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BarbaraS

Ein untadeliger Mann – Jane Gardam

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War jetzt zwei Tage weg und habe mit Interesse gelesen, was ihr noch so alles zusammengetragen habt. Dazu nur ein paar lose Einfälle von mir. Barbara, bei deiner großartigen Analyse schreibst du unter anderem, dass man denken könnte, Sir wäre Eddies Rettung gewesen. Rettung vielleicht insofern, als er ihm die englische Erziehung angedeihen ließ, die Eddie später beruflich so gut zupass kam und die ihm half, seine wahren Bedürfnisse und Gefühle zu unterdrücken. An anderer Stelle sagt jemand, Betty und Eddie hätten sich gegenseitig gerettet - und als Betty starb, ist etwas aufgebrochen. Bei Eddie ist nämlich nie etwas von Gefühlen zu spüren, er sagt selbst, dass er nichts fühlte. Dafür sind die skurrilen Nebenfiguren Ausdruck seiner Gefühle, Erinnerungen oder von dem, was er gern (gehabt) hätte. Ich will gern mal aneinanderreihen, was von ihnen bei mir hängengeblieben ist. Sir als Vertreter des rechten britischen Lebens und dabei skurril und doppellebig mit seinen Eskapaden und Mr. Smiths. Die Ingoldbys als Ersatzfamilie, dabei herrlich diese "Sommer der Kindheit, die nie zu vergehen scheinen". Pats Tod als Einbruch in diese Idylle, der Krieg als Einleitung des Zusammenbruchs. Isobel ist für mich die Löwin, golden irgendwie, steht für das Wildere, die Sexualität, die Eddie offensichtlich mit Betty nie hatte. Die beiden waren ein Paar, das sich gegenseitig durch Etikette und Gewohnheiten an der Oberfläche hielt, Betty hatte mehr Zugang zu den eigenen Gefühlen (>Verneering!) Überrascht war ich darüber, dass Isobel lesbisch gewesen sei. Dann Tansy als schwarzer, verrückter Vogel, der immer im passenden Moment wieder auftaucht. Claire mit ihrem schwachen Herzen, die kaputte Babs, die so desorienentiert wirkt, dass Eddie schnell wieder abhaut. Ma Didds als irgendwie fast mittelalterliche Matrone, die Zöglinge aufnimmt und sie für das quält, was ihr selber angetan wurde. Oliver und Vanessa als das "neue England". Das sind all die Facetten, die aufscheinen, als Eddie beginnt, seinen Weg zu gehen. Und das sind die kurzen Aufblitzmomente, die Claudia beschreibt. Auch noch was zu Gefühlen und Distanz: Eddie in der Badewanne, kein Wort davon, wie er sich fühlt, sondern nur dieser magere Körper, das Festhalten, die Schamhaare, der Bademantel. So zeichnet die Autorin mit schnellen, feinen Strichen. Ob Eddie am Anfang gewusst hat, dass Betty ein Verhältnis mit Verneering hatte, als er sich aussperrte und hinübermusste? Ich habe es jetzt nicht nochmal gelesen, aber ich glaube schon, dass eine Ahnung da war. Er war gezwungen, zum verhassten Nachbarn hinüberzugehen, und später ist der zum Freund und Teil seines Lebens geworden. Der Schlüssel scheint irgendwie der Schlüssel dazu zu sein, da hat er mal wieder ein Stück der Vergangenheit aufgeschlossen.

 

 

Schließlich und endlich: Natürlich habe ich auch schon, wie Ulf, überlegt, wie man es auf das eigene Schreiben anwenden könnte.

Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man den Leser eben nicht so sehr an die Hand nehmen muss, dass man ihm jeden Gedanken, jede Zeitebene markiert - durch Kursivsetzung, Wechsel ins Präsens, Erklärungen, wer da jetzt eigentlich wieder spricht, denkt, fühlt, der sich erinnert, auch Jahresangaben sind nicht erforderlich, wenn man es so leicht und doch so gezielt anlegt wie diese Autorin. Eine Grand Old Lady! Wahrscheinlich werde ich bei meinem eigenen Roman nach dem Prinzip vorgehen: Weniger kann in vielen Fällen durchaus mehr sein und den Leser viel dichter in den Bann schlagen.

 

Christa

Bearbeitet von Christa
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Barbara, bei deiner großartigen Analyse schreibst du unter anderem, dass man denken könnte, Sir wäre Eddies Rettung gewesen. Rettung vielleicht insofern, als er ihm die englische Erziehung angedeihen ließ, die Eddie später beruflich so gut zupass kam und die ihm half, seine wahren Bedürfnisse und Gefühle zu unterdrücken.

 

Ach, ich sehe Sir durchaus positiver, Christa. Er holt Eddie aus Ma Didds' Haushalt heraus (klar, damit hat man ihn beauftragt, trotzdem ist er derjenige welcher), er geht sachlich und respektvoll mit dem Stotterer um (S. 58 bis 64) und – da hat er für mich einen ganz großen, positiven Auftritt – er macht für Eddie gleich während dieser Autofahrt die Türen zu ganz anderen Welten auf: Wissen über die Welt, Geschichte, Literatur. Das Ganze lebhaft, aber nicht einschüchternd. Im Englischen kommt das evtl. noch besser zum Ausdruck, zum Beispiel als Sir fragt, ob Eddie lesen kann (im Original fragt er das "casually", also beiläufig) und Eddie verneinen muss, ist seine Antwort "Never mind. Won't take two ticks. Great times ahead." (S. 43 im Original, S. 63 auf dt.) Dieses "great times ahead" ist erstens in seinem Optimismus ein starker Kontrast zu der Zeit davor und zweitens ein Versprechen, das in meinen Augen durchaus eingehalten wird: Eddie findet in der Schule einen ersten richtigen Freund. Und auch seine schulische Laufbahn war ja offenbar von Erfolg bestimmt. Natürlich nach den Maßstäben der Zeit und der Schule, klar, das hatte so seine Schattenseiten. Trotzdem, in meinen Augen lernt er dort nicht einfach, zu funktionieren, sondern er lernt weiterzuleben. Das ist nicht wenig.

