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DirkH

Die Evolution des Autors

Empfohlene Beiträge

Das Thema Rückblick ist ja kurz vor Jahreswechsel in aller Munde. 

Neulich las ich einen meiner alten Texte. Dabei fiel auf, dass ich vieles, was ich seinerzeit für das Nonplusultra der Schreibtechnik hielt, heute so nicht mehr machen würde. Der Gedanke zwickte. Ich suchte nach weiteren Vergleichsstücken und wälzte alte Reportagen, Romane, Sachbücher. Dabei erfuhr ich eine ganze Menge über mich selbst. Geht euch das auch so? Gibt es Wahrheiten bei eurer Arbeit, die ein so kurzes Verfallsdatum haben, dass sie bald auf dem Kompost der Kreativität landen? Welche sind das? Was macht ihr heute anders als, sagen wir, vor fünf Jahren? Und natürlich die Gegenfrage: Was hat sich bewährt, und was würdet ihr beim Schreiben immer wieder so machen?

Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?

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Autsch. Das ist tatsächlich ein Thema, das mir immer ein wenig wehtut.
Ich habe vor ein paar Jahren - in meinen eigenen Augen - so schön reduziert geschrieben. Viel Show, wenig Tell, keine Erklärungen oder Übersetzungen für die Leser:innen, sondern so nah an der Figur wie ich nur konnte. Kompromisslos. Damals dachte ich, es würde weiter in diese Richtung gehen.

Und mir gefällt das. Bis heute gefällt mir das sehr.
Es war leider vollkommen erfolglos oder die Erfolge gingen dahin: "Das Buch hat fünf Preise gewonnen, aber außer den Jurymitgliedern kennt es niemand."

Heute bemühe ich mich, süffiger zu schreiben, more juicy, mehr für die Leser:innen übersetzt. Weniger so, wie ich es mal "gelernt habe", sondern mehr an der Zielgruppe orientiert.
Und obwohl ich ganz klar auch sehr viel Vergnügen daran habe und emotional viel enger verwachse mit meinen Figuren, fühle ich immer Wehmut, wenn ich mir das "Früher" anschaue, das nicht süffig und mitreißend und emotional war - aber dafür so viel eleganter auf seine kühle Art.

Würde ich das wieder machen? Ja.
Aber auch nur mit der Option, dass ich ja auch wieder zurück kann. Muss dann halt die Konsequenzen hinnehmen, dass das dann keiner lesen will oder ein Genrewechsel nötig wird, den ich aber - noch - absolut nicht will.

 

Bearbeitet von JenniferB
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vor 2 Stunden schrieb JenniferB:

Heute bemühe ich mich, süffiger zu schreiben, more juicy, mehr für die Leser:innen übersetzt. Weniger so, wie ich es mal "gelernt habe", sondern mehr an der Zielgruppe orientiert.
Und obwohl ich ganz klar auch sehr viel Vergnügen daran habe und emotional viel enger verwachse mit meinen Figuren, fühle ich immer Wehmut, wenn ich mir das "Früher" anschaue, das nicht süffig und mitreißend und emotional war - aber dafür so viel eleganter auf seine kühle Art.

 

Wow. So etwas ist sehr schade.

vor 3 Stunden schrieb DirkH:

Das Thema Rückblick ist ja kurz vor Jahreswechsel in aller Munde. 

Neulich las ich einen meiner alten Texte. Dabei fiel auf, dass ich vieles, was ich seinerzeit für das Nonplusultra der Schreibtechnik hielt, heute so nicht mehr machen würde. Der Gedanke zwickte. Ich suchte nach weiteren Vergleichsstücken und wälzte alte Reportagen, Romane, Sachbücher. Dabei erfuhr ich eine ganze Menge über mich selbst. Geht euch das auch so? Gibt es Wahrheiten bei eurer Arbeit, die ein so kurzes Verfallsdatum haben, dass sie bald auf dem Kompost der Kreativität landen? Welche sind das? Was macht ihr heute anders als, sagen wir, vor fünf Jahren? Und natürlich die Gegenfrage: Was hat sich bewährt, und was würdet ihr beim Schreiben immer wieder so machen?

