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(Huutini)

'Wirklichkeitsnahe' Erzählstimme

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Da das mit dem Friseur heute eh nichts mehr wird (Doofes Forum!), kann ich den Thread auch gleich starten!

 

Hier wurde heute und in letzter Zeit vielfach über das Thema gesprochen, ob oder dass die Erzählerstimme sich dem 'Zeitgeist' annähern sollte, bzw. ob oder dass ein Erzähler so sprechen sollte, wie 'man' spricht.

 

Dass dem so sei, ist eine Ansicht, die ich zwar nicht uneingeschränkt teile, aber gut nachvollziehen kann. Aber, so frage ich mich: Wo liegt die Grenze?

 

Mir wurde angemerkt, es klinge veraltet, wenn ein Erzähler sagt: 'macht sich vernehmlich', oder 'Vornehmlich denkt er, dass...', oder 'Jemand schreitet'.

Andere meinen, das würde auffallen, weil so niemand spricht, der Erzähler sei aber jemand, der erzählt, also so erzählen müsse, wie 'man' (Was hier undefiniert bleiben soll) spricht.

 

Was ich mich frage: Wenn so etwas auffällt, wieso fällt es dann nicht auf, wenn ein Physikstudent auf jemanden wartet, und da steht:

 

'Eine haushohe Pappel, deren Äste sich sanft in den Schatten des Gebäudes hinter ihr schmiegen, spendet Schatten vor der nachmittäglichen Sonne, die in blaßem Rosa untergeht. Das spätgotsiche Gebäude mit den geschwungenen Erkern, und den Giebelfenstern, deren ellenlanger Sims von tauben besetzt ist, wirkt beängstigend.'

 

Mal abgesehen von meinen nicht vorhandenen Architekturkenntnissen:

 

Worte wie haushoch, Pappel, blaß, spätgotisch, ellenlang, Erker, geschwungen... Ich empfinde so eine Beschreibung als wenig realitätsnah. besonders weil ich bezweifle, dass unser Physikstudent wesentlich mehr Ahnung hat von Architektur als ich.

 

Unter normalen Umständen müsste da stehen:

Der Baum spendete ein wenig Schatten vor der untergehenden Sonne. Das große, alte Gebäude wirkte unheimlich.

 

Wo also liegt die Grenze zwischen 'Erzähler' Und Autor? Darf, und wenn ja wann, wenn nein, warum nicht, ein Erzähler, der keine Ahnung von Architektur hat, ein Haus so beschreiben?

 

Und: Wenn jemand sich nicht vernehmlich machen darf, darf er ein Haus dann als spätgotisch erkennen??

 

Warum muss ich als Autor rausfinden, wie das Dingens heisst, das auf der Sprühdose sitzt, das die Waren im Supermarkt trennt, und die kleine Vertiefung am Hals bei den Frauen, dicht unter der Stelle, wo Männer den Adamsapfel haben? Und wieso klingt ein Autor, der diese Wörter kennt klug, ein Autor, der 'obgleich' schreibt, aber altmodisch?

 

Wo liegt da die Grenze, zwischen dem was unter 'so spricht niemand fällt', und dem was unter 'Der Autor, und damit Erzähler, kennt halt doch mehr Wörter'?

 

Ich weiß, dass eine Grenze beim Ich-Erzähler liegt, aber selbst da läßt man das Spätgotsich des Physikstudenten doch eher gelten als ein 'ungenutztes' Wort, oder?

 

Interessiert,

Marco! :s17

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Hallo, Marco!

 

'Eine haushohe Pappel' date=' deren Äste sich sanft in den Schatten des Gebäudes hinter ihr schmiegen, spendet Schatten vor der nachmittäglichen Sonne, die in blaßem Rosa untergeht. Das spätgotsiche Gebäude mit den geschwungenen Erkern, und den Giebelfenstern, deren ellenlanger Sims von tauben besetzt ist, wirkt beängstigend.'[/quote']

Das klingt nach einem ewigen Studenten, der sich gerade in die Literatur der Spätromantik eingelesen hat und voller Begeisterung über Fr. Schlegels Brief über den Roman ein Werk im Stile Uhlands oder Tiecks zu verfassen sucht oder Gedichte wie Novalis!