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Stimmt, Barbara, nach Eddies Erfahrung, aus der Wärme Asiens gerissen zu werden, gibt ihm Sir erst einmal Halt und Orientierung, indem er seinen Zugang zu Literatur, Wissenschaften usw. fördert und ihm eine ganz neue Welt eröffnet. (Habe selbst mal bei einem Aufenthalt ein College kennengelernt, in dem die demokatischen und sonstige Tugenden hochgehalten wurden). Er hat ihn auch ermuntert und ist gut mit seinem Stottern umgegangen. Ich meine aber, dass die Freundschaft mit Pat entscheidender dafür war, dass sich das Stottern legte. Gab es da nicht auch Vermutungen, dass "da nichts (homosexuelles) wäre"? Dieser Begriff scheint ja irgendwie auch noch eine Rolle zu spielen.

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Barbara, bei deiner großartigen Analyse schreibst du unter anderem, dass man denken könnte, Sir wäre Eddies Rettung gewesen. Rettung vielleicht insofern, als er ihm die englische Erziehung angedeihen ließ, die Eddie später beruflich so gut zupass kam und die ihm half, seine wahren Bedürfnisse und Gefühle zu unterdrücken.

 

Ach, ich sehe Sir durchaus positiver, Christa. Er holt Eddie aus Ma Didds' Haushalt heraus (klar, damit hat man ihn beauftragt, trotzdem ist er derjenige welcher), er geht sachlich und respektvoll mit dem Stotterer um (S. 58 bis 64) und – da hat er für mich einen ganz großen, positiven Auftritt – er macht für Eddie gleich während dieser Autofahrt die Türen zu ganz anderen Welten auf: Wissen über die Welt, Geschichte, Literatur. Das Ganze lebhaft, aber nicht einschüchternd. Im Englischen kommt das evtl. noch besser zum Ausdruck, zum Beispiel als Sir fragt, ob Eddie lesen kann (im Original fragt er das "casually", also beiläufig) und Eddie verneinen muss, ist seine Antwort "Never mind. Won't take two ticks. Great times ahead." (S. 43 im Original, S. 63 auf dt.) Dieses "great times ahead" ist erstens in seinem Optimismus ein starker Kontrast zu der Zeit davor und zweitens ein Versprechen, das in meinen Augen durchaus eingehalten wird: Eddie findet in der Schule einen ersten richtigen Freund. Und auch seine schulische Laufbahn war ja offenbar von Erfolg bestimmt. Natürlich nach den Maßstäben der Zeit und der Schule, klar, das hatte so seine Schattenseiten. Trotzdem, in meinen Augen lernt er dort nicht einfach, zu funktionieren, sondern er lernt weiterzuleben. Das ist nicht wenig.

 

 

Ja, "Sir" ist eine Figur, die mir am besten gefallen hat. Kühl, aber sehr positiv. Bei dem wäre ich auch gern zur Schule gegangen.

 

Was mir aufgefallen ist, der Unterschied zwischen dem jungen und dem alten Eddy. Der ungeliebte, herumgeschubste, schüchterne und stotternde Junge ohne erotische Erfahrung, bis er in London auf Isobel trifft. Einem, dem man wenig zutrauen würde. Und dann der alte Filth, erfolgreich und in seinen Kreisen berühmt berüchtigt, kalt, schnoddrig, herzlos im Umgang mit seinen Angestellten, ein bisschen altes Ekel, wenn auch ab und zu ein wenig Menschliches durchscheint. Das scheinen zwei verschiedene Menschen zu sein. Aber ich bin erst zu 80% durch. Vielleicht kommt ja noch das Bindeglied, das beide Charakteren vereint.

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Für mich wurde Eddy sein ganzes Leben lang immer wieder gerettet. Von Sir, von seiner Frau, von Pat. Sogar ganz am Anfang der Story von dem verhassten Veneering, ohne den er vermutlich im Schnee erfroren wäre und der pikanterweise einen Schlüssel zu seinem Haus hat. Und ganz zum Schluss von seiner Haushälterin und dem Gärtner, die noch da sind, obwohl sie gefeuert wurden.

 

Nur einmal hat er gerettet, sich und drei andere. Als er acht Jahre alt war und Ma Diggs die Treppe runtergestoßen hat. Und das erfährt der Leser erst ganz am Ende.

 

Und das macht die Story für mich so besonders. Am Anfang haben wir einen gefühllosen älteren Herrn, der am Ende der Geschichte erzählt, was ihm als Kind widerfahren ist - und der nicht bereut, dass er getötet hat.

 

Sabine

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Olivia Kleinknecht

Habe jetzt zwei Drittel durch und finde auch sehr organisch und elegant wie wir die Zeitebenen wechseln. Man erfährt immer mehr über den jungen Filth mit Fortschreiten des Lebens des alten Filth, so dass man immer besser den alten Filth versteht.

Die Stimmung ist herrliches Old England. Der Witz ist typisch. Nur keine grossen Gefühle hochkommen lassen. Überhaupt gelingt mit der Figur des Old Filth die eindringliche Beschreibung eins Typus, der der damaligen Zeit entspricht, eines Gefühlskrüppels, wenn ich das mal so grob sagen darf. Dieser traurige Sachverhalt wird nun interessanterweise mit derselben Gefühlsdistanziertheit beschrieben, die vielleicht einer ganzen Generation zueigen war. Es tut dann nicht so weh, und man begreift, dass die Distanziertheit auch gleichzeitig ein Schutz ist, um in schwierigen Zeiten (emotional) zu überleben.

 

 

 

 

Edit: Was mich dabei total beeindruckt, ist das Unschematische. Die Methode, beide Zeitebenen zu verknüpfen, wechelt immer wieder, sie passt sich der Geschichte an.

