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IlonaS

Das leidige Thema POV und Zeit

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Schon oft diskutiert... trotzdem noch mal: 

Ich schreibe an einem Spannungsroman und begann ganz klassisch mit drei Erzählerin in 3. Person/personal und Präteritum. Leider fiel mir die Story auseinander, der Fokus ging verloren. Daraufhin kam ich auf die Idee, die Erzählung auf zwei Erzähler in 1. Person/Gegenwart umzuschreiben. Das hat den gewünschten Effekt gebracht, und die Story wurde rund. 

Trotzdem bin ich nicht happy, denn mir fehlt die dritte Sicht, einfach aus Gründen, weil sie interessante Aspekte einbringt und viel automatisch erklärt, was sonst umständlich eingearbeitet werden muss. Aber drei 1. Person/ Präsenz? Die Erzähler müssen sich sprachlich unterscheiden, was in diesem Fall aber leicht zu erreichen ist. 

Ich habe nun begonnen, die Geschichte wieder auf 3. person umzuschreiben, was jetzt prima funktioniert, denn die Story ist vorgegeben, also kein mäandern mehr. Nur - jetzt will mein Gedankenfluss nicht mehr in dritte Person/Präteritum. Jetzt will die Story sich in Präsenz erzählt sehen. 

 

Wie seht ihr 3. Person/Präsenz? Ist das nicht ein Widerspruch? Man liest das selten. Wie nähert ihr euch an POV und Zeit?

 

Bearbeitet von IlonaS

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Ich mag es klassisch: 3. Person Präteritum, personale Perspektive.

Wenn ich sehr nah an der Figur dran sein möchte, nehme ich auch erste Person, am liebsten in Verbindung mit Präteritum. 

Präsens mochte ich früher gerne, weil so unmittelbar. Inzwischen lege ich lieber mehr Distanz zwischen Leserin und Figur. Für Kurzgeschichten finde ich Präsens nach wie vor schön.

Dritte Person Präsens fühlt sich für mich beim Schreiben hölzern an, schwerfällig. Habe ich schnell wieder aufgegeben. 

 

Bearbeitet von MaschaV
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Liebe Ilona, früher habe ich ganz klar 3. Person Präteritum bevorzugt. Mittlerweile bin ich viel offener geworden und kann zumindest beim Lesen keine Präferenzen bei mir feststellen. Ein wenig kommt es aufs Genre an. Je wichtiger der innere Konflikt für die Story ist, desto mehr tendiere ich zur Ich-Perspeltive, da die größere Nähe den Effekt dann noch verstärkt. Das gilt bei mir sowohl fürs Lesen als auch fürs Schreiben.

Zu deiner konkreten Frage bzgl. 3. Person und Präsens: Gerade am Wochenende habe ich "Grenzgänger" von Mechthild Bormann gelesen. Die Geschichte springt nicht nur zwischen Zeiten und Perspektivträgern, sondern auch zwischen verschiedenen POVs hin und her. Ein Handlungsstrang wird dort in 3. Person / Präsens erzählt, gestört hat es mich nicht - und, gemessen am Erfolg der Autorin und des Buchs, offenbar auch die wenigsten anderen Leser.

 

 

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Ich lese und schreibe im Präterium, sowohl in Ich- als auch in Er-Perspektive. Ich mag das Präsenz in Romanen nicht, und wenn ein Autor es wählt, fällt es mir meistens zunächst nicht auf und lese Präteritum.

Allerdings ist für mich die Situation in Kurzgeschichten völlig anders.

Bedenklich macht mich Deine @ Ilona Bemerkung, dass die Geschichte im Präsenz erzählt werden will. Dieses Gefühl kenne ich auch und gebe ihm meistens nach. Ich kann nicht gegen mein Gefühl anschreiben.

