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BarbaraS

Ein untadeliger Mann – Jane Gardam

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Dieses Meisterwerk, als das ich das Buch empfinde, habe ich gestern bis spät in die Nacht zuende gelesen. Eigentlich müsste ich es ein zweites Mal lesen, um einen versierten Gesamteindruck abgeben zu können. Da haften so viele Bilder, Stimmungen, Entwicklungen, Enthüllungen, Beziehungen, versäumte Möglichkeiten, die aber im Nachhinein doch ausgelebt wurden, so viele große Themen, die in eine leichte und gleichzeitig tiefe Sprache gehüllt werden. Ja, die Leichtigkeit habe ich vom ersten Moment an empfunden, bei der Freiheit hatte ich den Eindruck, als steuere Eddie langsam darauf hin, als müsse er sich vom Korsett  seiner Untadeligkeit erst befreien, bevor er der werden kann, der er eigentlich ist: Nämlich, wie ihr sagt, gleichzeitig ein geschundenes, missbrauchtes Kind und ein erfolgeicher Anwalt, reich und angesehen, schüchtern und dann, in der Rückblende, doch "draufgängerisch." Nachdenklich und unerschütterlich in seinem Bestreben, nach Bettys Tod zu seinem wahren Kern durchzukommen - wobei sie ihn ja auch immer wieder posthum begleitet, selbst in seiner altersbedingten Trotteligkeit noch liebenswert und humorvoll. Interessant ist auch, wie sich das Stottern immer wieder verliert (in der Freundschaft mit Pat, also durch Halt und menschliche Nähe).

 

Diese Leichtigkeit wird durch Humor und Ironie vermittelt, denke ich. Da fallen mir ein paar Dinge ein wie: Vermeintlicher Herzinfarkt, aber es waren die Krabben, er stirbt gar nicht, wie man befürchtet. Das Spiel mit den Bananen. Auch die kurzen in Klammern gesetzten Sequenzen, obwohl mich längere Klammerpassagen sonst immer etwas gestört haben. Sie geben meist einen inneren Kommentar einer Figur wieder.

 

Zu den Zeitebenen und warum man ihnen mühelos folgen kann. Es ist immer ein Bezug da, aus dem man die Zeitebene entnehmen kann. Bei sehr schnellen Wechseln heißt es dann manchmal "Old Filth", und man weiß, dass die Jetztzeit, der alte Filth, gemeint sind. Die Nebenfiguren brennen sich durch ihr manchmal skurriles Verhalten ins Gedächtnis ein: Die "Löwin" Isobel, Babs und Loss, zum Beispiel. Bei Loss war ich so was von froh, als er in der Rückblende auftaucht und ich erfahre, wie Filth zu seiner Anwaltskarriere kam. Selbst das Buttermilchmädchen hatte ich nicht vergessen. Vielleicht ist das so mühelos gelungen, weil diese Nebenfiguren eine Charakteristik haben, an der man sie sofort wiedererkennt?

 

Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Ich muss, um jetzt mal zum Schluss zu kommen, sagen, dass mich das Buch auch emotional sehr angesprochen hat. Den Schluss fand ich nur noch genial und er hat allem die große Sahnehaube aufgesetzt. Noch zwei Kleinigkeiten: Die Queen Mary-Szenen wusste ich zunächst nicht einzuordnen, aber dadurch, dass Eddie die Frei-Zeit in London zu ganz anderen Zwecken benutzt als von ihr vorgesehen, machen das Ganze dann wieder so witzig und zeigen, dass Eddie durchaus auch schon früher in der Lage war, seine Untadeligkeit zu durchbrechen. Die erste Theaterszene (interessant: im Präsens!) konnte ich noch nicht einordnen, die letzte hat dann alles von außen erklärt. Nicht zu vergessen die Landschafts- Orts-und Detailbeschreibungen. Gegen Ende waren es fast nur noch Dialoge, was mir sonst nie so gefällt, aber es waren reine, klare Dialoge ohne dieses Brimborium drumrum, und ich wusste immer, wer da spricht.

 

Freue mich auf weitere Aspekte!

Christa

Bearbeitet von Christa
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Ich will nur ganz kurz einwerfen: Bei der Sache mit der Freiheit habe ich mich, wie ich jetzt erst kapiere, völlig unverständlich augedrückt. Ich meinte, dass die Erzählweise und der Blick auf die Geschichte für mich eine große innere Freiheit des Erzählers/der Autorin ausdrückt. Die Frage, wie es um Old Filth's innere Freiheit steht, finde ich viel komplexer. Aber auch spannend. So wie alles, was ihr hier über Identität, über das Zu-sich-Finden, über die verschiedenen Gesichter der Figur schreibt. Das sollten wir unbedingt genauer untersuchen!

 

Und Christa, es freut mich total, dass dir das Buch so gut gefallen hat!

 

Liebe Barbara, das klingt ja, so, als wäre dein Buch endlich angekommen?

Bearbeitet von BarbaraS
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Gibt es spezielle Fragestellungen oder sagt einfach jede und jeder, was ihr zu dem Buch einfällt?

 

Eigentlich beides, Sabine. Wir diskutieren über alles, was irgendwen hier interessiert. ;-) Mein Vorschlag war, dass wir mit allgemeineren Eindrücken anfangen, aber nur, weil das vielleicht am einfachsten ist. Genauso gut können wir uns gleich auf ein Spezialthema stürzen (das mit der Identität, das Hannah und Christa aufgebracht haben, interessiert mich z.B. gerade brennend …) Wichtig ist vermutlich nur, dass wir miteinander reden und nicht aneinander vorbei irgendwelche Statements posten, aber ich glaube, die Gefahr besteht überhaupt nicht. Also stürz dich hinein!

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Gegen Ende waren es fast nur noch Dialoge, was mir sonst nie so gefällt, aber es waren reine, klare Dialoge ohne dieses Brimborium drumrum, und ich wusste immer, wer da spricht.

