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(BarbaraE)

Historische Romane - wie wahr(haftig) sind diese?

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Margot:

Tja, vorbei war es mit der „Wahrhaftigkeit“. Ich schrieb die Figur nach heutigen Maßstäben um und alle waren zufrieden. Also kann man noch so wahrhaftig sein wollen, wenn’s nicht goutiert wird, bleibt es nur „autorisches“ Wunschdenken.

 

Danke Margot, dies war ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wir gezwungen sind, die Werteparameter der Vergangenheit den heutigen anzupassen. Das, was ich eingangs versuchte mit der kritischen Betrachtung der »Wahrhaftigkeit« in Bezug auf historische Genauigkeit (im Sinne von konkreter Wiedergabe von Gegenständen, Kleidung, Einfügung in hist. Ereignisse u.s.w.) auszudrücken, betrifft u.a. dieses Dilemma. Denn dazu gehörte noch viel mehr, eben diese anderen Werteparameter, die das Leben bestimmten. Daher trifft dieser Gedanke zu Ende gedacht genau dies, was Tom schrieb:

 

Tom

meiner Meinung nach wären in jeder Hinsicht authentische (meinetwegen »wahrhaftige«) historische Romane eher ungenießbar, würden aber mindestens eine kleinere Leserschaft erreichen.[/Quote]

 

Und ich bin ehrlich gesagt etwas bestürzt, wie hier Toms Meinung ständig zerstückelt wird, mit dem m.M.n. sehr  allgemeinen Argument, dass die Menschen schon immer so waren, wie sie eben sind, und geliebt und gelitten haben, ihren Bedürfnissen hinterhergerannt sind u.s.w.

Ja, aber eben jeweils innerhalb der in ihrer Zeit gültigen Normen und Werte, und die wurden sehr wohl anders interpretiert. Hauptlust- und -last-Beispiel »die Liebe«, diese ist sehr wohl für uns von einer romantisch-bürgerlichen Idealisierung umgeben, und kaum ist es möglich, diese Brille abzusetzen und einen glaubwürdigen Romanplot ohne diese moderne Adaption in Beziehungsgeschichten einfließen zu lassen.

 

Auch gut getroffen, diese Aussage von Thomas:

Und Selbstverwirklichung ist ebenfalls eine Vorstellung, die nicht ins Mittelalter gehört- weil dort niemand zu seinem wahren Selbst findet, indem er eine Tätigkeit ausübt- sondern die Tätigkeit und der Stand eine Person definieren und wie er seine Tätigkeit ausübt. [/Quote]

 

Die ständische Gesellschaft im Gegensatz zur bürgerlichen, die wir fest verankert haben, in der das Ich seinen Stellenwert hat, ist die Hürde.

Der Spagat, dies alles  i n n e r h a l b  des Romans »wahrhaftig« bzw. glaubwürdig zu verbinden, der ist das Problem.:

 

 Thomas:

Ich könnte diese Aufzählung gerne fortsetzen oder in den vielen historischen Romanen die kleinen und größeren Recherchefehler aufzählen, die unpassenden Zusammenhänge und vieles mehr. Ich persönlich finde diese aber nur dann störend, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Geschichte stören.

 

Genau, den Faktor des Störenden zu erkennen, seinen Protas, der Geschichte trotzdem die »Wahrhaftigkeit« mitgeben zu können, dem Verlag und dem Leser gerecht zu werden, scheint mir die eigentliche Aufgabe. Es ist schade und müßig, darüber nachzugrübeln. - Daher darf Margots Adelige ihre Kinder nicht einer Amme und Kinderfrau übergeben. Ich hatte eine Schauspielerin, verheiratet mit Kindern, die ein Protegéverhältnis mit einem einflussreichen Adeleigen einging; null Chance für den allgemeinen Markt > ab in den Kleinverlag.

