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GesineS

„Ich war eine Frau und eine Leserin. Ich war gefährlich.“

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Leïla Slimani hielt beim 21. Internationalen Literaturfestival Berlin die Eröffnungsrede „Aufruf zum Verbrechen“. Der Vortrag hat mich beeindruckt und enthält (finde ich) viele bedenkenswerte Gedanken und zitierwürdige Sätze:

"Mein Verbrechen begann in einer Bibliothek. Dem redseligen und flunkernden jungen Mädchen,
das ich war, verschafften Bücher alle Freuden der Welt. Ich fand darin ein neues Leben, größer und
weiter als meines und die Träume, die für mich vorgesehen waren."

"Bücher gaben mir die Waffen, um zu verstehen, mich zu verteidigen, zu reagieren und zu überzeugen."

"Vielleicht ist das Deprimierendste, was heutzutage geschieht, die Zensur, die viele von uns sich selbst
auferlegen. Aus Angst, missverstanden zu werden, sind Künstler:innen nicht bereit, unbequem zu sein;"

 

:s13  Der ganze Text hier, übersetzt von Amelie Thoma.

Über Leïla Slimani (Frankreich, Marokko)

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vor 2 Stunden schrieb GesineS:

Aus Angst, missverstanden zu werden, sind Künstler:innen nicht bereit, unbequem zu sein;

Und aus Angst, für verrückt, unbegabt, hypochondrisch, was auch immer, gehalten zu werden. Aus Angst, kein Geld zu verdienen, allemal.

Nicht nur als Schriftstellerin: Ich habe gerade einen Film über das Leben von Klaus Kinski gesehen. Kann sich eineeiner von Euch vorstellen, wie mit ihm umgegangen worden wäre, wäre er eine Frau gewesen? Da wäre die Karriere vermutlich gaaanz schnell in der Psychiatrie geendet.

"Altes Land und Neue Liebe" Knaur, erschienen 2.8.2021

www.heike-wiechmann.de

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Naja, Modell. Dahinter steckt ein Denkmodus (wir hatten das grade in einem anderen Thread), der nichts glaubt, wenn es nicht wissenschaftlich abgesichert ist. Aber es gibt auch Erfahrungswissen, das vielleicht nicht hundertprozentig dokumentiert ist. Ohne in den zur Zeit tobenden Geschlechterkampf einsteigen zu wollen: Frauen machen - und vor allem machten -  zum Teil sehr andere gesellschaftliche Erfahrungen als Männer. Der Text von Laila Slimani zeigt das exzellent. Und um beim Schreiben zu bleiben: Wäre ein Buch wie „The Wife“ unter umgedrehten Vorzeichen (also Mann und Frau tauschen die Rollen) nicht doch eher als Komödie verfilmt worden?

Bearbeitet von KerstinH
Bezug auf Slimanis Rede ergänzt
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So weit würde ich nicht gehen @Kerstin. Die Wissenschaft hat deutliche Grenzen. Man kann mit ihr nicht alles absichern. Und das sage ich als ehemaliger Wissenschaftler.

Mein Kommentar bezog sich auf eine Vorhersage. Diese Dinge sind immer sehr heikel, solange sie nicht sehr gut begründet sind. Erfahrungswissen ist eine andere Sache. Eine der Vergangenheit wie jedes Wissen, das man nicht theoretisch abgeleitet hat. Vor Erfahrung habe ich sehr viel Respekt. Was ich noch vom ersten Weltkrieg erzählt bekommen habe ...

Liebe Grüße
Wolf

p.s. Zu "The Wife" kann ich nichts sagen. Ich kenne das Buch nicht.

 

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Eine Vermutung ist keine Vorhersage und auch keine Prognose, um wissenschaftlich  exakt zu bleiben.

"Altes Land und Neue Liebe" Knaur, erschienen 2.8.2021

www.heike-wiechmann.de

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Lol, da bin ich mir nicht so sicher. Kommt darauf an, wie sie formuliert wird.

Ich würde lieber einen ganz anderen Kampfplatz aufmachen: "Die Bibliothek ist der natürliche Feind des Wissenschaftlers."
Aber ich freue mich trotzdem über die Aussage in Gesines Post,: "Bücher gaben mir die Waffen, um zu verstehen, mich zu verteidigen, zu reagieren und zu überzeugen."
Und ich bin ein erklärter Feind der Zensur, vor allem der Selbstzensur. Aber das sind wir wohl alle hier.

Noch einen schönen Tag allerseits
Wolf

 

Bearbeitet von Wolf
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Ohne auf ihre Botschaft direkt eingehen zu wollen, fand ich im Hinblick auf ihren familiären Hintergrund ihr Zitat bemerkenswert:

"Mein Verbrechen begann in einer Bibliothek. Dem redseligen und flunkernden jungen Mädchen,
das ich war, verschafften Bücher alle Freuden der Welt. Ich fand darin ein neues Leben, größer und
weiter als meines und die Träume, die für mich vorgesehen waren."

Nun lässt sich sicher darüber streiten, ob sie es auch ohne den Umstand, dass ihr Vater Marokkanischer Wirtschaftsminister und Bankdirektor und ihre Mutter eine Ärztin war, zu Prominenz gebracht hätte, aber wenn man, wie sie ein paar Sätze weiter unten sagt, mit 18 nach Paris zum Studium geschickt wird, dann kann man schon davon sprechen, dass die für sie vorgesehenen Träume durchaus großzügig waren. Wahrscheinlich größzügiger als die Träume der überwältigenden Mehrheit ihrer Landsleute, egal ob männlich oder weiblich.