 

Ich habe vorhin auch den Schluss noch einmal gelesen und fand ihn auch wieder sehr sehr stark, Christa. Ich glaube, es liegt auch daran, dass man Old Filth über so viele Seiten hinweg als verschwiegenen Menschen kennengelernt hat. Da ist es einfach ein wahnsinnig starker Auftritt, wenn dieses Schweigen in dem Dreier-Gespräch (Filth, Babs und Tansy) im Hotel schließlich gebrochen wird.

 

Außerdem fand ich es formal sehr befriedigend, dass durch die Dialogform hier zum ersten mal die beiden Zeitebenen miteinander verschmelzen. Man ist zugleich im "Jetzt" (Filth als alter Mann) und in der Kindheit. Vorher gab es zwar manchmal kurze  Erinnerungs-Sequenzen, in denen eine Szene aus der früheren Zeit in die spätere hineingeholt wurde, aber die meiste Zeit blieben sie doch säuberlich getrennt: Einmal Eddie als Kind, von der Geburt bis 1947 (nach meiner Rechnung war er da 24), und einmal Old Filth als alter Mann, von der Fahrt nach London mit Betty bis zu seinem Tod.

 

Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Ich stimme dir völlig zu, dass Eddies Untadeligkeit in dem Roman immer mehr Kratzer bekommt, bzw. man sieht immer deutlicher, dass es sich um eine polierte Oberfläche handelt (dazu passt ja auch die Stelle zum "Image", die Hannah zitiert). Nur mit dem Wort "Verdrängung" habe ich Probleme, aber vielleicht deute ich es auch falsch. Mein Eindruck beim Lesen war nicht, dass Eddie die Ereignisse in Wales völlig aus seiner Erinnerung und seiner Gefühlswelt aussperrt. Er spricht "nur" nicht darüber. Er erträgt es auch nicht, wenn andere davon sprechen oder auch nur Andeutungen machen. Ihm selbst ist aber die ganze Zeit bewusst, was er – oder sie alle - damals gemacht haben. Für mich ist Eddie am Ende seines Lebens nicht auf der Suche nach seinen Erinnerungen oder nach der Wahrheit. Sondern nach einem Weg, darüber zu sprechen.

 

Aber vielleicht lässt sich das letztlich auch gar nicht unterscheiden. Ich finde bei diesem Roman auffällig, wie sehr auch die Hauptfigur über ihre Handlungen und das, was sie sagt, charakterisiert wird. Der Erzähler zeigt uns seine Oberfläche. (So geht es ja gleich los, S. 13: "Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß …") Hin und wieder erfährt man auch etwas über seine Gefühle, aber auch da nur über die unmittelbaren Reaktionen auf das Geschehen. Wir tauchen nie tief in sein Inneres ein. Man sieht ihn tatsächlich oft wie eine Bühnenfigur. Auf S. 20 heißt es über ihn sogar ausdrücklich: "bei jemandem, der die Schauspielerei verinnerlicht hat (wie etwa ein Kronanwalt)" – kann ein psychischer Zusammenbruch unsichtbar bleiben.

 

Das bringt mich zu der Frage nach der Identität, die du aufgeworfen hast, Hannah. Wer ist dieser Old Filth wirklich? Mein Eindruck ist, dass der Roman die Antwort verweigert, und zwar bewusst. Der "Kern" der Persönlichkeit bleibt unerreichbar. Man sieht nur Facetten, je nach Alter, aber auch je nach Situation. Ist das Verlogenheit? Oder Verdrängung? Oder sind Menschen einfach so, dass sie verschiedene Gesichter haben, die alle zu ihrer Persönlichkeit gehören, und der Versuch, daraus eine einheitliche Identität abzuleiten, führt in die Irre?

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Ich kann heute Abend leider nur kurz vorbeiflitzen, habe die Kinderschicht  :-)

 

Beim ersten Mal Lesen des Schlusses hatte ich eine Gänsehaut. Genau wie du schreibst, Barbara, hat mich beeindruckt, dass das Schweigen von Eddie in diesem Dreiergespräch gebrochen wird. Gleichzeitig fand ich auch klasse, dass hier Vergangenheit und Gegenwart auf diesen beiden Ebenen - Dialog (Vergangenheit) und Situation (Gegenwart) - eins werden, miteinander verschmelzen. Dieser Roman kommt so leichtfüßig daher, so fließend,aber wenn man mal genau hinschaut, dann wird deutlich, wie genau und wahnsinnig gut er komponiert ist. Dass die Leichtfüßigkeit an keiner Stelle von dieser Komposition erdrückt/aufgehoben wird, bewundere ich sehr.

 

 

 

 

Aber vielleicht lässt sich das letztlich auch gar nicht unterscheiden. Ich finde bei diesem Roman auffällig, wie sehr auch die Hauptfigur über ihre Handlungen und das, was sie sagt, charakterisiert wird. Der Erzähler zeigt uns seine Oberfläche. (So geht es ja gleich los, S. 13: "Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß …")

 

 

Der Roman fängt ja sogar noch viel früher mit der äußersten Oberfläche an: In der Theater/Drehbuchszene, in der andere Männer über Eddie sprechen. Sie sprechen vor allem über seinen Ruf, sein Ansehen, seine Karriere. Wie er von außen gesehen/wahrgenommen wird. 

Bearbeitet von Lisa
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Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Nur mit dem Wort "Verdrängung" habe ich Probleme, aber vielleicht deute ich es auch falsch. Mein Eindruck beim Lesen war nicht, dass Eddie die Ereignisse in Wales völlig aus seiner Erinnerung und seiner Gefühlswelt aussperrt. Er spricht "nur" nicht darüber. Er erträgt es auch nicht, wenn andere davon sprechen oder auch nur Andeutungen machen. Ihm selbst ist aber die ganze Zeit bewusst, was er – oder sie alle - damals gemacht haben. Für mich ist Eddie am Ende seines Lebens nicht auf der Suche nach seinen Erinnerungen oder nach der Wahrheit. Sondern nach einem Weg, darüber zu sprechen.

