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Angelika Jo

Holzfällen

Empfohlene Beiträge

Offensichtlich lesen wir den Text sehr unterschiedlich und haben entsprechend gegensätzliche Meinungen. Mein "Grimm", Angelika, richtet sich aber nur gegen Werk und Autor. :)

 

Eine letzter Versuch: Das Werk ist nicht über Kunst, sondern über die Verlogenheit der "sich künstlerisch gebenden" Gesellschaft Wiens. Das zeigt ja auch die ständige Erwähnung der "Wildente" von Ibsen, bei der es auch um die große Lebenslüge geht. Natürlich sind bei dem Abendessen Künstler (das sind ja die Bekannten des Ich-Erzählers), es hätten aber auch Adelige, Diplomaten, Ministerialdirektoren oder Ärzte sein können. Der Berufsstand ist im Prinzip unwichtig.

 

Und, lieber Jueb, ich hatte schon gesagt, das Abendessen mag fiktiv sein, die Personen aber nicht. Insofern ist es eine Attacke Bernhards auf diese Personen (mit dem Burgtheater soll er ja auch gehadert haben) und damit kann man nicht den Ich-Erzählrer von Autor trennen. Und agieren lässt er nur den Schauspieler, alle anderen werden nur vom Erzähler narrativ kommentiert. Und zwar hauptsächlich in ihrer oben erwähnten Verlogenheit. Und das endlos und mit großem Aufwand. Es ist Bernhard gegen die österreichische Gesellschaft.

 

Das ist für mich Inhalt und Thema und darüber würde ich gern diskutieren. Aber ich will euch da mein Verständnis des Buchs nicht aufzwingen und werde meine Meinung nicht weiter endlos wiederholen. :)

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Es ist Bernhard gegen die österreichische Gesellschaft.

 

Das ist für mich Inhalt und Thema und darüber würde ich gern diskutieren.

Ich stimme dir ja nicht zu, wie du weißt, lieber Ulf – aber wenn du recht hättest, gäbe es für mich auch überhaupt nichts zu diskutieren. Denn was kümmert mich Bernhards persönliches Verhältnis zu irgendwelchen anderen realen Personen? Mich interessiert, wie sein Text geschrieben ist, nicht wie er als Mensch war. Nix für ungut ...

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Offensichtlich lesen wir den Text sehr unterschiedlich und haben entsprechend gegensätzliche Meinungen. Mein "Grimm"' date=' Angelika, richtet sich aber nur gegen Werk und Autor. :)[/quote']

 

Na, das weiß ich doch. Eigentlich ist es ja ein Qualitätsausweis für Bernhard, wenn er es schafft, die Leute so auf die Palme zu ... :-X

 

Eine letzter Versuch: Das Werk ist nicht über Kunst, sondern über die Verlogenheit der "sich künstlerisch gebenden" Gesellschaft Wiens. Das zeigt ja auch die ständige Erwähnung der "Wildente" von Ibsen, bei der es auch um die große Lebenslüge geht. Natürlich sind bei dem Abendessen Künstler (das sind ja die Bekannten des Ich-Erzählers), es hätten aber auch Adelige, Diplomaten, Ministerialdirektoren oder Ärzte sein können. Der Berufsstand ist im Prinzip unwichtig.

 

Da gehe ich zu großen Teilen mit. Ich würde übrigens auch – in Opposition zu Barbara – behaupten, dass im Text sehr wohl demaskiert wird. Oben drauf steht "Virginia Woolfe" und diese Maske nimmt der Erzähler ab und enthüllt eine – sagen wir mal – selbstgerechte Suppenhenne. Das macht der Autor wirklich gekonnt – also für mich leben die Figuren, vor allem Jeannie, der Burgschauspieler und der Auersberger. Indem er die so zeichnet, wie sie sich geben, ist es dann allerdings schon wichtig, dass es sich um Künstler handelt. Ärzte und Adlige können auch ganz schön angeben, aber anders.

 

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Indem er die so zeichnet, wie sie sich geben, ist es dann allerdings schon wichtig, dass es sich um Künstler handelt. Ärzte und Adlige können auch ganz schön angeben, aber anders.

Das mag sein. Vielleicht sind ja auch Künstler dem Selbstbetrug noch eher verfallen als andere. ;D

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Vielleicht sind ja auch Künstler dem Selbstbetrug noch eher verfallen als andere.  ;D

 

Maybe (Link ungültig) (Link ungültig)

 

Angelika (Sorry, das können wohl nur FB-Nutzer sehen)

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Vielleicht sind ja auch Künstler dem Selbstbetrug noch eher verfallen als andere.  ;D

 

Maybe (Link ungültig) (Link ungültig)

 

Angelika (Sorry, das können wohl nur FB-Nutzer sehen)

Genau. ;D

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Ich bin kein Literaturexperte, nur ein einfacher Leser und Schreibender. Trotzdem, da ihr mich dazu ermuntert habt, erlaube ich mir auch ein paar Gedanken zu Stil und Sprache eines Thomas Bernhard.

