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MaschaV

„Als“ am Satzanfang

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Konjunktionen am Satzanfang: Für euch okay oder schlechter Stil?

Mit „dass und „und“ habe ich nicht so große Probleme, die stören mich am Satzanfang nicht so sehr, aber ganz schlimm finde ich Sätze, die mit „als“ anfangen (das ist wohl eine temporale Subkonjunktion, sagt das Internet). Weil ich von grammatischen Begriffen wenig Ahnung habe und meistens nach Gefühl gehe, kann ich aber nicht erklären, weshalb das so ist. Ich hoffe, jemand von euch kann das und erleuchtet mich.

“Als es anfing zu regnen, ging ich ins Haus und holte einen Schirm“ finde ich lange nicht so schön wie „Es fing an zu regnen. Ich ging ins Haus und holte einen Schirm“. Der Zusammenhang ist klar, den muss ich den Leser:innen nicht extra aufs Brot schmieren, finde ich.

“Als es an der Tür klopfte, hob sie den Kopf.“ vs. „Es klopfte an der Tür und sie hob den Kopf“.
Dritte Möglichkeit: „Sie hob den Kopf, als es an der Tür klopfte.“ Finde ich auch nicht gut gelöst, weil das Klopfen die Ursache ist und das Kopfheben die Folge davon, es aber seltsam ist, wenn die Folge vor der Ursache genannt wird.

Was ist stilistisch besser? Für mich eindeutig der zweite Satz. Aber weshalb?

„Als sie fünf wurde, kam sie in die Schule“ vs. „Mit fünf Jahren kam sie in die Schule“

ich habe oft das Gefühl, diese „Als“-Sätze entstehen aus einer gewissen Faulheit, aber ich kann nicht erklären, worin die besteht.

Absurd wird es, wenn beide Satzteile keinen Zusammenhang haben: „Als er aufstand, flog draußen ein Vogel vorbei.“ oder, noch bescheuerter: „Er stand auf, als draußen ein Vogel vorbei flog“. Sowas liest man aber eher selten, glaube ich, da ist schon sehr übel.

Natürlich kann man das auch einsetzen, um eine bestimmte Wirkung von Gleichzeitigkeit zu erzeugen: „Als Mutter starb, verkaufte der Bäcker  sein letztes Brötchen, der Postbote lieferte seine Pakete aus, unser Nachbar schnitt die Hecke und ich saß im Keller und sah mir Pornos an.“  Das finde ich dann wieder cool, es zeigt, dass die Welt einfach weiterläuft und erzeugt durch die Staffelung von fern zu nah einen Zoomeffekt.

Aber meistens klingt „als“ am Satzanfang für mich wie quietschende Kreide.

Wie geht es euch damit?

 

 


 

 

Bearbeitet von MaschaV
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Ich finde, sowas ist immer sehr vom Kontext abhängig. 

vor einer Stunde schrieb MaschaV:

“Als es anfing zu regnen, ging ich ins Haus und holte einen Schirm“ finde ich lange nicht so schön wie „Es fing an zu regnen. Ich ging ins Haus und holte einen Schirm“. Der Zusammenhang ist klar, den muss ich den Leser:innen nicht extra aufs Brot schmieren, finde ich.

Wenn ich z.B. eine Streitsituation beschreibe: Vater und pubertärer Sohn streiten sich, Sohn rennt aus dem Haus und beschließt, im Garten zu campieren, mit dem Deppen von Vater wird er keine weitere Nacht unter demselben Dach verbringen: Als es anfängt zu regen, gehe ich kurz ins Haus und hole mir einen Schirm. Diese Nacht wird es irgendwie gehen, und ab morgen kann ich sicher bei Lucas unterkommen ... Passt, finde ich. Hier befinde ich mich in einer Situation, die  sowohl zeitlich als auch kausal gekennzeichnet ist und benutze das "als", um die Aufeinanderfolge der Ereignisse auszudrücken.

vor einer Stunde schrieb MaschaV:

Absurd wird es, wenn beide Satzteile keinen Zusammenhang haben: „Als er aufstand, flog draußen ein Vogel vorbei.“ oder, noch bescheuerter: „Er stand auf, als draußen ein Vogel vorbei flog“. Sowas liest man aber eher selten, glaube ich, da ist schon sehr übel.