Ein Gedanke hierzu: Für mich ist es so, dass man jedes mal, wenn man sich in einem Bereich verbessert, diese Verbesserung Teil von einem neuen Selbst wird. Zugleich heißt das aber auch, das alte Selbst hinter sich zu lassen. Für mich liegt darin ein wenig das Dilemma des Autodidakten, denn jeder Schritt der Weiterentwicklung trägt implizit die Frage mit sich, ob man wirklich den richtigen Teil annimmt oder vielleicht den falschen Teil hinter sich lässt, und diese indirekte Angst vor der falschen Entscheidung kann dazu führen, dass man sich gar nicht oder sehr langsam weiterentwickelt. Beim Schreiben muss man diesen Weg oft alleine gehen, aber wenn man nach einigen Jahren auf einen alten Text blickt und sich sagt: 'So würde ich das heute nicht schreiben!', dann ist das für mich ein Zeichen dafür, dass man sich erfolgreich in die richtige Richtung entwickelt hat und den Prozess der Metamorphose vom alten zum neuen Ich bewusst durchläuft.

Bearbeitet von AlexanderW

Der größte Feind des Herzens ist die Vernunft.
-Giacomo Casanova

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Ich denke, es ist ein Fehler automatisch anzunehmen man habe sich verbessert, wenn man seine alten Texte liest und einen Unterschied feststellt. :-)

Oft sind alte Texte einfach anders. Und manchmal frage ich mich, ob man durch so manchen Schreibratgeber nicht auch fehlgeleitet wird.

Bearbeitet von JoergR
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vor 26 Minuten schrieb AlexanderW:

Wow. So etwas ist sehr schade.

 

Eigentlich nicht. Oder nur dann, wenn man die eine Art zu schreiben als besser/ hochwertiger/ anspruchsvoller definiert als die andere.
Nun fällt mir das genüsslich süffige Schreiben aber viel schwerer als das klare, reduzierte  - vielleicht ist es damit ja das anspruchsvollere.

Ob eine Entwicklung in die richtige Richtung geht, hängt ja davon ab, von wo aus man wohin möchte.