 

Ich habe irgendwo gelesen, Bernhard lasse sich gut deklamieren. Ich habe es mal ausprobiert und es stimmt. Guter Bühnenmonolog, hat Rhythmus, man kann sich davon tragen lassen. Aber wie Angelika schon sagte, er bereitet  dem Leser kein Fest. Ich würde es noch krasser sagen: er quält den Leser. Mich zumindest.

 

Am Anfang geht's noch, Aber nach 50 Seiten hat man eigentlich genug. Die ständigen Wiederholungen in Wort und Inhalt ermüden erheblich. Die Sprache hat nichts Schönes. Dies ewige: "sagte sie, hat er dann gesagt, dachte ich im Ohrensessel", ist nicht gerade eleganter Stil. Es hat mich wirklich Überwindung gekostet, das Buch zu Ende zu lesen. Für jemand, der eigentlich an Figuren und ihrer Geschichte interessiert ist, bedeutet das, der Autor schiebt sich beständig davor, mischt sich zu sehr ein; sein Bemühen, anders zu schreiben, sein Formalismus stehen all zu sehr im Vordergrund. Ich empfinde das als eine Selbstinszenierung des Autors: Schaut her, ich bin Bernhard, ich schreibe anders, ich kreiere den neuen Stil des Jahrzehnts, ich muss mich um Leser nicht bemühen, ich, ich, ich!

 

Ein bisschen könnte man das mit der Malerei vergleichen. Eine Kandinsky-Landschaft ist ja nicht Landschaft, wie wir sie sehen, nicht einmal mehr eine persönliche Interpretation des Malers, sondern eine verfremdete Darstellung, die eher dem stilistischen Formalismus des Künstlers unterliegt als der Wirklichkeit. Dabei wird die Landschaft an sich, der Gegenstand, immer unwichtiger, bis er ganz verschwindet und die abstrakte Malerei die logische Konsequenz ist. Nun mag ich Kandinsky in jeder Form und dieser Prozess stört mich in der Malerei nicht. Egal wie verfremdet, das Ergebnis ist immer noch schön anzuschauen.

 

Bei der Literatur stört mich dies aber sehr, denn in der Literatur bin ich vorrangig am Gegenstand interessiert, an den Figuren und ihrer Geschichte, nicht unbedingt an den persönlichen Einlässen des Autors. Ich möchte den Gegenstand nicht verschwinden sehen. Gerade er sollte im Fokus bleiben.

 

Und dabei erschwert mir der stilistische Formalismus eines Autors den Zugang. Bei Bernhard ist wenig Geschichte (Plot) vorhanden. Narrativen Hintergrund zu den Figuren oder deren Motivation erfährt man nur in homöopathischen Dosen, am meisten noch zu Joana. Auch die Figuren selber werden wenig beschrieben, sie sprechen nicht, treten kaum in Aktion. Auch hier eine Ausnahme: der Schauspieler, ihn hört man tatsächlich reden, wenn auch hier wieder in Monologen.

 

Der überwiegende Teil des Textvolumens sind die nörgelnden Tiraden des Erzählers im Ohrensessel, er reflektiert in eintöniger Form Kritik, Frust, Verachtung und Herablassung des Ich-Erzählers gegenüber diesen Menschen und dies in einer durch ständige Wiederholungen und durch lange, nicht immer schöne Sätze schwer lesbaren Sprache. Damit langweilt mich der Autor und stellt sich zwischen mir, dem Leser, und dem, was mich eigentlich interessiert hätte, nämlich die Figuren und deren Geschichte. Ich bleibe  frustriert zurück, über die endlosen unnützen Seiten, die nichts Neues bringen, und dem eigentlich Interessanten, das  verborgen bleibt.

 

Für das, was der Autor zum Ausdruck bringen wollte, hätten 30 Seiten gereicht. Das hätte mich wahrscheinlich mehr überzeugt. Beispiel: Alice Munro und ihre brillanten Kurzgeschichten. Wie gesagt, kein Fest für Leser. Aber warum dann so schreiben? Wem nützt es?

 

So, und jetzt halte ich die Klappe. Versprochen.  ;D

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Noch ein bisschen was zur Form.

Claudias Beiträge, in denen sie über das Zirkuläre schreibt und das in Bezug setzt zur Minimal Music, haben mir da ein echtes Aha-Erlebnis beschert. Seitdem sehe ich ständig so einen bernhardschen Textgenerator vor, ein Zwitterwesen, teils Raupe, teils Maschine, die vorn so eine Art Schaufelrad hat und sich langsam durch ihr Material frisst und dabei immer neue Brocken und Motive im Kreis schaufelt. Falls ihr euch darunter was vorstellen könnt ...