 

Liebe Grüße
Wolf

 

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vor 18 Stunden schrieb IlonaS:

Schon oft diskutiert... trotzdem noch mal: 

Ich schreibe an einem Spannungsroman und begann ganz klassisch mit drei Erzählerin in 3. Person/personal und Präteritum. Leider fiel mir die Story auseinander, der Fokus ging verloren. Daraufhin kam ich auf die Idee, die Erzählung auf zwei Erzähler in 1. Person/Gegenwart umzuschreiben. Das hat den gewünschten Effekt gebracht, und die Story wurde rund. 

Trotzdem bin ich nicht happy, denn mir fehlt die dritte Sicht, einfach aus Gründen, weil sie interessante Aspekte einbringt und viel automatisch erklärt, was sonst umständlich eingearbeitet werden muss. Aber drei 1. Person/ Präsenz? Die Erzähler müssen sich sprachlich unterscheiden, was in diesem Fall aber leicht zu erreichen ist. 

Ich habe nun begonnen, die Geschichte wieder auf 3. person umzuschreiben, was jetzt prima funktioniert, denn die Story ist vorgegeben, also kein mäandern mehr. Nur - jetzt will mein Gedankenfluss nicht mehr in dritte Person/Präteritum. Jetzt will die Story sich in Präsenz erzählt sehen. 

 

Wie seht ihr 3. Person/Präsenz? Ist das nicht ein Widerspruch? Man liest das selten. Wie nähert ihr euch an POV und Zeit?

"Jetzt will die Story sich im Präsens erzählt sehen."

Warum hörst du nicht einfach auf das, was die Story will? Ja, wir haben es schon öfter ausführlich diskutiert. Bei meinen beiden ersten Spannungsromanen war es die Hauptperspektive/Gegenwart, die in 3. Person Präteritum erzählt wurden, die Vergangenheitsgeschichten in 3. Person Präsens. Das funktionierte. 

NicoleW erwähnt den "Grenzgänger" von Mechthild Bormann. Das habe ich auch gelesen und kann mich nicht an Verwirrung durch Perspektiven erinnern. In ihrem Buch "Trümmerkind", auch ein großer Erfolg, erzählt sie die Vergangenheitsgeschichte in 3. Person Präteritum, die Gegenwartsgeschichte in 3. Person Präsens. Dörte Hansen dagegen erzählt durchgängig im Präteritum (und das "Alte Land" wurde ja sogar verfilmt, wie ich gestern gesehen habe). Ich selbst neige dazu, die Hauptperspektive am liebsten in 3. Person Präteritum zu lesen. Ob die Nebenperspektiven in 3. Person Präsens oder Ich-Perspektive geschrieben sind, ist eigentlich nebensächlich beim Lesen. Nur durchgehende verschiedene 3.Person Präsens- oder durchgehende Ichperspektiven sind wohl eher selten und wohl für manche gewöhnungsbedürftig.

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Sebastian Niedlich

Meine 2 Cents:

Grundsätzlich ist es völlig egal, in welcher Zeit man erzählt.

Aber es kommt nicht von ungefähr, dass die meisten Geschichten im Präteritum erzählt sind. Ich meine, Leute haben buchstäblich ums Feuer herumgesessen und erzählt, was vorher passiert ist. Märchen erzählen von "Es war einmal...". "Im Moment gerade" hat da nicht das gleiche Flair. Von daher: Das Präteritum ist die logische Wahl für die Erzählung.
Allerdings gibt es erzähltechnische Umstände, die das Erzählen im Präsens sinnvoll machen. (Meine Bücher über Tod & Martin beginnen und enden jeweils im Präsens, dazwischen ist sozusagen ein Rückblick im Präteritum.) Je nach den Umständen können andere Zeitformen sinnvoll sein, z.B. auch ein Konjunktiv. Wenn man meint in Futur II erzählen zu müssen, geht auch das. Ist umständlich, aber geht.

Aber die natürlichste Erzählweise ist das Präteritum. Ist einfach so.

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Ich hab auch schon, um den Irrsinn eines Antagonisten rüberzubringen, ihn über sich selbst sprechen lassen. Das war dann so eine seltsame Du-Form. Um es unmittelbar zu halten, habe ich das auch im Präsens gemacht. Die Leser haben mir gespiegelt, dass der Plan gut aufging, weil sie gerätselt haben, wer wohl diese seltsame Person ist, die da so eigenartig spricht. 

