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FlorianV

Vergessene DichterInnen

Empfohlene Beiträge

vor 5 Stunden schrieb MaikeS:

Noch mal zurück zu:

Erich Mühsam (1878-1934)

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Love this so much.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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EineR von uns beiden hat da etwas missverstanden, Dirk. Florian selbst hat doch zuerst Gedichte hier eingestellt. Ich dachte, dafür sei der Thread da.

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Ja, klar sollt ihr hier auch vergessene DichterInnen posten. Zum Urheberrecht: deswegen habe ich das ja in den geschlossenen Bereich gestellt, das hier ist also ein privater Austausch, keine Veröffentlichung der Texte, bei der das Urheberrecht beachtet werden müsste.

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Geschrieben (bearbeitet)

Hier nun eine Dichterin, damit das Binnen-I im Titel zu Ehren kommt. Leider gibt es kaum noch unentdeckte Dichterinnen der Moderne ... wobei, leider? Gut, dass die meisten schon wiederentdeckt wurden. Leider viel zu früh gestorben ist folgende, noch vergessene Dichterin. Hätte eine frühe Bachmann werden können, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte, glaube ich.

Marie Luise Weißmann, geboren am 20. August 1899 in Schweinfurt. Übersiedelte während des Ersten Weltkriegs nach Nürnberg. Nach dem Krieg Sekretärin des Nürnberger „Literarischen Bundes“. Heiratete 1922 den Verleger Heinrich F. S. Bachmair und lebte mit ihm in Pasing, Dresden und München. Gestorben an den Folgen einer Angina Pectoris am 7. November 1929 in München.

Nächtliche Insel

Der See fließt langsam zu dem fernen Land.
Vielleicht, er findet irgendwo das Land.
Die blasse Küste weint Verlassenheit.
Im Röhricht ist so viel Verlassenheit.

Und ward die Wiese aller Blüten kahl.
Es steht die Hütte ganz in Armut kahl.
Die späten Vögel suchten lange Rast.
Es fand der letzte Falter dunkle Rast:

Am Ende wird ein großer Schatten sein,
Es wird der Morgen fast vergessen sein.
Noch eine weiße Birke hängt im Abend.
Noch eine weiße Nonne betet in den Abend.

(1932)

Bearbeitet von FlorianV
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vor einer Stunde schrieb FlorianV:

Noch eine Dichterin, leider viel zu früh gestorben. Hätte eine frühe Bachmann werden können, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte, glaube ich.

So ein Gedicht habe ich noch nie gesehen: aa bb – aber es reimen sich keine Worte, es sind jeweils die gleichen. Gab's das schon mal vorher?

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Ich finds wunderschön.

Und ebenso schön, dass wir wieder im Thread der Vergessenen angekommen sind.

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Georg Busse-Palma, geboren am 20. Juni 1876 in Lindenstadt-Birnbaum in Posen. Bruder des Dichters Georg Busse. Ging wiederholt auf Wanderschaft durch halb Europa und lebte größtenteils als freier Schriftsteller ohne festen Wohnsitz. Freitod am 14. Februar 1914.

Erloschen

Erloschen ist die letzte Glut im Herde,
Der Morgen graut, Zeit wird es, daß ich geh´ ––
Ich weiß es nicht, wohin ich wandern werde,
Ich will so weit, daß ich dich nimmer seh´.

Wüßt´ ich ein Land für mich und meinesgleichen,
Wo schwarze Rosen an den Stöcken blühn,
Wo breitgeflügelt Trauermäntel streichen
Und blasse Sterne durch die Wolken glühn.

Wo dunkle Quellen aus den Bergen springen,
Wo nie das Glück das Menschenherz erhellt,
Wo keine Sänger und kein Harfenklingen ––
Ich zög´ dort hin und baute mein Gezelt.

Dann säß´ ich stumm auf übermoostem Stein,
Bräch´ Blatt um Blatt von dämmernden Zypressen,
Und Herz und Augen schliefen mählich ein,
Und mit der Welt würd ich auch dich vergessen.

(1899)

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Wie viel Leid und Qual aus diesen Gedichten jener Zeit spricht. Zwei Freitode. Und vom Krieg und Nachkriegszeit schwer an Seele und Körper geschädigte Menschen. (Ich glaube, Schiebelhut kenne ich vor allem aus der Autobiographie von Zuckmayer, die übrigens ein großartiges Bild jener Zeit gibt und hervorragend geschrieben ist.)