 

Zugleich beschäftigt mich aber nach wie vor der Punkt, dass sich in diesem Material, das im Kreis geschaufelt wird, Fragmente von Szenen finden, die man dann im Kopf zusammensetzt. Manchmal wird sogar eine ganze Weile am Stück erzählt: die Kneipenszene nach der Beerdigung zum Beispiel, aber natürlich auch Passagen im Auftritt des Burgschauspielers. Andere Fragmente sind wirklich nur kleine Splitter: man bekommt eine Zusatzinformation hingeworfen & sieht danach die Szene vielelicht in einem neuen Licht ...

 

Das alles kommt mir sehr gut komponiert vor, zumal es sich ja als spontanes Drauflosschwafeln tarnt. Ich würde dem eigentlich wahnsinnig gern noch näher auf den Grund gehen, nur müsste man dafür den gesamten Text noch einmal durchgehen, und dazu fehlt mir blöderweise die Zeit.

 

Ich habe aber wenigstens mal versucht, aus dem Gedächtnis die Situationen aufzulisten, die sich zu solchen halbwegs in sich geschlossenen Szenen oder Bildern zusammenfügen. Vielleicht mögt ihr ja was beitragen oder widersprechen? Jedenfalls:

 

Da gibt es erstens das künstlerische Abendessen, und dort drei Szenen:

- vor dem Essen im Ohrensessel

- beim Essen (im Wesentlichen das Geschwtz des Burgschauspielers)

- nach dem Essen im Musikzimmer

 

Und dann gibt es auf einer früheren Zeitebene

- die Begegnung mit den Auersbergerischen (darauf kommt er ja besonders oft zurück)

- Die Gespräche vor der Beerdigung

- die Beerdigung

- der Leichenschmaus

 

In eine dritte zeitliche Schicht gehören die Vorgeschichten all dieser Leute, vor allem die Beziehungen des Ich-Erzählers zu Jeannie, Joana und den Auersbergerischen. Auch hier setzt sich das Geschehen nach und nach aus Puzzleteilchen zusammen, aber diese Fragmente ergeben keine Szenen, sondern eher zusammenfassend (narrativ) erzählte Geschichten. Oder?

 

Ich muss sagen: Mich fasziniert das. Gerade weil ich selbst niemals so schreiben könnte oder auch wollte. Mich fasziniert, wie er das hinkriegt, in einer auf den ersten Blick so erzählfeindlichen Form trotzdem Geschichten zu erzählen.

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Prima, Barbara, dass du nochmals an die Form anknüpfst!

Ich will da gerne ein bisschen weiter machen.

 

.... "in einer auf den ersten Blick so erzählfeindlichen Form trotzdem Geschichten zu erzählen" - genau das beschäftigt mich auch bzw. fasziniert mich an diesem Buch.

 

Ergänzend zu deiner Analyse: ich glaube, wichtig ist innerhalb des Textes auch das Informationsmanagment. Immer kurz bevor die Drehungen des Schaufelrads ermüdend werden, bekommt man eine neue, wichtige Information geliefert, die den Blick auf das Ganze verändert und zum unbedingten Weiterlesen animiert - zumindest entspricht das meiner Leseerfahrung.

 

Wesentliche Informationsbrocken werden bewusst lange zurück behalten, z. B.  dass unser Erzähler und Jeannie eine enge und eben auch künstlerische Beziehung hatten, dass unser Erzähler offenbar auch ein erotisches Verhältnis zum Auersberger unterhielt und auch die schrecklichen Umstände des Selbstmordes (Verwahrlosung, Alkoholismus, künstlerisches Scheitern) werden (meiner Erinnerung nach) erst in der Mitte des Buches richtig ausgemalt. (Man liest ja zunächst über den doch schockierenden Tatbestand des Selbstmordes fast leicht hinweg, so beiläufig wird das erwähnt.)

 

Gleichzeitig könnte man sagen, das Zurückhalten solcher Informationen ist nicht nur erzählökonomisch sinnvoll, es charakterisiert auch die Verdrängungen des Ich-Erzählers: er muss natürlich sein ehemals so intimes Verhältnis zu Jeannie wegschieben, da ihn der Gedanke einer Mitschuld an ihrem Tod belastet.

 

Auch die Ankündigung des Burgschauspielers gehört für mich in diese Kategorie der Erzählökonomie. Die Erwartung wird geschürt bei den Lesern  und  bei der Abendgesellschaft, dass die Anwesenheit des Schauspielers eine Wende in das Geschehen bringt - oder eben der Einförmigkeit des sich drehenden Schaufelrades ein Ende setzt.