Profiling Murder und Die Profilerin bei beTHRILLED
Libby Whitman ermittelt in "Brave Mädchen schreien nicht" (12/2019)
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Sebastian Niedlich

Diese Du-Form habe ich auch unlängst benutzt, auch wenn das Kapitel, in dem ich das nutzte, jetzt aus anderen Gründen (zunächst) herausgeflogen ist. Da hat meine Protagonistin ebenfalls aus ihrem Leben erzählt, um quasi zu erklären, warum sie an dem Punkt im Leben ist, an dem sie gerade ist. Das war eigentlich echt cool, aber hinterher war mir das zu viel Tell statt Show, deswegen erstmal raus ...

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Ich danke euch für eure Gedanken dazu. 

 

@Sebastian Niedlich Das ist auch meine Interpretation, dass die normale Erzählform 3. Person/Präteritum ist, außer, wenn dir dein Freund was beim Lagerfeuer erzählt, das er selbst erlebt hat. Dann wählt er 1.Person und Gegenwart, nicht wahr? 

@Wolf Im Prinzip gebe ich dir recht, die Figuren wählen ihre Erzählform selbst. Aber in diesem Fall frage ich mich, ob dieses Gefühl nicht durch das vorige Schreiben beeinflusst wird. Dass also die Wahl nicht mehr frei ist. 

Die Frage nach Distanz beschäftigt mich nun. Der Ich Erzähler sitzt mir gegenüber und erzählt von seinen Erlebnissen. Dessen bin ich mir als Leser bewusst. Von daher erklärt es sich auch, dass es nicht so einfach ist, sich auf einen zweiten Ich-Erzähler einzulassen. Plötzlich sitzt da ein anderer und fängt zum erzählen an. Dagegen lädt die dritte Person Erzählung ein, sich mit der Figur auf Erlebnisreise zu begeben, denn nun muss ich nicht in den Kopf meines virtuellen Gegenübers. Bin ich auf dem falschen Dampfer? 

 

 

 

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Sebastian Niedlich
vor 56 Minuten schrieb IlonaS:

 

@Sebastian Niedlich Das ist auch meine Interpretation, dass die normale Erzählform 3. Person/Präteritum ist, außer, wenn dir dein Freund was beim Lagerfeuer erzählt, das er selbst erlebt hat. Dann wählt er 1.Person und Gegenwart, nicht wahr?

Erste Person Präteritum. ;)

vor 56 Minuten schrieb IlonaS:

Die Frage nach Distanz beschäftigt mich nun. Der Ich Erzähler sitzt mir gegenüber und erzählt von seinen Erlebnissen. Dessen bin ich mir als Leser bewusst. Von daher erklärt es sich auch, dass es nicht so einfach ist, sich auf einen zweiten Ich-Erzähler einzulassen. Plötzlich sitzt da ein anderer und fängt zum erzählen an. Dagegen lädt die dritte Person Erzählung ein, sich mit der Figur auf Erlebnisreise zu begeben, denn nun muss ich nicht in den Kopf meines virtuellen Gegenübers. Bin ich auf dem falschen Dampfer? 

Ich glaube nicht, dass es ein Problem ist, sich auf einen, zwei oder ein Dutzend Ich-Erzähler einzulassen. Das Problem ist, dass man als Autor die Stimmen dieser Erzähler so distinktiv gestalten muss, dass man als Leser sofort weiß: "Ach, Theolinde spricht ..."
Das Problem hat man bei der Erzählform 3. Person - auch wenn es aus Sicht von mehreren Personen geschrieben ist - nicht. Siehe z.B. "Das Lied von Eis und Feuer" (aka Game Of Thrones) von George R.R. Martin. Er schreibt jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen Person, aber immer in der dritten Person, sodass er nicht die Erzählstimme von mal zu mal wechseln muss, auch wenn klar ist, dass momentan eine ganz bestimmte Sicht eingenommen wird.