 

Liebe Barbara, ich habe nach deinen Worten noch einmal einige Schlüsselszenen des Romans gelesen und will mal kurz darstellen, wie ich auf die Verdrängung gekommen bin - aber jetzt auch darauf kam, dass es ihm wirklich die ganze Zeit bewusst war, was damals geschah. Ich zitiere:

S. 14: "Nach Bettys Tod ...begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er bisher geschlossen gehalten hatte." S.18: "Ich bin das Vergessen eingeübt, wie sollte ich sonst funktionieren?" Da schlägt sofort meine psychologische Ausbildung zu, denn spaßhaft haben wir auch immer über Deckel gesprochen, wenn jemand etwas verdrängte.

 

Dann wird öfter, von verschiedenen Leuten, über den Zusammenbruch gesprochen, auch von ihm selbst. Der begann *klinisch* sicher schon dann, als er aus der Wärme der asiatischenUmgebung rausgerissen wird. Überhaupt ist immer wieder von Wärme und Kälte die Rede. Am Schluss kehrt er aus der Kälte in die Wärme zurück und stirbt, er ist am Ziel.

 

S.152 : Er sieht seine Ziegenlederhandschuhe, sein ganzes gepflegtes Äußeres und denkt: "ungelöst ...unzulänglich ...schwach...die anderen werden ihn nicht mehr mögen ...fühlte nichts." Während der Beichte sagte er "nicht die Wahrheit" S.317 dann, wie du richtig bemerkst, nach dem vermeintlichen Herzinfarkt: "Ich muss es jemandem erzählen." Und das tut er dann, demselben Pater Tansy, dem er die Beichte vorher verweigert hat, zusammen mit Babs, und hier verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart in allerklarster Weise. Vielleicht findet er durch das Eingeständnis seiner Schuld, (die ja eigentlich gar keine war, denn er hat Ma Didd ja nur losgelassen, und sie sollte Magenkrebs im Endstadium gehabt haben) und durch das offene Sprechen zu seiner Identität zurück.So könnte man den ganzen Prozess auch als den Weg einer Heilung verstehen. Auch Tansy spricht übers Heilen, und im letzten, entscheidenden Gespräch stottert Eddie nicht mehr, als wäre es immer so gewesen. Bis zu Bettys Tod wollte er vergessen und den Deckel drauflegen, dann ist es, in den verschiedenen Stationen und Zeitebenen, immer weiter aufgebrochen.

Bearbeitet von Christa
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Der Umgang mit verschachtelten Zitaten kann einen hier wirklich fertig machen, ich mach es jetzt mal von Hand:

 

Lisa schrieb: Der Roman fängt ja sogar noch viel früher mit der äußersten Oberfläche an: In der Theater/Drehbuchszene, in der andere Männer über Eddie sprechen. Sie sprechen vor allem über seinen Ruf, sein Ansehen, seine Karriere. Wie er von außen gesehen/wahrgenommen wird.

 

Stimmt, genau, schon die erste Szene signalisiert eigentlich, dass sehr stark von außen auf die Figuren geblickt wird, und dass ihr "Gesicht" (das, was sie nach außen zeigen) ein wichtiges Thema ist.

 

Und hier bin ich auch völlig einverstanden:

Dieser Roman kommt so leichtfüßig daher, so fließend,aber wenn man mal genau hinschaut, dann wird deutlich, wie genau und wahnsinnig gut er komponiert ist.

 

Das würde ich mir sehr gern noch genauer anschauen. Zum Beispiel der Umgang mit den Nebenfiguren (da hat Christa auch schon Wichtiges zu geschrieben), der Gebrauch von Gegenständen als Symbole oder Signale …

 

Christa, was du zum Verdrängen schreibst, leuchtet mir sehr ein. Meine Probleme kommen vermutlich wirklich daher, dass ich den Begriff viel zu eng ausgelegt habe (geprägt von Hollywood wahrscheinlich ;-)), in dem Sinn, dass der Betroffene zu dem Verdrängten gar keinen Zugang hat. Aber schon wenn ich mir die Frage stelle: Kann sich X nicht erinnern oder will er nur nicht daran denken? – wird eigentlich klar, dass das vermutlich in der Praxis keine sinnvolle Unterscheidung ist. Danke für deine Erklärungen!

 

Und ja, dass er am Ende ins Warme und damit nach Hause zurückkehrt: Genau so lese ich das auch. Ich fand das ebenfalls toll, und sehr berührend. Und weil ich ja immer aufs Formale schauen muss: In der Umsetzung fand ich klasse, dass die Beschreibung dieses Warmen keineswegs idyllisch daherkommt; es schwingt durchaus mit, dass andere Leute dieses Klima vielleicht gar nicht so angenehm finden (S. 344):

 

"Am oberen Ende der Gangway traf ihn der Osten mitten ins Gesicht. Die wunderbare, dicke Hitze überschwemmte ihn, umfing seine geschwollenen alten Hände und seine müden Füße, badete seinen alten Kopf und den sehnigen Hals, sickerte in jede Pore und jede Faser seines Körpers. Das Leben regte sich. Das stillstehende Flugzeug vibrierte von der Hitze, die Luft um es herum vibrierte, der ganze Flughafen vibrierte und tanzte in der weichen Dunkelheit."

Bearbeitet von BarbaraS
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Hallo,

 

ich will mal einen ganz anderen Aspekt einbringen.

 

Ich finde die Sprache des Buches unglaublich altertümlich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, das Buch wurde in den 20er oder 30er Jahren geschrieben.

 

Ich glaube, wenn ich in einer Buchhandlung reingelesen hätte, hätte es mich abgeschreckt.

 

Auch der allererste Absatz, bzw. Prolog, lässt mich absolut ratlos zurück. Diese "Inner-Temple-Szene" erschließt sich mir nicht.

 

Mit anderen Worten, die Autorin macht es der Leserschaft nicht einfach, das Buch auf Anhieb zu mögen. Geht das nur mir so?

Sabine

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So, jetzt habe ich es auch ausgelesen (zum ersten Mal).

 

Zweifellos ein großer, sprachlich reicher und epochaler Roman. Zur Sprache gibt es viel zu sagen (allein die Beschreibung der Farben Hongkongs), die Komposition finde ich auch bemerkenswert mit ihren klug eingefädelten Cliffhangern. Eine – kleine – Einschränkung dazu: Die Auflösung um das Ma Dibbs-Geschehen fand ich etwas zu vorhersehbar, ab dem letzten Drittel war der Roman daraufhin getrimmt und gerade deshalb der Braten riechbar. Gar nicht riechbar, sehr fein gesponnen fand ich dagegen Feathers sexuelle Entwicklung, besonders die Isobel-Geschichte. 