 

Fröhliche Grüße,

Iris :s17

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(Peter_Dobrovka)

Die Erzählstimme soll sich nicht dem anpassen, über den geschrieben wird (in diesem Falle der Physikstudent), sondern der Zeit bzw. der Atmosphäre, in der die Handlung angesiedelt ist.

Manchmal ist es ja erwünscht, eine altmodische, schwülstige Atmosphäre zu schaffen.

Und für Leute, die "so reden", gibt es ja die Dialoge.

 

Peter

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Hallo Marco,

irgendwie erscheint mir dein Thread doppelt gemoppelt mit dem von Joy ;-)

 

Es geht doch beim Erzählen einer Geschichte nicht darum, den Tagesjargon eines Lesers zu treffen, sondern eine den Figuren, dem Sujet gemäße, möglichst authentische Sprache zu finden!

Die lässt sich auch nicht reduzieren auf "die" Erzählstimme als singuläre Aktion - eine Erzählstimme ist stark, wenn sie all die Stimmen einfängt, die der Roman verlangt.

 

Die Grenze liegt da, wo eine Geschichte nicht mehr glaubhaft wirkt, wo Dinge unecht und nicht authentisch erscheinen.

 

Sprache und Erzählstimme kann man doch nicht vom Inhalt abkoppeln! Wenn beides nicht zusammen passt, hat man was falsch gemacht...

Tin und Monika haben im Parallelthread schöne Beispiele gebracht, wie sich Sprache und Erzählstimme mit dem Sujet ändern.

 

Wie im anderen Thread kann ich das Problem auch hier nicht erfassen, ich möchte da fast in Charlies Stoßseufzer um "DEN" Leser miteinstimmen. Und hinzusetzen, dass mir all die Leser, die verlangen, ein Autor solle ihr eigenes "Sprech" gefälligst für alles übernehmen, gehörig den Buckel runterrutschen können.

Mal ehrlich: Gibt es solche Kleingeister überhaupt? :o

Das ist doch nur eine Kunsterfindung in diesem Forum, oder?

 

Schöne Grüße,

Petra

 

PS: Klingen die Bücher, die ihr lest, eigentlich alle gleich? :s21

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Hey Peter!

 

Das mit der Zeit ist ein guter Hinweis, trifft es aber noch nicht 100%, weil einfach der Charakter durchaus in die Rechnung integriert werden sollte.

 

@Petra

 

Du verpasst das Problem, es geht nicht um Ausdruck oder Sprache, um Trends oder um 'Schönheit'.

 

Es geht darum: Kann man monieren, dass ein heutiger Erzähler in Shakespeares Sprache spricht, weil das der Zeit unangemessen ist, aber in der gleichen Geschichte akzeptieren, dass der Erzähler, der ja immer auch eine gewisse Perspektive einnimmt, Wörter und Ausdrücke nutzt, die speziell sind, vom Gebruch her oder vom Bildungsstand der Charaktere her auffallen...

 

Anders gesagt: Würde es dich stören, wenn in einem modernen Roman ohne triftigen Grund, die Erzählstimme (Lass unseren Protagonisten ein Radioverkäufer im Einkaufszentrum sein, mitte Vierzig, größtes Hobby: Puzzlen.) voller blumiger, überfrachteter, shakespearscher Wörter ist?

(Allgemein gesprochen, dass es nicht grundsätzlich zu verdammen ist, ist ein anderes Thema...)

Und, falls es dich stört, weil es etwas unglaubwürdig wird, würde es dich stören, dass der Protagonist einen chinesischen Laden betritt, mit chinesischen Schriftzeichen (Die er nicht kennt), und die der Erzähler dir dann erklärt. (Er betrat das Geschäft, an deren Seiten in chinesischen Schriftzeichen 'Tritt ein und bring Glück herein' geschrieben stand.)

 

Es geht um den Unterschied zwischen Dingen, die der Protagonist nicht weiß, oder so nicht ausdrücken würde, und Worten, die der alltagssprache entrückt sind, und wo der Unterschied liegt, zwischen dem, was stören kann, und dem, was nicht...