 

Vielleicht haben wir es hier mit Prokrastinations-Prosa zu tun? Denn für mich läuft der Monolog doch darauf hinaus, dass der Erzähler sich am Ende seiner langen Tirade des Verächtlich-machens der anderen die Maske vom Gesicht reisst und zugibt: ich bin dasselbe Arschloch wie alle anderen.

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Seitdem sehe ich ständig so einen bernhardschen Textgenerator vor, ein Zwitterwesen, teils Raupe, teils Maschine, die vorn so eine Art Schaufelrad hat und sich langsam durch ihr Material frisst und dabei immer neue Brocken und Motive im Kreis schaufelt. Falls ihr euch darunter was vorstellen könnt ...

Doch - das trifft es für mich genau. Und wenn man's dann wieder mit der Minimal Music vergleicht, trifft auch das, was ihr beide, Barbara und Jueb, sagt: Wenn sich diese Themen (in der Musik) verschieben, in diesem wahnsinnig langsamen Tempo, entsteht oft darüber eine eigene Melodie, eine Facette, die man plötzlich hört, obwohl das Thema eigentlich ein ganz anderes ist. Das heißt, es tun sich Welten auf, die man nicht vermutet hätte, das macht die Musik so meditativ, bzw. der Komponist macht sich wohl eine Eigenschaft des menschlichen Hirns zunutze, solche Facetten zu erkennen und zu ergänzen. Und dies scheint ja, wie ihr beide sagt, hier auch zu passieren: Es scheinen Szenen oder ganze Geschichten auf.

 

.... "in einer auf den ersten Blick so erzählfeindlichen Form trotzdem Geschichten zu erzählen" - genau das beschäftigt mich auch bzw. fasziniert mich an diesem Buch.

Ja, mich auch. Eben diese "tiefe Traurigkeit", die ich darin gesehen habe, sie steckt auch in all dem Nicht-Gesagten und in dem quälenden Sich-im-Kreise-drehen, Nicht-Eingreifen-Können oder Wollen, der Gleichgültigkeit, dem Egoismus des Erzählers und der Figuren. Dass er auch so ein Arschloch ist wie die anderen, Jueb, das wird für mich viel früher klar, das blitzt doch (für mich) die ganze Zeit heraus. Er ist auch nie entkommen, anscheinend kann man Wien nicht entkommen.

Verdrängung: Hat vielleicht auch mit dem Grad seiner Betrunkenheit zu tun, dass er immer mehr zulässt/verrät?

 

Und, Ulf, du Held, der du es gelesen hast, obwohl du es unerträglich fandest: Dass dieses Buch so viel Interpretation zulässt, könnte aber auch ein bisschen für den Text sprechen, oder? Ich bin eher nicht der Typ, der in jedes Buch einfach etwas "reininterpretiert", es gibt so viele Bücher, da hörts ganz schnell auf mit der Interpretation, auch Romane, die ich mag, im Übrigen, weil genau dieses Element, diese Möglichkeit fehlt, dieser Sprühnebel über dem Text und um den Text herum.

 

Wie bewusst Bernhard dies geplant und komponiert hat, dies würde ich gern wissen. Habt ihr, die ihr euch mit ihm besser auskennt, Informationen dazu, gibt es Material über seine "Technik?"

 

Und ich glaub ja immer noch, dass in dieser Augenblicksphilosophie des Schauspielers etwas steckt.

Und, Angelika: Es gibt doch durchaus eigene moralische Ideale im Kleinen, was die Kunst betrifft. Man lebt und arbeitet nach ihnen und sieht erstaunt, dass andere dies nicht tun, eventuell sogar grob dagegen verstoßen (natürlich zu Recht, was sollen die mit meinen, mir vielleicht noch nicht mal ganz bewussten Vorstellungen). Ich hab mich schon dabei erwischt, dass ich allein in meinem Ohrensessel ein bissl darüber gegrantelt habe, weil mich das gefuchst hat, und ich - wieder halb bewusst und ziemlich doof - angenommen habe, die anderen hätten ähnliche Auffassungen. Dies zur Verwerflichkeit oder Selbstverständlichkeit von moralischen Idealen oder Prinzipien (was die Kunst betrifft, um die es hier ja geht.)

Soweit und verwirrend erstmal.

Liebe Grüße

Claudia

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Liebe Ihr Alle,

 

es gibt Autoren, die schreiben so, wie Schauspieler ihre Rollen vorbereiten: ein methodmäßiges Eintauchen in Figuren, ein relativ dauerhaftes Verwachsen mit der/den personae. Aus allem, was ich hier lese, schließe ich, dass Bernhard dazugehört. Sein Rhythmus, die Schleifen, das Deklamierfähige - ein Autor schlüpft in eine Maske, und Sprache ist der Makel seiner Wahl (btw: What's your poison?), das, was seiner Meinung nach jede Person in ihrem Wesen verrät.

