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MaschaV

„Als“ am Satzanfang

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Als ich heute Früh den Lapy hochfuhr und die Als-Antworten vorfand, lachte mein Schreibherz. Eine feine und anregende Diskussion - für mich gilt auch: Die Als-Verwendung hängt von der Figur und dem zu erzeugenden Gefühl für eine Situation ab, nur die übertriebene Verwendung würde mich stören.

Wir haben keine andere Welt, in die wir auswandern können. (Gabriel García Márquez)
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Ich danke auch ganz herzlich,  Angelika, die Erklärung ist so gut verständlich und erhellend. 

Hier würde es aber doch gehen:

Als mein Großvater starb, war er allein. Ist okay. Aber: Beim Tod meines Großvaters war  er allein. ? 

Bei seinem Tod war mein Großvater allein.

Danke auch Margot für die Als-Anfänge der Literatur.

Ich habe auch mitunter Abneigungen gegen gewisse Konstrukionen, und ich weiß, dass das eine persönliche Marotte ist. Was die teils von Mascha zitierten Als-Sätze angeht ... Ich glaube nicht, dass etwas wie Faulheit der Grund ist. Vielleicht macht man es sich einfach oder will, wie Angelika schon sagte, eine gewisse Spannung erzeugen; sicher oft in einer Sparte der Unterhaltung, wo die Sprache, wie hier so oft geäußert, das Transportmittel für einen Film im Kopf sein soll. Warum dann einen eleganten oder rhythmisch interessanten Satz bilden, oder die Konstruktion überhaupt hinterfragen, wenn der Effekt mit der einfachen Als-Konstruktion schon erzielt wird?

 

 

 

 

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ich muss allerdings noch mal auf mich selbst antworten. :)

Es ist ja schon etwas anderes, den Vorgang des Sterbens oder den Tod zu benennen.

Als er starb, war mein Großvater allein. (Würde für mich besser klingen als: Als mein Großvater starb, war er allein.) Wenn wir seinen Tod ins Spiel bringen, machen wir ein anderes sprachliches Fass auf ... 
 

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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vor 14 Stunden schrieb Christa:

Märchen haben ja auch so eine Sprache, und ich habe gleich ein Beispiel aus "Rotkäppchen" gefunden:

"Und als er (der Wolf)  an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er musste jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geislein das sahen, da kamen sie herbeigelaufen, riefen laut 'Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot! und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum."

Dagegen "Der Wolf kam an den Brunnen, bückte sich über das Wasser und wollte trinken (...) Das sahen die sieben Geislein, kamen herbeigelaufen und riefen laut; (...)

Ist "als" vielleicht etwas poetisch und altertümlich?

Erst mal dazu: Ganz sicher nein. als gehört zu den lexikalischen Basics in der deutschen Sprache, das gehört weder dieser noch jener besonderen Klaviatur an, es ist so normal wie aber oder Hilfe. Es hat aber etwas, das es bei aller Weitläufigkeit auch wieder sehr besonders macht unter den grammatikalisch-funktionalen Wörtern, und das ist der Aspekt.

Manche Sprachen haben einen Aspekt als äußerst wichtigen Teil ihrer Grammatik – das Russische etwa (und die meisten anderen slawischen Sprachen, soweit ich weiß) und das Griechische (sowohl Alt- wie Neugriechisch). Dabei wechseln die Verben in der Vergangenheitsform die Gestalt. Es gibt regelrecht zwei Verben nebeneinander, die sich enorm unterscheiden können (Z.B. und in lateinischer Umschrift aus dem Griechischen: ich sagte = 1. élega.  2. ípa / ich aß = 1. étroga  2. éfaga) Die Normalform bedeutet dabei: "Ich sagte oder aß etwas, so wie ich das öfter tue", die zweite: "In diesem besonderen, einmaligen Fall sagte bzw. aß ich Folgendes." Im Deutschen kennen die Verben keinen Aspekt, aber mit als mischt er doch auch bei uns mit. Das sieht man, wenn ein Nichtmuttersprachler Deutsch spricht und dabei immer wieder als mit wenn oder wann verwechselt: "Wann ich habe getroffen mein Mann für erste Mal ..." – Wer kennt das nicht? Der Fehler liegt daran, dass in den Ausgangssprachen nur ein Wort vorliegt (when, quando, cuando etc.) und dem Sprecher so erst mal gar nicht ersichtlich ist, warum er sich auf zwei Möglichkeiten konzentrieren sollte, deren Unterschied ihm sowieso nicht klar ist. Es gibt aber einen Unterschied und der heißt: einmal oder öfter:

Immer wenn es gewitterte, hatte Tante Eleonor Angst. Aber als damals der Blitz einschlug, verschlief sie das ganze Spektakel.