Mann ist in einer Psychose gefangen, sitzt am Schreibtisch, schreibt seinen Abschiedsbrief, ist aber hin und hergerissen, will eigentlich nicht sterben. Die letzten Sätze, Unterschrift. Als er aufsteht, fliegt draußen ein Vogel vorbei. Da ist es, das erhoffte Zeichen, Gott braucht ihn hier noch. Erleichtert zerknüllt er den Brief ... Passt auch. Hier benutze ich das "als", um eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse anzuzeigen und eine eingebildete Kausalität hinzuzufügen, die nur im Kopf des Protagonisten existiert.

Das mit der Faulheit würde ich so also nicht unterschreiben. Ich kann mir aber sprachliches Unvermögen vorstellen, wenn es bessere Möglichkeiten gäbe, einen Sachverhalt darzustellen. Temporale Konjunktionen gibt es ja viele, und jede hat ihre Eigenheit. Generell hätte ich aber Probleme mit einem Lektor oder einer Lektorin, die dahingehend Dogmen aufstellt. Das muss man wirklich am Einzelfall entscheiden.

Bearbeitet von KerstinH
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Das 'Als' am Satzanfang finde ich völlig ok, doch ob es passt, liegt für mich nicht daran, ob der eine Satz länger ist als der andere oder ob zwei kurze Sätze statt einem langen verwendet werden. Ob es passt, kommt darauf an, wie der Satz in den Sprachrhythmus des Gesamttextes passt, der ihn umgibt. Ob eine Zeile in einem Lied oder einem Gedicht besser oder schlechter klingt liegt nicht nur an der Zeile selbst sondern daran, wie sie in den Gesamttext passt. So auch bei Romanen, nur ist es da subtiler.

Sätze mit Als oder ohne Als, was ist stilistisch besser? Für mich kann man das bei einem Roman nicht auf ein paar Sätze reduzieren, sondern man muss den gesamten Absatz lesen, in dem sie stehen, um zu verstehen, was besser ist. 

Bearbeitet von AlexanderW

Der größte Feind des Herzens ist die Vernunft.
-Giacomo Casanova

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vor 49 Minuten schrieb KerstinH:

Ich finde, sowas ist immer sehr vom Kontext abhängig. 

Wenn ich z.B. eine Streitsituation beschreibe: Vater und pubertärer Sohn streiten sich, Sohn rennt aus dem Haus und beschließt, im Garten zu campieren, mit dem Deppen von Vater wird er keine weitere Nacht unter demselben Dach verbringen: Als es anfängt zu regen, gehe ich kurz ins Haus und hole mir einen Schirm. Diese Nacht wird es irgendwie gehen, und ab morgen kann ich sicher bei Lucas unterkommen ... Passt, finde ich. Hier befinde ich mich in einer Situation, die  sowohl zeitlich als auch kausal gekennzeichnet ist und benutze das "als", um die Aufeinanderfolge der Ereignisse auszudrücken.

Mann ist in einer Psychose gefangen, sitzt am Schreibtisch, schreibt seinen Abschiedsbrief, ist aber hin und hergerissen, will eigentlich nicht sterben. Die letzten Sätze, Unterschrift. Als er aufsteht, fliegt draußen ein Vogel vorbei. Da ist es, das erhoffte Zeichen, Gott braucht ihn hier noch. Erleichtert zerknüllt er den Brief ... Passt auch. Hier benutze ich das "als", um eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse anzuzeigen und eine eingebildete Kausalität hinzuzufügen, die nur im Kopf des Protagonisten existiert.

Das mit der Faulheit würde ich so also nicht unterschreiben. Ich kann mir aber sprachliches Unvermögen vorstellen, wenn es bessere Möglichkeiten gäbe, einen Sachverhalt darzustellen. Temporale Konjunktionen gibt es ja viele, und jede hat ihre Eigenheit. Generell hätte ich aber Probleme mit einem Lektor oder einer Lektorin, die dahingehend Dogmen aufstellt. Das muss man wirklich am Einzelfall entscheiden.