 

Thomas:

Manche Bücher sind auf widersprechende Weise wahrhaftig. Denn es gibt in der Geschichte wie in der Fiktion nicht die eine Wahrheit, sondern nur Möglichkeiten, Spektren der Wahrheit, so dass jede Betrachtung der Geschichte immer mehr über die Zeit aussagt, aus der sie stammt, als über die Zeit, die sie betrachtet. [/Quote]

 

Das klingt sehr versöhnlich, und ich muss dem letzten Satz vollständig zustimmen. Wir können nicht aus unserer Zeit hinaus- und zurückschreiben. Selbst wenn wir die Ammen und libertinistischen Verhältnisse des 18. Jhd. lassen dürften, bliebe noch ein Universum an Unbestimmtheit, was die Glaubwürdigkeit von Äußerungen, Handlungen und Entscheidungen, Schilderung von Gefühlsregungen, allein von Landschaften, die Stimmung projezieren, die ihren Ursprung in heutigen Werteparametern nicht leugnen können. Denn letztlich kennen wir die Gedankenwelt der Menschen von »damals« kaum, und schreiben für moderne Leser.

Im Übrigen muss man sich auch heute noch die Idealisierung seiner Lebens- und Liebeswelt »leisten« können.

 

LG

Bea

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca

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Ihr seid zwei Schätze. danke, habt mich vor Verzweiflung bewahrt. Schreibs mir hinter die Ohren.

Bea

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca

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Hallo zusammen,

 

erst einmal noch ein paar Worte zur Quellenlage:

Im Mittelalter gibt es das Problem, dass für bestimmte Gruppen von Menschen, bestimmte Zeiten und viele Fragestellungen nicht hinreichend schriftliche Quellen vorhanden sind. Deshalb werden auch immer andere Quellen verwendet. Und ja, auch dann ist die Quellenlage vielfach zu dünn.

 

Zu allgemeinen Werken über das Mittelalter:

Interessant ist z.B.

Shahar: Kindheit im Mittelalter, 1993

" : Die Frau im Mittelalter, 1981

Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen MA.

Borst: Lebensformen im MA.

Henning: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Dtland.

Otto Brunner: Land und Herrschaft

Mitteis: Lehnrecht und Staatsgewalt/ Der Staat des hohen MA

Boockmann: Die Stadt im späten MA, 1986

Ennen; Die europäische Stadt des MA

Rösener: Bauern im MA/ Strukturen der Grundherrschaft im frühen MA

Patzold: Das Lehnswesen, 2012

Achtung: viele Bücher sind in Teilen veraltet, es sind aber grundlegende Darstellungen.

 

Bei den Innovationen ist es z.B. so, dass Wissen über Lehrverhältnisse mündlich tradiert/ weitergegeben wird. Somit ist das Wissen eben sehr speziell und auf die jeweiligen Anforderungen ausgerichtet. Innovationen sind so wesentlich schwieriger.

Die Umstellung auf die 3-Felder-Wirtschaft kommt z.B. vermutlich aus dem Raum, in denen es römische Villikationen gab. Villikationen sind römische villas, also landwirtschaftliche Großbetriebe oft mit mehr als 500 ha, in denen in der Spätantike Sklaven das Land bewirtschaftet haben. Dort wurde diese Landwirtschaft praktiziert, siehe die antiken Schreiber. Über Landschaftsaufnahmen kannst du nachvollziehen, wie sich diese Form der Landwirtschaft nach und nach in andere Regionen verbreitete.

 

Wichtige Zentren für solche Innovationen sind in dieser Zeit Byzanz, der arabische Raum und Spanien.

Manche Innovationen kommen über die Skriptorien von Klöstern, siehe die spanischen Übersetzungswerkstätten für antike Texte, andere kommen aus der Erfahrung mit dem eigenen Handwerk und der Weiterentwicklung und Ergänzung dieser Erfahrungen mit anderen aus anderen Bereichen.

 

Zu den Kirchen:

Die Bilderzyklen in den Kirchen dienen den Menschen, die nicht lesen können, einen Zugang zu biblischen Geschichten zu bieten. Sie sind ein Versuch die Bibel greifbar zu machen.

 

Und zurück zur Liebe:

Das Mittelalter ist eine ständige Gesellschaft. Daraus ergeben sich eine ganze Menge Folgen für die Liebe und Liebesbeziehungen. Das bedeutet nicht, dass die Liebe keine Rolle gespielt hat- aber welche, muss wohl jeder selber einschätzen. Ich habe nie bestritten, dass Menschen sich verliebt haben. Die Bedeutung für die Partnerwahl ist nur nicht sehr hoch.