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Ja, "Sir" ist eine Figur, die mir am besten gefallen hat. Kühl, aber sehr positiv. Bei dem wäre ich auch gern zur Schule gegangen.

 

Ich habe jetzt die Szene, in der Sir Eddie in Wales abholt, noch einmal gelesen. Sir ist wirklich eine beeindruckende Figur - mit seinem

Wagen, dessen Kofferraumdeckel er aufklappt wie bei einem Brotkasten. Eddie mochte ihn sofort. Und dann diese Gummiball-Hupe,

die Eddie an die Verdauungsbeschwerden von Mr Didd erinnert. Sir geht so mit den Jungens um wie Robin Williams als Schulleiter

im "Club der toten Dichter". Allerdings wäre ich bei so einem Lehrer auch gern in die Schule gegangen. Im Lauf der Geschichte geriet

Sir für mich aber immer weiter in den Hintergrund, und so endete auch das Kapitel über die erste Begegnung mit Sir: Er stellte die Jungen einander vor und legte so den Grundstein für die Zukunft.

 

Überhaupt sieht man beim zweiten Lesen viele Dinge, auch Fährten, die man beim ersten ganz anders gewichtet hat oder noch nicht einordnen konnte. Bei Isobels Verführungsversuchen widersteht Eddie, kann ihr auch wie Cumberlegde, der widerstanden hatte, in die Augen sehen. Sie sei böse, sagt er, sie solle weggehen, und denkt, er würde sie vernichten, wie er schon einmal eine Frau venichtet hatte. Jetzt, wo ich den ganzen Inhalt kenne, ist das klar.

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Für mich wurde Eddy sein ganzes Leben lang immer wieder gerettet. Von Sir, von seiner Frau, von Pat. Sogar ganz am Anfang der Story von dem verhassten Veneering, ohne den er vermutlich im Schnee erfroren wäre und der pikanterweise einen Schlüssel zu seinem Haus hat. Und ganz zum Schluss von seiner Haushälterin und dem Gärtner, die noch da sind, obwohl sie gefeuert wurden.

 

Nur einmal hat er gerettet, sich und drei andere. Als er acht Jahre alt war und Ma Diggs die Treppe runtergestoßen hat. Und das erfährt der Leser erst ganz am Ende.

 

Und das macht die Story für mich so besonders. Am Anfang haben wir einen gefühllosen älteren Herrn, der am Ende der Geschichte erzählt, was ihm als Kind widerfahren ist - und der nicht bereut, dass er getötet hat.

 

So sehe ich das auch. Aber nicht erst am Schluss wurde er aus einem hülsenhaften, trotz innerem Zusammenbruch funktionieredem Menschen lebendiger: Immer dann, wenn er mit "Liebe" in Verbindung kam-bei Ada, seiner malayischen Amme, in der Szene mit Isobel, die auch zuerst müde, innerlich tot und verwahrlost war in ihrem Haus in Kensington   -und dann ging der Bär los in der Hütte, und niemals hätte man von diesem innerlich dürren Mann erwartet, dass er solche Leidenschaft und solche unbekümmerte Jugendlichkeit entwickeln könnte! Zum Schluss dann wirkt er richtig menschlich, weil er seine Tat eingestehen kann und sie nicht bereut. Ihm tut Ma Didds nur leid, weil sie eigentlich etwas ganz anderes gesucht hatte. Wichtig auch die psychische "Resilienz" von Cumberlegde, der niemanden töten musste, weil er innerlich widerstanden hat, und er hat dann auch ohne größeren psychischen Schaden überlebt.

Bearbeitet von Christa
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Die Stimmung ist herrliches Old England. Der Witz ist typisch. Nur keine grossen Gefühle hochkommen lassen. Überhaupt gelingt mit der Figur des Old Filth die eindringliche Beschreibung eins Typus, der der damaligen Zeit entspricht, eines Gefühlskrüppels, wenn ich das mal so grob sagen darf. Dieser traurige Sachverhalt wird nun interessanterweise mit derselben Gefühlsdistanziertheit beschrieben, die vielleicht einer ganzen Generation zueigen war. Es tut dann nicht so weh, und man begreift, dass die Distanziertheit auch gleichzeitig ein Schutz ist, um in schwierigen Zeiten (emotional) zu überleben.

Ja, das erscheint mir stimmig. Gefühlskrüppel, das ist genau das, was den alten Filth und den jungen Eddie beschreibt, der gemeinsame Nenner, den du suchst, Ulf. Beim Wiederlesen erscheint mir auch die Szene mit Sir sehr brutal, der gesamte Umgang mit diesem Kind Eddie ist unglaublich hart und auch in aller Härte beschrieben, von dem pavianhaften eeek eeek eeek, das er herausbringt, als er um Ada trauert und ruhiggestellt wird, bis zum Empfang von Sir, der ihm zwar einen neuen Halt gibt, aber auch komplett in seiner - sehr skurrilen - Welt ist, die der Junge annehmen muss. Diese Frauenfeindlichkeit, diese Angst vor der Frau schlechthin, diese Mr. Smiths und die gleichzeitige Homophobie ... dazu in aller Härte der kurze Bericht von Eddie über die Schule in Wales und seine Pflegefamilie. Und was mir jetzt dabei auch auffällt: Wie Claire in dieser Szene geschildert ist. Skizziert mit nur wenigen Strichen: Es war Babs, die in Tränen ausbrach. Kurz darauf erzählt Eddie Sir, dass Babs singen konnte, deswegen bekam sie Ärger. Und er und Babs hatten Schildchen auf dem Rücken, auf Babs' Schild stand "hässlich", auf Eddies "Affe". Und das rosa Mädchen, fragt Sir.  "Sie wurde nie erwischt", sagt Eddie, "sie mochten sie."  Nach allem, was man später erfährt, kann man diese Beschreibungen oder gerade die fehlenden Merkmale von Claire durchaus als etwas Dämonisches lesen.

