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Wolf

Wieder mal die Zeiten

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Dieses Mal brauche ich eine Kurzauskunft. Ich bin nicht umsonst Bauchschreiber. Selbst Regeln der deutschen Grammatik muss ich nachschlagen. Ich lasse mich im allgemeinen ganz von meinem Sprachgefühl leiten. Aber dieses Mal spricht das mit zwei Zungen.

Ich schreibe in der Ich-Perspektive einer jungen Frau im Präteritium. Und nach den ersten zwanzig ode dreißig Seiten kommt eine Szene, die ich gern im Präsens schreiben würde. Ich weiß wie so oft nicht warum, aber es fühlt sich gut an. Es würde der Szene mehr Dynamik, mehr Nähe und eine gewissen Besonderheit verleihen, aber das ist eine nachgeschobene Erklärung. Das Gefühl ist zu tun, war zuerst da.
Ich habe so etwas noch nie gemacht und kann mich auch an keinen Roman erinnern, wo ich so etwas schon einmal gelesen hätte. Was nicht heißen soll, dass es das nicht gibt.
Würde mir niemand antworten, würde ich es machen. Mein Gefühl, dass es möglich ist, ist also recht stark.
Aber wofür habt man denn Freunde.

Euch noch einen schönen Tag.
Wolf
(hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal fragen müsste)

 

 

 

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Doch, so etwas gibt es durchaus nicht so selten. Ich habe erst letzte Woche darüber einen Vortrag gehalten. Zwei von etlichen Beispiele waren der Beginn von Uwe Timms "Entdeckung der Currywurst" und Anfang und Ende von Goethes "Werther". Da schlagen besonders auf der letzten Seite die Tempora in scheinbar wildem Wechsel um sich. So wild ist es aber bei näherem Hinsehen dann doch nicht, sondern genau abgestimmt auf das, was der Satz oder Satzteil gerade vermitteln will, nämlich

- (a) Vertrauen in den ehrlichen, weil schlichten oder persönlich erschütterten – und deutlich hörbaren – Erzähler bzw. in die erregte Verfassung einer Perspektivfigur oder

- (b) eher den Impuls zum Lesen/Hören einer spannenden Geschichte, wo der Erzähler ruhig in seinem Ohrensessel sitzen bleibt, kein Weiteres Aufhebens um sich und seine Glaubwürdigkeit macht, weil er sich darauf verlässt, dass die Geschichte den Leser schon für sich mittragen wird.

(a) = Präsens (+ nötigenfalls angeschlossenes Perfekt); (b) = Präteritum (+ nötigenfalls angeschlossenes Plusquamperfekt)

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Hallo Wolf,

ich glaube, so was kann man nur schwer so auf dem Trockenen beurteilen. Magst du nicht den Übergang der beiden Szenen in die Textkritik stellen? Wenn man es selbst lesen könnte, wäre es einfacher zu sagen, ob es passt oder nicht. Grundsätzlich machen kann man so was immer, meiner Meinung nach. Es muss halt passen und einen Sinn ergeben.

Liebe Grüße

Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Schon mal vielen Dank für die ersten schnellen Wortmeldungen.

Wahrscheinlich riskiere ich es einfach mal. Die wenigen Szenen, für die das in Frage kommt, lassen sich ja bei Bedarf mit vertretbarem Arbeitsaufwand wieder korrigieren. Bin aber immer noch dankbar für jeden weiteren klugen Gedanken. <3

 

Liebe Grüße
Wolf

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Würde mich als Leser irritieren.

Es sei denn, die Standardzeit ist Präsens und der erste Teil ein Rückblick.

Aber Präteritum als Standard und dann Präsens dazwischen find ich (ohne das jetzt gesehen zu haben) schwierig.

Ich verstehe auch die inhaltliche Funktion davon nicht so ganz, aber dafür müsste man das wahrscheinlich mal lesen.