Und das in der Erzählstimme, also nicht in Dialogen.

 

Falls das jetzt verständlicher war! ;D

 

Lieben Gruß,

Marco!

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(Peter_Dobrovka)

Hey Peter!

 

Das mit der Zeit ist ein guter Hinweis, trifft es aber noch nicht 100%, weil einfach der Charakter durchaus in die Rechnung integriert werden sollte.

Auf keinen Fall!

Gut, vielleicht manchmal. Aber was machst du mit einer Szene, in der zwei völlig unterschiedliche Charaktere agieren?

 

Peter

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Hallo Marco,

Du verpasst das Problem' date=' es geht nicht um Ausdruck oder Sprache, um Trends oder um 'Schönheit'.[/quote']

Ach nee? Kann man das so abkoppeln?

 

Anders gesagt: Würde es dich stören, wenn in einem modernen Roman ohne triftigen Grund, die Erzählstimme (Lass unseren Protagonisten ein Radioverkäufer im Einkaufszentrum sein, mitte Vierzig, größtes Hobby: Puzzlen.) voller blumiger, überfrachteter, shakespearscher Wörter ist?

 

Ja, das würde mich heftig stören, und zwar nicht wegen der Wörter, sondern weil es ohne triftigen Grund geschieht.

Ich kann nur wieder auf mein Posting von oben verweisen und ergänzen: Es muss einen triftigen Grund geben, welche Erzählstimme ich wähle - und diesen Grund muss ich meinen Lesern auch vermitteln können.

Das kann ich z.B., wenn mein Radioverkäufer in einer Laienspielgruppe Shakespeare spielt und auch sonst etwas altjüngferlich daherkommt und die Geschichte in diesem Umfeld spielt, meinetwegen auch noch ausgerechnet in den 50ern.

 

Form und Inhalt müssen zusammenpassen, das eine darf nicht reiner Selbstzweck sein.

 

Und, falls es dich stört, weil es etwas unglaubwürdig wird, würde es dich stören, dass der Protagonist einen chinesischen Laden betritt, mit chinesischen Schriftzeichen (Die er nicht kennt), und die der Erzähler dir dann erklärt. (Er betrat das Geschäft, an deren Seiten in chinesischen Schriftzeichen 'Tritt ein und bring Glück herein' geschrieben stand.)

Ich verstehe deinen ersten Satz sprachlich nicht ;-)

Ansonsten fände ich die Lösung der expliziten Übersetzung als nicht besonders elegant und zu einfach.

Ich würde mich zuerst fragen, ob es eine wichtige Rolle spielt, dass der Mann kein Chinesisch lesen kann - und ob der Leser wissen muss, was da steht. Außerdem kommt es auf die Perspektive an: soll sich der unwissende Leser mit dem unwissenden Prota identifizieren, werde ich beiden keine erzählte Übersetzung anbieten, allenfalls einen spöttischen Chinesen auftauchen lassen, der ihm sein Unwissen nimmt.

 

Das meine ich mit "die Geschichte gibt mir meine Erzählstimme vor"... sowas kann man nicht eindimensional entscheiden - und egal was man macht als Autor, man sollte einen sehr triftige Grund dafür haben.

 

und wo der Unterschied liegt, zwischen dem, was stören kann, und dem, was nicht...

Und das in der Erzählstimme, also nicht in Dialogen.

s.o.

 

War ich jetzt verständlicher? ;-)

 

Schöne Grüße,

Petra

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Anders gesagt: Würde es dich stören' date=' wenn in einem modernen Roman ohne triftigen Grund, die Erzählstimme (Lass unseren Protagonisten ein Radioverkäufer im Einkaufszentrum sein, mitte Vierzig, größtes Hobby: Puzzlen.) voller blumiger, überfrachteter, shakespearscher Wörter ist?[/quote']

 

Ich habe noch nie eine alles wissende Erzählstimme geschrieben. Das wäre direkt mal spannend. Ich erzähle immer aus der Sicht der jeweiligen Figuren. (Was dann die Hausbetrachtung verbietet wenn er nachweislich von Architektur keine Ahnung hat)

Das mit dem Shakespear fände ich unfreiwillig komisch. So als erzähle da Monty Python.