 

Da du, Barbara, die "Freiheit" angesprochen hattest: Wenn es ein Thema ist, dann über sein Gegenteil: Ein "Anwalt der Krone", der Geld schaufeln kann nur in Fernost, indem er dort die fällige Gerichtsbarkeit über die Leute bringt, Todesurteile ausspricht aus seinem eingezäunten Bereich oberhalb der chinesischen Bevölkerung (die Szene, wo er sich zur Ruhe bettet, während in seinem Gefängnis der zum Tode Verurteilte darauf wartet, dass ihm der Kopf abgetrennt wird von seinem "dünnen chinesischen Hals" – wuahhh!), der selber Opfer dieser kolonialistischen Administration ist, gefangen im Stottern, im Ängstlichsein, im Verlassenwerden, im Krieg – und wirklich bis in den letzten Gedanken hinein dieser ganzen Welt verhaftet bleibt – ich finde ihn fürchterlich. Aber interessant. 

 

Ich werde den Roman jetzt nochmal durchgehen, vornehmlich die Stellen, an denen sich Vergangenheit und Zukunft verknüpfen. 

 

Vielleicht bin ich ein bisschen vorgeschädigt, weil ich den zweiten Teil zuerst gelesen habe. Jedenfalls mochte ich die Story um Betty lieber. Und Old Filth war mir da schon der Unsympath vom Dienst – vom Heiratsantrag bis zum Abort der Gattin, dem er fernbleibt, weil er seine Akten studieren muss. 

 

Na, erst mal bis hierher und sehr dankbar, dass ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt,

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Kleine Zwischenantworten:

@Barbara: Heute habe ich eine (ziemlich begeisterte) Rezension der ZEIT über den Roman gelesen. Da ist dauernd von Verdrängung dieRede. ;) Bei Eddie hatte ich, wie gesagt, den Eindruck, als wenn die Verdrängung mit Bettys Tod aufgebrochen wird. 

 

@Sabine: Kann ich gut verstehen, im ersten Moment, beim Inner Circle, wollte ich das Buch schon wieder zuschlagen. Völlig unverständlich, was einem da im ersten Moment entgegenkommt. Die Bescheibung Eddies hat mich dann gefangen und ich wusste, dass diese Autorin schreiben kann.

 

@Angelika: Gottseidank habe ich Bettys Version nicht zuerst gelesen- mir war Eddie nämlich sehr sympathisch in seiner alten und doch so kaputten Würde. Näher kann man einer Figur eigentlich nicht kommen als bis zu dem Weiß unter den Fingernägen und dem grauen Schamhaar, das farnartig auf dem Wasser schwimmt, in dem Moment gar nicht IH. Gespannt wäre ich auch darauf, wie Ekel Veneering dargestellt wird. Wahrscheinlich kriegt Eddie da auch noch mal sein Fett ab. Ja, die Hitze in Asien ist lebensspendend und lebensfeindlich zugleich. Genauso ist es mit den Tulpen: Die Tulpenzwiebeln haben Betty umgebracht und sind damit für Eddie ebenfalls lebensfeindlich.

 

Grüße

Christa

Bearbeitet von Christa
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Ich finde die Sprache des Buches unglaublich altertümlich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, das Buch wurde in den 20er oder 30er Jahren geschrieben.

 

Kannst du das ein bisschen ausführen, Sabine? Ist es die Wortwahl? Der Satzbau? Im Moment kann ich das gar nicht nachvollziehen …

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@Angelika: Gottseidank habe ich Bettys Version nicht zuerst gelesen- mir war Eddie nämlich sehr sympathisch in seiner alten und doch so kaputten Würde. Näher kann man einer Figur eigentlich nicht kommen als bis zu dem Weiß unter den Fingernägen und dem grauen Schamhaar, das farnartig auf dem Wasser schwimmt, in dem Moment gar nicht IH. Gespannt wäre ich auch darauf, wie Ekel Veneering dargestellt wird. Wahrscheinlich kriegt Eddie da auch noch mal sein Fett ab. 

 

Hi Christa (jetzt hat bei mir das Zitieren auch nicht geklappt). Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

Veneering ist viel barocker, viel hedonistischer als der verklemmte Eddie. Mehr darf ich jetzt, glaube ich, nicht sagen, Spoilergefahr.

 

Angelika

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

 

Ich finde nicht, dass der Erzähler mit Eddie sympathisiert, Angelika. Ich finde, dass dieser Erzähler sehr genau erzählt und zu einem Menschen wie Eddie gehört das Verletzliche doch genauso dazu wie das, was du zu Recht an ihm kritisierst. DIE alten Kolonialherren gibt es meiner Meinung nach nicht, das waren alles Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Facetten zusammengesetzt haben und manche dieser Facetten waren wenig schmeichelhaft, manche abstoßend und zu recht verurteilbar, aber manche dieser Facetten zeigen eben auch die gute oder verletzliche Seite dieser Menschen. Das Neurotische, Verklemmte, Feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste Verbundene, das sind ja auch Facetten, die vorgelebt, anerzogen und gefordert wurden, oder anders: sie zeigen auch die Zeit, die diese Menschen geformt hat. Ich will die alten Kolonialherren in kleinster Weise verteidigen, aber ich persönlich finde es ein bisschen zu einfach zu sagen: Die waren wohl alle so. Was die Autorin in diesem Buch schafft, ist doch, dass sie hinter die Fassade schaut! Ohne Eddie dabei in Schutz zu nehmen (sonst hätte sie uns das mit den Chinesen sicher verschwiegen). 