Wenn es bewusst eingesetzt wird, ist es natürlich etwas anderes. Das habe ich versucht, mit meinem letzten Beispiel deutlich zu machen. 

Aber meistens wird es nicht bewusst eingesetzt. 

Ich glaube, ich finde das "als" am Satzanfang einfach lahm. Der reinste Bremsklotz für einen Text. 

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Mir geht es ähnlich. Ich mag nur ganz wenige Sätze, die mit als beginnen. "Als" in Kombination mit Präsens mag ich überhaupt nicht. Und meine Reaktion ist durchaus deutlich körperlich zu spüren. Es handelt sich also nicht um eine Kleinigkeit

Kann nicht erklären, warum das so schrecklich für mich klingt.
Jetzt bin ich auf die Auflösung gespannt.

Liebe Grüße
Wolf

Bearbeitet von Wolf
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vor 2 Stunden schrieb AlexanderW:

Das 'Als' am Satzanfang finde ich völlig ok, doch ob es passt, liegt für mich nicht daran, ob der eine Satz länger ist als der andere oder ob zwei kurze Sätze statt einem langen verwendet werden. Ob es passt, kommt darauf an, wie der Satz in den Sprachrhythmus des Gesamttextes passt, der ihn umgibt. Ob eine Zeile in einem Lied oder einem Gedicht besser oder schlechter klingt liegt nicht nur an der Zeile selbst sondern daran, wie sie in den Gesamttext passt. So auch bei Romanen, nur ist es da subtiler.

Sätze mit Als oder ohne Als, was ist stilistisch besser? Für mich kann man das bei einem Roman nicht auf ein paar Sätze reduzieren, sondern man muss den gesamten Absatz lesen, in dem sie stehen, um zu verstehen, was besser ist. 

Genauso ist es. Wenn man versucht, krampfhaft eine Kombination zu vermeiden, weil man meint, sie sei schlechter Stil, zerstört man sehr schnell den Sprachrhythmus. Es gibt keine stilistisch unschönen Wörter, es gibt lediglich den ungeschickten Gebrauch von Stilmitteln. 

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Was mich bei vielen Konjunktionen stört, ist, dass sie gerne ungenau eingesetzt werden. Es gibt Konjunktionen, die z.B. nur eine kausale oder nur eine zeitliche Abhängigkeit anzeigen. Trotzdem stolpere ich immer wieder über einen Einsatz, der nicht dazu passt. 

Die schlimmsten Satzanfänge (wenn gehäuft vorhanden) sind für mich Partizipien. Die wirken v.a. am Satzanfang oft ungelenk oder so, als hangle sich der Autor an einem englischen Satzaufbau entlang.

Bearbeitet von MartinaA
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Mein ganz unbedeutendes, subjektives Bauchgefühl sagt mir, dass Sätze mit 'Als', die kein Vergleich sind, unmöglich klingen. Dabei spielt es keine Rolle, wo das 'Als' steht. Auch beim Schreiben umgehe ich 'Als', da es immer eine Möglichkeit gibt, den Sachverhalt anders auszudrücken. Wie gesagt, das ist eine ganz persönliche Marotte von mir, die keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

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"Als" drückt u.a. als Konjunktion die Vor-, Gleich- oder Nachzeitigkeit aus. Was also soll daran falsch sein, es am Satzanfang zu verwenden, außer, was ja hier schon gesagt wurde, es widerspricht der persönlichen Sprachästhetik.