Du bist also nicht auf dem falschen Dampfer, wenn du vielleicht merkst, dass das mit den Ich-Erzählern nicht klappt, weil es durchaus möglich ist, dass du sie nicht unterschiedlich genug hinbekommst. (Das sollte KEINE Beleidigung sein.)

Ein anderes Problem mit verschiedenen Erzählperspektiven ist, dass manche Leute nicht wissen, wann sie welche Perspektive einnehmen sollten. Es ist z.B. relativ witzlos, wenn man einen genialen Ermittler hat und aus dessen Perspektive erzählt, weil man dann ja an seinen Gedanken teil hätte. (Weswegen z.B. die "Sherlock Holmes" Geschichten aus Sicht von Watson erzählt sind bzw. Agatha Christie, soweit ich mich erinnere, bei Miss Marple und Hercule Poirot in der 3. Person erzählte.) Generell ist es nicht ratsam aus Sicht einer Figur zu erzählen, die mehr weiß, als der Leser, es sei denn es ist genau der Punkt, dass der Erzähler Informationen zurückbehält und das klar macht. (Mir fällt jetzt gerade kein Beispiel ein, außer mein eigenes: In meinem Roman "Und Gott sprach: Es werde Jonas" ist die Erzählstimme Gott. Buchstäblich. Und der macht mehrmals deutlich, dass er alles weiß, aber eben nicht vorgreifen will. Und ich sehe da schon noch einen Unterschied zum auktorialen Erzähler, aber ich will jetzt auch keinen Essay schreiben ...)

Vielleicht betrachtest du deine Erzählstimmen noch einmal unter diesem Gesichtspunkt.

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vor 27 Minuten schrieb Sebastian Niedlich:

Du bist also nicht auf dem falschen Dampfer, wenn du vielleicht merkst, dass das mit den Ich-Erzählern nicht klappt, weil es durchaus möglich ist, dass du sie nicht unterschiedlich genug hinbekommst. (Das sollte KEINE Beleidigung sein.)

Keine Beleidigung, du kennst das Werk ja nicht... auch sonst wäre es keine, sondern eine Hilfestellung. 

Nein, das ist nicht das Problem, denn auch in der dritten, personalen Form gibt es durchaus die Möglichkeit (und Notwendigkeit), die Erzählstimme zu variieren. Nur in den distanzierten Formen oder gar in der auktorialen Form, verliere ich die distinkten Kennzeichen der persönlichen Sprache der Erzählung, sie erscheinen dann nur noch im Dialog. 

In meinem Fall sind die beiden Ich Erzähler naturgemäß unterschiedlich, das eine ist ein Teenager und die andere ihre Mutter. Die dritte wäre wieder sehr anders, ein Mann, mit Master Degrees in Recht und Gesetz. Ich wäre ein schlechter Schriftsteller, würde ich das nicht in der Erzählung herausarbeiten können. Wie gesagt, sie unterscheiden sich auch in der dritten Person, wenn auch nicht so ausgeprägt wie in der ersten. 

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Was ich jetzt schreibe, habe ich schon einige Male geschrieben.

Jahrelang hieß es: Eine Ich-Perspektive und eine Er-Perspektive in einem Roman geht nicht!!!
Und dann kam Lian Hearne mit ihrem Tales of the Otori (oder so ähnlich. Jugendbuch-Zyklus zwischen Fantasy und japanischer Historie) und alle waren begeistert.

So viel zu Deinem Dampfer.

Schwierigkeiten sehe ich eher bei den beiden Ich-Perspektiven. Beide lassen eine große Nähe zu (ich liebe Ich-Perspektiven als Leser), aber bei zwei Stimmen müssen sich die Leser auch mit beiden Figuren identifizieren können und sie sollten in ihren Weltanschauungen/Gedankenrichtungen unterschiedlich sein, behaupte ich jetzt mal so ganz frech. Das ist nicht so einfach zu schreiben.
Andererseits habe ich das Gefühl, dass Du aber genau das machen möchtest und die Entscheidung bereits halb gefallen ist. Das ist bei mir immer ein gutes Zeichen. Und im Übrigen: Wer wagt, gewinnt.