 

Und für mich geht es in diesem Roman auch nicht darum, ob ich Eddie mögen kann oder nicht. Ich lerne einen Menschen aus einer Zeit kennen, die ihn sowohl zum Opfer als auch zum Täter gemacht hat. Der sympathische und unsympathische Seiten hat. Dein Urteil - hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt? - kommt aus unserer heutigen Zeit mit unseren heutigen Moralvorstellungen. Die Autorin zeigt uns mit ihrem Roman aber doch nicht nur einen dieser Menschen aus dieser Zeit, sondern auch, was diese Zeit mit einem dieser Menschen getan hat. Wie dieses koloniale System funktioniert hat. Und die Menschen in ihm.

 

Liebe Grüße

Lisa

Bearbeitet von Lisa
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Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

 

Ich finde nicht, dass der Erzähler mit Eddie sympathisiert, Angelika. Ich finde, dass dieser Erzähler sehr genau erzählt und zu einem Menschen wie Eddie gehört das Verletzliche doch genauso dazu wie das, was du zu Recht an ihm kritisierst. DIE alten Kolonialherren gibt es meiner Meinung nach nicht, das waren alles Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Facetten zusammengesetzt haben und manche dieser Facetten waren wenig schmeichelhaft, manche abstoßend und zu recht verurteilbar, aber manche dieser Facetten zeigen eben auch die gute oder verletzliche Seite dieser Menschen. Das Neurotische, Verklemmte, Feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste Verbundene, das sind ja auch Facetten, die vorgelebt, anerzogen und gefordert wurden, oder anders: sie zeigen auch die Zeit, die diese Menschen geformt hat. Ich will die alten Kolonialherren in kleinster Weise verteidigen, aber ich persönlich finde es ein bisschen zu einfach zu sagen: Die waren wohl alle so. Was die Autorin in diesem Buch schafft, ist doch, dass sie hinter die Fassade schaut! Ohne Eddie dabei in Schutz zu nehmen (sonst hätte sie uns das mit den Chinesen sicher verschwiegen). 

 

Und für mich geht es in diesem Roman auch nicht darum, ob ich Eddie mögen kann oder nicht. Ich lerne einen Menschen aus einer Zeit kennen, die ihn sowohl zum Opfer als auch zum Täter gemacht hat. Der sympathische und unsympathische Seiten hat. Dein Urteil - hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt? - kommt aus unserer heutigen Zeit mit unseren heutigen Moralvorstellungen. Die Autorin zeigt uns mit ihrem Roman aber doch nicht nur einen dieser Menschen aus dieser Zeit, sondern auch, was diese Zeit mit einem dieser Menschen getan hat. Wie dieses koloniale System funktioniert hat. Und die Menschen in ihm.

 

 

 

Das habe ich wohl doch zu ungenau formuliert, Lisa, und möchte es noch mal auseinandernehmen.

 

Einerseits gibt es in diesem (großartigen!) Buch einer britischen Autorin ein spürbar ungebrochenes Verhältnis zur nationalen Vergangenheit. Das merkt man schon an der Widmung vorne für die Raj-Kinder. Zweifellos waren die – als Kinder – Opfer ihres Systems und Opfer verdienen zumeist Sympathie. Gleichzeitig erinnern sie aber an eben dieses System, zu dem man ja durchaus auch eine kritische Haltung einnehmen kann. In Deutschland war das in Bezug auf den Nationalsozialismus ziemlich pauschal über die so genannte "Vergangenheitsbewältigung" geregelt, weshalb ein intelligenter deutscher Autor sich wohl scheuen würde, etwa den deutschen Kriegskindern etwas zu widmen (nicht, dass es da nicht auch Elend gegeben hätte, meine Mutter war so ein Lagerkind). Mir ist vollkommen klar, dass die Scheu auf der einen wie das erhobene Haupt auf der anderen Seite keine andere Grundlage hat als die, dass Deutschland den Krieg verloren und England ihn gewonnen hat. Von daher will ich da kein großes Drama draus machen, wir wurden anders sozialisiert als die Briten (Russen, Franzosen etc) in dieser Frage, aber ersichtlich (speziell für den deutschen Blick) ist diese grundsätzliche Stellung halt doch.

 

Das heißt andererseits nicht, dass die Autorin mit Eddie sympathisiert, da gebe ich dir Recht. Sie zeigt ihn in sehr vielen Facetten, so vielen, dass – was ich sehr mag – kein eindeutiges Bild bleibt. Aber ein Umriss zumindest. Am besten kommt er da noch weg im Gespräch mit Vanessa, finde ich. Oder wenn er auf die Anmaßungen der beiden Tanten immer nur mit konsternierten Rückfragen antwortet. Sobald er selbst agiert – gegen seine Haushälterin, Wollknäuel haltend für die Königinmutter – finde ich ihn ziemlich beklemmend. Was im Übrigen für die Kunstfertigkeit seiner Schöpferin spricht.

 

Dass Kolonialherren halt so werden mussten, wie sie waren, will ich umgekehrt aber auch nicht glauben. Das zeigt übrigens Jane Gardam im zweiten Buch mit Betty, die ihren Standesgenossen da einmal deutlich Kontra gibt. Ich glaub, ich darf zitieren, das spoilert ja nicht, und wer sich von der "treuen Frau" noch überraschen lassen will, muss jetzt halt wegschauen:

 

Die Stufen zum Tempel waren brüchig und lagen voller Papierchen und Coladosen, der Portikus war ebenfalls beschädigt. Die etwas überlebensgroßen Buddhastatuen im Inneren hatten die Arme erhoben und waren dick verstaubt. An einem Tisch an der Seite saß ein dickes Mädchen, das vermutlich irgendetwas verkaufen sollte, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief. Auch ihr Tisch war total verstaubt, der Staub schien aus den Wänden und von den Mauervorsprüngen zu kommen, er lag auf sämtlichen Schnitzereien wie Schnee. Das Mädchen schlug die Augen auf und machte einen halbherzigen Versuch aufzustehen.

"Jetzt seht euch das mal an", sagte die Frau des Richters. "So geht das doch nicht. Was sollen denn die Touristen denken?"

"Nun ja, das ist eben chinesisch, Audrey." [betty/Elizabeth spricht]

"Aber nicht new-territories-chinesisch. Schön und gut, dass sie die Leute wegen Graffiti in den neuen Wohntürmen, wo außer ein paar Arbeitern niemand hinkommt, ins Gefängnis werfen, aber was ist denn mit unserem Image hier? Dieser Tempel steht in den Reiseführern. Alle kommen hierher."