Give us more, Florian. :)

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Geschrieben (bearbeitet)

Springen wir doch ein paar Jahrhunderte zurück, ins späte Barock im Übergang zur Aufklärung. Hier schreibt ein nahezu vergessener Dichter über die kleinen Dinge in fast fernöstlicher Manier. Er wurde viel gelesen, von den Kritikern seiner Zeit aber wenig anerkannt, er war ihnen meist zu profan. Überdauert hat sein Name hauptsächlich, weil Joh. Seb. Bach ihn vertonte. Der Dichter hieß Barthold Heinrich Brockes, das Werk von Bach wird Brockes-Passion genannt. Trotz dieser Passion sind die Gedichte Brockes heutzutage kaum noch bekannt, obwohl er schon sehr modern schrieb, mit seinem Blick für das vordergründig Unscheinbare. Immerhin wird er seit einigen Jahren wiederentdeckt und sein Werk wird im Wallstein-Verlag herausgegeben. Möge er noch mehr LeserInnen finden. 
Da er literaturhistorisch wichtig ist, hat er einen recht ausführlichen Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Barthold_Heinrich_Brockes
Conclusio: nicht gänzlich vergessen, aber unbekannt genug, um hier erscheinen zu dürfen ...

 

Kirsch-Blühte bey der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh'te,
In küler Nacht beym Monden-Schein;
Ich glaubt', es könne nichts von gröss'rer Weisse seyn.
Es schien, ob wär' ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der klein'ste Ast
Trug gleichsam eine rechte Last
Von zierlich-weissen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich jedes Blat,
Indem daselbst des Mondes sanftes Licht
Selbst durch die zarten Blätter bricht,
So gar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht' ich, kann auf Erden
Was weissers ausgefunden werden.
Indem ich nun bald hin bald her
Im Schatten dieses Baumes gehe:
Sah' ich von ungefehr
Durch alle Bluhmen in die Höhe
Und ward noch einen weissern Schein,
Der tausend mal so weiß, der tausend mal so klar,
Fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blühte Schnee schien schwarz zu seyn
Bey diesem weissen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
Von einem hellen Stern ein weisses Licht,
Das mir recht in die Sele stral'te.
Wie sehr ich mich an GOtt im Irdischen ergetze,
Dacht' ich, hat Er dennoch weit grös're Schätze.
Die gröste Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

(1727)

Bearbeitet von FlorianV
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(So, nach einem Urlaub komme ich zum nächsten Dichter)

Ernst Balcke ist heute als Autor vergessen. Doch trotzdem ist er in die Literaturgeschichte eingegangen, weil sein Freund Georg Heym ihn vor dem Ertrinken retten wollte und dabei selbst zu Tode kam. Balckes kurzes Leben im Abriss: Geboren am 9. April 1887 in Berlin. Studierte Philologie in Berlin, Besancon und Edinburgh. Ertrank am 16. Januar 1912 beim Eislaufen zusammen mit seinem Freund Georg Heym in der Havel.

Die Selbstmörderin

Auf ihrer Brust klebt eine gelbe Kröte;
die regt sich nicht; ihr Purpurauge droht
voll Angst und Eifersucht tief durch die Röte
des schwülen Abends, der im West verloht.

Zwischen den schlanken, weißen Fingern blinken
die Kelche kaum entkeimter Wasserrosen,
grüngelbe Tange hängen in den losen,
aschblonden Haaren, die zum Grunde sinken.

Die kalten, blauen Lippen legen sich
wie Lapislazuli um ihre Zähne;
der scharfe Kiel eines der vielen Kähne
riß, rot wie Karmosin, tief einen Strich

Durch ihre Stirn. Schwer, langsam gleitet sie,
nicht Wind noch Welle sind da, die sie rühren.
Vom schlanken Halse bis herab zum Kinn
des Froschlaichs schwarze Fäden sie umschnüren.

Sie treibt zur Stadt. Gelbgraue Dünste kauern
wie fahle Hunde um des Himmels Rund.
Ein Dampfer rauscht; von ölig-schmutzigen Schauern
wird überschüttet ihr sehnsüchtiger Mund.