 

Wahrscheinlich sollte man Geschichte nicht den Historikern überlassen. Der historische Mensch besteht nicht nur aus den dürren Quellen, die uns geblieben sind. Das wäre den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Jeder Psychologe weiß eine Menge über Motivation. Jeder Biologe kann menschliche Triebe erklären und warum diese in der Evolution entstanden sind und uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Dazu gehört die Liebe ebenso wie das Streben nach Dominanz innerhalb einer sozialen Ordnung oder der Territorialtrieb. Und jeder Evolutionswissenschaftler kann zeigen, dass der Mensch sich in den letzten 50.000 Jahren genetisch kaum verändert hat.

 

Kann ich nur unterschreiben:

Du vergisst aber eine noch viel wichtigere Gruppe: Die Autoren.

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Hallo Bea,

 

idealisierte Liebe? Nö, davon hab ich hier nie gesprochen. Ich rede von dem Gefühl, das im Bauch entsteht, wenn sich zwei finden. Dass jeder Mensch in den Normen seiner jeweiligen Gesellschaft lebt, das hab ich auch mehrfach betont. Eine gute Geschichte entsteht dann, wenn das Gefühl/Bedüfnis gegen das Hindernis einer gesellschaftlichen Norm stößt. Dann habe ich einen Konflikt über den ich was erzählen kann und zwar quer durch alle Zeiten.

Und ich persönlich habe noch nie das Gefühl gehabt, für 'moderne Leser' schreiben zu müssen, denen ich irgendetwas übersetzen muss. Mir hat auch noch kein Verlag in meine Geschichten reingeredet, im Gegenteil.

 

Viele Grüße

Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Ich halte es nicht für ganz zulässig, die Wünsche eines Verlages gegenüber [eines] Autors [/i] als Kriterium dafür zu nehmen, dass man nicht authentische historische Verhältnisse im Roman einfließen lassen kann.

 

Es kommt auf die Darstellung an, damit die Leser verstehen, warum beispielsweise Kinder von Ammen, nicht von der Mutter genährt wurden, von Kinderfrauen aufgezogen und mit sieben Jahren als Pagen an einen fremden Hof oder zu einem Handwerker in die Lehre geschickt wurden. Alles das ist zur Genüge in historischen Romanen beschrieben worden.

 

Ansonsten hat Ulf sehr gut beschrieben, was die Problematik zwischen wissenschaftlichem Denken und - ich nenne es mangels besserem Ausdruck - ganzheitlichen Denken ausmacht.

Die Faktenlage kann man wissenschaftlich auswerten - aber die Brille, mit der man das tut, besitzt einen Filter.

 

Stellen wir und einen Menschen vor, der in fünfhundert Jahren ein Exemplar des Generalanzeigers von heute in den Händen hält und versucht, sich daraus das Weltbild unserer Zeit zu schnitzen.

 

Wär mal einen Roman wert, oder? :)

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Wenn man sich z.B. eine sehr alte Quelle ansieht, die jeder kennt, weiß man, dass die Grundbedürfnisse der Menschen immer gegeben waren - inkl. der verzehrenden Liebe, die keine Grenzen kennt.

 

Man muss sich dazu nur mal das Alte Testament der Bibel ansehen.

Wenn man sich die biblische Geschichte anschaut, wird man dort letztlich alles wiederfinden, was man auch im modernen Menschen findet.

 

Und allein schon die 10 Gebote sind doch eine hervorragende Aufzählung dessen, was Menschen eigentlich gern getan haben, aber im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens nicht tun sollten.

 

Gruß, Melanie

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Stellen wir und einen Menschen vor, der in fünfhundert Jahren ein Exemplar des Generalanzeigers von heute in den Händen hält und versucht, sich daraus das Weltbild unserer Zeit zu schnitzen.

 

Wär mal einen Roman wert, oder?  :)

 

Tja, in fünfhundert Jahren geht man dann davon aus, dass alle Kinder sexuell missbraucht wurden - entweder von den eigenen Angehörigen, in Internaten oder von Priestern.

Außerdem glaubt man dann vielleicht, die meisten Leute starben bei Flugzeugunglücken oder Autounfällen.