"In letzter Zeit offenbar nicht besonders viele", sagte Elizabeth.

"Überrascht mich nicht", sagte Audrey, und dann ließ sie eine Tirade in abscheulichem Kantonesiscch auf das Mädchen los. Es ließ den Kopf hängen und schwieg.

"Wir sollten das melden. Ehrlich. Betty, sprich doch mal mit Edward. Ich spreche mit Ronnie. Wir sorgen dafür, dass die Regierung davon erfährt. Das ist doch unangemessen."

"Aber es ist ihre Religion", sagte Elizabeth. "Das hat doch mit uns gar nichts zu tun. Vielleicht ist den Buddhisten Staub egal."

"Es ist ja nicht nur Staub. Es ist Schlamperei."

"Vernachlässigung", sagte die Frau des Bankers.

"Es ist doch ihre Sache, was sie vernachlässigen", sagte Elizabeth. "Wenn sie das so wollen."

"Die Verwaltung Hongkongs liegt immer noch bei uns", sagte Audrey, und Elizabeth drückte der jungen Frau ein paar Dollar in die Hand, Sie war schwanger.

 

Ich will nicht von Eddies Geschichte ablenken, vergesst diese Szene meinetwegen gleich wieder. Ich finde sie nur so toll in ihrer Klarheit: der Tempel, die beiden Kolonialweiber und Betty, die wenigstens ein bisschen mitfühlt. Ungefähr so wird es dort und damals gewesen sein.

 

Aber jetzt bin ich gleich wieder still mit Betty  :-X

Angelika

Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Hi Christa (jetzt hat bei mir das Zitieren auch nicht geklappt). Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

Veneering ist viel barocker, viel hedonistischer als der verklemmte Eddie. Mehr darf ich jetzt, glaube ich, nicht sagen, Spoilergefahr.

 

Angelika

 

 

Wenn Eddie von Anfang nur als der brutale Richter geschildert worden wäre, der kleine chinesische Untertanen zum Tode verurteilt, hätte ich ihn sicher nicht gemocht, Angelika. Spontan, im ersten Moment, hat mich seine Eleganz eingenommen, die Eleganz der Sprache. Die goldenen, wie schamponierten Härchen an seinen Fingern, die Schuhe die glänzten wie Kastanien, das Seidentuch ...und dann später sein Leben, das die Hintergründe dieser erfolgreichen Karriere, des Reichtums und seiner Neurose, seines Stotterns und seiner Verklemmtheit und Feigheit beleuchtet. Wie Lisa habe ich die Facetten des Täters und des Opfers gesehen und nicht nur bei ihm. Ma Didd wird als eine äußerst brutale Frau geschildert, die ihre Pfleglinge misshandelt und missbraucht, aber auch sie hat eigentlich nur nach Liebe gehungert, während sie herumlief und sich den herunterhängenden Bauch hielt. Die habe ich trotzdem nicht gemocht. Und wenn Betty in dem anderen Buch mit der anderen Perspektive mehr Mitgefühl zeigt als die anderen :-X , dann hätte ich von Ma Didd auch ein klein wenig von dieser Regung erwartet. Insofern war ich nicht traurig darüber, dass sie starb, sondern habe eher um Eddie gebangt.

 

Was das "vorhersehbare Ende" betrifft, hat mich die Autorin übrigens auf eine falsche Fährte geführt, red herring nennt man das, glaube ich. Ich dachte, er hätte als Richter Schuld auf sich geladen, die er niemandem beichten wollte. Oder er hätte eine Affäre gehabt. Was ja auch irgendwie stimmte. (Übrigens fand ich seinen Ausbruch aus Treue und Moral umwerfend, als er zu Isobel geht, statt sich die zertrümmerten Sehenswürdigkeiten Londns anzusehen, wie Queen Mary ihm empfohlen hatte. )Insofern kam für mich das Ende überraschend.

 

Je länger ich über das Buch nachdenke, desto mehr kommt zum Vorschein, Stück für Stück. Wenn man es ganz realistisch auf Logikfehler abklopfen würde, dann ist einiges nicht so ganz stimmig. Ein 80jähriger, der sich nach Jahren, in denen das Auto in der Garage verstaubt ist, in den Bracchialverkehr stürzt und überall heil ankommt? Manchmal zuviel Whisky und keine Folgen? Am Ende wie ein Jungspund im Flugzeug, und dann raus in die Hitze? Aber das sind nur Gedankenmomente, die schnell verfliegen, denn er ist ja gleichzeitig Kind, Jugendlicher, Erwachsener und Greis. Die Cliffhänger fand ich übrigens sehr wohltuend, wenn ich sie auch nicht erwartet hätte.

 

Grüße

Christa

Bearbeitet von Christa
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Ein kurzes Hallo von mir - bin wieder in D, mit dem Buch durch, sehr beeindruckt, will aber erst all eure Kommentare lesen. Habe aber auch schon eine Rezension angesehen über Perlentaucher, danke für den Link, Barbara. Und habe auch das Gefühl, das Buch nochmal, jedenfalls stellenweise, lesen zu müssen, denn ich habe es während einer Zeit gelesen, in der ich sehr viele Eindrücke und Begegnungen verarbeitet habe bzw auch dauernd Entscheidungen treffen musste, sodass ich das Gefühl habe, das Aufnehmen des Inhaltes sei sehr davon gefärbt und einige Stellen habe ich zu flüchtig abgehakt.

Fest steht auf jeden Fall, dass ich auch ein Problem mit dem Anfang hatte, mit dem "Theaterstück", den Sprechern, den Abkürzungen der Sprechernamen. "Hat mich nicht reingezogen :) :) "könnte man sagen, bzw. ich war erst wirklich dabei mit dem ersten Satz über Filths Sauberkeit und den präzisen Formulierungen und der genauen Auswahl, was über Old Filth gesagt und was verschwiegen wird. Im Nachhinein ist mir die Funktion der theater- oder filmhaften Betrachtung klarer geworden.