LG

Martin

Bearbeitet von MartinC

_________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)

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Erst mal ganz allgemein: als ist (in meiner Diktion, folgt Weinrich & Co) ein Subjunktor für temporale Nebensätze. Temporale Nebensätze können ein Nacheinander, Voreinander oder Gleichzeitigkeit von Sachverhalten benennen. als hat dabei eine Sonderrolle. Einerseits behauptet es nämlich eine Art Gleichzeitigkeit – durch den Sachverhalt, auf den es sich bezieht, wird aber auch die Perspektive wichtig, so dass häufig Umkehrungen (obwohl doch Gleichzeitigkeit herrscht) nicht möglich sind:

Als die Mutter starb, weinte der Sohn.     *Als der Sohn weinte, starb die Mutter. (So eine Verrutschung der Perspektiven steckt in deinem Satz mit dem Vogel, @MaschaV

An dem Beispiel zeigt sich übrigens, dass der rein zeitliche Zusammenhang insgesamt auch leise von einer logischen Grund-Folge-Kette sprechen will, dennoch überwiegt das temporale Element.

Und nun zu den Stellungseigenschaften: 

Als Nebensatz-Einleiter stehen Subjunktoren grundsätzlich am Anfang eines Nebensatzes, daran ist nicht zu rütteln. Also lautet die Frage: Wo soll der Nebensatz als solcher stehen? Vorne oder hinten? Fleißige Leute haben die Präferenzen ausgezählt, Ergebnis: Die meisten Nebensätze mit als bevorzugen die Stelle vorne, also vor dem Hauptsatz. Diese Vorliebe teilen sie mit  sämtlichen Satzgliedern, die etwas zur Zeit zu sagen haben (also etwa Wortgruppen wie an jenem Frühlingstag oder Worte wie damals oder sogar Ziffern: 1996). Der Grund dafür liegt darin, dass deutsche Sätze es in ihrem Aufbau gern spannend machen, das interessanteste Element also immer zum Ende drängt. Und Zeit ist als Kategorie beim Wettlauf der Satzglieder  von einer gewissen Langweiligkeit. Hier kann man mehr dazu lesen.

Da man also Nebensätze mit als so stark vor dem Hauptsatz erwartet, kann es eine Akzentverschiebung innerhalb der Dramaturgie eines Satzes ergeben, wenn wir Haupt- und Nebensätze gegeneinander austauschen. Zum Beispiel so:

Als er sie sah, begann er zu stottern. Oder: Er begann zu stottern, als er sie sah

Was ist besser? Kommt drauf an, wenn ich den Grund für sein Stottern spannend machen möchte, verändere ich das Gewohnte und stelle den Nebensatz nach hinten.

Ersatz durch andere Satzgliedformen sind fast immer möglich. Oben waren ja schon welche im Angebot, so etwas etwa:

Als sie fünf Jahre als wurde, kam sie in die Schule. Oder:  Mit fünf kam sie in die Schule.  

Als mein Großvater starb, war niemand dabei.  Oder:  Beim Tod meines Großvaters war niemand dabei.  

Was ist besser? Oder eher: Wo liegen die Unterschiede? Der Nebensatz macht sich etwas breiter, er braucht ja neben dem Subjunktor noch mindestens zwei Satzglieder, nämlich ein Subjekt und ein Verb. Nach dem Motto von Kürze und Würze wäre dann also die Alternative vorzuziehen? Die ist fast immer eine präpositionale Wortgruppe. Schön schlank – aber ohne ein bewegliches Verb, nur mit einem vergleichsweise schwerfälligen Nomen im Gepäck, gehen sie eher steif in den Gliedern. Zumal, wie eins der Beispiele oben zeigt, so manche Präposition den Genitiv vom Nomen fordert und der ist ja für sich schon eine kleine Last, die man sich überlegen sollte. Wenn man genau das haben will – bitte sehr. Manchmal funktioniert der präpositional gebildete Satz aber sowieso nicht von der Logik her. Das mit dem einsam sterbenden Großvater kann ich ja auch so sagen:

Als mein Großvater starb, war er allein. Ist okay. Aber: Beim Tod meines Großvaters war  er allein. ? 

Das geht nicht. Die präpositionale Fassung sieht den alten Mann von außen, dass er allein war, geht aber nur ihn selbst was an, verlangt also seine eigene Perspektive, die uns das Verb sterben liefert. 