So. Und das ist es, was einem Geschichtenerzähler das als so nahelegt. Es leistet ähnliche Dienste wie der indefinite Artikel ein/eine, es sagt: Leute! Aufgepasst! Jetzt kommt etwas Einmaliges. Märchen beginnen gern mit "Es war einmal ..." und dann folgt "... ein König, Drache ..." Warum wohl?

Märchen lieben Trommelwirbel. Moderne und hintersinnige Autoren verzichten darauf und tun so, als sei alles ganz normal. In als gibt es ja einen Trommelwirbel, wie wir gesehen haben, aber der ist gut versteckt, der erste Satz bei Kafka könnte genauso gut mit einem herzhaften Frühstück weitergehen. Tut er aber nicht.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. 

Und das ist das Infame und zeichnet Kafka so aus, dass er etwas Ungeheuerliches einführt, als wäre es völlig normal (danke, @Margot, für die Anfangssatz-Beispiele!). 

"Ilsebill salzte nach" gefällt mir auch. Aber Kafka ist halt nicht Grass, seine Geschichte musste schon anders erzählt (und begonnen) werden.

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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vor 53 Minuten schrieb ClaudiaB:

Ich muss allerdings noch mal auf mich selbst antworten. :)

Es ist ja schon etwas anderes, den Vorgang des Sterbens oder den Tod zu benennen.

Als er starb, war mein Großvater allein. (Würde für mich besser klingen als: Als mein Großvater starb, war er allein.) Wenn wir seinen Tod ins Spiel bringen, machen wir ein anderes sprachliches Fass auf ... 
 

1. Ja, was an der vergleichsweisen Unbeholfenheit liegt, mit der Präpositionen am Werk sind, wenn sie – so gut es geht halt – dasselbe sagen wollen wie ein Nebensatz mit seinen vielen Möglichkeiten. Die Präposition braucht unbedingt ein Nomen, vor (prä!) das sie sich pflanzen kann. Also ist sie daran interessiert, aus einem Verb ein Nomen zu zaubern. Das geht manchmal problemlos: Wenn es regnet, brauchen wir einen Schirm. →  Bei Regen ... Manchmal aber auch nicht Für sterben gibt es kein Nomen im 1:1 Verhältnis. Man kann natürlich das Verb nominalisieren, das geht prinzipiell immer, aber damit wird der Prozess (des Sterbens) unnötig in den Vordergrund gestellt (sagst du auch, @ClaudiaB), während das Verb da auf die genau richtige Weise unentschlossen bleibt. Er starb – das kann den ganzen Vorgang oder seinen Abschluss meinen, und die meisten von uns denken dabei an Letzteres, würde ich sagen.

2. Auch ja. Dadurch, dass wir das Personalpronomen (Als er starb ...) vor das Nomen ziehen, für das es ja steht, wird eine Intimität suggeriert, als ob wir den alten Herrn kennten, als wäre schon über ihn gesprochen worden. Denn im Normalfall betritt erst das Nomen die Bühne, dann folgen die Pro-Wörter. Und das lenkt den Blick zu ihm, als wären wir in seiner Perspektive. Auch der Possessivartikel (Bei seinem Tod ...) bemüht sich um so etwas, aber dem kommt dann halt das Nomen in die Quere. Selber schuld, Präpositiönchen!

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Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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vor 19 Minuten schrieb Angelika Jo:

Erst mal dazu: Ganz sicher nein. als gehört zu den lexikalischen Basics in der deutschen Sprache, das gehört weder dieser noch jener besonderen Klaviatur an, es ist so normal wie aber oder Hilfe. Es hat aber etwas, das es bei aller Weitläufigkeit auch wieder sehr besonders macht unter den grammatikalisch-funktionalen Wörtern, und das ist der Aspekt.