Um manche Erzählersätze beneide ich die Autorin glühendst.

Zum Beispiel diesen, im Anschluss an die Szene mit Claires Sohn und seiner Frau:

So wird die Welt bevölkert.

(Kann keine Seitenangabe machen, ebook.)

 

Generell finde ich die Erzählhaltung interessant, die gekonnten, blitzlichthaften Perspektivenwechsel.

Zu allem anderen später.

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Ich finde die Sprache des Buches unglaublich altertümlich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, das Buch wurde in den 20er oder 30er Jahren geschrieben.

 

Kannst du das ein bisschen ausführen, Sabine? Ist es die Wortwahl? Der Satzbau? Im Moment kann ich das gar nicht nachvollziehen …

 

 

 

Einen Satz wie: "Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirken stets wie frisch schamponiert ..."

 

würde doch heute niemand mehr schreiben, oder?

 

Ich mochte die Sprache sehr, ich lese auch immer noch gerne Hemingway oder Somerset Maugham, ich war nur wirklich überrascht, dass das Buch 2004 erschienen ist.

 

So, und nun lese ich es zum zweiten Mal zuende, damit ich auch wirklich mitreden kann.

 

Sabine

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Einen Satz wie: "Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirken stets wie frisch schamponiert ..."

 

würde doch heute niemand mehr schreiben, oder?

 

Ich mochte die Sprache sehr, ich lese auch immer noch gerne Hemingway oder Somerset Maugham, ich war nur wirklich überrascht, dass das Buch 2004 erschienen ist.

 

 

  Ging mir übigens genauso, ich dachte, das Buch sei in der Kolonialzeit geschrieben worden und war erstaunt, dass es 2004 erchienen ist. Da war Jane Gardam 76 Jahre alt. So etwas muss man erst mal hinkriegen, die Sprache und in dem Alter.

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Einen Satz wie: "Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirken stets wie frisch schamponiert ..."

 

würde doch heute niemand mehr schreiben, oder?

 

 

Echt nicht? Warum nicht? Das Charakterisieren über kleine Details ist doch nicht out? Und diese Art, ganz leise über die Figur zu spötteln, empfinde ich sogar als ziemlich modern.

Seid ihr sicher, dass ihr nicht eher die Figur als altertümlich empfindet? Also diesen Menschen, den man über seine frisch schamponierten Fingerhärchen charakterisieren kann?

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Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

 Allerdings hat er schlaflose Nächte, wenn er jemanden zum Tode verurteilen musste.  Und seine Frau Betty ist diejenige, die ihm daraufhin mit dem ziemlich zweifelhaften Gedanken kommt, der Verurteilte wolle vermutlich sterben, und sich dann auf die Seite dreht und weiterschläft. Während Eddie Jahrzehnte später mit Bezug auf die Todesstrafe zu der jungen Anwältin sagt: "Ich glaube, dass wir der Geschichte fast gar nichts verzeihen sollten." (S. 214)

 

Seinen Reichtum verdankt er auch nicht dem Richteramt, sondern einem chinesischem Anwalt, der ihm lukrativste Jobs als Anwalt für die einheimischen (chinesischen) Geschäftsleuten in ganz Südostasien verschafft.

 

Dass er seinen "Dienst tun" will, sagt er im Krieg gegen Hitlerdeutschland, nicht bezogen aufs britische Empire. Er geht ja auch nicht als Kolonialbeamter nach Asien, sondern eben als Anwalt.

 

Seine einzigen Erinnerungen an Wärme und Geborgenheit sind mit Malaysia, mit der malayischen Sprache verknüpft.

 

Natürlich ist Old Filth ein Vertreter der Oberschicht. Und es stimmt, dass der Kolonialismus im Roman nirgendwo grundlegend kritisiert wird. Allerdings finde ich auch nirgendwo Ansätze von Rassismus oder einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den "nicht-weißen" Menschen. Letztere kommen im Gegenteil sehr positiv weg. Welche politische Haltung die Autorin vertritt, könnte ich aus diesem Roman nicht ableiten. Klar finde ich nur, dass sie sich beim Schreiben nicht für politische Positionen interessiert hat (auch die Nazis sind ja nirgendwo Thema), sondern für individuelle Charaktere. Klar kann man ihr vorwerfen, dass sie sich dabei auf Personen aus der Oberschicht konzentriert. Ich finde es aber unfair dem Roman gegenüber, diese Personen im Nachhinein zu typischen Vertretern einer Kaste zu stempeln. Damit würde man genau das, was hier erzählt wird, einfach vom Tisch wischen.

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Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

 Allerdings hat er schlaflose Nächte, wenn er jemanden zum Tode verurteilen musste.  Und seine Frau Betty ist diejenige, die ihm daraufhin mit dem ziemlich zweifelhaften Gedanken kommt, der Verurteilte wolle vermutlich sterben, und sich dann auf die Seite dreht und weiterschläft. Während Eddie Jahrzehnte später mit Bezug auf die Todesstrafe zu der jungen Anwältin sagt: "Ich glaube, dass wir der Geschichte fast gar nichts verzeihen sollten." (S. 214)

 

Seinen Reichtum verdankt er auch nicht dem Richteramt, sondern einem chinesischem Anwalt, der ihm lukrativste Jobs als Anwalt für die einheimischen (chinesischen) Geschäftsleuten in ganz Südostasien verschafft.

 

Dass er seinen "Dienst tun" will, sagt er im Krieg gegen Hitlerdeutschland, nicht bezogen aufs britische Empire. Er geht ja auch nicht als Kolonialbeamter nach Asien, sondern eben als Anwalt.

 

Seine einzigen Erinnerungen an Wärme und Geborgenheit sind mit Malaysia, mit der malayischen Sprache verknüpft.