Und zuletzt noch zu @Wolf. Von Haus aus ist als einem Tempus der Vergangenheit zugeordnet und es zieht eindeutig das Präteritum vor. Beide Größen gehören eindeutigem dem narrativen Bereich an. als im Präsens gibt es auch, aber nur im historischen Präsens, das als Erzähltempus also ebenso über Vergangenes spricht.

 

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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@Angelika Jo Danke für die detailreiche Erklärung. Ich schätze es sehr, dass du immer wieder auf Feinheiten der Grammatik hinweist. Das zeigt, dass wir keinesfalls übersehen dürfen, wie viel Gestaltungsspielraum wir im Erzählstil allein durch Grammatik haben.

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vor 43 Minuten schrieb MartinC:

"Als" drückt u.a. als Konjunktion die Vor-, Gleich- oder Nachzeitigkeit aus. Was also soll daran falsch sein, es am Satzanfang zu verwenden, außer, was ja hier schon gesagt wurde, es widerspricht der persönlichen Sprachästhetik.

LG

Martin

Falsch ist es nicht, aber ich empfinde es als besonders schwachen Satzanfang, sogar unter den Konjunktionen. Wie ich sagte: Ich habe dann oft das Gefühl, der/die Schreibende war zu faul, seinen Satz richtig zu organisieren.

Bearbeitet von MaschaV
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vor 14 Minuten schrieb MartinaA:

@Angelika Jo Danke für die detailreiche Erklärung. Ich schätze es sehr, dass du immer wieder auf Feinheiten der Grammatik hinweist. Das zeigt, dass wir keinesfalls übersehen dürfen, wie viel Gestaltungsspielraum wir im Erzählstil allein durch Grammatik haben.

Dem möchte ich mich anschließen, danke Angelika.

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vor 26 Minuten schrieb Angelika Jo:

Erst mal ganz allgemein: als ist (in meiner Diktion, folgt Weinrich & Co) ein Subjunktor für temporale Nebensätze. Temporale Nebensätze können ein Nacheinander, Voreinander oder Gleichzeitigkeit von Sachverhalten benennen. als hat dabei eine Sonderrolle. Einerseits behauptet es nämlich eine Art Gleichzeitigkeit – durch den Sachverhalt, auf den es sich bezieht, wird aber auch die Perspektive wichtig, so dass häufig Umkehrungen (obwohl doch Gleichzeitigkeit herrscht) nicht möglich sind:

Als die Mutter starb, weinte der Sohn.     *Als der Sohn weinte, starb die Mutter. (So eine Verrutschung der Perspektiven steckt in deinem Satz mit dem Vogel, @MaschaV

An dem Beispiel zeigt sich übrigens, dass der rein zeitliche Zusammenhang insgesamt auch leise von einer logischen Grund-Folge-Kette sprechen will, dennoch überwiegt das temporale Element.

Und nun zu den Stellungseigenschaften: 

Als Nebensatz-Einleiter stehen Subjunktoren grundsätzlich am Anfang eines Nebensatzes, daran ist nicht zu rütteln. Also lautet die Frage: Wo soll der Nebensatz als solcher stehen? Vorne oder hinten? Fleißige Leute haben die Präferenzen ausgezählt, Ergebnis: Die meisten Nebensätze mit als bevorzugen die Stelle vorne, also vor dem Hauptsatz. Diese Vorliebe teilen sie mit  sämtlichen Satzgliedern, die etwas zur Zeit zu sagen haben (also etwa Wortgruppen wie an jenem Frühlingstag oder Worte wie damals oder sogar Ziffern: 1996). Der Grund dafür liegt darin, dass deutsche Sätze es in ihrem Aufbau gern spannend machen, das interessanteste Element also immer zum Ende drängt. Und Zeit ist als Kategorie beim Wettlauf der Satzglieder  von einer gewissen Langweiligkeit. Hier kann man mehr dazu lesen.

Da man also Nebensätze mit als so stark vor dem Hauptsatz erwartet, kann es eine Akzentverschiebung innerhalb der Dramaturgie eines Satzes ergeben, wenn wir Haupt- und Nebensätze gegeneinander austauschen. Zum Beispiel so:

Als er sie sah, begann er zu stottern. Oder: Er begann zu stottern, als er sie sah

Was ist besser? Kommt drauf an, wenn ich den Grund für sein Stottern spannend machen möchte, verändere ich das Gewohnte und stelle den Nebensatz nach hinten.