Bearbeitet von MichaelT
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Geschrieben (bearbeitet)

Nein, es ist schon umgekehrt. Präteritum ist Standard. Das Kapitel beginnt dann mit: Jetzt sitz ich hier ...
Von der Logik her geht es nicht, denn das würde bedeuten, dass alles bis auf diese Bewusstseinsspitzen Rückblick wären. Das sind sie nicht. Andererseits ist die Erzählstimme in Ich-Perspektive ohnehin etwas seltsam, weil sie an die Protagonistin geknüpft ist und nicht die Bandbreite hat, die ein personaler Erzähler aufbringen kann.

Hat die Protagonistin wirklich erzählt? Oder spricht sie die ganze Zeit nur mit selbst? Wacht auf in der Realtät. Erzählt weiter, wacht irgendwo wieder auf.

Es gibt eine Menge für und wider, was den Effekt angeht. Die Logik ist für mich weniger überzeugend.

Liebe Grüße
Wolf

 

Bearbeitet von Wolf
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Ach, das ist ein neues Kapitel?

Okay, dann ist das was anderes.

Ich dachte, das wäre eine Szene mittendrin.

 

Bearbeitet von MichaelT
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Ich finde es sehr schwierig, das zu beurteilen, ohne die betreffende Stelle vor mir zu haben. Den Wechsel vom Präteritum ins Präsens kenne ich von den Klassikern. Manchmal  habe ich das auch in modernen Romanen gesehen, zum Beispiel, wenn die Figur sehr aufgeregt ist. Beim Werther habe ich gerade geguckt-spielt der Roman im Präsens - Briefform an einen Freund -, und das Präteritum wird bei Schilderungen von Vergangenem verwendet. Ich glaube, man kann das ab und zu machen, aber wenn es zu oft auftritt, nervt es beim Lesen. Könntest du die Stelle nicht mal in die Textkritiken stellen? Daraus würde ich sicher was lernen.

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Ich würde es so machen, wie ich es im Moment des Schreibens empfinde. Notfalls gibt es immer den Vorgang des Überarbeitens. Du musst nur sehr akribisch arbeiten, willst du bei der Überarbeitung einen Perspektivwechsel oder Zeitenwechsel durchführen... das sage ich aus leidiger Erfahrung. 

Krimis, Liebe und Mehr.

www.ilonaschmidt.com

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Dann werde ich es mal versuchen. Danke an alle.

@IlonaS
Ich experimentiere mit diesem Text und den Zeiten ohnehin. Alles wurde im Präteritum geschrieben. Text1. Dann habe ich alles in Präsens umgeschrieben, um die Nähe zu verstärken. Text2. Und dann schreibe ich das Präsens wieder um ins Präteritum. Text3. Zwischen Text1 und Text3 gibt es gewaltige Unterschiede in der Erzählstimme.

Im Gegensatz zu den meisten von euch, entstehen meine Gedanken ja immer während des Schreibens. Planen kann ich das nicht. Wenn ich plane, arbeiten andere Teile meines Gehirns. Na ja, jedenfalls fühlt es sich so an. Manchmal muss man etwas tricksen, um an das Unterbewusstsein ran zu kommen.

Aber ich liebe diese Abenteuer.

Liebe Grüße
Wolf

 

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vor 23 Minuten schrieb Wolf:

m Gegensatz zu den meisten von euch, entstehen meine Gedanken ja immer während des Schreibens. Planen kann ich das nicht. Wenn ich plane, arbeiten andere Teile meines Gehirns. Na ja, jedenfalls fühlt es sich so an. Manchmal muss man etwas tricksen, um an das Unterbewusstsein ran zu kommen.

Oh doch, das kenne ich sehr wohl, aber ich habe festgestellt, dass reines Bauchschreiben mich in den sprichwörtlichen Wald führt. Ich verliere den Fokus und meine Geschichte verfranzt sich. Daher zwinge ich mich zu einem groben Entwurf vorher, an dem ich mich notfalls entlanghangeln kann. 

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