 

Mich würde ein alleswissender Erzähler nicht stören, der mir erzählt was an der Tür auf Chinesisch steht. Es ist nett mehr zu wissen als der Protagonist, hehe.  Wenn sich das gleichmäßig durch das ganze Buch zieht könnte es interessant sein.

 

LG

Joy

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Ich verstehe deinen ersten Satz sprachlich nicht ;-)

Verständlich! ;D

 

Naja, sonst kann ich nur sagen: Ich habe mal einen Roman gelesen, frag mich nicht, welcher das war, da war die perspektive eng an einen Charakter gebunden, ohne dass es ein Ich Erzähler war. Trotzdem wurden da alle Möglichen Gegenstände, die beschrieben wurden, genau benannt. Im Garten stand eine Blutbuche. Das Haus war aus dem Spätbarock. der Schuh war ein *WasweißichdennwiedieMarkehieß*. Das Kleid war aus Chiffon und von Sonstwem Bekanntem designt, die Haare Bronzegold, der Wein ein 68er Spätburgunder aus Irgendwo... (Alles nur Beispiele, die so nicht zwangsläufig in dem Buch standen...)

 

Das hilft dem Leser, sich ein Bild zu machen, deshalb schreibt es der Autor. 'Interessantes schreiben Lektion eins': Schreibe nicht Baum schreibe Erle. Schreibe nicht Blume, schreibe Chrysantheme. Aber der Charakter konnte all diese Namen und Bezeichnungen nicht wissen, und sowas stößt mir auf, wenns dann da steht!

Deshalb frage ich mich: Wo liegt die Grenze zwischen dem wissenden Autor und dem wissenden Erzähler?

 

Lieben Gruß,

Marco! :s17

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Ich habe noch nie eine alles wissende Erzählstimme geschrieben.

 

Ich auch nicht, obwohl ich zwangsläufig vor einer Premiere stehe. Ich mag die Perspektive auch nicht, weil sie mir meist zu willkürlich ist...

 

Lieben Gruß,

Marco!

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Hallo, Marco,

 

mich stört, dass du nach "Grenzen" suchst zwischen Erzähler und Autor. Wurde dir das nicht bereits in der 10. Klasse vom Deutschlehrer ausgetrieben? Ich - Tin - bin in meinen Romanen niemals die Erzählstimme. Wenn wir uns nicht auf die Begriffe verständigen, ist mir eine solche Diskussion zu nebulös.

 

Herzlichst,

 

Tin

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Hey Tin!

 

mich stört' date=' dass du nach "Grenzen" suchst zwischen Erzähler und Autor.[/quote']

 

Es geht um Erzählstimme und Autor.

 

Und ich suche nach der Grenze zwischen dem was auffällt, und dem was nicht auffällt.

 

In einem Buch, das keinen Ich-Erzähler hat, gibt es drei Ebenen von Wissen:

 

Was der Charakter weiß.

Was die Erzählstimme weiß.

Was der Autor weiß.

 

Wenn ein Autor weiß, dass der Mount Everest der höchste Berg der Welt ist, der Charakter aber weiß es nicht, ist die Frage, ganz unebulös: weiß es die Erzählstimme?

 

Es ging um veraltete Worte, die in der Erzählstimme stören, wenn sie nicht ausreichend mit dem Charakter (Und seiner Zeit etc.) verankert sind.

 

Und es geht darum, dass es Bezeichnungen und Wissen gibt, die auffallen können, wenn diese nicht ausreichend mit dem Charakter verankert sind.

 

Mal wieder der Versuch eines extremen Beispiels:

Wenn der Erzähler(!!) einen Onkel nicht Onkel, sondern Oheim nennt (Weil der Autor das Wort kennt), würde das auffallen, weil es nicht im Charakter verankert ist.

Warum fällt es aber nicht auf, wenn der Erzähler den höchsten Berg der Welt Mount Everest nennt, was ebenfalls nicht im Charakter verankert ist??

 

Hoffe, den Nebel gelüftet zu haben... :)

 

Und wo liegt die Grenze zwischen dem, was auffällt, und dem was nicht...?