 

Natürlich ist Old Filth ein Vertreter der Oberschicht. Und es stimmt, dass der Kolonialismus im Roman nirgendwo grundlegend kritisiert wird. Allerdings finde ich auch nirgendwo Ansätze von Rassismus oder einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den "nicht-weißen" Menschen. Letztere kommen im Gegenteil sehr positiv weg. Welche politische Haltung die Autorin vertritt, könnte ich aus diesem Roman nicht ableiten. Klar finde ich nur, dass sie sich beim Schreiben nicht für politische Positionen interessiert hat (auch die Nazis sind ja nirgendwo Thema), sondern für individuelle Charaktere. Klar kann man ihr vorwerfen, dass sie sich dabei auf Personen aus der Oberschicht konzentriert. Ich finde es aber unfair dem Roman gegenüber, diese Personen im Nachhinein zu typischen Vertretern einer Kaste zu stempeln. Damit würde man genau das, was hier erzählt wird, einfach vom Tisch wischen.

 

Liebe Barbara,

während ich hier noch nach der Stelle mit der schlaflosen Nacht und das Gespräch über die Todesstrafe suche, hast du schon geantwortet :-) Ich mache es mir jetzt mal saueinfach und zitiere, was du schreibst, um deutlicher zu machen, wie ich meine erste Antwort auf Angelikas Post gemeint habe. So klar wie du krieg ich das bei der Hitze irgendwie nicht hin :-)

 

Die Szene, die du aus dem zweiten Buch zitierst, Angelika, habe ich persönlich anders wahrgenommen. Dass Betty der jungen Chinesin am Ende Geld gibt, fand ich an dieser Stelle verlogen und gönnerhaft. Geld = Mitgefühl. Und auch ihr Widerspruch ist ja sehr zaghaft. Aber das ist ja das Schöne beim Lesen, dass die Figuren unterschiedlich wahrgenommen werden!

 

Dass die Widmung für die Raj-Waisen die politische Haltung der Autorin gegenüber dem Empire zeigt, kann ich ehrlich gesagt so nicht nachvollziehen. Dass sie diese Raj-Waisen in ihrem Roman als Opfer und als Täter zeigt, ist für mich schon eine deutliche Kritik am Empire. Dazu passt auch der von Barbara zitierte Satz von Old Flith von Seite 214.

 

Das nur schnell im Vorbeiflug. Jetzt geht es auf den Spielplatz :-)

Liebe Grüße

Lisa

Bearbeitet von Lisa
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Um das schnell klarzustellen: Der Erzähler macht Eddie nicht runter, der zeigt ihn nur und das auch mal so nah und verletzlich (Fingernägel, Schamhaar), dass man mit Recht sagen kann: Der sympathisiert wohl mit ihm. Aber ich tu das nicht. Ich finde es ja gerade gut, dass die Autorin so realistisch schreibt: Ja, so waren sie wohl, die alten Kolonialherren: neurotisch, verklemmt, feige und ihrer Nation unreflektiert aufs Innigste verbunden ("ich möchte meinen Dienst leisten" o.ä.) Wenn du so einem leibhaftig begegnet wärest – hättest du ihn gemocht? Einen Mann, der andere (kleine chinesische Untertanen) zum Tode verurteilt?

 

 Allerdings hat er schlaflose Nächte, wenn er jemanden zum Tode verurteilen musste.  Und seine Frau Betty ist diejenige, die ihm daraufhin mit dem ziemlich zweifelhaften Gedanken kommt, der Verurteilte wolle vermutlich sterben, und sich dann auf die Seite dreht und weiterschläft. Während Eddie Jahrzehnte später mit Bezug auf die Todesstrafe zu der jungen Anwältin sagt: "Ich glaube, dass wir der Geschichte fast gar nichts verzeihen sollten." (S. 214)

 

... 

 

Natürlich ist Old Filth ein Vertreter der Oberschicht. Und es stimmt, dass der Kolonialismus im Roman nirgendwo grundlegend kritisiert wird. Allerdings finde ich auch nirgendwo Ansätze von Rassismus oder einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den "nicht-weißen" Menschen. Letztere kommen im Gegenteil sehr positiv weg. Welche politische Haltung die Autorin vertritt, könnte ich aus diesem Roman nicht ableiten. Klar finde ich nur, dass sie sich beim Schreiben nicht für politische Positionen interessiert hat (auch die Nazis sind ja nirgendwo Thema), sondern für individuelle Charaktere. Klar kann man ihr vorwerfen, dass sie sich dabei auf Personen aus der Oberschicht konzentriert. Ich finde es aber unfair dem Roman gegenüber, diese Personen im Nachhinein zu typischen Vertretern einer Kaste zu stempeln. Damit würde man genau das, was hier erzählt wird, einfach vom Tisch wischen.

 

 

Das mit dem "musste" mal dahingestellt: Natürlich hat er schlaflose Nächte. Er ist doch nicht aus Stein. Ich finde ihn ja gerade deshalb so ausgezeichnet beschrieben mit so viel Widersprüchen in Psyche und Leben. Wahrscheinlich habe ich mich missverständlich ausgedrückt: Ich verlange auch gar nicht, dass die Autorin ein flammendes Bekenntnis gegen Rassismus ablegt. Ich glaube aber, dass sie in der Tat einen Roman über die Epoche schreiben wollte. Mit einem recht typischen Vertreter der britischen Hoheit über Hongkong. Den hat sie nicht als Klischee, sondern als Individuum gezeichnet, was super gelungen ist. Aber in dem Individuum steckt ein Typ, ich verstehe den ganzen Roman so, dass sie immer wieder sagen will: Seht her, so war das damals, so waren die, meinetwegen: So waren wir. Gut!!
 
Und dann setzt sie am Ende so einen gewaltigen Tusch mit diesem kindlichen Mord (der kilometerweise zu riechen war, genauso, wie der Titel "untadelig" ja schon sagt, dass es was zu tadeln geben wird, wie die sauberen Fingernägel die Fallhöhe vorgeben: Wartet mal, was unter der weißen Weste steckt!) – und damit macht sie alles, was er ist – und was er verkörpert! – so unwidersprechlich. Also, so kommt es mir vor und das ist alles, was ich bemängle.
 
@ Sabine: Dass man heute so nicht mehr schreibt, davon wüsste ich jetzt auch nichts. Leben wir nicht in der Postmoderne? Anything goes?
 
@ Claudia: Ja, bei dem Satz habe ich auch geschnurrt. Und bei etlichen anderen.
 
Angelika
Bearbeitet von Angelika Jo

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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