Glückliche Ehen gibt es nicht, sondern sie werden alle geschieden und gehen oft mit Mord und Totschlag einher (wenn die Ehepartner dazu noch Zeit haben, weil sie ja auch noch ihre Kinder missbrauchen müssen - aber dafür hat man ja auch zum Glück Eliteinternate oder den Priester von nebenan, der hilfreich zur Seite steht :s22)

 

Könnte wirklich ein spannender "historischer" Roman werden.

 

Gruß, Melanie

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Ich glaube, das Problem, das manche Leute mit historischen Romanen haben, ist eben der Umstand, dass da meistens Menschen im Mittelpunkt stehen, die ihrer Zeit etwas voraus sind, also aufgeschlossener und liberaler denken als die meisten ihrer Zeitgenossen. Allerdings gab es - wie Tom ja, glaube ich, selbst einräumte - in der Tat solche Ausnahmen. Hätte es sie nicht gegeben, hätte die Menschheit sich nicht weiterentwickelt. Sie trieben das voran. Dem modernen Menschen sind sie natürlich sympathischer und näher, daher wählt man sie als Hauptfigur.

 

Nehmen wir mal die so häufig bemängelte "starke Frau". Ich weigere mich zu glauben, dass sämtliche Frauen der Vergangenheit unterwürfige Weibchen waren, und es gibt durchaus Hinweise, dass manche versuchten, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nur waren diese wohl tatsächlich eher die Ausnahme als die Regel. Im HR verhält es sich genau umgekehrt. ;D

 

Kurz gesagt: man könnte etlichen historischen Romanen vorwerfen, dass die Hauptfiguren nicht absolut typisch für ihre Zeit sind. Das ließe sich schon über diesen William von Baskerville aus "Der Name der Rose" sagen. Deshalb ist eine solche Charakterisierung aber nicht zwingend unrealistisch. Wenn ich in Rezensionen lese: "Das hätte doch eine Frau/ ein Vater/ eine Tochter etc. damals nie gemacht!", bekomme ich immer Lust, den Rezensenten zu fragen, woher er denn so genau wissen will, wie sich ALLE Leute eines vergangenen Jahrhunderts benommen haben.

 

Was Bea anspricht, ist ein anderes Problem. Man wird in Unterhaltungsromanen gedrängt, Figuren zu schaffen, die den Lesern sympathisch sind und nicht zu sehr gegen deren moralisches Empfinden verstoßen. Ein Paar, das sich zwar innig liebt, aber in beiderseitigem Einvernehmen freie Liebe praktiziert, wäre im Mittelpunkt eines Liebesromans wohl immer problematisch. Ebenso vielleicht ein Liebhaber, der bisexuell veranlagt ist, selbst wenn er schließlich beschließt, seiner Liebsten nun auf alle Ewigkeit treu zu sein und von hübschen Jungs die Finger zu lassen. Vor diesem Hintergrund muss man (leider) auch manchmal historische Fakten ein klein wenig glätten (bzw. wird dazu gedrängt.)

 

Viele Grüße

 

Tereza

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Hallo Andrea S.,

 

Ansonsten hat Ulf sehr gut beschrieben, was die Problematik zwischen wissenschaftlichem Denken und - ich nenne es mangels besserem Ausdruck - ganzheitlichen Denken ausmacht.

Die Faktenlage kann man wissenschaftlich auswerten - aber die Brille, mit der man das tut, besitzt einen Filter.

 

Da du auch gerne mal polemisch formulierst: Das ist genau der Grund, warum manchmal wesentliche Zusammenhänge in historischen Romanen nicht stimmen bzw. die Recherchefehler einfach die Lektüre verleiden.

 

Denn natürlich hast du Recht mit der Brille. Aber die Frage ist, ob du dich mit deinem "gesamtheitlichen Denken" wirklich einer Zeit annäherst oder du die Zeit an dich heran holst- und ja, das ist ein wesentlicher Unterschied. Denn wir haben alle eine (oder mehrere) Brillen auf, wenn wir die Vergangenheit betrachten. Und an dieser Stelle kann manchmal eben durch eine falsche Annahme genau das passieren, was Tom früher im Thread so kritisiert hat.