 

Lieben Gruß,

Marco! :s17

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(Peter_Dobrovka)

Wenn ein Autor weiß, dass der Mount Everest der höchste Berg der Welt ist, der Charakter aber weiß es nicht, ist die Frage, ganz unebulös: weiß es die Erzählstimme?

Noch genauer betrachtet ist die eigentliche Frage nicht die, was die Stimme weiß, sondern ob sie es SAGT.

Wenn sie es tut, haben wir den auktorialen Erzähler. Wenn nicht, den personellen.

 

Mal wieder der Versuch eines extremen Beispiels:

Wenn der Erzähler(!!) einen Onkel nicht Onkel, sondern Oheim nennt (Weil der Autor das Wort kennt), würde das auffallen, weil es nicht im Charakter verankert ist.

Warum fällt es aber nicht auf, wenn der Erzähler den höchsten Berg der Welt Mount Everest nennt, was ebenfalls nicht im Charakter verankert ist??

Wie kommst du denn überhaupt auf diese "Verankerung im Charakter?"

Der Unterschied ist im übrigen im Leser. Der Leser kennt den Mt. Everest und findet dieses Wort nicht weiter ungewöhnlich. "Oheim" jedoch ist was Exotisches. Es muß einen triftigen Grund geben, daß die Erzählstimme dieses Wort gebraucht.

 

Peter

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Die Frage, um die man sich doch gerne drückt, und auf die es ankommt ist doch: Wer zum Teufel erzählt eigentlich die Geschichte?

Bei Ich-Erzählern oder Erzählern, die Figuren der Handlung sind, die vorgeben, es wirklich geschrieben zu haben, ist das klar. (Jakob, der Lügner; Das Versprechen; Dr. Faustus usw.) Diese Person ist der Erzähler und er hat EINE Erzählstimme, die seinem Charakter entspricht - nicht unbedingt der Geschichte. Man könnte einen wahnsinnigen Roman schreiben, wenn ein emerierter Philosophieprofessor mit seiner Erzählstimme einen Banküberfall beschreibt - da bin ich mir absolut sicher.

Konfrontation zwischen Erzähler und Erzähltem ist ein riesiges, noch eher unbeackertes Feld der Literatur -jedenfalls im Vergleich zu anderen Feldern eher unbeackert. Der amüsierte, leicht tadelnde Tonfall, den z.b. Thomas Manns Erzähler seinem Hans im Zauberberg entgegenbringt.

 

Diese Konstellationen sind wirklich interessant. In "Das Versprechen" behauptet der Ich-Erzähler, zweifelsohne Dürrenmatt, weil ihm der zweite Erzähler sagt, dass er ihn ganz gut finde, aber Frisch ihm näher stünde, behauptet Dürrenmatt also, er habe die Geschichte von einem Zweiten gehört, dieser gibt sie dann in direkter Rede wieder, beschreibt aber hauptsächlich die Handlungen eines Dritten. Das ist mal ein cleverer Erzählrahmen, so wird Fiktion clever als Realität verkauft. :)

 

 

Wenn man aber mit "unechten" Erzählern anfängt, auktorialen oder aus der Perspektive der Figuren, ist es eben ein Grauton. Dann ist erlaubt, was gefällt oder nicht auffällt. Ich bin da mit den Erklärungsmodellen auch noch nicht zufrieden, die mir bisher angeboten wurden: "Man schreibt aus der Perspektive des Protagonisten", aber "auktoriale Fetzen" stören nicht, usw.

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Der Unterschied ist im übrigen im Leser. Der Leser kennt den Mt. Everest und findet dieses Wort nicht weiter ungewöhnlich.

 

Naja, mir gehts da oftmals anders. Wenn ich die Epsiode erzählt bekomme, wie ein Bergarbeiter im Gestein das Skelett eines vor exakt XX Jahren ausgetsorbenen Sauriers namens XX findet, kenne ich zwar die Hintergründe, aber für mich ist das Wissen, dass der Bergarbeiter nicht hat, und deshalb hier falsch.