Manche Sprachen haben einen Aspekt als äußerst wichtigen Teil ihrer Grammatik – das Russische etwa (und die meisten anderen slawischen Sprachen, soweit ich weiß) und das Griechische (sowohl Alt- wie Neugriechisch). Dabei wechseln die Verben in der Vergangenheitsform die Gestalt. Es gibt regelrecht zwei Verben nebeneinander, die sich enorm unterscheiden können (Z.B. und in lateinischer Umschrift aus dem Griechischen: ich sagte = 1. élega.  2. ípa / ich aß = 1. étroga  2. éfaga) Die Normalform bedeutet dabei: "Ich sagte oder aß etwas, so wie ich das öfter tue", die zweite: "In diesem besonderen, einmaligen Fall sagte bzw. aß ich Folgendes." Im Deutschen kennen die Verben keinen Aspekt, aber mit als mischt er doch auch bei uns mit. Das sieht man, wenn ein Nichtmuttersprachler Deutsch spricht und dabei immer wieder als mit wenn oder wann verwechselt: "Wann ich habe getroffen mein Mann für erste Mal ..." – Wer kennt das nicht? Der Fehler liegt daran, dass in den Ausgangssprachen nur ein Wort vorliegt (when, quando, cuando etc.) und dem Sprecher so erst mal gar nicht ersichtlich ist, warum er sich auf zwei Möglichkeiten konzentrieren sollte, deren Unterschied ihm erst mal nicht klar ist. Es gibt aber einen Unterschied und der heißt: einmal oder öfter:

Immer wenn es gewitterte, hatte Tante Eleonor Angst. Aber als damals der Blitz einschlug, verschlief sie das ganze Spektakel.

So. Und das ist es, was einem Geschichtenerzähler das als so nahelegt. Es leistet ähnliche Dienste wie der indefinite Artikel ein/eine, es sagt: Leute! Aufgepasst! Jetzt kommt etwas Einmaliges. Märchen beginnen gern mit "Es war einmal ..." und dann folgt "... ein König, Drache ..." Warum wohl?

Märchen lieben Trommelwirbel. Moderne und hintersinnige Autoren verzichten darauf und tun so, als sei alles ganz normal. In als gibt es ja einen Trommelwirbel, wie wir gesehen haben, aber der ist gut versteckt, der erste Satz bei Kafka könnte genauso gut mit einem herzhaften Frühstück weitergehen. Tut er aber nicht.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. 

Und das ist das Infame und zeichnet Kafka so aus, dass er etwas Ungeheuerliches einführt, als wäre es völlig normal (danke, @Margot, für die Anfangssatz-Beispiele!). 

"Ilsebill salzte nach" gefällt mir auch. Aber Kafka ist halt nicht Grass, seine Geschichte musste schon anders erzählt (und begonnen) werden.

Das ist einfach super erklärt, Angelika! Wann immer ich von jetzt an ein als entdecke, werde ich daran denken.

 

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Ich glaube nicht, dass es mit Bequemlichkeit zu tun hat.

Ich habe mal nach meinem nächsten Als-Anfang gesucht: "Als Vater ihr erstmals riet, ihren Bruder zu töten, verstand sie die Gründe, und doch überwogen die Zweifel."
Wenn ich das jetzt umformuliere, klingt das im personalen Erzählton halt nicht mehr nach der Figur, die da zurückblickt, sondern wie jemand anders.
Will ich auf das Als verzichten, braucht es vermutlich zwei kürzere Sätze, die an die Stelle aber nicht passen, weil der Rhythmus lieber einen längeren Satz hätte.

Meiner Meinung nach passt an diese Stelle kein anderer Satz so gut wie der.

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Ich habe jetzt die Satzanfänge mit "als" nochmals gelesen und werde langsam zu einem Fan. :D

Wir wissen nicht, ob sich diese Autoren dabei etwas gedacht haben bzw. es als Stilmittel nutzten, oder ob es einfach Zufall war. Aber "als" am Satzanfang bringt doch gleich zwei Handlungen/Zustände/Begebenheiten o.Ä. zusammen. Je gegensätzlicher desto interessanter. Im Grunde ist das doch klasse gemacht.

Möglicherweise können das aber auch nur gestandene Autor*innen und bei allen anderen wirkt es "faul", "unbeholfen" "what-ever", aber wer es bewusst einsetzt, erzielt damit eine Wirkung. Auf alle Fälle wirkt es bei mir.