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Ich habe über die Jahre auch viel mehr "Tell" eingebaut und gemerkt, dass sich das in meinem Fall besser verkauft. Ebenso spiele ich nicht mehr so extrem mit Rückblenden, Vorausdeutungen, Traumsequenzen und Anspielungen herum. Meine typische Leserin lässt sich nun mal gerne berieseln. Und ich habe kein Problem damit. Ich musste es nur erst mal feststellen. :)

~~~ Carina alias C. R. Scott ~~~

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Wenn ich zurückblicke, glaube ich nicht, dass ich heute so viel anders schreibe. Ich recherchiere viel und das schlägt sich in meinen Romanen nieder. Es passiert eine Menge. Es sind ja auch hauptsächlich Abenteuergeschichten. Ich setze auf Figuren mit Profil und vor allem auf Dialoge. Neben Abenteuern ist meist eine Liebesgeschichte enthalten. Meine Helden sind nicht nur Männer sondern oft selbstbewusste Frauen.

Das sind so die grundsätzlichen Merkmale. Was Stil angeht, so habe ich in den Jahren Einiges ausprobiert. Das erste Buch hatte schon gleich einen Ich-Erzähler. Das hat mir gleich gefallen und so sind auch weitere Bücher mit Ich-Erzählern entstanden. Aber nicht nur. In einem Buch hatte ich hauptsächlich die personale Perspektive gewisser Figuren benutzt, zwischendurch aber auch Szenen, in denen ein Ich-Erzähler redet. Irgendwann habe ich das Präsens entdeckt. Auch das hat mir so gut gefallen, dass gleich mehrere Bücher damit entstanden sind, auch mein gegenwärtiges Projekt.

Im Weiteren kann man sagen, dass ich versuche, das auktoriale Erzählen so weit wie möglich zurückzudrängen, so dass alles in der Perspektive der lebenden Figuren erzählt wird, oder in Dialogen. Das ist beim historischen Roman nicht ganz einfach, denn es muss auch das historischen Umfeld beschrieben werden. Und die Gedanken der Figuren und die Dialoge sollen ja natürlich klingen und keine belehrenden Monologe sein. Da muss man sich besonders bemühen, aber es geht.

Ich weiß nicht, ob ich mich verbessert habe, denn ich mag auch meine ersten Romane immer noch. Aber ich habe Neues ausprobiert und dazugelernt, den Werkzeugkasten der Ausdrucksmöglichkeiten erweitert.

Bearbeitet von Ulf Schiewe

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Kürzlich habe ich mal wieder in meine ersten beiden Bücher hineingeschaut. Sie waren in kleineren Verlagen erschienen, waren teuer und lösten Echos im Feuilleton aus. Natürlich verkauften sie sich eben wie Kleinverlagsbücher. Meine Großverlagsbücher waren umfangreicher (von ca. 200 Seiten auf 400 gestiegen). Die Krimis umfassten 300 Seiten. Der Stil ist sich aber in allen Romanen treu geblieben. Ein Sachbuchprojekt (Kalender) war entsprechend sachlicher. Die Verkäuflichkeit habe ich nie mit meiner Sprachentwicklung oder dem Stil in Verbindung gebracht. In 98% aller Kritiken wurde der Stil als flüssig bezeichnet, in 2% als "abgehackt". Dieser Stil hat sich also bewährt, ich würde niemals anfangen zu erklären, wo das nicht nötig ist. Und das lese ich auch nicht gern.

Eins aber habe ich grundlegend geändert. In den ersten genannten Büchern hatte ich noch viele Semikolons drin, immer dort, wo sie genau passten. Das scheint aus der Mode gekommen zu sein. Wobei ich jetzt manchmal in anderen Büchern Sätze lese, die durch Kommata gegliedert werden, wo ich jeweils einen Punkt setzen würde.

Bearbeitet von Christa
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Eine Frage, die mich lange begleitet hat, bis sie endlich belanglos wurde. Ich schreibe heute deutlich anders als früher, auf der einen Seite um Klassen besser als noch vor zwanzig Jahren mit viel viel mehr Gespür für Zwischentöne und nicht mehr so stellenweise holzschnittartig. Aber auf der anderen Seite habe ich auch etwas verloren. Diesen Drang nach vorn, einen Teil meiner Unbekümmertheit. Ich bin der Meinung, dass Gewinn und Verlust sich die Waage halten. Als Plus kam nur dazu, dass mein Werkzeugkasten heute reicher gefüllt ist als vor zwanzig Jahren. (Die Jahre davor habe ich nur sporadisch geschrieben und wenig Erinnerung daran.)