 

"Oheim" jedoch ist was Exotisches. Es muß einen triftigen Grund geben, daß die Erzählstimme dieses Wort gebraucht.

Da gebe ich dir recht. Aber wie ist das mit weniger extremen Beispielen? Dürfte, in einem Gegenwartsroman, ein kleines Mädchen auf der sechsten Geburtstagsfeier, sich eine Limonade 'genehmigen' und danach ein Geschenk 'erhalten'? Ja, MIR würde das auffallen...

 

Für mich ist das auch immer im Charakter verankert.

 

Gruß,

Marco! :s17

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Mal wieder der Versuch eines extremen Beispiels:

Wenn der Erzähler(!!) einen Onkel nicht Onkel, sondern Oheim nennt (Weil der Autor das Wort kennt), würde das auffallen, weil es nicht im Charakter verankert ist.

Warum fällt es aber nicht auf, wenn der Erzähler den höchsten Berg der Welt Mount Everest nennt, was ebenfalls nicht im Charakter verankert ist??

 

Hä, wer ist denn der Erzähler? Ist es einer von diesen fiktiven Erzählern, die es gar nicht gibt. Dann nehme ich automatisch an, dass der Protagonist weiß, dass der Mt. Everest der höchste Berg, der Welt ist. Warum sollte ich annehmen, dass er es nicht weiß? Und wenn es Fachwissen ist, dann hat er halt ein krudes Hobby. Wenn dein Physikstudent zwanzig Seiten über Architektur faselt, dann unterstelle ich ihm, bevor ich das Buch zuklappe, weil mich solche Sachen anöden, unterstelle ich ihm, dass er eben richtig viel Ahnung von Architektur hat.

 

Aber wenn er Oheim sagt, dann charakterisiert ihn das und zwar nicht sein Fachwissen, sondern sein Wesen.

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Hä' date=' wer ist denn der Erzähler?[/quote']

Derjenige welcher die Geschichte erzählt. Mal Personell, mal auktorial, mal Ich-, aber immer erzählend. Wobei man für diese Frage hier den auktorialen und den Ich-Erzähler außen vor lassen kann.

 

Warum sollte ich annehmen, dass er es nicht weiß?

Vielleicht weil nicht jeder sich für berge oder was auch immer interessiert.

 

Und wenn es Fachwissen ist, dann hat er halt ein krudes Hobby. Wenn dein Physikstudent zwanzig Seiten über Architektur faselt, dann unterstelle ich ihm, bevor ich das Buch zuklappe, weil mich solche Sachen anöden, unterstelle ich ihm, dass er eben richtig viel Ahnung von Architektur hat.

DAS ist eine Möglichkeit. Mir als Leser ist das aber, offen gestanden, zuviel, weil dann ja jeder Charakter ein unheimlicher Experte auf fast allen Gebieten sein müsste...

 

Wenn man sich nur mal all die Fachbegriffe in einem Buch anschaut... Außer einem Autor weiß doch kein Mensch soviel... :s13

 

Gruß,

Marco! :s17

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Marco, jetzt habe ich ganz aus den Augen verloren was du eigentlich wissen willst und hab deine Anfangsfrage nochmal gelesen.

Wo liegt die Grenze?

Willst du das für deine eigene Schreibe wissen, oder beklagst du dich hiermit über Autoren, in deren Büchern solch unrealistische "Superwissen" vorkamen?

 

Für mich liegt die Grenze da, wo es nicht mehr zu meiner Figur passt. Man kann eben nicht die Umgebung haargenau und allwissend beschreiben, wenn man aus der Sicht der Figuren schreibt. Da bleibt die Architektur des Hauses eben der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Meine Figuren können nur beschreiben, was sie auch kennen. Deshalb lasse ich sie manchmal auch zweifeln, weil sie eben nicht wissen ob das Möbelstück aus Kirschbaum oder was anderem ist. Schreibe ich aber ganz speziell, dass es sich um Kirschbaum handelt, darf der Leser davon ausgehen, dass mein Prota den Unterschied zwischen Eiche rustikal und Kirschbaum kennt.

So einfach ist das.

