Zum Inhalt springen
IlonaS

Das leidige Thema POV und Zeit

Empfohlene Beiträge

Sebastian Niedlich

Schönes Beispiel, @KerstinH!

Wobei ich argumentieren würde, dass hier weniger eine Beschreibung als ein Gefühl wiedergegeben wird. Was - oh Wunder - so nur bedingt in einem Film klappt. Wie es in Husum aussieht, weiß ich jetzt immer noch nicht. Da hätte mir ein Bild mehr gesagt. ;-)

Aber das war auch gar nicht der Punkt und ich fürchte wir gleiten hier von der eigentlichen Diskussion ab. Es ging ja mehr darum, welche Erzählform man einnimmt. In der schriftlichen Form ist das meist das Präteritum - im Sinne "Es war einmal ..." - wohingegen ein Film eigentlich immer im Hier und Jetzt abspielt. Fontane hat das Präsens gewählt, weil es im Grunde so ist, als würde er einem erzählen, was er genau in diesem Augenblick empfindet. Kann er natürlich machen

Ich wollte keine Diskussion "Was kann Film - was kann ein Buch" vom Zaun brechen.

Ansonsten: Was @Ramona sagte.

Link zum Beitrag
vor 21 Minuten schrieb KerstinH:

Hier würde ich widersprechen. Ein Beispiel:

Die Stadt (Theodor Fontane)

Am grauen Strand, am grauen Meer 
Und seitab liegt die Stadt; 
Der Nebel drückt die Dächer schwer, 
Und durch die Stille braust das Meer 
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai 
Kein Vogel ohn Unterlaß; 
Die Wandergans mit hartem Schrei 
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, 
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir, 
Du graue Stadt am Meer; 
Der Jugend Zauber für und für 
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, 
Du graue Stadt am Meer.

Was ein Film hier zeigen könnte, wäre: Nebel, Eintönigkeit, Herbstnächte, alles grau. Was wir lesen, ist: Zauber, Jugend, Mai und Vogelgesang, obwohl das Gedicht sagt, dass letzteres NICHT passiert. Allein die Erwähnung der Worte  lässt ein anderes Husum in uns entstehen.

 

Das meinte ich mit "Bücher (und Filme) können mehr". Insofern können Bücher sogar mehr als Filme, denn sie verdichten jede noch so dichte Aussage noch mehr.

Ein schönes Beispiel ist "Der Name der Rose". Im Buch habe ich einen sehr großen Mehrwert gegenüber dem Film, nämlich zum Beispiel philosophische Gespräche.

Und für mich ist es ein großes "Kunsterlebnis", wenn ich in Husum vor Storms Haus stehe und sein Gedicht von der grauen Stadt am Meer lese oder gedanklich rezitiere.

@Ramona: :D

Bearbeitet von Christa
Link zum Beitrag
vor einer Stunde schrieb Sebastian Niedlich:

Schönes Beispiel, @KerstinH!

Wobei ich argumentieren würde, dass hier weniger eine Beschreibung als ein Gefühl wiedergegeben wird. Was - oh Wunder - so nur bedingt in einem Film klappt. Wie es in Husum aussieht, weiß ich jetzt immer noch nicht. Da hätte mir ein Bild mehr gesagt. ;-)

Aber das war auch gar nicht der Punkt und ich fürchte wir gleiten hier von der eigentlichen Diskussion ab. Es ging ja mehr darum, welche Erzählform man einnimmt. In der schriftlichen Form ist das meist das Präteritum - im Sinne "Es war einmal ..." - wohingegen ein Film eigentlich immer im Hier und Jetzt abspielt. Fontane hat das Präsens gewählt, weil es im Grunde so ist, als würde er einem erzählen, was er genau in diesem Augenblick empfindet. Kann er natürlich machen

Ich wollte keine Diskussion "Was kann Film - was kann ein Buch" vom Zaun brechen.

Ansonsten: Was @Ramona sagte.