Was den Leser angeht, hat er recht wenig davon. Was sich verbessert hat, entgeht den meisten Lesern. Ich schreibe Fantasy. Da erwartet niemand Kunstwerke, da verweilt niemand in einer besonders gelungenen Szene. Fantasyromane werden verbraucht. Aber mir ist das egal. Ich habe noch nie so gern geschrieben wie gerade in diesen Tagen.

Macht was draus. Ich habe absolut keine Ahnung, was das bedeutet. Nur, dass das älter werden eine ganze Menge damit zu tun hat.

Liebe Grüße
Wolf

Bearbeitet von Wolf
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vor 19 Stunden schrieb JoergR:

Ich denke, es ist ein Fehler automatisch anzunehmen man habe sich verbessert, wenn man seine alten Texte liest und einen Unterschied feststellt. :-)

Oft sind alte Texte einfach anders. Und manchmal frage ich mich, ob man durch so manchen Schreibratgeber nicht auch fehlgeleitet wird.

Das sehe ich genauso. Ratschläge aus den Werkstätten anderer Autoren sind nicht das Nonplusultra. Man sollte so etwas nicht einfach für sich übernehmen. Aber man kann es neben seine eigene Art zu Schreiben legen und vergleichen. Und dann kommt man vielleicht auf eine Erkenntnis, die das eigene Schreiben verbessert. Jennifers Beitrag über ihre Versuche mit Show don't tell scheinen ein Hinweis darauf zu sein (wenn diese Interpretation erlaubt ist). Gerade in dieser Hinsicht ist der Blick auf die eigene Entwicklung spannend, wie ich finde: Was habe ich alles gelernt, von anderen Autoren, in Workshops, aus Ratgebern. Und was ist hinterher dabei herausgekommen? Meist scheint das doch etwas zu sein, dass sich zwar irgendwie an kluge Tipps und Tricks anlehnte, aber letztlich aus dem Autor selbst strömt. Gerade deshalb fand ich den Rückblick auf meine Bücher interessant: Früher versuchte ich alles nach Plotmodellen, Charakterbögen, Regeln und Gesetzen zu gestalten. Aber wie sich gezeigt hat, sind die stärksten Momente meiner Texte die, wo ich das alles beiseite gelegt habe. Allerdings – und hier kommt die Entwicklung ins Spiel –muss man erst lernen, sich von der vermeintlichen Sicherheit des Regelwerks zu verabschieden. Wie sagte schon Andre Gide? Man kann keine neuen Länder entdecken, ohne die Küste aus den Augen zu verlieren.

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Ich lese selten alte Sachen, oder anders, bisher habe ich erst einmal einen bereits veröffentlichten Roman noch mal gelesen. In alte Texte, aus denen sich vielleicht noch etwas machen ließe, lese ich schon ab und zu hinein. Allerdings kann ich schwer sagen, ob sich wirklich viel verändert hat. Ein bisschen geht es mir wie Jenny, ich habe mit der Zeit versucht, zumindest in Bezug auf manche Dinge etwas leserorientierter zu schreiben, bin aber nicht sicher, ob ich das gut finde. Deshalb ist es auch nur wenig. Eigentlich würde ich mich freuen, wenn ich mehr Entwicklung sehen würde, auch mehr ausprobieren, herumexperimentieren würde. Das war allerdings leichter, als Schreiben noch kein Job war, sondern ein Hobby.

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Mir geht es wie Franziska, meine alten Romane lese ich nie. Sobald ein Buch erschienen ist, stelle ich es ins Regal und fertig. Schliesslich habe ich Wochen/Monate damit verbracht ... irgendwann muss auch mal gut sein.

Was ich aber durch die Jahre bei mir bemerkt habe, ist, dass ich früher viel mehr Perspektiven verwendet habe. Eins meiner ersten Bücher hatte, soweit ich mich erinnere, fünf oder sechs Perspektiven. Damals war es mir wichtig, dass alle diese Figuren ihre Sichtweise erzählen können. Das war für die Leser/-innen zuweilen sicher verwirrend, weil ich nicht anmerkte, wer in diesen Kapiteln gerade spricht. Ich dachte natürlich, die merken das mit der Zeit schon. ;-) Tun aber viele nicht, auch wenn ich damals den Namen in den ersten Sätzen nannte. 