 

 

Barbara: Dass der Erzähler manchmal bewusst die Zuschauerrolle einnimmt und vorgibt, nichts zu wissen, sich selbst Gedanken macht, wie es wohl gewesen sein könnte, das ist ein interessantes Stilmittel ... mir erst gar nicht aufgefallen. Das macht es so leise und so fein, und auch hier ist keine Regelmäßigkeit, denn im nächsten Moment weiß der Erzähler, was eine Figur denkt. Dabei wählt er aber auch eine distanzierte Erzählweise, wenig erlebte Rede, und wenn ja, weist er schnell wieder auf seine Existenz hin, in dem ein "dachte er" oder "dachte sie" eingefügt wird, um die Distanz zur Figur zu behalten. Hier bei der Stelle, als Betty über die Form der Kugeln nachdenkt:

 

 

Die dicken Kugeln in den Netzen erinnerten sie an die Kröpfe des erschossenen Federwilds, wenn sie auf einer Platte ausgelegt wurden - vielleicht irgendwo im China ihrer Kindheit? (Das kann erlebte Rede sein oder ist es eine Mutmaßung des Erzählers?) Und wenn man es recht bedachte, dachte Betty, während sie sie streichelte, waren diese dicken und potenten Kugeln unter der trockenen Haut den Hoden eines Mannes nicht unähnlich.

Nicht, dass ich in den letzten Jahren welche berührt hätte.

Durch diese Mischung aus Distanz und plötzlichem Einblick in Bettys Gedankenwelt werden Bettys direkte Gedanken so wichtig, es ist, als ob man sie plötzlich ganz klar sehen könnte, in ihrer Verwundbarkeit, aber relativ schnell wird der Schleier wieder vorgezogen. Hier durch die Beschreibung, wie sie Filth oben rumoren und fluchen hört. Dann noch einmal ein kurzes Wegziehen des Schleiers, ein Einblick in ihre Gedanken in der Ich-Form, das wird durch das Telefongespräch unterbrochen, das man nur von außen mitbekommt, mit einem kleinen ironischen Schlenker über Bettys Lesekreis und die Autorin, die extra anreist :) - Betty fragt sich, ob sie nichts Wichtigeres zu tun hat. Herrlich. Ironie, Schicksal, Verwundbarkeit, Tragik, so dicht beieinander. Und nie empfinde ich die Veränderung der Erzählhaltung, die Naheinstellung oder plötzliches "Wegzoomen" als wackelig oder fahrig, so, wie es oft bei ungeübten Schreibern ist, die diese Erzählformen intuitiv anwenden und noch nicht wissen, was sie da tun.

Hier ist jemand sehr erfahren und genau, die Übersetzerin ebenfalls. Nur an einer Stelle kamen mir die Perspektivwechsel willkürlich vor - im Abschnitt, als das Boot mit dem Baby Eddie ankommt, da habe ich mich gefragt, wie es im Original wohl gemacht ist.

 

Und ja, der Schlüssel, den Veneering hat - sicher ein Symbol. Hier kann man unter anderem auch Freud trapsen hören ...

Liebe Grüße

Claudia

Bearbeitet von ClaudiaB

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Gut, dass du das zu Sir noch hinzugefügt hast, Claudia. Denn auch wenn es Eddie nach den Traumata in Wales und Ostasien erst mal besser geht – eine gerade Linie nach oben ist das nicht, was dem Protagonisten widerfährt. Sir, der kalt duschen lässt. Aber noch viel mehr die Familie Ingoldsby. Die ihn erst aufnimmt, wobei Pat erklärt "Wie sind sozusagen seine Zweitfamilie" (p. 113), wozu Eddie sich in einer kritischen Situation sehr richtig sagt: "Ich bin nur jemand, zu dem sie acht Jahre lang nett waren, weil Pat einsam war, bis ich kam" (p.123). Und gleich darauf kriegt er ja auch die Wahrheit serviert: "Du kannst sowieso nichts tun. Das ist eine Familienangelegenheit", erklärt ihm Pat, als Eddie sich erbietet für ihn zu Hause anzurufen.

 

Die Mutter Ingoldby – immer glücklich, für alle Menschen scheinbar das Gleiche empfindend – fand ich übrigens eine wunderbare Nebenfigur (ihr zuliebe findet auch mal so was wie eine theoretische Erklärung statt zur Gefühllosigkeit der Raj-Kinder – auf p. 80). Hier ein grandioser, kurzer Abschnitt:

 

"Oh, Tee", sagte Mrs Ingoldby. "Ihr kommt gerade rechtzeitig. Ich lasse euch noch ein paar kleine Sandwiches machen. War es ein schöner Spaziergang?"

"Wunderbar, danke. Gibt es etwas Neues?"

"Ja. Hitler ist in Polen einmarschiert. Aber sag es deinem Vater noch nicht, Pat. Er kann nichts dagegen tun, und es gibt heute Abend sein Lieblingsessen. Oschsenschwanzsuppe." (p. 82)

 

By the way, Frage an die Anglisten hier: Bedeutet der Name Ingoldby etwas?

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Olivia Kleinknecht

Gut, dass du das zu Sir noch hinzugefügt hast, Claudia. Denn auch wenn es Eddie nach den Traumata in Wales und Ostasien erst mal besser geht – eine gerade Linie nach oben ist das nicht, was dem Protagonisten widerfährt. Sir, der kalt duschen lässt. Aber noch viel mehr die Familie Ingoldsby. Die ihn erst aufnimmt, wobei Pat erklärt "Wie sind sozusagen seine Zweitfamilie" (p. 113), wozu Eddie sich in einer kritischen Situation sehr richtig sagt: "Ich bin nur jemand, zu dem sie acht Jahre lang nett waren, weil Pat einsam war, bis ich kam" (p.123). Und gleich darauf kriegt er ja auch die Wahrheit serviert: "Du kannst sowieso nichts tun. Das ist eine Familienangelegenheit", erklärt ihm Pat, als Eddie sich erbietet für ihn zu Hause anzurufen.