Du hast nicht viel zu verlieren. Nur Zeit und Mühe. Aber Du kannst ganz viel dabei gewinnen.
Also mach es einfach. Probier es aus. Das geht auf jedem Dampfer. ;D

Viel ERfolg
Wolf

 

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Es geht nicht um das Vermögen oder Unvermögen, mehrere Ich-Erzähler in einem Roman zu Wort kommen zu lassen, sondern es geht um die Frage, wann welche Erzählform besser passt. Das Können, sie zu schreiben, vorausgesetzt. 

Ich habe keinerlei Probleme mehrere Ich-Erzähler überzeugend zu Wort kommen zu lassen. Die Frage ist eher, ob das in Ich-Form sein muss, oder nicht. Bei manchen Autoren kommt mir der Verdacht, sie wählen Ich/Präsenz nur weil's modern ist. Oder einfacher zu schreiben als eine intime 3. Person. 

 

Das Thema 3.Person und Präsenz habe ich ad acta gelegt. 

Bearbeitet von IlonaS

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Also, wie gesagt, ich schreibe grade in mehreren dritten Personen Präsens. Der Vorteil, den ich dabei sehe - weswegen ich es also tue - ist der, dass die Unzuverlässigkeit des jeweiligen Erzählenden nicht so schnell gegeben ist. Bei Ich-Form müsste ich, wenn ich zuverlässig erzählen will, immer alles sagen, was diese Person weiß, ich könnte dem Leser nichts verheimlichen. Bei der dritten Person muss ich nicht ganz so tief einsteigen, kann auch mal einen Gedanken nicht zu Ende denken oder einen Teil der Situation nur unscharf beschreiben. Diese Unschärfe - rsp fehlende Nähe - gleiche ich dann durch das Präsens wieder aus, so dass der Leser also (hoffentlich) immer das Gefüh hat, ganz nahe dran zu sein. Aber er kann halt beim Erzählen in der dritten Person nicht verlangen, dass er in sämtliche Gehirnwindungen schauen kann, wie es bei einem Ich-Erzähler der Fall wäre.

Bearbeitet von KerstinH
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vor 36 Minuten schrieb KerstinH:

Also, wie gesagt, ich schreibe grade in mehreren dritten Personen Präsens. Der Vorteil, den ich dabei sehe - weswegen ich es also tue - ist der, dass die Unzuverlässigkeit des jeweiligen Erzählenden nicht so schnell gegeben ist. Bei Ich-Form müsste ich, wenn ich zuverlässig erzählen will, immer alles sagen, was diese Person weiß, ich könnte dem Leser nichts verheimlichen. Bei der dritten Person muss ich nicht ganz so tief einsteigen, kann auch mal einen Gedanken nicht zu Ende denken oder einen Teil der Situation nur unscharf beschreiben. Diese Unschärfe - rsp fehlende Nähe - gleiche ich dann durch das Präsens wieder aus, so dass der Leser also (hoffentlich) immer das Gefüh hat, ganz nahe dran zu sein. Aber er kann halt beim Erzählen in der dritten Person nicht verlangen, dass er in sämtliche Gehirnwindungen schauen kann, wie es bei einem Ich-Erzähler der Fall wäre.

Das ist ein gutes Argument, das gut auf meine Geschichte zutrifft. Ein Teil der Spannung wird eben dadurch erzeugt, dass die Figur mehr weiß, als sie zugibt. Das ist viel schwerer in der Ich Person durchzuziehen als die Sache mit der einzigartigen Stimme. Finde ich. 

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vor 22 Stunden schrieb Sebastian Niedlich:

Aber es kommt nicht von ungefähr, dass die meisten Geschichten im Präteritum erzählt sind. Ich meine, Leute haben buchstäblich ums Feuer herumgesessen und erzählt, was vorher passiert ist. Märchen erzählen von "Es war einmal...". "Im Moment gerade" hat da nicht das gleiche Flair. Von daher: Das Präteritum ist die logische Wahl für die Erzählung.
 