Heute sehe ich solche "Vielperspektiven" oft mit Titeln über den Kapiteln ... also Hans, Ruth, Peter, Marie etc. Das ist sicher leichter für die Lesenden, mir gefällt das aber nicht wirklich.

Anyway ... aktuell beschränke ich mich (meist) auf zwei Perspektiven und habe mittlerweile (hoffentlich!) gelernt, alles, was wichtig ist, von diesen zwei Personen erzählen zu lassen.

Das wäre also meine Evolution, auch wenn ich natürlich hoffe, in anderen Dingen mit der Zeit ebenfalls "besser" geworden zu sein. Was immer das auch bedeuten mag. Routine macht es sicher leichter, aber auch besser?

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vor 7 Minuten schrieb Margot:

Heute sehe ich solche "Vielperspektiven" oft mit Titeln über den Kapiteln ... also Hans, Ruth, Peter, Marie etc. Das ist sicher leichter für die Lesenden, mir gefällt das aber nicht wirklich.

 

Ich glaube, das ist total die Gewohnheitsfrage.
Das gab es vor 10 Jahren (in meiner Welt) nicht und ich hatte auch nie das Gefühl, es bräuchte das. Dann finge eine damit an - ich erinnere mich daran, wie verdattert ich war, als Maggie Stiefvater 4 Ich-Perspektiven in einem Buch brachte! - und in vielen Genres ist es jetzt nicht mehr wegzudenken.
Und ja, die Leser:innen werden superschnell bequem, verlangen das inzwischen in einigen Genres und beschweren sich sofort, wenn man es anders macht.

Ich glaube, die Lesenden verändern auch immer mehr ihre Ansprüche und Vorlieben. Wenn man vom Schreiben leben will, kommt man kaum drum herum, das wahrzunehmen und darauf einzugehen.

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vor 50 Minuten schrieb JenniferB:

Ich glaube, die Lesenden verändern auch immer mehr ihre Ansprüche und Vorlieben. Wenn man vom Schreiben leben will, kommt man kaum drum herum, das wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Das würde ich auch unterschreiben. Und ich finde auch, dass es Spaß macht, sich verschiedene Schreibweisen und Perspektiven anzueignen. Man lernt in jeder was dazu. Irgendwann entwickelt sich daraus natürlich ein eigener Stil, der aber auch nicht festgeschrieben bleiben muss. Alles fließt, wie es ein alter Grieche so treffend feststellte ...

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Wenn ich euch richtig verstehe, entwickelt ihr eure Arbeitsweise durch Impulse von außen, in den meisten Fällen bedeutet das: Ihr schreibt so, wie die meisten Leser es wollen. Stellt sich die Frage: Was kommt aus euch selbst heraus? Entspricht das, von dem ihr glaubt, dass es der Leser gern so hätte, dem, was ihr sonst auch schreiben würdet? Wird die Entwicklung eurer Fähigkeiten von den Anforderungen des Marktes diktiert? Was macht ihr in einer Situation, in der er ihr lieber anders schreiben wollen würdet? 

 

  

Bearbeitet von DirkH

Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?

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vor 15 Minuten schrieb DirkH:

Wenn ich euch richtig verstehe, entwickelt ihr eure Arbeitsweise durch Impulse von außen, in den meisten Fällen bedeutet das: Ihr schreibt so, wie die meisten Leser es wollen. Stellt sich die Frage: Was kommt aus euch selbst heraus? Entspricht das, von dem ihr glaubt, dass es der Leser gern so hätte, dem, was ihr sonst auch schreiben würdet? Wird die Entwicklung eurer Fähigkeiten von den Anforderungen des Marktes diktiert? Was macht ihr in einer Situation, in der er ihr lieber anders schreiben wollen würdet? 

 

  

Ich denke, man muss unterscheiden, ob jemand das Schreiben zum Geld verdienen, als nettes Hobby/Zeitvertreib und/oder so nebenbei macht. Im ersten Fall muss man Leser und Verlag zufrieden stellen, ganz gleich, ob man das jetzt aus tiefster Überzeugung tut oder weil es von einem verlangt wird. Arbeit ist Arbeit, Arbeit bringt Geld, Punkt.

Das hat meines Erachtens nichts mit schriftstellerischer Selbstverleugnung zu tun, sondern fusst darin, dass man eben sein Job macht, so wie er verlangt wird. Ich muss in meinem Brotjob ja auch das tun, was mein Chef verlangt, ob mir das nun gefällt oder nicht.