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Und als der Bauer saß und fraß und als der Bauer saß und fraß – da rumpelt in der Kammer was! Fa-teri terallala, Fa-teri tera! ...

Und als der Bauer in d' Kammer kam und als der Bauer in'd Kammer kam – stand der Pfaff da, zog seine Hosen an! Fa-teri terallala, Fa-teri tera!

 

Das sind doch herrlich kraftvolle und sinnvolle Als-Konstruktionen! Ich hab vor gefühlt hundert Jahren eine Klausur in der Schule über das Lied geschrieben und es musikalisch-textlich analysiert (Wir haben es auch gesungen und uns dabei selbst begleitet, uns intensiv damit beschäftigt :) Unser Musiklehrer in der Oberstufe war der Saxofonist des bei uns legendären linksradikalen Blasorchesters)

In der letzten Strophe dann kein Als mehr, es hat eine Prügelei gegeben und man bewundert nun das Hinterteil des Pfarrers ... Ich zitiere aus dem Gedächtnis: Da kamen die Leut von nah und fern, da kamen die Leut von nah und fern und dachten, es sei der Morgenstern, fateriterallal, fateritera. Der Morgenstern, der war es nicht, der Morgenstern, der war es nicht, es war des Pfaffen A ... gesicht (das übliche faterifallalala, triumphal geschmettert!)

Eine Lanze für das Als, fateriterallala.
 

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Nein, richtig, Kerstin, die hatten wir auch. Jedenfalls wir in unserer linken Schule :)

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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vor 2 Stunden schrieb Angelika Jo:

1. Ja, was an der vergleichsweisen Unbeholfenheit liegt, mit der Präpositionen am Werk sind, wenn sie – so gut es geht halt – dasselbe sagen wollen wie ein Nebensatz mit seinen vielen Möglichkeiten. Die Präposition braucht unbedingt ein Nomen, vor (prä!) das sie sich pflanzen kann. Also ist sie daran interessiert, aus einem Verb ein Nomen zu zaubern. Das geht manchmal problemlos: Wenn es regnet, brauchen wir einen Schirm. →  Bei Regen ... Manchmal aber auch nicht Für sterben gibt es kein Nomen im 1:1 Verhältnis. Man kann natürlich das Verb nominalisieren, das geht prinzipiell immer, aber damit wird der Prozess (des Sterbens) unnötig in den Vordergrund gestellt (sagst du auch, @ClaudiaB), während das Verb da auf die genau richtige Weise unentschlossen bleibt. Er starb – das kann den ganzen Vorgang oder seinen Abschluss meinen, und die meisten von uns denken dabei an Letzteres, würde ich sagen.

2. Auch ja. Dadurch, dass wir das Personalpronomen (Als er starb ...) vor das Nomen ziehen, für das es ja ste

Na wui Angelika, klarer ist das wohl nicht zu erklären. Ob ich so ein Wissen (als Nicht-Germanist) noch annähernd aufsaugen kann?, jedenfalls ein herzliches Danke.

Wir haben keine andere Welt, in die wir auswandern können. (Gabriel García Márquez)
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Meine Lieblingseinstiege in Büchern sind die "Als"-Einstiege von Sebastian Fitzek (hat er in mehreren Büchern benutzt).

Beispiel ("Die Therapie"): "Als die halbe Stunde verstrichen war, wusste er, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde."

Find ich stark, weil man sofort mit dem ersten Satz "drin" ist und weiß, worum es geht. Mir fällt da keine bessere Formulierung ein.

Bearbeitet von MichaelT
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vor 5 Stunden schrieb Angelika Jo:

1. Ja, was an der vergleichsweisen Unbeholfenheit liegt, mit der Präpositionen am Werk sind, wenn sie – so gut es geht halt – dasselbe sagen wollen wie ein Nebensatz mit seinen vielen Möglichkeiten. Die Präposition braucht unbedingt ein Nomen, vor (prä!) das sie sich pflanzen kann. Also ist sie daran interessiert, aus einem Verb ein Nomen zu zaubern. Das geht manchmal problemlos: Wenn es regnet, brauchen wir einen Schirm. →  Bei Regen ... Manchmal aber auch nicht Für sterben gibt es kein Nomen im 1:1 Verhältnis. Man kann natürlich das Verb nominalisieren, das geht prinzipiell immer, aber damit wird der Prozess (des Sterbens) unnötig in den Vordergrund gestellt (sagst du auch, @ClaudiaB), während das Verb da auf die genau richtige Weise unentschlossen bleibt. Er starb – das kann den ganzen Vorgang oder seinen Abschluss meinen, und die meisten von uns denken dabei an Letzteres, würde ich sagen.