Ersatz durch andere Satzgliedformen sind fast immer möglich. Oben waren ja schon welche im Angebot, so etwas etwa:

Als sie fünf Jahre als wurde, kam sie in die Schule. Oder:  Mit fünf kam sie in die Schule.  

Als mein Großvater starb, war niemand dabei.  Oder:  Beim Tod meines Großvaters war niemand dabei.  

Was ist besser? Oder eher: Wo liegen die Unterschiede? Der Nebensatz macht sich etwas breiter, er braucht ja neben dem Subjunktor noch mindestens zwei Satzglieder, nämlich ein Subjekt und ein Verb. Nach dem Motto von Kürze und Würze wäre dann also die Alternative vorzuziehen? Die ist fast immer eine präpositionale Wortgruppe. Schön schlank – aber ohne ein bewegliches Verb, nur mit einem vergleichsweise schwerfälligen Nomen im Gepäck, gehen sie eher steif in den Gliedern. Zumal, wie eins der Beispiele oben zeigt, so manche Präposition den Genitiv vom Nomen fordert und der ist ja für sich schon eine kleine Last, die man sich überlegen sollte. Wenn man genau das haben will – bitte sehr. Manchmal funktioniert der präpositional gebildete Satz aber sowieso nicht von der Logik her. Das mit dem einsam sterbenden Großvater kann ich ja auch so sagen:

Als mein Großvater starb, war er allein. Ist okay. Aber: Beim Tod meines Großvaters war  er allein. ? 

Das geht nicht. Die präpositionale Fassung sieht den alten Mann von außen, dass er allein war, geht aber nur ihn selbst was an, verlangt also seine eigene Perspektive, die uns das Verb sterben liefert. 

Und zuletzt noch zu @Wolf. Von Haus aus ist als einem Tempus der Vergangenheit zugeordnet und es zieht eindeutig das Präteritum vor. Beide Größen gehören eindeutigem dem narrativen Bereich an. als im Präsens gibt es auch, aber nur im historischen Präsens, das als Erzähltempus also ebenso über Vergangenes spricht.

 

Danke, Angelika, auf dich hatte ich gehofft! Meine Abneigung gegen „als“ am Satzanfang scheint also eine individuelle zu sein.

Ich würde beim Tod des Großvaters bevorzugen: „Mein Großvater starb allein.“ Klingt für mich stärker als als. :)

 

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vor 17 Minuten schrieb MaschaV:

Ich würde beim Tod des Großvaters bevorzugen: „Mein Großvater starb allein.“ Klingt für mich stärker als als. :)

Ich glaub, ich verstehe schon, was du meint, Mascha. Der Nebensatz mit als ist sehr frequent, von daher also schon mal nichts Besonderes, und außerdem haben solche Nebensätze mit all ihren Satz-Elementen, besonders mit dem Verb, so etwas Wiegendes – sie schmeicheln uns sozusagen in die Erzählung, den Bericht hinein. Nebensatz + Hauptsatz = Eleganz, würde ich sagen; Hauptsatz + Hauptsatz = hart, zerhackt, zwei Blöcke. Das kann mehr Eindruck machen.

Muss aber nicht. Kennst du das schöne alte (antiklerikale – zarte Gemüter jetzt also nicht weiterlesen) Volkslied "Es wollt' ein Bauer früh aufstehen"? – Darin heißt es kurz vor der Klimax: 

Und als der Bauer saß und fraß und als der Bauer saß und fraß – da rumpelt in der Kammer was! Fa-teri terallala, Fa-teri tera! ...

Und als der Bauer in d' Kammer kam und als der Bauer in'd Kammer kam – stand der Pfaff da, zog seine Hosen an! Fa-teri terallala, Fa-teri tera!