Für alles andere – Experimente, Herzensangelegenheiten etc. – gibt es heute ja das Self Publishing. Bei mir sind es die Gedichte, meine Serie, die kein Verlag wollte, und anderes. Heureka, denke ich dabei. Das ging früher nicht. Oder nur bedingt.

Natürlich ist es der Lottosechser, wenn alles, was man schreiben möchte, auch verlegt/verkauft würde. Doch das ist in meinen Augen eine Utopie. Trotzdem denke ich, dass man mit jeder Arbeitsweise «glücklich» sein kann. In meinen Augen ist das alles kein dafür oder dagegen, sondern ein sowohl als auch.

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vor 49 Minuten schrieb DirkH:

Wenn ich euch richtig verstehe, entwickelt ihr eure Arbeitsweise durch Impulse von außen, in den meisten Fällen bedeutet das: Ihr schreibt so, wie die meisten Leser es wollen. Stellt sich die Frage: Was kommt aus euch selbst heraus? Entspricht das, von dem ihr glaubt, dass es der Leser gern so hätte, dem, was ihr sonst auch schreiben würdet? Wird die Entwicklung eurer Fähigkeiten von den Anforderungen des Marktes diktiert? Was macht ihr in einer Situation, in der er ihr lieber anders schreiben wollen würdet? 

Ich kann da natürlich nur von mir sprechen. Bei mir war und ist es so: Ich möchte (irgendwann gut) davon leben können, ergo muss ich mich am Markt orientieren. Der Einstieg über die Heftromane war so ein Erfordernis, das hätte ich ansonsten nicht gemacht (wäre dann aber auch nie zum Schreiben gekommen, weil meine durch Elternhaus und Studium vermittelten Ansprüche viel zu hoch waren). Gelernt habe ich: viele Exposés in kurzer Zeit zu schreiben, (einfache) Geschichten zu plotten, sehr geplant nach Treatment zu schreiben, auf eine exakte Anschlagszahl hinzuschreiben, Heftromanstil. Letzterer ist so gar nicht meins, musste aber sein. Dafür weiß ich jetzt, was diese Lesergruppe möchte: wieviel Herzschmerz, wie viele Tränen, welche Lösungen. Gelernt habe ich auch, wie ich kleine Nebenhandlungen unterbringe. Selbst entscheiden konnte ich da aber nur sehr wenig.

Die nächste Stufe waren/sind Romances. Vom Inhalt her wieder eher nicht meins, von der Schreibe her auch nicht, aber immer noch kürzer als ein Roman, daher für mich bewältigbar - und ich weiß auch hier, sie werden mir abgenommen. Anderes Genre (in meinem Fall wird die angelsächsische Schreibe verlangt), das war neu und ist interessant. Was mir wider Erwarten richtig Spaß macht, ist die Stimmungsschreibe, das gefällt mir richtig gut. Und ich würde sagen, das kommt aus mir selbst, ich wusste es aber nicht und hätte es vielleicht nie entdeckt. Das werde ich also beibehalten, egal, in welchem Genre - dann aber natürlich angepasst. Was ich auch gelernt habe: schnell ins Thema reinzugehen und im ganzen eine leichtere, beschwingtere Schreibe (also weniger deutsche Schwere und Befindlichkeit - das ist jetzt aber keine Abwertung).

Nun schreibe ich am ersten Krimi (das könnte "meins" werden) und lerne wieder: mehrere Perspektiven zu jonglieren, Dinge geheimzuhalten, stärker auf den Spannungsbogen zu achten usw. Da weiß nicht natürlich noch nicht, ob er mir irgendwann abgenommen werden wird. Wenn ja, werde ich durch das Lektorat wieder was lernen. Manches wird mir eventuell nicht gefallen, ich werde aber mehr Mitspracherecht haben, und eventuell ergibt sich dabei wieder was, wo ich merke, das gefällt mir, das mache ich gern, wusste es nur noch nicht. Im Moment gehe ich an den Krimi z.B. sehr psychologisch heran, aber nicht auf eine reißerische Art - weiß allerdings nicht, ob das dann auch ankommt. Fitzeks Zahlen werde ich damit jedenfalls nicht erreichen. 