 

Und was verrät den falschen/abgehalfterten/unwahren Künstler? - Sein ständiges Vergleichen mit anderen. Das ist die Essenz des threads. Das manische Vergleichen mit anderen (was naturgemäß immer im Hinabblicken endet) war schon immer und ist bis heute das Kennzeichen eines Nicht-Künstlers. Weil mißgünstiges Vergleichen das Gegenteil ist von frei, von großzügig, von bei-sich, von sehend, von zentriert. Wie abgehalftert muss der Erzähler also sein?

 

Deshalb verstehe ich den Gedanken nicht, dass Bernhard sich erhebt über andere - in Wirklichkeit macht er sich doch klein, kleiner als der spießigiste Kleinbürger - das ist die Figur, in die er schlüpft. Und wie könnte er das tun, wenn diese Niedertracht nicht ein Teil seiner Selbst wäre? Wieso würde er diese Erzählperspektive wählen, würde ihn nicht Angst vor genau dem antreiben? Oder eine gewisse Verbundenheit?

 

Hah, und jetzt kommts: ich hab kein Wort Bernhard gelesen, nur Euch. Ich weiß! Es tut mir auch wirklich leid (und ich ich hab mich schon 300 Mal zurückgehalten, was zu posten), aber die indirekte Lektüre, also Ihr, drückt sich einfach zu erfolgreich drumrum: was, bitteschön, ist denn ein Künstler? Und warum ist's so schwer, einer zu sein? Antworten wären allerliebst erbeten.

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Das manische Vergleichen mit anderen (was naturgemäß immer im Hinabblicken endet) war schon immer und ist bis heute das Kennzeichen eines Nicht-Künstlers. Weil mißgünstiges Vergleichen das Gegenteil ist von frei, von großzügig, von bei-sich, von sehend, von zentriert. Wie abgehalftert muss der Erzähler also sein?

 

 

 

Morgen, Ulrike!

 

das gefällt mir sehr und so dachte ich auch, aber stimmt das wirklich? Ich kenne zu viele Künstler, die wirklich großartig sind, und dennoch unangenehm von Neid und Konkurrenzgefühlen zerfressen. So großartig das ist, was sie auch hervorbringen, so kleinlich geschrumpft sind als Mensch. Friederike Mayröcker, vermutlich eine der besten deutschsprachigen Lyrikerinnen (ich kann das nicht beurteilen, habe mich zu wenig mit ihr beschäftigt) brachte es fertig, als Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis bekam, öffentlich kund zu tun, dass sie ihr diesen Preis missgönnt. Mayröcker wird übrigens auch bei Bernhard verewigt. Vielleicht kein Zufall, dass alle drei Österreicher sind???!!!

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Deshalb verstehe ich den Gedanken nicht, dass Bernhard sich erhebt über andere - in Wirklichkeit macht er sich doch klein, kleiner als der spießigiste Kleinbürger - das ist die Figur, in die er schlüpft. Und wie könnte er das tun, wenn diese Niedertracht nicht ein Teil seiner Selbst wäre? Wieso würde er diese Erzählperspektive wählen, würde ihn nicht Angst vor genau dem antreiben? Oder eine gewisse Verbundenheit?

Das waren auch die Gedanken, die ich beim Lesen des Textes hatte. Warum so viel Aufwand mit Personen treiben, die er zu verachten scheint? Ein paar spöttische Kommentare würden doch genügen. Aber er widmet ihnen ein ganzes Buch. Das macht ihn in der Tat klein. Das ist keiner, der über den Dingen steht. Er wühlt im Ameisenhaufen, wenn es doch Bedeutenderes gibt.

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Morgen, jueb!

 

na, das war nicht ganz ironiefrei, dass Neid ein Kennzeichen des Nicht-Künstlers sei - allerdings glauben das sehr viele Künstler. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: seit Generationen quälen sich die meisten Künstler damit rum und der Glaube an die Qual ist geradezu heilig.

Und tatsächlich ist ja etwas dran daran, dass häßliches kleines Denken, die Unruhe, die damit einhergeht und der Zustand der wutmüpfigen Erregung, einem konzentrierten Arbeiten schlicht entgegensteht - kann wahrscheinlich jeder von uns nachvollziehen.

Insofern glaube ich Eure Analysen bisher blind: dass Bernhard tief eintaucht in diese klaffende Wunde zwischen dem Anspruch an sich selbst und dem Scheitern daran.

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Warum so viel Aufwand mit Personen treiben, die er zu verachten scheint? Ein paar spöttische Kommentare würden doch genügen.