Zwischen verfallenen Häuserfronten windet
hindurch sich ihr einst heiß geliebter Leib.
Durchs Dunkel, horch, von höchsten Wonnen kündet
leis singend, irgend ein glückseliges Weib ––

Das Licht auf ihrer Haut erlischt. –– Den Nebel
wälzt aus den Brückenlöchern vor der Wind.
Von einem Dampferdeck bespeit ein Flegel
ihr süßes Antlitz, das im Grau zerrinnt.

(Dezember 1910)

 

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Das ist ein sehr schöner Thread, von dem ich mich gerne von der Arbeit ablenken lasse.

Ludwig Tieck, wahrscheinlich weniger ein vergessener Dichter, es fällt mir schwer da die Grenzen zu ziehen. Aber ich liebe Gedichte der Romantik und dies ist eines davon:

Heimliche Liebe

Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,

Wenn alle Nachtigallen singen,

Und wie die Tön' in Bäumen klingen

In Wonne Laub und Blüthen beben.

 

Wie schön im goldnen Mondenscheine

Das Spiel der lauen Abendlüfte,

Die, auf den Flügeln Lindendüfte,

Sich jagen durch die stillen Haine.

 

Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,

Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,

Die Lieb' aus tausend Rosen blicket,

Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.

 

Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,

Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,

Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,

Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber,

 

Wie sie die Flechten lößt und bindet,

Wie sie im Schwung der weißen Hand

Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,

Und Kränz' in braune Locken windet.

 

Wie sie die Laute läßt erklingen,

Und Töne, aufgejagt, erwachen,

Berührt von zarten Fingern lachen,

Und scherzend durch die Saiten springen;

 

Sie einzufangen schickt sie Klänge

Gesanges fort, da flieht mit Scherzen

Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,

Dahin verfolgen die Gesänge.

 

O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!

Sie riegeln sich dort ein und sprechen:

Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,

Damit du weißt, was Lieben sey.

 

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Johannes Theodor Kuhlemann, geboren am 4. November 1891 in Köln. Im Weltkrieg untauglich geschrieben. Nach 1918 Journalist und Musikkritiker in Saarbrücken. Später Rückkehr nach Köln. Arbeitete dort im Tabakmuseum des Freundes Josef Feinhals-Collofino. Gestorben am 9. März 1939 in Köln.

Der Auflauf

Im Anfang war es nur ein toter Hund,
ein krankes oder ausgetretnes Leben,
von kommender Verwesung laß und bunt.

Dann brach es auf wie ein zu warmer März
und ward ein Mund und spie das alles aus,
was in der Straße zuckte wie ein Herz
und irre Wellen schlug von Haus zu Haus
und schrie und tausend bange Köpfe hatte,
die trunken auf der Oberfläche schwammen,
und Leiber ohne Früchte, hungersatte,
und Hände, blau wie atemlose Flammen,
ein Herz, das flattert und sich bäumt und birst.

Und in der Häuser tiefen Augenhöhlen,
emporgespritzt zu ihrem steilsten First
sind Köpfe, Leiber, Tropfen aus der Flut,
und hängen über in das faule Leben,
das unten stirbt in seinem welken Blut.

Und allen sammelt sich im Blut der Schrei,
und alle Leiber brechen auf und gröhlen
und wollen ihren Schrei dem Himmel geben ––

und selbst der Himmel ist kein Trost dabei.

(1913)

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Am 27.6.2021 um 21:12 schrieb ClaudiaB:
Am 27.6.2021 um 21:12 schrieb ClaudiaB:

Wie viel Leid und Qual aus diesen Gedichten jener Zeit spricht. Zwei Freitode. Und vom Krieg und Nachkriegszeit schwer an Seele und Körper geschädigte Menschen. (Ich glaube, Schiebelhut kenne ich vor allem aus der Autobiographie von Zuckmayer, die übrigens ein großartiges Bild jener Zeit gibt und hervorragend geschrieben ist.)

Give us more, Florian. :)

Ja, bitte! Was für ein bemerkenswerter Thread. Vielen Dank, Florian!

 

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Sophie Mereau Brentano
Geboren 1770
Gestorben 1806

An ein Abendlüftchen

Sey mir gegrüßt aus deinen reinen Höhen
du Himmelsluft!
o! säume nicht mich liebend anzuwehen
mit süßem Duft!

Es lauscht in dir der hingeflohnen Zeiten
geliebtes Bild,
Des Herzens Tausch, die Welt voll Seligkeiten
wie du so mild!