Was mache ich in einer Situation, in der ich gern anders schreiben würde? Das hängt vom jeweiligen Fall ab. Im Moment habe ich noch nichts unter meinem richtigen Namen veröffentlicht, das waren bisher bei beiden Verlagen bzw. den dort vertretenen Reihen die Vorgaben. Wie es beim Krimi werden wird - wie gesagt, falls ... - weiß ich noch nicht. Auch dann wäre es sicher eine Mischung aus den Wünschen von Verlag/Leserschaft und meinen eigenen Vorstellungen. Falls ich dann mit meinem eigenen Namen "bürge", sollte auch mehr "ich" drin sein, aber ganz an den Erfordernissen des Markts werde ich auch hier nicht vorbeikommen. Und tatsächlich ergibt sich eine bestimmte Entwicklung meiner Fähigkeiten, die es sonst nicht gegeben hätte, gerade aus den Marktanforderungen heraus.

PS: In dem Zusammenhang finde ich auch die Arbeit in Plotgruppen, die nicht (nur) das eigene Genre behandeln, hochinteressant. Einige meinen dann vielleicht, dass sie zum entsprechenden Text nicht viel beitragen könnten oder wollten, da ihnen das Genre fremd sei - ich sehe es genau umgekehrt. Der Lerneffekt ist hoch - auf beiden Seiten.

Bearbeitet von KerstinH
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@Kerstin Falls ich mit meinem Namen "bürge", sollte auch "ich" drin sein, aber ganz an den Erfordernissen des Markts wird man nie vorbeikommen. 

Daran kommt man auch nicht vorbei, wenn man nicht schreibt, um davon zu leben. Auch dann muss man Genreregeln beachten bzw. so gekonnt brechen, dass es schon wieder saugut ist für die Leserschaft. (Beispiel: Das finstere Tal, eine Mischung aus historischem Krimi, Heimatroman und Western.) Ich glaube, wenn Leser die schriftstellerische Entwicklung eines Autors konsequent verfolgen, werden sie überall ein kleines Stück von diesem Ich finden. Das ist für mich das, was Dirk so bezeichnet hat:

 Meist scheint das doch etwas zu sein, dass sich zwar irgendwie an kluge Tipps und Tricks anlehnte, aber letztlich aus dem Autor selbst strömt. Gerade deshalb fand ich den Rückblick auf meine Bücher interessant: Früher versuchte ich alles nach Plotmodellen, Charakterbögen, Regeln und Gesetzen zu gestalten. Aber wie sich gezeigt hat, sind die stärksten Momente meiner Texte die, wo ich das alles beiseite gelegt habe. 

Handwerklich habe ich am meisten durch andere Bücher und auch hier gelernt, zum Beispiel durch die Textkritiken. Die Schreibratgeber habe ich recht bald zur Seite gelegt und dabei einiges Wenige verinnerlicht. Das Strömen ist vielleicht das Wesentliche, was immer auf irgendeine Weise passiert. Oder schreibt ihr "für den Markt" völllig unberührt?

Man hat aber generell schon mehr Freiheit, wenn man nicht speziell für den Markt schreibt. Wobei für mich Self Publishing nach wie vor keine Alternative ist, weil das, was ich eigentlich schreiben wollte, dort nicht ankommt.

Bearbeitet von Christa
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Ich gehöre zu der kleinen Gruppe, für die Geschichtenerzählen immer ein Lebenstraum war, den ich mir nun erfüllen kann. Ich schreibe täglich, um meine ideen zu bewältigen. Also nicht nebenher oder als Freizeitvergnügen. Ich betrachte mich selbst als einen Künstler mit beschränkten Talenten. Künstler als beschreibender wertneutraler Begriff. Ob meine Kunstwerke schlecht, mäßig, gut oder gar großartig sind, kann ich nicht beurteilen. Aber ich drücke mich durch sie und in ihnen aus. So wie ein Maler ein bild malt, von dem er nicht weiß, ob er es jemals auf einem Markt unterbringen kann.  Ich hatte in den neunziger Jahren einmal eine Zeit, in der so viel arbeiten musste, dass ich nicht in der Lage waren, meine Ideen zu speichern, zu retten, irgendwo niederzuschreiben. Ich hatte sie nur im kopf, wo sie mich blockierten. Ich war sehr unglücklich damals. Es fühlte sich an wie eine geistige Verstopfung ohne Abführmittel zur Hand. Grässlich.

Deshalb interessiert mich alles an meiner Schreiberei. Auch die Entwicklung. Ich habe einige Jahre etwas gemacht, das ich das begleitende Schreiben genannt habe, mir sewlbst beim schreiben über die Schulter geschaut und notiert, was mir dazu einfiel. Der nächste Schritt war mein persönlicher Schreibratgeber, der nie geschrieben werden wird. Das Manuskript wird immer noch dicker und dicker. Der einzige Leser davon bin ich selbst.