 

Das stimmt, und es gibt nur eine Antwort darauf: Er verachtet nicht die anderen, sondern sich selbst.

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Warum so viel Aufwand mit Personen treiben, die er zu verachten scheint? Ein paar spöttische Kommentare würden doch genügen.

 

Das stimmt, und es gibt nur eine Antwort darauf: Er verachtet nicht die anderen, sondern sich selbst.

 

Auf alle Fälle ist ihm das ein wichtiger Punkt, er bringt ihn ja immer wieder erneut zur Sprache.

 

Auch mit deiner ersten Aussage, Ulrike, gehe ich konform – und jueb hatte das ja zu Beginn auch schon mal am Wickel: Was ist der Künstler? Bezahlter Narr, wichtigste moralische Instanz oder bloß der gute Märchenonkel? Entschuldigung, dass ich das jetzt so verkürze, jueb, du hast das seinerzeit viel genauer gesagt.

 

Wenn wir das besprechen wollen, dann wäre mir aber auch daran gelegen, die zwei Kategorien von Objektivität und Subjektivität ins Spiel zu bringen. Wie die Kunst sich – jedenfalls in Deutschland und in ihrer E-Abteilung – schon seit ein paar hundert Jahren selber sieht, das muss nicht unbedingt übereinstimmen mit der Funktion, die sie nüchtern betrachtet, eben erfüllt: unterhalten (ja, auch E unterhält!), in Stimmungen versetzen, Gedanken bestenfalls anregen, wobei man sich dann ja noch mal fragen müsste, in welche Richtung die Gedanken gehen, bzw. was ihr Gegenstand ist. In "Holzfällen" heißt der Gegenstand "Kunst und Künstler". Und diesen Radius finde ich schon arg eng, wenngleich innerhalb davon alles schön gezeichnet ist.

 

So, jetzt warte ich aber auf erbitterte Gegenreden, meine Lieben!

 

Und Claudia, kannst du deine Ohrensesselei zur Moral noch ein klein wenig ausführen? Da saß ich jetzt doch etwas verwirrt in meinem Drehstuhl.

 

Angelika

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Hallo,

bin wieder aufgetaucht, war auch immer dabei, nur anderweitig zugeschüttet, aber stets bei euch. Ich finde es sehr gut, dass etwas mehr über die Form des Textes diskutiert wird, als über den zu suchenden Inhalt „Kunst und Künstler“, das mag der Gegenstand dieser Geschichte sein, aber es könnten, wie bereits gesagt wurde, auch andere Gesellschaftsgruppen sein, Aristokraten, Ärzte, Banker, Militär, Politiker …

Die Künstlerwelt wie geschildert gibt nur genügend Futter für die Fragen nach Authentizität, nach dem Lebensweg mit der Kunst, und vielleicht entzünden wir uns nur zu leicht an diesem Thema.

Bernhard hat eben von dem Menschenkreis erzählt, den er kennt, aber für mich hängt der Kern dieses Buches, dieses Monologs nicht am Künstlerleben.

 

"…dass Bernhard tief eintaucht in diese klaffende Wunde zwischen dem Anspruch an sich selbst und dem Scheitern daran."

 

Und das trifft durchaus auf alle Lebensentwürfe zu und kann in mannigfacher Variation erzählt werden.

 

"seit Generationen quälen sich die meisten Künstler damit rum und der Glaube an die Qual ist geradezu heilig."

 

Eben, und hier haben wir eine seltene Erzählweise, einen Stil, der sich nur eine innere Erzählstimme leistet, diese konsequent nicht verlässt. Da uns diese Stimme so nah kommt, erregt, traurig, wütend, was auch immer, kreisen wir sehr um das, was dieser Erzähler ganz persönlich zu diesen Menschen seiner Lebenswelt (ich sage jetzt bewusst nicht Künsterwelt oder –kreis) empfindet.

 

Claudias Beiträge, in denen sie über das Zirkuläre schreibt und das in Bezug setzt zur Minimal Music, haben mir da ein echtes Aha-Erlebnis beschert. Seitdem sehe ich ständig so einen bernhardschen Textgenerator vor, ein Zwitterwesen, teils Raupe, teils Maschine, die vorn so eine Art Schaufelrad hat und sich langsam durch ihr Material frisst und dabei immer neue Brocken und Motive im Kreis schaufelt. Falls ihr euch darunter was vorstellen könnt ...

 

Ja, voll und ganz, Barbara, ich sehe es vor mir, und es ist, als müsste man diesem Schaufelrad folgen, da er den Weg in diese an sich so entsetzliche und banale und gescheiterte Welt (wohlgemerkt vom Erzähler so geschilderte, uns nicht anders zugängliche Welt)  mit dieser von jueb beschriebenen Erzählökonomie vorantreibt. Bevor das Drehen zu Ende ist kommt ein neues Stück dazu, die Sequenzen werden erneut aufgenommen und erweitert.