2. Auch ja. Dadurch, dass wir das Personalpronomen (Als er starb ...) vor das Nomen ziehen, für das es ja steht, wird eine Intimität suggeriert, als ob wir den alten Herrn kennten, als wäre schon über ihn gesprochen worden. Denn im Normalfall betritt erst das Nomen die Bühne, dann folgen die Pro-Wörter. Und das lenkt den Blick zu ihm, als wären wir in seiner Perspektive. Auch der Possessivartikel (Bei seinem Tod ...) bemüht sich um so etwas, aber dem kommt dann halt das Nomen in die Quere. Selber schuld, Präpositiönchen!

Da fällt mir jetzt der sehr tolle Filmtitel "Beim Sterben ist jeder der Erste" ein. 

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vor 1 Stunde schrieb MichaelT:

Meine Lieblingseinstiege in Büchern sind die "Als"-Einstiege von Sebastian Fitzek (hat er in mehreren Büchern benutzt).

Beispiel ("Die Therapie"): "Als die halbe Stunde verstrichen war, wusste er, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde."

Find ich stark, weil man sofort mit dem ersten Satz "drin" ist und weiß, worum es geht. Mir fällt da keine bessere Formulierung ein.

"Nach einer halben Stunde wurde ihm klar, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde." 

Finde ich viel klarer und wuchtiger als mit dem völlig überflüssigen "als" vorne dran und dem altertümlichen "verstrichen" noch dazu. 

Bearbeitet von MaschaV
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vor 12 Minuten schrieb MaschaV:
vor 6 Stunden schrieb ClaudiaB:

Bei seinem Tod war mein Großvater allein.

Like! 

Wirklich? Ich finde den Satz unelegant, weil doppelt gemoppelt. Bei wessen Tod denn sonst? Bei jedem anderen Tod wäre er ja nicht allein gewesen, sondern höchstens anwesend.

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Gerade eben schrieb KerstinH:

Wirklich? Ich finde den Satz unelegant, weil doppelt gemoppelt. Bei wessen Tod denn sonst? Bei jedem anderen Tod wäre er ja nicht allein gewesen, sondern höchstens anwesend.

Aber es hätte auch sein können, dass er bei seinem Tod nicht allein gewesen wäre. Nämlich, wenn außer ihm andere Leute anwesend gewesen wären. 

Ich finde das einen guten, klaren Satz. Der steht fest auf zwei Beinen und schaut geradeaus. 

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Vermutlich ist es wirklich eine Frage des Geschmacks. Wenn ich ausdrücken wollte, dass der Großvater allein starb, würde ich wahrscheinlich schreiben: Mein Großvater war allein, als er starb. Damit wären wir aber wieder beim als, allerdings im nachgestellten Nebensatz. 

Ich kann das tatsächlich nicht gut erklären. Vielleicht, weil das Ganze aus Sicht des Großvaters passiert? Er stirbt, also ist es sein Tod. Wessen denn sonst? Also ist dieses Bei seinem Tod irgendwie doppelt, ob er da nun allein ist oder nicht. Anders wäre es mit: Beim Tod meines Großvaters war ich ganz allein. Nämlich ich mit ihm.

Bearbeitet von KerstinH
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vor 1 Stunde schrieb MaschaV:

"Nach einer halben Stunde wurde ihm klar, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde." 

Finde ich viel klarer und wuchtiger als mit dem völlig überflüssigen "als" vorne dran und dem altertümlichen "verstrichen" noch dazu. 

Geht mir genau anders. Durch das "als" und "verstrichen" spüre ich auch die Qual, die der Vater während dieser halben Stunde spürt. Das Ticken der Uhr, die Zeit, die sich dehnt, das verzweifelte Warten. Das ist alles in diesem einen Halbsatz drin. 

In der Variante ohne"als" geht's dagegen nur um das Ergebnis nach der halben Stunde, während diese (verstrichene) Zeit selbst unerheblich bleibt. 