Die goldnen Ähren sanken schweigend nieder
beym Sichelschall,
da gingen wir und sangen frohe Lieder
durch Feld und Thal.

Du säuseltest aus blauem Äther nieder
sanft zu uns hin,
und küsstest uns; - wir küssten froh dich wieder
mit leichtem Sinn.

Uns war so wohl, von deinem Hauch durchdrungen,
wie du so leicht,
und in der Ahndung süßen Traum verschlungen
dem keiner gleicht.

Du kehrst zurück zu deiner fernen Quelle -
woher? wohin?
wer weiß es? - So bewegt der Zeiten Welle
den leichten Sinn.

Ach! fern, ach fern, wie deine Ätherschwingen,
entfloh das Glück,
und deine leichten stillen Flügel bringen
es nie zurück!

Statt jener Ruhe, die dein Hauch mir sandte,
verglimmt das Herz,
das einst in reger Lebensgluth entbrannte,
in stillem Schmerz.

Du kehrst zurück mit himmlischen Gefieder
im Abendschein,
und küssest mich mit süßem Athem wieder;
doch ach! allein!

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Hier ein Gedicht von Herbert Tettenborn, zu dem sich keinerlei Lebensdaten ermitteln lassen und den man nur in abseitigen Anthologien finden konnte. Eventuell wurde er 1887 geboren und starb er 1946 in den USA, denn dort findet sich ein Grabstein mit seinem Namen.

Kanal

Aus trüben Gaslaternen treiben müde Lichter
in bunten Kreisen auf den öligen Kanal,
und von den Brücken stieren in die Flut Gesichter, ––
doch träge rollt der Fluß und schimmert kalt wie Stahl.

Die Nacht ist stumm –– nur in den Lüften hängt ein Weinen,
in das von fern schon Lärm der Feuerwehren wühlt ––
bald fischen sie mit Stangen und mit langen Leinen
das Becken ab, von rotem Fackellicht umspült.

(1927)

 

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vor 12 Stunden schrieb FlorianV:

Hier ein Gedicht von Herbert Tettenborn, zu dem sich keinerlei Lebensdaten ermitteln lassen und den man nur in abseitigen Anthologien finden konnte. Eventuell wurde er 1887 geboren und starb er 1946 in den USA, denn dort findet sich ein Grabstein mit seinem Namen.

Könnte es sich nicht um den 1907 geborenen Herbert Tettenborn handeln, dessen Gedicht Abendrot 1942 in Monatshefte für deutschen Unterricht abgedruckt wurde? Besonders die letzten beiden Sätze scheinen mir in unsere Zeit zu passen.

Des Wahnsinns Glut nur leuchtet unserm Irrn,
das Fieber tanzt uns lachend durchs Geäder.
Sein Kinderspiel zerhämmert uns das Hirn,
und unsre Kraft zermahlen seine Räder.

Die große Stadt war krank von alters her
und ihrer Wiege stand der Tod zur Seite.
Aus ihrem Bauch schwillt nun das trübe Meer
und giftet auf Chausseen in die Weite.

Es stirbt ein Volk. Sein Abendrot bricht an,
bald wird die Sonne laut im Meer verzischen.
Wir rüsten uns, die Zeit ist bald heran,
in der sich unsre Spuren ganz verwischen.

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Oh, ja, das ist er! Hast du dieses Monatsheft und sind da Angaben zu seinem Leben enthalten? Die könnte ich sehr gut gebrauchen!

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Ob Unbekannt oder eher nicht, das sei mal dahingestellt. Ich kannte sie nicht und mag dies Gedicht  .

Helmina von Chézy
(1783-1856)

Sehnsucht


Ach! hätt ich nur Worte, zu singen
Der Liebe unendliches Lied!
Ach! könnt' ich mit Flügeln mich schwingen
Zur Stelle, wo Wiedersehn blüht!

Da schau ich so träumend ins Weite,
Der Himmel ist wolkig und grau,
Ach! wär mir der Liebste zur Seite
Stünd Alles in Blüthe und Thau.

In Blicken, da blühte die Minne,
Auf Lippen, da blühte der Kuß -
Ach! wie ich so träume und sinne,
Und einsam stets einsam seyn muß!

Doch so auch, im bangenden Triebe,
Willkommen mir, himmlische Pein!
Das Leben ist Tod ohne Liebe,
Wie möcht' ich gelassen doch seyn?

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 37)

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