 

"Gleichzeitig könnte man sagen, das Zurückhalten solcher Informationen ist nicht nur erzählökonomisch sinnvoll, es charakterisiert auch die Verdrängungen des Ich-Erzählers: er muss natürlich sein ehemals so intimes Verhältnis zu Jeannie wegschieben, da ihn der Gedanke einer Mitschuld an ihrem Tod belastet."

 

Der Ohrensessel war mir auch so symbolisch, ich sehe da geradezu die „Scheuklappen“. Denn die „Verdrängung des Ichs“ ist für mich auch ein Kernstück des Textes. Und unter diesen Aspekten der „Verdrängung“ und des Tunnelblickes aus zwei Scheuklappen heraus, scheint mir diese gewählte Erzählform des Monologs geradezu perfekt.

 

Die ganze Zeit muss ich immer an meine frühere Bernhard-Lektüre (Der Untergeher. – Tja, was für ein passender Titel es auch hier gewesen wäre.) denken, die diesem Holzfällen so ähnlich ist. Und natürlich drängt sich die Frage nach dem Autor Bernhard in dieser ihm eigenen Sprache auf. Warum, wieso in diese Art? Ich weiß ebenfalls zu wenig von ihm.

(bin schon still, will gar nicht in die Richtung)

Jedenfalls kann ich nicht von dem Grundsatz abweichen, den Text bzw. die Erzählstimme vom Autor zu trennen. Der Mix von Autor und Erzählstimme hat m.M.n. auch zu sehr in die Richtung Authentizität des Künstlers oder sogar nach Wahrhaftigkeit in den Raum gestellt.

 

Bea

 

Ps. wenn mir jemand ein Bernhard-Buch nennen kann, das anders geschrieben ist – tausend Dank, würde es liebend gerne kennenlernen.

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca

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Ps. wenn mir jemand ein Bernhard-Buch nennen kann, das anders geschrieben ist – tausend Dank, würde es liebend gerne kennenlernen.

Hallo Bea, ich lese hier still und heimlich mit. Ich habe vor einiger Zeit "Die Billigesser" von Thomas Bernhard gelesen und es scheint mir, dass die anders geschrieben sind, wenn ich auch Holzfällen nicht gelesen habe. Liebe Grüße, Barbara

Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

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Damit der Thread ein würdiges Ende bekommt, möchte ich mich jetzt – zwei Monate nach dem letzten Posting :s05 – bei allen Mitdiskutatenten aufs Herzlichste bedanken:

 

bei Barbara MM für ihren Literaturtipp zuletzt;

 

bei Ulrike Mo für ihren leidenschaftlichen Einwurf zum Selbstverständnis des  Künstlers;

 

bei Anni für ihre völkerkundliche Aufklärung zum Wesen des Wieners;

 

bei Bea für ihre empathische Stimme zum Thema Selbstekel;

 

bei Barbara S für ihre Worte zu Verzweiflung, Zuneigung, Erzählerstimme sowie allgemein für ihren Hang zum Analysieren;

 

bei Charlie für den Verweis auf die Werfelschen Worte zur Würde

 

bei jueb dafür, dass er den entscheidenden Anstoß gegeben hat, das Künstlertum zu thematisieren;

 

bei Claudia für die vollkommen neue Sicht auf die Musikalität des Textes (Stichwort "variierte Patterns");

 

bei Ulf eindeutig für die bewiesene Tapferkeit vor dem Feind  ;D;

 

noch einmal bei Claudia für ihre Sätze zu "Anpassung und Authentizität" und bei Barbara S dafür, dass sie mich immer wieder mal am Ärmel gezupft und darauf hingewiesen hat, dass man Dinge (wie etwa die "drei altphilosophischen Worte") auch anders sehen kann, als ich es blindwütig tue.

 

Es war eine großartige, anregende Diskussion, hart und ehrlich in der Sache, respektvoll und manchmal zum Kugeln in der Form. Ohne euch hätte ich wohl nie etwas von Bernhard gelesen. Auf keinen Fall wäre ich so nah an dieses Werk rangekommen.

 

Irgendwo zu Anfang hatte ich noch ein Plädoyer zum "ja" versprochen. Wenn es gewünscht wird, liefere ich es nach, es muss aber nicht sein.

 

Herzlichst in die ganze Runde,

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

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Ich moecht' mich bei Dir und den Teilnehmern bedanken. Du hast die Runde absolut souveraen, humorvoll, dem Gespraech foerderlich und Gott sei Dank nicht moderat, sondern engagiert gefuehrt. Das war ein Erlebnis fuer sich.