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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vor 14 Minuten schrieb Angelika Jo:

Ich glaub, ich verstehe schon, was du meint, Mascha. Der Nebensatz mit als ist sehr frequent, von daher also schon mal nichts Besonderes, und außerdem haben solche Nebensätze mit all ihren Satz-Elementen, besonders mit dem Verb, so etwas Wiegendes – sie schmeicheln uns sozusagen in die Erzählung, den Bericht hinein. Nebensatz + Hauptsatz = Eleganz, würde ich sagen; Hauptsatz + Hauptsatz = hart, zerhackt, zwei Blöcke. Das kann mehr Eindruck machen.

Muss aber nicht. Kennst du das schöne alte (antiklerikale – zarte Gemüter jetzt also nicht weiterlesen) Volkslied "Es wollt' ein Bauer früh aufstehen"? – Darin heißt es kurz vor der Klimax: 

Und als der Bauer saß und fraß und als der Bauer saß und fraß – da rumpelt in der Kammer was! Fa-teri terallala, Fa-teri tera! ...

Und als der Bauer in d' Kammer kam und als der Bauer in'd Kammer kam – stand der Pfaff da, zog seine Hosen an! Fa-teri terallala, Fa-teri tera!

Hahaha, herrlich! 

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vor 29 Minuten schrieb MaschaV:

Ich würde beim Tod des Großvaters bevorzugen: „Mein Großvater starb allein.“ Klingt für mich stärker als als. :)

Das hängt aber sehr individuell von der Geschichte ab. 

Wenn es eine Geschichte über den Großvater ist, ist es okay. Wenn es aber eine Geschichte über den Protagonisten ist, was der Tod seines Großvaters für ihn bedeutete - sozusagen als neuer Zeitabschnitt in seinem Leben - kann "Als mein Großvater starb, war er allein" viel stärker sein.  Es hängt davon ab, wie man den Protagonistin einführt.

Also als Beispiele 

"Mein Großvater starb allein. Das passte zu ihm, denn er war immer ein Einzelgänger. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er zu mir immer sagte ..."

oder

"Als mein Großvater starb, war er allein. Darüber bin ich bis heute nicht hinweggekommen. Ich hätte bei ihm sein müssen, doch ich war ..."

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vor 32 Minuten schrieb Angelika Jo:

Und als der Bauer saß und fraß und als der Bauer saß und fraß – da rumpelt in der Kammer was! Fa-teri terallala, Fa-teri tera! ...

Und als der Bauer in d' Kammer kam und als der Bauer in'd Kammer kam – stand der Pfaff da, zog seine Hosen an! Fa-teri terallala, Fa-teri tera!

Oh ja, stimmt, ich erinnere mich. Der Kracher an unseren Lagerfeuern. Ei Pfaff, was machst in meinem Haus ...

Bearbeitet von KerstinH
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vor 1 Minute schrieb KerstinH:

Oh ja, ich erinnere mich. Der Kracher an jedem Lagerfeuer. Ei Pfaff, was machst in meinem Haus ...

Sehr schöne Diskussion mal wieder, danke, Angelika, für dieses Beispiel. (Kannte ich noch nicht). Du schreibst "als" sei "wiegender" als schnöde Hauptsätze. Das ist genau das, was ich empfinde, auch wenn ich es nicht benennen kann. Märchen haben ja auch so eine Sprache, und ich habe gleich ein Beispiel aus "Rotkäppchen" gefunden:

"Und als er (der Wolf)  an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er musste jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geislein das sahen, da kamen sie herbeigelaufen, riefen laut 'Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot! und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum."

Dagegen "Der Wolf kam an den Brunnen, bückte sich über das Wasser und wollte trinken (...) Das sahen die sieben Geislein, kamen herbeigelaufen und riefen laut; (...)

Ist "als" vielleicht etwas poetisch und altertümlich?

