schwächen:

Als Drehbuchautor musst Du Deine Geschichte in einer logischen Abfolge von Bildern erzählen, die tunlichst keine Fragen offen lässt. "Show, don't tell" ist hier ein absolutes Muss. Und: Der Zuschauer, sieht immer alles von außen. Voice-Over-Erklärungen oder die sogenannten "Erklär-Bär"-Dialoge werden i.d.R. als dramaturgische Krücke gesehen und sind entsprechend verpönt.

Beim Roman hingegen hast Du mehr Möglichkeiten. Du kannst zum Beispiel auktoriale Erklärungen und Beschreibungen von Setting oder Vorgeschichte nutzen, um den Leser an etwas heranzuführen. Du kannst in Zeitebenen hin und her springen, ohne allzu große Verwirrung zu stiften. Du kannst den Leser in den Kopf des Protagonisten hineinschauen und seine Gedanken oder Beweggründe erklären lassen. usw. Das alles lässt sich sprachlich sehr elegant zusammen fügen. Mit Bildern als Erzählmedium ist das eher schwierig.

Bearbeitet von Jan vdB
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Danke, verstehe. Der Erklär-Bär. Ja, der nervt manchmal ziemlich. Wenn der Bösewicht, bevor er verhaftet oder erschossen wird, sich noch seitenweise brüstet, warum er das so und nicht anders gemacht hat und wie genial er da gedacht hat … Das kommt einem auch in Büchern/Krimis nicht selten unter, und ich finde das sehr unelegant.

Bearbeitet von KerstinH
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Ich hatte einmal einen Zettel vor mir kleben, auf dem stand: Niemals erklären!

Nichts ist tödlicher für Spannung oder Interesse als eine Erklärung. Aber was ist denn die Alternative, damit der Leser die Geschichte versteht?
Zeigen oder geschehen lassen. Ich gebe zu, dass das nicht in jedem Fall einfach ist, aber es ist eine reine Frage des Handwerks. Man kann es lernen.
Im Film klappt es ja auch. :D

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Am 17.1.2024 um 12:21 schrieb Wolf:

Nichts ist tödlicher für Spannung oder Interesse als eine Erklärung. Aber was ist denn die Alternative, damit der Leser die Geschichte versteht?
Zeigen oder geschehen lassen.

Ab wann ist eine Erkärung überhaupt eine "Erklärung"? Es ist schon ein Unterschied, ob der Bösewicht in einem langen Monolog erklärt, was er wie gemacht hat. Oder ob sich eine "Erklärung" auf unterschiedliche Dialoge verteilt, die der Leser/Seher dann im Kopf zusammensetzen muss.

Am 14.1.2024 um 14:47 schrieb Wolf:

die drei Bände Drehbücher von Downton Abbey, die neben dem Text viele persönliche Kommentare von Julien Fellowes enthalten, und mich so an den Überlegungen des Drehbuchautors teilhaben lassen.

Magst du mir bitte die Titel davon nennen?

Es gibt keine Regeln, nur sachkundige Entscheidungen. Und sachkundige Entscheidungen könnt ihr nur treffen, wenn ihr euch sachkundig macht.

Elizabeth George

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Sicherlich gibt es innerhalb der großen Kiste Erklärungen noch jede Menge Qualitätsunterschiede. Aber wenn ich als Leser merke, dass ein Dialog nur geschrieben wurde, dass ich als Leser etwas verstehe, dann gefällt mir das auch nicht.

Downton Abbey, The complete Scripts, Season One, von Julian Fellowes, 2012, Harper Collins Books

OIch habe das damals ganz normal bei Amazon gekauft. Wenn Du Season one findest, dann findest Du auch Seasons 2 and 3.

Viel Erfolg und Spaß beim Lesen
Wolf

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