 

Irgendwann muss ich aber mal aus der Sicht des allwissenden Erzählers schreiben, denn das finde ich spannend. Man kann jede Menge einfließen lassen, das man sonst weglassen muss. Obwohl sich dann die Frage stellt wen das alles überhaupt interessiert. ;)

 

LG

Joy

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Das geht hier ja drunter und drüber - und, Marco, nein, der Nebel verdichtet sich.

 

Nehmen wir ein Beispiel, das alle verstehen.

 

Eine erotische Begebenheit :s04

 

Wir haben eine nackte Frau, die lustvoll kreischt.

 

Wir haben ihren nackten Partner, der Physikstudent ist und, um die Ejakulation hinauszuzögern, Berechnungen anstellt.

 

Wir haben einen voyeuristischen Zuschauer, der schmutzige Dinge vor sich hin murmelt und die Hose öffnet.

 

Wir haben den Erzähler, der es neben der Beschreibung dieser Ereignisse erwähnsenswert findet, dass die Pappel blüht, die Sonne im Meer versinkt und ein Käuzchen schreit.

 

Und wir haben einen Autor, der homosexuell ist, was niemand weiß. Er plant sein Coming Out für das kommende Frühjahr.

 

An welchem Punkt in diesem Szenario greift das Wort "wirklichkeitsnah"?

 

Umwölkt,

 

Tin

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Tin, ich kann deinen Versuchen, einen Thread zu torpedieren ja immer wieder etwas abgewinnen, aber jetzt hast du sogar mich abgehängt...

 

Bitte was??

 

Ausserdem hast du das Käuzchen vergessen, das im Schlamm neben dem Joghurt liegt und Mensch Ärgere Dich Nicht spielt... :s22

 

Gruß,

Marco! :s17

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(Peter_Dobrovka)

Naja, mir gehts da oftmals anders. Wenn ich die Epsiode erzählt bekomme, wie ein Bergarbeiter im Gestein das Skelett eines vor exakt XX Jahren ausgetsorbenen Sauriers namens XX findet, kenne ich zwar die Hintergründe, aber für mich ist das Wissen, dass der Bergarbeiter nicht hat, und deshalb hier falsch.

Falsch?

 

Da gebe ich dir recht. Aber wie ist das mit weniger extremen Beispielen? Dürfte, in einem Gegenwartsroman, ein kleines Mädchen auf der sechsten Geburtstagsfeier, sich eine Limonade 'genehmigen' und danach ein Geschenk 'erhalten'? Ja, MIR würde das auffallen...

Im Erzähltext? Natürlich!

 

In Dämonentränen hatte ich eine Protagonistin, die nicht sprechen kann. Durch ihre Augen zu erzählen und ihre Gedanken wiederzugeben hätte ich strenggenommen nicht gedurft, weil ich dazu Worte gebrauchen mußte, die sie allesamt nicht kennt.

 

Der Erzähltext bildet ab, was das Kopfkino zeigen soll. Der Prot. ist nicht mit der Erzählstimme gleichzusetzen, ebensowenig wie der Autor. Die Erzählstimme ist, wenn nicht an einer konkreten Person festgemacht, am ehesten noch der Autor, ja. Aber ein Autor, der seine eigene Person zurückgenommen hat und einfach nur die Geschichte erzählt. Ohne Wertung.

 

Peter

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Ich glaube ihr versteht den Marco nicht.  :-/

Wenn ich richtig verstanden habe (?), dann meint er doch nur, dass oft im so genannten Erzähltext Dinge stecken, die die Person, in dessen Kopf der Leser gerade ist, nicht wissen kann. Und das klingt dann unglaubwürdig!

Das finde ich oft bei den Amerikanern. Da wird munter drauf los erzählt über alle möglichen Dinge, ohne sich vorher von der Figur um die es gerade geht, irgendwie zu distanzieren, so dass man denken muss, das sind jetzt die erzählten Gedanken dieser Figur. Manchmal ist das wirklich krass und völlig unpassend.

 

Ich hoffe ich bin auf der richtigen Spur, Marco.

 

LG

Joy

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Die Erzählstimme ist, wenn nicht an einer konkreten Person festgemacht, am ehesten noch der Autor, ja.