Die Runde war fuer mich anregend, fordernd, oft verblueffend - sie hat mir so viel Spass gemacht!

Ich hoffe, wir finden bald wieder eins zum Zusammenlesen.

 

Und Dein Plaedoyer wuerde ich schrecklich gern lesen.

 

Herzlich,

Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Ich moecht' mich bei Dir und den Teilnehmern bedanken. Du hast die Runde absolut souveraen, humorvoll, dem Gespraech foerderlich und Gott sei Dank nicht moderat, sondern engagiert gefuehrt. Das war ein Erlebnis fuer sich.

Die Runde war fuer mich anregend, fordernd, oft verblueffend - sie hat mir so viel Spass gemacht!

Ich hoffe, wir finden bald wieder eins zum Zusammenlesen.

 

Und Dein Plaedoyer wuerde ich schrecklich gern lesen.

Das tut man zwar nicht, aber ich möchte einfach bei Charlie unterschreiben. Unter jedem einzelnen Satz.

Danke, Angelika. Und danke euch allen. Auch für mich war die Diskussion eine einzige große Freude.

Dein Plädoyer würde ich auch gern lesen, liebe Angelika.

Und bei einer neuen Runde wäre ich bestimmt wieder dabei. Ja, sogar bei Middlesex.

 

Liebe Grüße

 

Barbara

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Danke Angelika,

 

das war ein Highlight!

 

LG#jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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Im April mache ich meine obligate Spanienreise, sagte er, Andalusien, Sevilla, Granada, Ronda, sagte er und aß seinen Mohren im Hemd auf. Meine spanische Sehnsucht, sagte er, noch den letzten Bissen seines Mohren im Hemd im Mund; es war beinahe unverständlich, was er mit vollem Mund gesagt hatte, auch noch, als er, über sich selbst erschrocken, sagte, verzeihen Sie und den Mohren-im-Hemd-Bissen hinunterwürgte. In den letzten Jahren habe ich mir angewöhnt, eine Spanienreise zu machen, habe sozusagen Italien den Rücken gekehrt. Spanien ist noch ein unberührtes Land, große Teile betreffende, karg, sagte er und wischte sich nicht nur den bärtigen Mund, sondern auch gleich den ganzen Bart und die Stirn mit der Serviette ab. Karl der Fünfte, Prado, sagte er und schaute sich um. Ich bin ja kein Kunstkenner, sagte er, nur ein Kunstliebhaber, das ist der Unterschied ...*

 

Ich finde diese Szene total gelungen. Total, weil jede Geste stimmt – das Reden mit vollem Mund, der Einsatz der Serviette, dass er sich umschaut, bevor er zu seiner Angeberei ansetzt – aber auch der Gebrauch der Worte. Dieser Burgschauspieler geht davon aus, dass er selbstverständlich im Zentrum aller Interessen steht, er belehrt die anderen über Spanien, vor allem aber geht er davon aus, dass man ihn und seine Vorlieben einfach kennt. "obligat", sagt er, "sozusagen Italien den Rücken gekehrt" und "ja": Ich bin ja kein Kunstkenner, sagte er, nur ein Kunstliebhaber, das ist der Unterschied ...

 

"ja" gehört mit in eine Sammlung von Wörtern, die von Schreibratgebern als "Füllwörter" mehr denunziert als bestimmt werden. Empfohlen wird die Tilgung. Ich will mich nicht streiten darüber, dass es fast jedem Text gut tut, wenn er am Ende noch mal entfettet wird von Wörtern, die wir in der gesprochenen Sprache ständig brauchen, um gewisse Schwingungen zu unseren Gesprächspartnern zu sichern, die im geschriebenen Text aber oft nicht notwendig sind. Die Modalpartikeln, die mit Gradpartikeln wie "schon" und "noch" in einen Topf gekippt werden, gehören dazu nicht. Modalpartikeln würzen den Satz, geben ihm Freundlichkeit (wie "denn" im Fragesatz) oder Drohendes (wie "bloß" im Imperativ).

 

Mit "ja" lassen sich je nach Satzform und Kontext Staunen ausdrücken oder Warnen oder Drohen. Und es ist – weshalb es zu den Markern für Kausalität gezählt wird – ein winziger Verweis auf Selbstverständlichkeit: Ihr wisst ja, wie so etwas geht. Wer es auf sich selbst anwendet, macht sich wichtig auf die diskreteste Art: "Ich bin ja der Burgschauspieler" ist eine ganz andere Aussage ihrem Anspruch nach als "Ich bin der Burgschauspieler". Ein einziges "ja" kennzeichnet den Sprecher.

 

Modalpartikeln aus Dialogen streichen? Wäre ja unverantwortlich, oder?

 

Angelika

 

* Holzfällen, p. 211

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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