Bearbeitet von Luise
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vor 3 Stunden schrieb MichaelT:

Meine Lieblingseinstiege in Büchern sind die "Als"-Einstiege von Sebastian Fitzek (hat er in mehreren Büchern benutzt).

Beispiel ("Die Therapie"): "Als die halbe Stunde verstrichen war, wusste er, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde."

Find ich stark, weil man sofort mit dem ersten Satz "drin" ist und weiß, worum es geht. Mir fällt da keine bessere Formulierung ein.

Ich habe ja mehrere Bücher von Fitzek gelesen und fand "Die Therapie" das beste. Genau dieser Einstieg hat mich sehr stark reingezogen. Und ich weiß auch, wie er auf diese Szene kam. Dabei bezieht sich dieses "Als" auf den Moment, in dem ihm bewusst wird, dass er sie nie wiedersehen wird.

"Nach einer halben Stunde" dagegen, wie Luise sagt, ist einfach nur eine Feststellung, ohne auf die verstrichene Zeit einzugehen.

Was die ursprüngliche Frage betrifft: Ich habe auch kürzlich die Aussage einer Lektorin gelesen, dass Anfänge mit "als" in Romanen nichts zu suchen hätten.

Dabei kann es sich aber nur um nichtssagende Äußerungen handeln wie: Als Marlene aufwachte, merkte sie, dass es schon hell war.

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vor 2 Minuten schrieb Christa:

Ich habe auch kürzlich die Aussage einer Lektorin gelesen, dass Anfänge mit "als" in Romanen nichts zu suchen hätten.

Na, da haben Kafka & Co ja Glück gehabt. Ehrlich, ich reagiere langsam allergisch auf solche Aussagen.

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vor 1 Stunde schrieb Luise:

Geht mir genau anders. Durch das "als" und "verstrichen" spüre ich auch die Qual, die der Vater während dieser halben Stunde spürt. Das Ticken der Uhr, die Zeit, die sich dehnt, das verzweifelte Warten. Das ist alles in diesem einen Halbsatz drin. 

In der Variante ohne"als" geht's dagegen nur um das Ergebnis nach der halben Stunde, während diese (verstrichene) Zeit selbst unerheblich bleibt. 

Geht mir ganz genauso. Nach einer halben Stunde klingt so, als wäre die Tochter auf der Intensivstation an irgendwelchen Maschinen, er weiß schon lange, dass sie sterben wird, aber es wird ihm erst nach einer halben Stunde klar.

Der Fitzek-Anfang mit dem Als besagt, dass es hier einen Countdown gab - da ist Tempo drinnen und es ist klar, es geht um etwas Unerwartetes. 

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vor einer Stunde schrieb Christa:

Was die ursprüngliche Frage betrifft: Ich habe auch kürzlich die Aussage einer Lektorin gelesen, dass Anfänge mit "als" in Romanen nichts zu suchen hätten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass erfahrene Lektorinnen grundsätzlich NICHTS ausschließen, sondern ein Gefühl für den Sprachrhythmus eines Romans haben. 

Ist wie mit den Autoren - Anfänger kennen keine Regeln und schreiben wild darauf los. Fortgeschrittene, die wissen, dass es Regeln gibt, glauben, sie müssen die sklavisch befolgen. Profis wissen, dass es Regeln gibt, sind aber keine Sklaven derselben, sondern tun genau das, was dem Text gut tut. Und das kann alles Mögliche sein. Irgendetwas kategorisch auszuschließen, sagt mir, dass derjenige, der das fordert, auf der Stufe der Fortgeschrittenen stehengeblieben ist.

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vor 26 Minuten schrieb MelanieM:

Geht mir ganz genauso. Nach einer halben Stunde klingt so, als wäre die Tochter auf der Intensivstation an irgendwelchen Maschinen, er weiß schon lange, dass sie sterben wird, aber es wird ihm erst nach einer halben Stunde klar.

Der Fitzek-Anfang mit dem Als besagt, dass es hier einen Countdown gab - da ist Tempo drinnen und es ist klar, es geht um etwas Unerwartetes. 

Genau, wenn man den Fitzek-Roman kennt, weiß man, dass es gar nicht anders formuliert werden kann. In Spannung ist der Mann einfach groß. 

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