Ich habe keines ihrer Bücher gelesen, aber es lässt sich aus ihrer Rede herauslesen, dass ihre Bücher wohl nicht aus Sicht der Oberschicht, aus der sie stammt, geschrieben sind. Die Literatur ist voll von Beispielen, in denen Vertreter der Oberschicht über das Leben der Unterschicht schreiben. Das ist auch nichts Schlechtes, allerdings tut sich kein Autor einen Gefallen damit, die eigene Persönlichkeit mit aller Kraft in eine Ecke der Benachteiligten zu drängen, auch wenn es nicht unbedingt den tatsächlichen Umständen entspricht. Es kann eine an sich gute Botschaft verwässern.

Bearbeitet von AlexanderW
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Das ist sicher richtig, aber im Kern geht es in ihrer Rede um die unterschiedlichen Welten, in der Frauen und Männer leben, und um die Selbstzensur, die Frauen sich deshalb oft auferlegen. Diese Selbstzensur kann in einigen Fällen überlebenswichtig sein (dafür gibt es genügend Beispiele), aber in vielen Fällen ist sie mittlerweile auch zu tief verinnerlicht. Darauf weist sie hin.

Zitat: „Die Engländerin Virginia Woolf, die Marokkanerin Fatima Mernissi und die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie machten alle dieselbe Beobachtung zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Kontinenten: Die Welt ist voller „unsichtbarer Grenzen“, unausgesprochener Gesetze, an denen Frauen sich immerzu stoßen. „Hier dürfen Sie nicht rein“, sagt der Bibliothekar der Männer-Universität zu Virginia. „Hier kannst du nicht raus“, sagt der Haremswärter zur kleinen Fatima. „Sie gehören nicht hierher“, sagt ein Gast in einem Hotel in Luanda, wo Chimamanda sich alleine niedergelassen hat.

So etwas passierte und passiert unabhängig vom elterlichen Status.

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Ich habe mich mit meiner Meinung schon einmal in die Nesseln gesetzt, wiederhole sie aber trotzdem noch mal. Hoffentlich dieses Mal weniger locker.

Es gab und gibt überall diese unsichtbaren Grenzen, die einem Teil der Bevölkerung Zu- oder Austritt erschweren oder unmöglich machen. Das Phänomen an sich ist nicht frauenspezifisch. Es ist auch nicht spezifisch für Hautfarben. Es kommt überall vor und jeder, der rein oder rauswill, stößt sich daran und muss darunter leiden.

Einige davon stimmen nicht mit dem jeweiligen Grundgesetz überein. Die sollten wir angehen. Gegen andere ist man machtlos. Angehen sollte man auch dagegen, diese Grenzen widerspruchslos zu akzeptieren. Wünschen würde ich mir noch mehr, aber ich möchte diesen Thread nicht für meine eigenen Missionen kapern.

Und unbestritten ist, dass Frauen unter diesen Grenzen besonders zu leiden haben. Afganistan zeigt es uns gerade.

 

Liebe Grüße
Wolf

 

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vor einer Stunde schrieb KerstinH:

... machten alle dieselbe Beobachtung zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Kontinenten: Die Welt ist voller „unsichtbarer Grenzen“, unausgesprochener Gesetze, an denen Frauen sich immerzu stoßen. „Hier dürfen Sie nicht rein“, sagt der Bibliothekar der Männer-Universität zu Virginia. „Hier kannst du nicht raus“, sagt der Haremswärter zur kleinen Fatima. „Sie gehören nicht hierher“, sagt ein Gast in einem Hotel in Luanda, wo Chimamanda sich alleine niedergelassen hat.

So etwas passierte und passiert unabhängig vom elterlichen Status.

Das stimmt natürlich, aber Wolf hat mE auch Recht - unsichtbare Grenzen gibt es für jeden, auch für Männer.

Man gräbt keine goldenen Halsbänder aus dem Boden. (John Vorhaus "Handwerk Humor")

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Ja, unbestritten. Interessant wäre es zu untersuchen, ob sie sich auch so stark selbst zensieren. Das war es ja, worum es in der Rede ging.

Das Zitat ganz oben, auf das sich Alexander bezieht, ist jedenfalls sehr sprechend: "die Träume, die für mich vorgesehen waren."
Es waren also nicht ihre eigenen Träume - egal, wie großzügig sie waren.

Bearbeitet von KerstinH
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vor 14 Stunden schrieb KerstinH:

Ja, unbestritten. Interessant wäre es zu untersuchen, ob sie sich auch so stark selbst zensieren. Das war es ja, worum es in der Rede ging.

Selbst zensieren werden sie sich wohl auch. ("Das kann ich als Mann doch heute nicht mehr sagen.") Ob genauso stark ist sicherlich schwer zu messen. Meiner Erfahrung nach ist Selbstzensur eher individuell verschieden als vom Geschlecht abhängig (hier und jetzt, nicht in Marokko).

"Vielleicht ist das Deprimierendste, was heutzutage geschieht, die Zensur, die viele von uns sich selbst


auferlegen. Aus Angst, missverstanden zu werden, sind Künstler:innen nicht bereit, unbequem zu sein;"

Das Zitat schließt mE männliche Künster mit ein?

Man gräbt keine goldenen Halsbänder aus dem Boden. (John Vorhaus "Handwerk Humor")

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