 

Die Mutter Ingoldby – immer glücklich, für alle Menschen scheinbar das Gleiche empfindend – fand ich übrigens eine wunderbare Nebenfigur (ihr zuliebe findet auch mal so was wie eine theoretische Erklärung statt zur Gefühllosigkeit der Raj-Kinder – auf p. 80). Hier ein grandioser, kurzer Abschnitt:

 

"Oh, Tee", sagte Mrs Ingoldby. "Ihr kommt gerade rechtzeitig. Ich lasse euch noch ein paar kleine Sandwiches machen. War es ein schöner Spaziergang?"

"Wunderbar, danke. Gibt es etwas Neues?"

"Ja. Hitler ist in Polen einmarschiert. Aber sag es deinem Vater noch nicht, Pat. Er kann nichts dagegen tun, und es gibt heute Abend sein Lieblingsessen. Oschsenschwanzsuppe." (p. 82)

 

By the way, Frage an die Anglisten hier: Bedeutet der Name Ingoldby etwas?

 

Angelika

Ja, genau, liebe Angelika! Habe nach dem Namen Ingoldby geschaut, aber nichts gefunden. Der Name wirkt auf mich glatt, elegant.

Diese gefühlsgeschädigte Generation, die auch in der Nebenfigur der Mrs Ingoldby aufglitzert, ist naturgetreu portraitiert ohne jede (etwa moralische) Be- oder Verurteilung. Im Laufe der Vervollständigung des Lebens von Filth versteht der Leser das Manko (fast aller Figuren) immer besser und will seinerseits immer weniger über sie urteilen. 

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Bedeutet der Name Ingoldby etwas?

 

Außer dem offensichtlichen "Gold" im Wort wüsste ich da auch nichts. "Ingoldsby" (mit s) scheint ein relativ häufiger Name zu sein.

Mrs. Ingoldby finde ich als Nebenfigur auch klasse.

 

Beim Wiederlesen erscheint mir auch die Szene mit Sir sehr brutal, der gesamte Umgang mit diesem Kind Eddie ist unglaublich hart und auch in aller Härte beschrieben, von dem pavianhaften eeek eeek eeek, das er herausbringt, als er um Ada trauert und ruhiggestellt wird, bis zum Empfang von Sir, der ihm zwar einen neuen Halt gibt, aber auch komplett in seiner - sehr skurrilen - Welt ist, die der Junge annehmen muss. Diese Frauenfeindlichkeit, diese Angst vor der Frau schlechthin, diese Mr. Smiths und die gleichzeitige Homophobie ... dazu in aller Härte der kurze Bericht von Eddie über die Schule in Wales und seine Pflegefamilie.

 

Brutal – da würde ich dir nicht zustimmen. Nicht was Sir betrifft. (Klar, heute würde man mit den Kindern - hoffentlich – anders umgehen.) Ich sehe Eddie da auch nicht so sehr unter Anpassungsdruck als vielmehr auf der Suche nach Neuem, nach positiven Signalen für die Zukunft, auch nach positiven Leitfiguren. Nach Leuten, an denen er sich festhalten kann. (Was dann ja immer wieder enttäuscht wird, insbesondere durch die Ingoldbys, aber Sir ist mit seinem "Outfit" im Krieg dann auch in Kanada (?) und nicht mehr erreichbar.)

 

Diese Frauenfeindlichkeit ist sicherlich typisch für die Zeit, im Text war es für mich eins von zahllosen Signalen, dass die Autorin uns keine Idylle vorzaubern will. Homophobie war sicher auch zeittypisch, aber Sirs Bemerkungen zu Autie May habe ich eher auf sexuellen Missbrauch, sexuelle Nötigung bezogen, worüber meines Wissen auch bezogen auf englische Internatsschulen oft berichtet wurde. Da habe ich mich beim Lesen kurz gefragt, ob Sir das Thema wirklich so direkt angesprochen hätte oder ob wir den Satz einer modernen Debatte in England verdanken. Aber darüber weiß ich viel zu wenig.

 

 

Hier ist jemand sehr erfahren und genau, die Übersetzerin ebenfalls. Nur an einer Stelle kamen mir die Perspektivwechsel willkürlich vor - im Abschnitt, als das Boot mit dem Baby Eddie ankommt, da habe ich mich gefragt, wie es im Original wohl gemacht ist.

 

Kannst du noch mal genauer sagen, welche Stelle du meinst? Das Boot legt im Roman ja zweimal an, einmal S. 34 gleich zu Kapitelanfang, dann noch mal S. 37.

 

Ich finde die Übersetzung auch gut, vor allem in sich wahnsinnig stimmig und geschlossen. Jetzt beim direkten Vergleichen sind mir aber auch ständig Stellen aufgefallen, wo man sich beim Übersetzen für eine von zwei oder mehreren Varianten entscheiden muss, wodurch sich unweigerlich der Sinn ein wenig verschiebt. Und dann hat das Englische manchmal eine Eleganz, die auf Deutsch einfach nicht machbar ist:

"Ingoldby – Feathers." Sir stelle die Jungen einander vor und legte den Grundstein für die Zukunft.

'Ingoldby – Feathers,' introduced Sir, shaping the future.

Bearbeitet von BarbaraS
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Seit zwei Tagen bin ich auch durch. Wir haben nur eine kleine 2 Tage Reise nach Bozen unternommen, wo unsere Tochter einen Film dreht. Jetzt sind wir nach schöner Fahrt durch die Alpen wieder daheim.

 

Also ich fand Sir auch nicht brutal in dieser Szene. Eher eine "no nonsense" Art, mit Jungs umzugehen. Kein Verhätscheln, aber trotzdem eine positiv, liebevolle Einstellung eigentlich. Sympathischer Typ. Claire gefiel mir auch, obwohl sie es vielleicht faustdick hinter den Ohren hat. Und natürlich, wie hieß sie noch, Isobel. Und so schlimm war das "Verbrechen" ja eigentlich nicht. Dass Kinder davon träumen, ihre Peiniger umzubringen, ist ja nicht so selten. Effektiv hat Eddie ja nur losgelassen. Das ist so ein bisschen auf der Grenze.