 

 

Nein.

 

Wer den Autor hinter dem Werk sucht, beschreitet einen völlig anderen Pfad als derjenige, der werkimmanent interpretiert.

 

Als Leserin gehe ich bei jedem Roman davon aus, dass ich es mit einem Kunstwerk zu tun habe. Der Autor ist Schöpfer des Erzählers - nicht sein reales Ich.

 

Es mag aber sein, dass manch ein Autor sich tatsächlich in seinen Roman ergießt. Wo ich das ahne, wittere ich Narzissmus, auf den ich - auch unterschwellig vermittelt - mit eitrigem Hautausschlag reagiere.

 

Heute mit Pfirsichhaut,

 

Tin

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Derjenige welcher die Geschichte erzählt. Mal Personell, mal auktorial, mal Ich-, aber immer erzählend. Wobei man für diese Frage hier den auktorialen und den Ich-Erzähler außen vor lassen kann.

 

 

Ich glaube, wir reden hier einfach aneinander vorbei. Mir ging es darum zu fragen, WER bei deinem Mt. Everest-Beispiel der Erzähler ist? Das ist doch die entscheidende Frage.

Bei diesen 3.Person und sonst keine weiteren Ausführungen-Erzähler, personal, dann gehe ich davon aus, dass der Protagonist eben weiss, dass es Buchenholz ist oder Kirschholz. Wird das zu extrem und verfügt er über zuviel Fachwissen, dann wird der Roman -und die Figur- unglaubwürdig und man hat so einen wischi-waschi auktorial/personal, wie es grad besser passt, Erzähler.

Dass mit der Erzählstimme so schlampig umgegangen wird, ist doch einer der Hauptkritikpunkte an der Trivialliteratur, die meisten Leser haben sich aber so stark daran gewöhnt, dass solche Fragen nicht mehr auftauchen. Man täuscht da stillschweigend so vor, es gäbes gar keinen Erzähler, als sei der Leser unmittelbar vor Ort und sehe, was der Protagonist sieht.

Wenn wir uns also darauf geeinigt haben, dass wir so tun, als gäbe es gar keinen Erzähler, dann können wir dem nichtvorhandenen Erzähler aber nicht ein Gesicht verleihen, indem wir ihn irgendjemandem als Oheim bezeichnen lassen. Dann schalten wir ja durch diese Wertung genau das dazwischen, was wir zu vermeiden gesucht haben: Nämlich einen Filter, der sich einer bestimmten Sprache und Wertung bedient, die nicht unmittelbar aus dem "Kopf" des Protagonisten stammt.

 

So: Mt. Everest nochmal. Wie ist das Beispiel konstruiert? Wie ist das mit dem Oheim konstruiert?

So:

Paul sah seinen Oheim. (Dann ist Paul sofort charakterisiert als Person, die entweder einen Dachschaden hat, einen Faible für altertümliche Ausdrücke, einen besonderes Verhältnis zu diesem Oheim hat oder ein Zeitreisender ist.)

 

Mit dem Mt.Everest ein Beispiel zu konstruieren, fällt mir schwer.

 

Paul dachte darüber nach, was Ursula über den höchsten Berg der Welt erzählt hatte. Eines Tages wollte auch er den Mt. Everest besteigen?

 

Dann gehe ich natürlich davon aus, dass Paul weiss, was der Mt. Everest ist. Das ist nun auch kein wahnsinniges Fachwissen, über das ich mich wundern würde. Sowas läuft ja unter Wer-wird-Millionär-500Euro-Frage.

 

oder:

Der Lehrer fragte, welchen Namen der höchste Berg der Welt denn nun trage. Paul wusste es nicht und auch sonst niemand in der Klasse, nicht einmal der Lehrer, wusste, dass es der Mt. Everest war.

 

Auktorialer Einsprengsel. Nicht sauber.

 

Wie hast du dir denn das Beispiel vorgestellt? Ich verstehe dich nicht. Aber ich bleibe dabei: Oheim charakterisiert das Wesen des Erzählers, es färbt den Erzähler und die Erzählstimme, solches Fachwissen wie Mt. Everest nur seinen Wissensstand.

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