Müssten dann nicht deutlich mehr Filme so aufgebaut sein, dass da jemand etwas aus der Vergangenheit erzählt? Stattdessen lebt doch die breite Masse an Streifen davon, dass der Zuschauer "live" dabei ist. Ist hier die Differenzierung zwischen Buch und Film echt so entscheidend?

~~~ Carina alias C. R. Scott ~~~

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Sebastian Niedlich
vor 18 Minuten schrieb CarinaR:

Müssten dann nicht deutlich mehr Filme so aufgebaut sein, dass da jemand etwas aus der Vergangenheit erzählt? Stattdessen lebt doch die breite Masse an Streifen davon, dass der Zuschauer "live" dabei ist. Ist hier die Differenzierung zwischen Buch und Film echt so entscheidend?

Der wesentliche Unterschied an Filmen ist ja der, dass man direkt miterlebt, was geschieht. Man schaut ja quasi zu. Wenn es dort eine Erzählerstimme gibt, spricht die allerdings auch im Präteritum.

Insofern wäre meine Antwort: Ja, die Differenzierung ist so entscheidend.

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vor 8 Minuten schrieb Sebastian Niedlich:

Der wesentliche Unterschied an Filmen ist ja der, dass man direkt miterlebt, was geschieht. Man schaut ja quasi zu. Wenn es dort eine Erzählerstimme gibt, spricht die allerdings auch im Präteritum.

Insofern wäre meine Antwort: Ja, die Differenzierung ist so entscheidend.

Ist eine knifflige Frage, finde ich.  Denn die Handlung des Romans, den man gerade im Präteritum liest, erlebt man ja auch "live" mit. Vielleicht ist eine Definition aus Wikipedia richtungweisend, die da lautet: 

In literarischen Texten, insbesondere Romanen, ist das verwendete Erzähltempus das Präteritum, das hier jedoch die Gegenwart innerhalb der erzählten Geschichte ausdrückt.

Den Unterschied bzw. die Gleichheit des "Erlebens" als Leserin und als Zuschauerin eines Films habe ich gestern gesehen: Der Film "Altes Land" nach Dörte Hansens Roman wirkte auf mich ebenso "gegenwärtig" wie der Roman selbst. Vielleicht kann das jemand noch besser erklären.

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Sebastian Niedlich

Der Unterschied ist aber, dass man in Büchern die Sache in jedem Fall "nur" erzählt bekommt. (Egal übrigens, ob in Präsens oder in anderer Form geschrieben.)

Film ist insofern unmittelbarer, weil er gleich mehrere Teile unserer Sensorik anspricht. Was mitnichten heißen soll, dass deswegen Bücher schlechter sind, ganz im Gegenteil. Natürlich kann ich auch in einem Buch mitfiebern und mich fühlen, als wäre ich mitten drin im Geschehen. (Auch wenn es im Präteritum geschrieben ist.) Aber eine Erzählung darüber, wie es z.B. im Tempel von Abu Simbel aussieht, bleibt eine Erzählung. Wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. In einem Film sehen wir es tatsächlich selbst. Wobei auch das natürlich ein Unterschied dazu ist, es selbst zu erleben, die Hitze zu spüren, den Geruch aufzunehmen, sich darüber zu wundern, wie für die Klos zwei einlagige Blatt Toilettenpapier verteilt werden, wenn man denn mal muss ... usw. ;-)

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vor 36 Minuten schrieb Sebastian Niedlich:

Der Unterschied ist aber, dass man in Büchern die Sache in jedem Fall "nur" erzählt bekommt. (Egal übrigens, ob in Präsens oder in anderer Form geschrieben.)

Film ist insofern unmittelbarer, weil er gleich mehrere Teile unserer Sensorik anspricht. Was mitnichten heißen soll, dass deswegen Bücher schlechter sind, ganz im Gegenteil. Natürlich kann ich auch in einem Buch mitfiebern und mich fühlen, als wäre ich mitten drin im Geschehen. (Auch wenn es im Präteritum geschrieben ist.) Aber eine Erzählung darüber, wie es z.B. im Tempel von Abu Simbel aussieht, bleibt eine Erzählung. Wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. In einem Film sehen wir es tatsächlich selbst. Wobei auch das natürlich ein Unterschied dazu ist, es selbst zu erleben, die Hitze zu spüren, den Geruch aufzunehmen, sich darüber zu wundern, wie für die Klos zwei einlagige Blatt Toilettenpapier verteilt werden, wenn man denn mal muss ... usw. ;-)