 

Zweifellos müssen leere Stellen gefüllt werden. Jeder Autor muss sich zwischen unterschiedlichen Haltungen und Meinungen zu einer Sache entscheiden bzw. eine eigene finden.

Aber die Zahl an Halbwahrheiten und Unwahrheiten/ Vorurteilen, die immer wieder in historischen Romane auftauchen, ist gewaltig. Weil eben bestimmte Zusammenhänge nicht klar sind und bestimmte Annahmen unkritisch übernommen werden.

Nur um ein paar Klassiker zu nennen:

Jeder konnte in ein Kloster eintreten (Jeder Freie konnte als Laienbruder eintreten, aber um Mönch oder Nonne zu werden, musste man umfangreiche Pfründe einbringen; Viele Klöster haben nur Adlige als Mönche und Nonnen angenommen);

Burgen wurden erstürmt (ist eine absolute Ausnahme im MA- die meisten Burgen wurden belagert);

Übertragung bestimmter romantisierender Rittervorstellungen auf die Wirklichkeit über Einzelpersonenen hinaus;

 

Und zu diesen üblichen Fehlern kommen dann halt Fehleinschätzungen zur Ausübung von Herrschaft im Mittelalter, rechtliche Stellung von Adligen und Leibeigenen, zu einer ständischen Gesellschaft, zum Wert von bestimmten Dingen, mittelalterlichen Heerführung oder Burgenbau, ...

 

Und zum Generalanzeiger: Der Fachausdruck ist Quellenkritik. Jede Quelle kann bestimmte Dinge leisten und andere nicht. Das unterscheidet übrigens Historiker von vielen Laien, weil dies im Zentrum der Arbeit eines Historikers steht.

Ich muss bei jeder Quelle und aller Literatur dazu immer prüfen, ob der aktuelle Kenntnisstand und die Quellenkritik meine Deutung erlauben und dies umfangreich begründen. Deshalb ist es auch so schwer Überblicksbücher zu empfehlen, da diese ständig überarbeitet werden müssen, um halbwegs aktuell zu sein- siehe Otto Brunner.

Die erste Ausgabe 1939 und viele weitere Ausgaben bis 1986 enthalten Teile, in denen faschistisches Gedankengut klar erkennbar wird. Deshalb muss man genau wissen, wie dieses verwendet wird, wann und in welchem Zusammenhang. Andere Teile sind bis heute aktuell, wieder andere sind längst revidiert oder es gibt ähnlich gut begründete andere Sichtweisen.

Somit muss man zu Brunner immer auch andere Autoren lesen, bis hin zu aktuellen Artikeln aus Fachzeitschriften, um wirklich umfassend informiert zu sein.

Ganzheitliche Herangehensweise kann da funktionieren, kann aber auch an manchen Stellen eben zu deutlichen Fehleinschätzungen führen.

 

Gruss

 

Thomas

 

P.S.: Damit verabschiede ich mich auch aus der Diskussion, da diese mir zu viel Schreibzeit raubt.

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Und zum Generalanzeiger: Der Fachausdruck ist Quellenkritik. Jede Quelle kann bestimmte Dinge leisten und andere nicht. Das unterscheidet übrigens Historiker von vielen Laien, weil dies im Zentrum der Arbeit eines Historikers steht.

Ich muss bei jeder Quelle und aller Literatur dazu immer prüfen, ob der aktuelle Kenntnisstand und die Quellenkritik meine Deutung erlauben und dies umfangreich begründen. Deshalb ist es auch so schwer Überblicksbücher zu empfehlen, da diese ständig überarbeitet werden müssen, um halbwegs aktuell zu sein- siehe Otto Brunner.

Die erste Ausgabe 1939 und viele weitere Ausgaben bis 1986 enthalten Teile, in denen faschistisches Gedankengut klar erkennbar wird. Deshalb muss man genau wissen, wie dieses verwendet wird, wann und in welchem Zusammenhang. Andere Teile sind bis heute aktuell, wieder andere sind längst revidiert oder es gibt ähnlich gut begründete andere Sichtweisen.

Somit muss man zu Brunner immer auch andere Autoren lesen, bis hin zu aktuellen Artikeln aus Fachzeitschriften, um wirklich umfassend informiert zu sein.