Aber schau hin, er benutzt ja nicht mal Gefühlswörter. Im Grunde beschreibt er sogar auktorial, dass dort alles grau, neblig und sturmumtost war und immer noch ist. Trotzdem, besser kann man seine Leser gefühlsmäßig nicht mitnehmen. Und das ist die Kunst, wie Ramona auch sagt: Wer es kann, der kann es, egal mit welcher Perspektive und in welcher Zeitform. Mit der Wahl des richtigen Wortes am richtigen Platz lässt er - erst im Leser - Welten entstehen.

Link zum Beitrag
vor 4 Stunden schrieb Sebastian Niedlich:

Der Unterschied ist aber, dass man in Büchern die Sache in jedem Fall "nur" erzählt bekommt. (Egal übrigens, ob in Präsens oder in anderer Form geschrieben.)

Film ist insofern unmittelbarer, weil er gleich mehrere Teile unserer Sensorik anspricht. Was mitnichten heißen soll, dass deswegen Bücher schlechter sind, ganz im Gegenteil. Natürlich kann ich auch in einem Buch mitfiebern und mich fühlen, als wäre ich mitten drin im Geschehen. (Auch wenn es im Präteritum geschrieben ist.) Aber eine Erzählung darüber, wie es z.B. im Tempel von Abu Simbel aussieht, bleibt eine Erzählung. Wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. In einem Film sehen wir es tatsächlich selbst. Wobei auch das natürlich ein Unterschied dazu ist, es selbst zu erleben, die Hitze zu spüren, den Geruch aufzunehmen, sich darüber zu wundern, wie für die Klos zwei einlagige Blatt Toilettenpapier verteilt werden, wenn man denn mal muss ... usw. ;-)

Der Vorteil des Filmes ist, dass er eine wesentlich höhere Informationsdichte hat und Komplexität durch Parallelität darstellen kann; der Nachteil ist für mich, ich bekomme ein Ergebnis vorgesetzt. Ich brauche eigentlich keine Fantasie mehr, mir den Inhalt vorzustellen. Lesen ist sequentiell, ein Bild baut sich Stück für Stück mittels meiner Fantasie während des Lesens auf.

3.Person erzeugt bei mir immer eine Distanziertheit, die ich Deutschunterricht mal mit Siezen erklärt habe.

Link zum Beitrag

Ich befürchte, dass wir eine endgültige Entscheidung über das, was für was und welches mehr geeignet ist, kaum finden werden. Ich-Perspektive und Er-Perspektive haben beide ihre Stärken und Schwächen. Welche man wählt, hängt davon ab, was man will. Ich persönliche liege die Ich-Perspektive, habe aber nur ein Buch in dieser Perspektive geschrieben, weil ich in Der Regel sehr viele Handlungsstränge miteinander verweben muss, und das geht nicht so einfach in der Ich-Perspektive.

Bei der Erzählzeit ist es noch schwieriger. Das Präsenz ist eine recht moderne Entwicklung und in meiner Lesegewohnheit überhaupt noch nicht angekommen. Ich bemerke es meist erst auf der zweiten Seite und dann stört es mich. Das passiert mir vor allem dann, wenn das Präteritium genauso gut passen würde, aber in leicht lyrisch angehauchten Texten gefällt mir das Präsenz oft. Jüngeren Lesern wird das vielleicht merkwürdig vorkommen.

Auch verstehe ich im Präsenz die Erzählstimme nicht. Ist das ein Dauerbeobachter mitten im Geschehen? Wenn das nur durchgehalten würde von den Autoren, die im Präsenz schreiben.

Kurzum: Was geeignet ist, hängt von vielen Dingen ab, einige liegen nicht in der Kontrolle des Autors, aber wenn er sich nach seiner inneren Stimme richtet, greift er selten daneben, denn die trägt ihn durch die Geschichte. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Und nichts von dem, was ich hier geschrieben habe, möchte ich verallgemeinern. Deshalb schrieb ich auch von mir.

Liebe Grüße

Wolf

Link zum Beitrag

Bitte melde Dich an, um einen Kommentare abzugeben

Du kannst nach der Anmeldung einen Kommentar hinterlassen



Jetzt anmelden

×
×
  • Neu erstellen...