Das ist gut! Und  Bücher (und Filme) können mehr als Bilder vermitteln. Allerdings muss man das mit dem Klopapier wohl wirklich selbst erlebt haben.;)

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vor 2 Stunden schrieb Sebastian Niedlich:

Natürlich kann ich auch in einem Buch mitfiebern und mich fühlen, als wäre ich mitten drin im Geschehen. (Auch wenn es im Präteritum geschrieben ist.) Aber eine Erzählung darüber, wie es z.B. im Tempel von Abu Simbel aussieht, bleibt eine Erzählung. Wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. In einem Film sehen wir es tatsächlich selbst.

Hier würde ich widersprechen. Ein Beispiel:

Die Stadt (Theodor Fontane)

Am grauen Strand, am grauen Meer 
Und seitab liegt die Stadt; 
Der Nebel drückt die Dächer schwer, 
Und durch die Stille braust das Meer 
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai 
Kein Vogel ohn Unterlaß; 
Die Wandergans mit hartem Schrei 
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, 
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir, 
Du graue Stadt am Meer; 
Der Jugend Zauber für und für 
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, 
Du graue Stadt am Meer.

Was ein Film hier zeigen könnte, wäre: Nebel, Eintönigkeit, Herbstnächte, alles grau. Was wir lesen, ist: Zauber, Jugend, Mai und Vogelgesang, obwohl das Gedicht sagt, dass letzteres NICHT passiert. Allein die Erwähnung der Worte  lässt ein anderes Husum in uns entstehen.

 

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vor 2 Stunden schrieb Sebastian Niedlich:

Der Unterschied ist aber, dass man in Büchern die Sache in jedem Fall "nur" erzählt bekommt. (Egal übrigens, ob in Präsens oder in anderer Form geschrieben.)

Das ist eine wichtige Aussage. An mir selbst beobachte ich, dass ich bei Ich-erzählungen mich nicht in die Person hineinversetze. Ich fühle Mitleid mit ihr, aber ich bin nicht im Geschehen drin. Vor allem nicht, wenn die Ich-Person in Ton und Handlung meinem Naturell gegensätzlich ist. Während mir 3.Person das Eintauchen erleichtert. 

In englischen Zirkeln wird gern postuliert, dass 3.Person/Präteritum sogar das Miterleben fördern würde, obwohl 1.Person näher ist. Offenbar ist uns das Erzählt werden bewusst, wir hören einer Person zu, während bei einer dritten Person, dieser Erzähler weniger dominant ist. Diese Interpretation käme aus der Psychologie des Lesens. 

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vor 2 Minuten schrieb IlonaS:

In englischen Zirkeln wird gern postuliert, dass 3.Person/Präteritum sogar das Miterleben fördern würde, obwohl 1.Person näher ist. Offenbar ist uns das Erzählt werden bewusst, wir hören einer Person zu, während bei einer dritten Person, dieser Erzähler weniger dominant ist. Diese Interpretation käme aus der Psychologie des Lesens. 

Es soll ja Autorinnen und Autoren geben, die so gut schreiben, dass Leser sich trotz 3. Person/Präteritum die Fingernägel vor Spannung und Mitgefühl abkauen. Ebenso soll es Autorinnen und Autoren geben, deren Text sich trotz der 1. Person recht lahm liest. Von daher würde ich mich da nicht so sehr nach Lehrbuch auf den POV festlegen. Wähle die Perspektive, in der du selbst richtig richtig gut schreibst.

Inspiration exists, but it has to find us working! (Pablo Picasso)

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