Ganzheitliche Herangehensweise kann da funktionieren, kann aber auch an manchen Stellen eben zu deutlichen Fehleinschätzungen führen.

 

Wie ich schon weiter oben anführte - auch der Historiker interpretiert aus seinem eigenen Weltbild heraus - hat dann aber, wie diese Ausführungen ergeben, auch keinen Absolutheitsanspruch. Weil Quellen sich im Nachhinein als falsch interpretiert herausstellten.

 

Ein Autor, der einen fundiert recherchierten Roman schreibt, ist deshalb natürlich auch nicht vor denselben Fehlern gefeit. Aber er schreibt auch kein Sachbuch, sondern einen Roman. Und ein Roman ist eine Annäherung an die Menschen der damaligen Zeit - weil das eben das ist, was der Historiker nicht leisten kann - um die Menschen spürbar und erlebbar zu machen, ist der Autor gefragt. Was heute ja auch in populärwissenschaftlichen Dokumentationen im Fernsehen geschieht. Man betrachte nur Serien wie Terra X - in den 80er Jahren wurden archäologische Stätten besucht, man sah Wissenschaftler, die vor alten Bildern und Ausgrabungsgegenständen erklärten, was damals geschehen war. Heutzusage kriegt man immer noch ein kleines Spielfilmchen mitgeliefert, in dem die historischen Figuren von Schauspielern zum Leben erweckt werden. Ist das jetzt weniger wahrhaftig, weil es unterhaltend illustriert ist?

 

Gruß, Melanie

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Hallo Melanie,

 

nur in Kürze: Ich habe auf die eigene Brille hingewiesen, die jeder hat, selbstverständlich auch Wissenschaftler. Ich habe auf die Bedeutung von historischen Romanen hingewiesen und dass Historiker jede Menge Fehlschlüsse produzieren.

Ich weise nur daraufhin, dass der Vergleich mit dem Generalanzeiger hinkt... und dass auch "gesamtheitliches Denken", so wie Andrea es beschreibt, wie ein wissenschaftlicher Zugang, seine eigene "Blindstellen" hat. (Und ja, die Wissenschaft hat viele Blindstellen- weshalb bestimmte Aspekte des Mittelalters bis heute kaum beachtet werden.)

 

Die Spielstellen haben übrigens auch ihre "Blindstellen", weil sie eben immer Interpretation von Interpretation sind- und somit einerseits gut, weil sie Menschen für das Thema interessieren, und schlecht, weil sie immer auch Fiktion sind und dies nicht, wie bei einem Roman, kenntlich gemacht wird.

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Für mich war während meines Geschichtsstudiums immer wieder frappierend, festzustellen, dass Quellen auch nur bedingt verlässlich sind. Ob altägyptische Inschriften, römische Geschichtsschreiber oder mittelalterliche Klosterannalen, hinter jedem Schriftstück standen Menschen mit politischen und weltanschaulichen Überzeugungen. Insofern sind alle Überlieferungen subjektiv gefärbt und eine Interpretation nicht nur möglich, sondern oft sogar notwendig. Die Schwierigkeit besteht darin, sich von unseren heutigen Kenntnissen zu lösen und den Versuch zu machen, die zur Verfügung stehenden Informationen mit dem Wissen und den Verhaltensweisen der damaligen Zeit in Einklang zu bringen. Das ist oft schwierig und manchmal sogar unmöglich, wenn die Faktenlage zu dünn ist. Deshalb sollte man historischen Romanen gewisse Freiheiten gestatten, sofern die erzählten Geschichten in sich stimmig sind.

Das neue Jugendbuch: "Der Reiter des Königs"&&Homepage Burkhard P. Bierschenck

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Für mich war während meines Geschichtsstudiums immer wieder frappierend' date=' festzustellen, dass Quellen auch nur bedingt verlässlich sind. Ob altägyptische Inschriften, römische Geschichtsschreiber oder mittelalterliche Klosterannalen, hinter jedem Schriftstück standen Menschen mit politischen und weltanschaulichen Überzeugungen. Insofern sind alle Überlieferungen subjektiv gefärbt und eine Interpretation nicht nur möglich, sondern oft sogar notwendig. Die Schwierigkeit besteht darin, sich von unseren heutigen Kenntnissen zu lösen und den Versuch zu machen, die zur Verfügung stehenden Informationen mit dem Wissen und den Verhaltensweisen der damaligen Zeit in Einklang zu bringen. Das ist oft schwierig und manchmal sogar unmöglich, wenn die Faktenlage zu dünn ist. Deshalb sollte man historischen Romanen gewisse Freiheiten gestatten, sofern die erzählten Geschichten in sich stimmig sind.[/quote']