Für mich ist das Schreiben ein Wahnsinnsabenteuer, das ich so lange erleben möchte wie es geht. Damit bin ich sicherlich eine Ausnahme hier.

(Entschuldigt meinen vielleicht etwas euphorischen Ausbruch, aber ich bin etwas high. Ich bin auf Cortison, weil mein Rheumamittel sich nicht mit dem Coronavirus veträgt. Ich würde aber auch im Normalzustand zu dem stehen, was ich hier geschrieben habe. Es würde da nur etwas weniger emotional klingen - schätze ich.)

Liebe Grüße
Wolf

 

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Die geistige Verstopfung ohne Abführmittel ist klasse, Wolf! Ich finde, dass das Schreiben auch ohne Cortison ein Wahnsinnsabenteuer ist. Auch wenn es mal wieder klemmt. Mich hat es übrigens auch mein Leben lang begleitet, auch wenn erst später Kurzgeschichten und Romane dabei herauskamen. Angefangen hatte es mit einem Tagebuch in der Jugend.

Bearbeitet von Christa
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vor 3 Stunden schrieb DirkH:

Wenn ich euch richtig verstehe, entwickelt ihr eure Arbeitsweise durch Impulse von außen, in den meisten Fällen bedeutet das: Ihr schreibt so, wie die meisten Leser es wollen. Stellt sich die Frage: Was kommt aus euch selbst heraus? Entspricht das, von dem ihr glaubt, dass es der Leser gern so hätte, dem, was ihr sonst auch schreiben würdet? Wird die Entwicklung eurer Fähigkeiten von den Anforderungen des Marktes diktiert? 

 

  

Auf gar keinen Fall. Ich schreibe, wie es MIR gefällt. Und was ich selbst gern lese. Ich bin also meine eigene beste Zielgruppe. :)

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Danke für eure vielschichtigen und zahlreichen Einblicke. Sie sind, besonders im Fall von Kerstin, richtige Entwicklungsgeschichten. Die Schnittmenge zwischen dem, was man will, und dem, was der Markt diktiert, hat vermutlich bei jedem eine andere Größe. 

Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?

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vor 22 Stunden schrieb DirkH:

Wenn ich euch richtig verstehe, entwickelt ihr eure Arbeitsweise durch Impulse von außen, in den meisten Fällen bedeutet das: Ihr schreibt so, wie die meisten Leser es wollen. Stellt sich die Frage: Was kommt aus euch selbst heraus? Entspricht das, von dem ihr glaubt, dass es der Leser gern so hätte, dem, was ihr sonst auch schreiben würdet? Wird die Entwicklung eurer Fähigkeiten von den Anforderungen des Marktes diktiert? Was macht ihr in einer Situation, in der er ihr lieber anders schreiben wollen würdet? 

 

  

Impulse sind ein gutes Stichwort, allerdings ist das bei mir auch nicht mehr als das. Ich schreibe keine komplett anderen Geschichten und erst recht keine anderen Figuren. Ich übersetze nur mehr in die Sprache der Leser:innen, was ich sonst stehenlassen würde: mit dem Gedanken, dass sie das schon selbst durchschauen. (Tun sie halt selten.)
Ich schreibe absolut meins - aber ich füttere noch was drauf, was ich für mich nicht bräuchte. Die Leserinnen mögen es aber. Und ich mag den Erfolg. Find ich richtig toll, endlich mal gut zu verkaufen, das ist mir die kleinen Kompromisse hier und da sowas von wert.

Vermutlich könnte ich mit meinem alten Stil auch einfach das Genre wechseln und nichts ändern - das Ding ist nur: Ich liebe meine Grenre :) 

 

 

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Genau, Jennifer, es sind Kompromisse. Kein Weltuntergang. Ich sehe das Ziel, auf den Leser zuzugehen, auch als interessante Herausforderung. Dürfte ich einfach wild drauf los schreiben, wäre das ziemlich langweilig für mich. Wo bliebe da die Challenge? Aber das kann natürlich jeder sehen, wie er will. :) Nur: Erst seitdem ich für den Leser statt für mich schreibe, kann ich davon leben. Und das wollte ich immer gerne erreichen.

~~~ Carina alias C. R. Scott ~~~

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