 

Was die Kinder angeht, hat eigentlich nur Babs wenig Erfolg im Leben gehabt, die anderen haben sich ja nicht so schlecht gemausert. Das ist ja oft so. Manche Kinder haben ihr Leben lang an schlechten Kindheitserfahrungen zu knabbern. An anderen perlt es einfach ab und sie gehen ihren Weg.

 

Ich habe das Buch gern gelesen. er Stil hat mir sehr gut gefallen, auch wie die Geschichte aufgebaut wurde, habe mich gut darin zurechtgefunden. Die Figurenzeichnungen ware ausgezeichnet, auch viele Dialoge. Allerdings war ich am Ende doch etwas enttäuscht, es hat eine Leere hinterlassen. Die Geschichte kam mir unfertig vor. Man weiß nicht so genau, was die Autorin einem da sagen will. Es handelt nicht wirklich vom Kolonialismus, nicht von englischer Erziehung, Filths Leben wird nur halb erzählt, nichts über seine Ehe (fast nichts), nichts über seine  weiter berufliche Entwicklung, außer dass Loss auftaucht und ihn nach Hongkong holt. Die Beziehung zu Babs und Claire bleibt auch irgendwie im Dunkeln.

 

Da es anscheinend eine Fortsetzung gibt, hoffe ich, dass da etwas mehr Erhellendes zu erwarten ist, "a bit more meat on the bone". So fand ich es doch ein bisschen dünn am Ende.  ;D

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Auch von mir noch ein paar abschließende Gedanken: So grausam war das "Ruhigstellen" von Aunt May

gar nicht, finde ich, nachdem Eddie von Ada getrennt wurde: Sie nimmt ihn so lange fest in den Arm, bis er ruhig ist.

Zumindest in dem Moment das einzige, was sie tun konnte. Und Sir - ja, ich finde ihn auch konsequent

pädagogisch, kaltes Duschen fördert durchaus die Durchblutung; er erinnert mich an einen Professor, den

ich mal in Cambridge kennen lernte. Es gab (und gibt es vielleicht noch) solche originellen englischen Schulleiter.

Wie gesagt, verschwand er dann allerdings sehr schnell aus dem Lesegedächtnis.

 

Während des Lesens fehlten mir, wie Ulf, Informationen über die Ehe und den Beruf. Trotzdem war ich

höchst zufrieden über das Ende, nachdem Eddie nach Asien, in seine "Heimat" zurückgekehrt war und

glücklich starb. Vielleicht erfährt man in den beiden anderen Bänden der Trilogie, wie es damit stand?

Vielleicht erzählen sie die Passagen, die Eddie ausgeblendet hat. Freud trapst übrigens häufig durch

diesen Text, Jane Gardam muss ja mit seiner Theorie aufgewachsen sein, auch wenn sie heute kaum noch

wirklich gilt, nur als Grundlage. Insofern wirken die fehlenden Informationen wie ein finaler Cliffhanger, der

mich dazu bewegen könnte, auch die anderen Bücher lesen zu wollen.

 

Dann war noch die Rede von Lieblingssätzen. Das mit der Spinnenschrift hatte ich ja schon oben zitiert. Neben den

vielen großartigen Bildern, den Persönlichkeitszeichnungen mit wenigen Pinselstrichen - Beispiel: Das Nussknackergesicht der Krankenschwester, das reicht, um die ganze Person zu charakterisieren -waren es, wie gesagt, die Metaphern, die mich in diese ganz andere Welt eingeführt haben. Ein Lieblingssatz stand ziemlich am Anfang, als Old Filth draußen in der Kälte herumtappt und auf Vermeerings Einfahrt zusteuert. Es schneit und schneit, alles ist weiß. Auch sie (die Einfahrt) wirkte wie reine Seide, makellos, keine Vogelspur, es war nicht mal eine Beere hineingefallen. Handlung und Figuren stehen mir immer noch deutlich vor Augen. Das passiert mir nicht oft, manchmal habe ich sie schon nach ein paar Tagen wieder vergessen.

 

Christa

Bearbeitet von Christa
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Hallo,

 

sollten wir noch mal schauen, was genau wir von der Autorin lernen können?

 

Ich hatte ja mal den Vorschlag gemacht, Lieblingssätze zu posten (was Christa jetzt aufgreift).

 

Nur, können wir daraus lernen? Geht es vielleicht noch viel mehr um die Schaffung von Atmosphären? Oder vielleicht um beides? Oder etwas ganz anderes?

 

Ich bin unsicher, würde das aber nicht hier in der allgemeinen Diskussion mit verwurschteln, sondern wenn, in separate Threats packen.

 

Was meint Ihr?

Bearbeitet von SabineB
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Und Sir - ja, ich finde ihn auch konsequent

pädagogisch, kaltes Duschen fördert durchaus die Durchblutung; 

 War aber im Kontext eindeutig als vorbeugende Maßnahme gegen Masturbation oder – noch schlimmer – homoerotische Neigungen gedacht, soweit ich mich erinnere.

 

Irgendjemand – Olivia? – hat noch gesagt, Eddie, Feathers, Filth  sei nicht zu beurteilen. Also, ich beurteile ihn schon. Ich mag ihn immer noch nicht. Ich glaube, da bin ich einer Meinung mit Bettys chinesischer Putzfrau. Das ist auch tatsächlich ein Lieblingssatz von mir – allerdings aus dem zweiten Band. Kein Spoiler, Teaser. An dieser Stelle im Buch geht es Betty ziemlich schlecht, und Feathers ist wie immer in seiner Kanzlei in Hongkong. Die Putzfrau ergreift die Initiative:

 

"Geben Sie mir Telefonnummer von Kanzlei, Gut. Also. Mr Feathers, hier spricht Putzfrau. Bewegen Sie Ihren dünnen Arsch nach hier. Jetzt. Sofort." (Eine treue Frau, p. 147.)