 

Das ist völlig richtig, Burkhard. Ich fühle mich als Autor aber erst sicher, wenn ich mich zuvor gründlich genug informiert habe. Dann erst kann ich locker und frei schreiben und habe bei aller gebotenen Faktentreue großen Spaß am Fabulieren.

 

LG

Helene

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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Ich fühle mich als Autor aber erst sicher, wenn ich mich zuvor gründlich genug informiert habe. Dann erst kann ich locker und frei schreiben und habe bei aller gebotenen Faktentreue großen Spaß am Fabulieren.

 

Ja, das ist das, was ich immer so umschreibe: ich möchte den Tanzboden genau kennen, auf dem ich mich bewege, es muss dem Leser aber nicht detailliert auf die Nase gebunden werden (und die Story braucht ihre Freiheit) – kein Geschichtsunterricht in Romanform.

 

Ja, Burkhard, sehr genau, das Problem der Quelle an sich, diese in ihrer Entstehung, ihrer Herkunft u.s.w. einzuordnen, zu interpretieren ist noch ein Knackpunkt. Wer hat was wieso unter welchen Umständen aufgezeichnet.

 

Was Bea anspricht, ist ein anderes Problem. Man wird in Unterhaltungsromanen gedrängt, Figuren zu schaffen, die den Lesern sympathisch sind und nicht zu sehr gegen deren moralisches Empfinden verstoßen.
 

Danke. – Und dieses moralische Empfinden verhindert m.M.n. so manche wahrhaftige Darstellung, gut, wie immer man die auslegt. Denn ich denke, dass es tatsächlich die starken Frauen gab, die ganz und gar nicht rechtlos und hilflos gewesen sind, und wenn es darum ging, ihre Liebe und Leidenschaft zu erleben, durchaus wussten wie.

Schöne Woche.

Bea

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca

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Hallo nochmal,

 

um die Klammer zum ersten Posting zu schließen: Der Vortrag von Tanja Kinkel ist jetzt bei Youtube online: Es geht um die Wahrheit im historischen Roman und ihren neuen Roman "Manduchai - die letzte Kriegerkönigin".

 

(Link ungültig)

 

Liebe Grüße

Eure Barbara

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Letztlich ist der Versuch, sich in das Denken und Fühlen anderer Zeiten hineinzuversetzen immer eine Projektion der Autoren, gesteuert von mindestens drei Parametern:

 

- (angebliches) historisches Wissen

- Zweck des Werks (eher erzählte Geschichte oder eine Geschichte erzählen aus der Vergangenheit)

- eigene Persönlichkeit/Weltbild

 

Das zeigt M.E. diese Diskussion sehr deutlich. Erfreulich: Es kommen immer wieder wunderschöne Bücher dabei heraus!

 

Ein Beispiel, wie weit die Sicht auf Geschichte divergiert, ist "Mittelalter" und Gewalt (MA=1000 Jahre!).

Es gibt wohl kein Zeitalter, das grausamer ist, als die Neuzeit, die Zeit, in der wir leben. Boko Haram, Isis, Afghanistan, Sudan, Nah-Ost-Konflikt, Zwangsprostitution in Deutschland: täglich werden zehntausende Menschen ermordet, vergewaltigt und vertrieben: Sie werden bei lebendigem Leibe verbrannt, verstümmelt und von Bomben zerfetzt. Hunderte von Millionen haben keine Zugang zu sauberem Wasser, Millionen Kinder (ver)hungern. Die "zivilisierte Welt" frisst sich fett mit dem Export von Waffen ... ich denke, das wäre eher ein Rückblick auf diese Zeit. :s22

 

 

Frohes Schaffen

 

Martin

 

____

Jede ARt des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langeweilige. (Voltaire)

_________________________________________________

www.martinconrath.de

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