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Hm ... mich hat "als" noch nie gestört. Im Gegenteil:

  • Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Franz Kafka, Die Verwandlung
  • Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte ...
    Franz Kafka, Der Verschollene
  • Als ich noch jünger und verwundbarer war, gab mein Vater mir einen Rat, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. “Wann immer du glaubst, jemanden kritisieren zu müssen”, sagte er zu mir, “denk daran, dass unter all den Menschen auf dieser Welt niemand solche Vorzüge genossen hat wie du.“
    F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby
  • Als er vom schmalen, schnurgraden Pfad seiner absonderlichen Rechtschaffenheit wich, geschah das mit dem festen Vorsatz, den eintönigen, aber ungefährlichen Wandel der Tugend wiederaufzunehmen, sobald sein kleiner Abstecher in den am Wege liegenden Sumpf den gewünschten Erfolg gezeitigt haben würde.
    Joseph Conrad: Der Verdammte der Inseln
  • Als unseres Lebens Mitte ich erklommen, befand ich mich in einem dunklen Wald, da ich vom rechten Wege abgekommen.
    Dante, Die Göttliche Komödie

etc.

Das sind sogar (berühmte) Romananfänge. Also kann das kleine "als" doch gar nicht so schlecht sein. ;)

 

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Ich brauche für einen schönen Lesefluss eine angenehme Sprachmelodie, die es meist ausschließt, dass sich der Satzaufbau wiederholt. (Ausnahmen sind bewusste Wiederholungen.)
Von daher brauch ich alles mögliche an Satzstellungen und oft entscheidet das Umfeld des Satzes dann, ob er länger oder kürzer sein muss, ob er ein Komma oder ein Und enthalten darf - und da würde ich natürlich auch auf Als-Anfänge nicht verzichten, weil sie eine weitere Möglichkeit sind und mich beweglich machen.
Ich wäre allerdings auch bisher im Leben nicht darauf gekommen, das Als zu vermeiden.
 

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Danke fürs Rausduchen der Romananfänge, Kerstin, sorry, Margot! 

Das "als" ist irgendwie verführerisch, weil es einem den Einstieg so angenehm einfach macht. Man rutscht hübsch in die Geschichte rein und es schlägt tatsächlich einen etwas märchenhaften Ton an. 

Ich mag es trotzdem nicht. Anscheinend brauche ich es etwas sperriger. Bin eher die Fraktion "Ilsebill salzte nach." 

Bearbeitet von MaschaV
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vor 9 Stunden schrieb JenniferB:

Ich brauche für einen schönen Lesefluss eine angenehme Sprachmelodie, die es meist ausschließt, dass sich der Satzaufbau wiederholt. (Ausnahmen sind bewusste Wiederholungen.)
Von daher brauch ich alles mögliche an Satzstellungen und oft entscheidet das Umfeld des Satzes dann, ob er länger oder kürzer sein muss, ob er ein Komma oder ein Und enthalten darf - und da würde ich natürlich auch auf Als-Anfänge nicht verzichten, weil sie eine weitere Möglichkeit sind und mich beweglich machen.
Ich wäre allerdings auch bisher im Leben nicht darauf gekommen, das Als zu vermeiden.
 

Ganz meine Meinung - man muss eine breite Auswahl von Satzanfängen haben, damit die Sprachmelodie und der Rhythmus elegant und bunt bleiben. Natürlich kann man auch komplett auf "Als" als Anfang verzichten, aber meine Erfahrung sagt mir, dass Bücher, in denen aus "stilistischen" Gründen auf bestimmte Variationen der Sprachbreite verzichtet wird, häufiger misslingen als gelingen. In wenigen Fällen wird daraus große Literatur, in den meisten Fällen "gewollte" Literatur, die in Langeweile versandet, weil sie nicht die hohe Kunst beherrscht, mit Minimalismus die Klaviatur des Sprachrhythmus zu spielen. Und in der Genre-Literatur finde ich es ohnehin problematisch, sich selbst einzuschränken, denn viele Genre-Leser sind nicht bereit, sprachliche Experimente zu akzeptieren, wenn die sie aus dem Sprachfluss reißen, weil sie sperrig und nicht gekonnt sind. Es gibt immer Ausnahmen, wo das hervorragend gelingt, aber das sind seltene Ausnahmen, die meisten, die das versuchen, bekommen es nur unzureichend hin. 

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