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Und Sir - ja, ich finde ihn auch konsequent

pädagogisch, kaltes Duschen fördert durchaus die Durchblutung; 

 War aber im Kontext eindeutig als vorbeugende Maßnahme gegen Masturbation oder – noch schlimmer – homoerotische Neigungen gedacht, soweit ich mich erinnere.

 

Heute Morgen habe ich die Stelle mit den kalten Duschen gesucht und nicht gefunden. Jetzt aber, auf Seite 75, nur ein Satz:

"Obwohl Sir strikt gegen 'Beste Freunde' war und auf täglichen kalten Duschen bestand, war gegen die Einheit von Ingoldby und Feathers kein Kraut gewachsen." Es wäre wahrscheinlich gut gewesen, wenn auch Sir sich diesen kalten Duschen unterzogen hätte, dieser Doppelmoralist. ;) Die Freundschaft mit Pat scheint mir wie ein "Wir gegen den Rest der Welt."

 

@SabineB: Ich habe selbst schon überlegt, ob ich etwas von dieser Autorin "lernen" könnte. Vielleicht, dass man dem Leser gar nicht so viel vorgeben muss, um sich orientieren zu können, wie Jahreszahlen, Wechsel vom Präteritum ins Präsens usw. Mir ist ja schon aufgefallen, das nur die Gespräche im Inner Temple im Präsens geschrieben sind. Aber ich weiß nicht genau, wie ich das interpretieren soll. Möglicherweise ist es nur der Blick von außen auf das Ganze, es sind Kommentare am Anfang nach seinem Ruhestand, am Ende nach seinem Tod. Eddie wird (am Anfang) als Quastenflosser bezeichnet, "können wir unseren Enkeln noch von erzählen", also ein Fossil. Was mich am Anfang erstmal fast am Weiterlesen hinderte, weil ich gar nicht wusste, was das eigentlich sollte und wer da redete, hat mir am Ende beim Wiederlesen noch ein bisschen die Augen geöffnet. Und Eddie war mutterseelenallein. Möglicherweise erfahre ich in den anderen Büchern, warum er am Schluss mutterseelenallein war, denn er hat Betty, wie ich teasermäßig gerade zu hören bekam, wohl oft allein gelassen.

 

Christa

Bearbeitet von Christa
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Bei der Sympathiefrage hätten wir vermutlich die Chance, hier doch noch einen handfesten Streit anzuzetteln. ;-) Im realen Leben wäre ich vermutlich auch nicht sooo gern mit Filth verheiratet gewesen; mit Betty hätte ich allerdings auch nicht gern zusammengelebt. Und wer von beiden wen stärker im Stich gelassen hat … Darüber könnte man lange diskutieren. Nachdem wir alle sämtliche drei Romane gelesen hätten. Also Christa: Hör nicht einfach auf Angelika, lies den zweiten Roman lieber selbst. ;-) (Nein, ich kriege keine Prozente vom Verlag.)

 

Und Sabine, sollen wir die Frage, was man von der Autorin lernen kann bzw. was wir gern mal ausprobieren würden, nicht doch einfach hier diskutieren? Ich könnte mir vorstellen, dass dabei noch einige Gedanken zum Handwerklichen im "Untadeligen Mann" zusammenkommen, und dann hätten wir das alles beisammen. Wenn sich herausstellt, dass wir ein bestimmtes Thema unabhängig vom Roman weiter bereden wollen, können wir ja immer noch umziehen.

 

Das ist aber nur ein Vorschlag. Wenn ihr gern einen eigenen Thread wollt, eröffnet ihn doch einfach.

Bearbeitet von BarbaraS
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Bei der Sympathiefrage hätten wir vermutlich die Chance, hier doch noch einen handfesten Streit anzuzetteln. ;-) Im realen Leben wäre ich vermutlich auch nicht sooo gern mit Filth verheiratet gewesen; mit Betty hätte ich allerdings auch nicht gern zusammengelebt. Und wer von beiden wen stärker im Stich gelassen hat … Darüber könnte man lange diskutieren. Nachdem wir alle sämtliche drei Romane gelesen hätten. Also Christa: Hör nicht einfach auf Angelika, lies den zweiten Roman lieber selbst. ;-) (Nein, ich kriege keine Prozente vom Verlag.)

 

Und Sabine, sollen wir die Frage, was man von der Autorin lernen kann bzw. was wir gern mal ausprobieren würden, nicht doch einfach hier diskutieren? Ich könnte mir vorstellen, dass dabei noch einige Gedanken zum Handwerklichen im "Untadeligen Mann" zusammenkommen, und dann hätten wir das alles beisammen. Wenn sich herausstellt, dass wir ein bestimmtes Thema unabhängig vom Roman weiter bereden wollen, können wir ja immer noch umziehen.

 

Das ist aber nur ein Vorschlag. Wenn ihr gern einen eigenen Thread wollt, eröffnet ihn doch einfach.

 

Ganz unabhängig von Angelika habe ich mir überlegt, dass Eddie ja nicht nur Opfer, sondern auch Täter war wie viele dieser Figuren -und darauf wäre ich gespannt, welches Bild sich dann ergeben würde.

 

Die Vorgehensweise, die du vorschlägst, Barbara, finde ich gut. Erst noch am Roman diskutieren, bei bestimmten Aspekten evtl.

im eigenen Handwerksthread.

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Olivia Kleinknecht

Hallo,

 

sollten wir noch mal schauen, was genau wir von der Autorin lernen können?

 

Ich hatte ja mal den Vorschlag gemacht, Lieblingssätze zu posten (was Christa jetzt aufgreift).

 

Nur, können wir daraus lernen? Geht es vielleicht noch viel mehr um die Schaffung von Atmosphären? Oder vielleicht um beides? Oder etwas ganz anderes?

 

Ich bin unsicher, würde das aber nicht hier in der allgemeinen Diskussion mit verwurschteln, sondern wenn, in separate Threats packen.

 

Was meint Ihr?

Hallo liebe Sabine: die Schaffung von Atmosphäre ist ein ganz heisses Thema. Sie ist für mich ein bisschen das Magische, das ein gut geschriebenes Buch zu einem herausragenden Buch macht. Ich glaube, Atmosphäre hat mit Authentizität zu tun. Und damit meine ich nicht nur, dass die Abbildung der Lebenswirklichkeit authentisch ist, sondern auch die Gefühle des Autors beim Schreiben. Über Atmosphäre, dieses schwer Greifbare, gibt es sicher noch viel mehr zu sagen.

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Olivia Kleinknecht

Vor zwei Tagen habe ich das Ende gelesen. Und es ging mir etwas zu schnell. Nach dem Lesen eurer Kommentare habe ich mir am Ende noch eine ganz große Überraschung erwartet ( mir war nicht klar gewesen, dass das Überraschende bereits das Geständnis des herbeigeführten Trepppensturzes von Ma Didds war ...). Ich hätte gerne noch mehr erfahren über Old Filth. Vielleicht ist das gerade gewollt, damit man noch die anderen Bände liest?

 

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Der Autorin gelingt es, mit wenige Worten die nötige Atmosphäre zu schaffen. Aber ich würde das Buch nicht als ausgesprochen atmosphärisch bezeichnen. Dazu sind die Beschreibungen doch eher knapp. Für mich besticht es eher durch die Figurendarstellung. Auch die schafft Atmosphäre, wenn man so will, durch die jeweilige Einstellung zum Leben. Besonders auch zwischen den Generationen. Obwohl wenig vom modernen England rüberkommt. Das macht es ein wenig unrealistisch, der Gegenwart entrückt, als wären die Figuren in ihrer Zeit stehengebliebene Menschen. Man liest Todesanzeigen, aber nichts über Politik oder überhaupt über die Gegenwart.

Bearbeitet von Ulf Schiewe

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Die moderne Welt kommt nur aus dem Blickwinkel sehr alter Menschen vor, die sich für diese moderne Welt nicht mehr interessieren.  Betty bei dem Tagesausflug in London, als sie wegen Veneerings Sohn unglücklich ist. Filth bei seiner selbstmörderischen Fahrt über die Autobahn. Dass sie beide so tun, als könnten sie mit dem Computer umgehen, wenn sie nur wollten. Filth's völliges Unverständnis dafür, dass die Londoner Anwältin ihn und Betty versetzt, weil ihre Kinder krank sind.

 

Das trägt sicher zur Atmosphäre mit bei: dieses leicht Entrückte. Insgesamt ist für mich die Atmosphäre des Romans jedoch ganz stark durch die Erzählstimme geprägt. Das Entrückte findet sich ja noch in den Lebensumständen der Hauptfiguren (als alte Menschen) wieder, aber die Leichtfüßigkeit und das Ineinandergleiten der Zeiten, über die wir schon geredet haben, wird durch die Erzählstimme in den Roman hineingetragen. Die Figuren nehmen ihr eigenes Schicksal ja nicht unbedingt auf die leichte Schulter; und Filth hat den größten Teil seines Lebens damit verbracht, die Erinnerungen an seine Kindheit eben nicht in die Gegenwart einfließen zu lassen. D.h. der Erzähler bereitet nicht einfach nur das Material (Filth's Lebensgeschichte) für uns auf, sondern er spielt mit: Er ist fast wie eine unsichtbare Figur, eine Art Zuschauer, der nicht nur berichtet, was er sieht, sondern es zusammenfasst, ironisiert, umgruppiert, manchmal ausdrücklich bespricht. Er ist es ja auch, der den Nebenfiguren ihre speziellen Rollen zuweist, indem er sie stets in für sie "typischen" Situationen zeigt. Auch dass der Fokus des Romans so stark auf Kindheit und Alter liegt und die ganze Zeit dazwischen – Filth's gesamtes erfolgreiches Beruflseben – nur am Rand erwähnt wird, prägt für mich sehr stark die Atmosphäre des Romans. Nicht der stabile Erwachsene steht im Mittelpunkt, sondern die Brüche, die in der Kindheit entstanden sind und im Alter wieder sichtbar werden. Auch das ergibt sich ja nicht einfach aus dem Material, sondern aus dem Blickwinkel des Erzählers.

 

Und dazu kommt dann für mich die leichtfüßige, elegante und zurückhaltende Sprache – zurückhaltend, weil die Erzählstimme ja sprachlich kaum auf sich aufmerksam macht. Man muss erst genauer hinschauen, bevor man bemerkt, wie man hier dirigiert wird, von der Außensicht in die Figurengedanken und wieder zurück oder kreuz und quer durch die Zeiten. Das ist der Punkt, der mich auch persönlich am meisten fasziniert, bei dem ich mir zu gern ein bisschen was abschauen würde.

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Sehr gut zusammengefasst, Barbara. Ergänzend ist mir zur Atmosphäre aufgefallen: Wo immer man das Buch ausfschlägt, sieht

man etwas, mit den Augen der jeweiligen Figur: das Unkraut in den Hecken im vorbeifahrenden Zug, der nicht aufgeklappte

marineblaue Sonnenschirm auf Vanessas Terrasse, der an eine Jacht erinnert, an einer Stelle auch ein ganz altmodisches Teegeschirr.

Das trägt noch zur generell "altmodischen" Atmosphäre bei.

 

Christa

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Und dazu kommt dann für mich die leichtfüßige, elegante und zurückhaltende Sprache – zurückhaltend, weil die Erzählstimme ja sprachlich kaum auf sich aufmerksam macht. Man muss erst genauer hinschauen, bevor man bemerkt, wie man hier dirigiert wird, von der Außensicht in die Figurengedanken und wieder zurück oder kreuz und quer durch die Zeiten. Das ist der Punkt, der mich auch persönlich am meisten fasziniert, bei dem ich mir zu gern ein bisschen was abschauen würde.

 

Das geht mir ähnlich.

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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