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(MartinaC)

Tabus beim Schreiben?

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Durch einen anderen Thread bin ich erinnert worden, dass ich das schon lange mal fragen wollte. Habe es auf die Schnelle auch nicht beim Suchen als schon mal dagewesen finden können.

 

Seid ihr der Meinung, über manche Dinge zu schreiben sollte schlicht verboten werden? Tabu sein?

 

Gehen wir davon aus, es geht um ein Buch der Belletristik, also nichts randgruppenmäßiges, das nur bei einem kleinen Verlag rauskommt und wenig bemerkt wird. Es geht um ein Buch ohne feste Einordnung, auf dem Deckel steht lediglich "ein Roman von..."

Sagen wir der Verlag ist großzügig und schreibt weiter nichts vor.

 

Was "darf" in einem solchen Roman niemals nicht vorkommen?

 

Ich gehe mal davon aus, dass Sex mit Tieren sicherlich auf der Liste steht.  Aber selbst wenn wir uns alle einig sind, packt es ruhig drauf, auf eure Liste. Was noch? Vergewaltigungen, die jemandem Spaß machen? Kindesmißbrauch auf jeden Fall. Wer will das auch schon lesen. Oder? Auf eure Meinung bin ich gespannt!

 

Ich selbst wurde angeregt darüber nachzudenken, als ich einen Artikel schrieb, in dem ich (ürbigens meinen eigenen) verrückten Großvater satirisch einfließen ließ, der bei jeder unpassender Gelegenheit jedem "heil Hitler" ins Gesicht brüllte. Aus dem Text ging eindeutig hervor, dass er keine neo-nazistische Propagandaschrift war, und doch wollte die Zeitschrift "sicher" gehen und hat diese Passage durch was anderes ersetzt, das mein Opa unbeschadet brüllen durfte.

 

Nun kann man ja die alte Hitlerpanik noch nachvollziehen, historisch gesehen. Aber wo macht die Zensur eigentlich halt? Und wo findet sie tatsächlich täglich statt, und keiner stört sich daran?

 

Ich möchte euch bitten jetzt keine Liste allein basierend auf euren PERSÖNLICHEN Tabus zu erstellen, sondern eine, die für alle Deutschen eurer Meinung nach gelten sollte. Oder seid ihr etwa der Meinung Tabus sollte es in einem freien Land überhaupt keine geben?

 

Wie gesagt, es geht hier nicht um die Grenzen des guten Geschmacks, es geht um echte Tabus.

 

LG

Joy

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Hey Joy!

 

Schöne Frage!  ;)

 

Ich persönlich bin der Meinung, dass man in der Tat ALLES schreiben darf - wenn der Kontext stimmt!!!

 

Heisst:

Ich störe mich nicht daran, wenn man über Kindesmissbrauch schreibt, wenn man es auch thematisiert, und wenn man es in einer Weise thematisiert, mit der ich konform gehe. Sehr subjektiv, ich weiß, ich halte aber meine Meinung in diesen Fällen für die vorherrschende.

Kindesmissbrauchsszenen um seiner selbst willen, oder den Täter zum Helden der Geschichte machen, empfinde ich als verwerflich.

Wenn es jedoch der zu suchende Täter ist, bitte schön! Selbes gilt für Sodomie und deine anderen Beispiele!

 

Ich habe selbst mal einen Krimi geschrieben, der Vergewaltigung thematisiert hat, jedoch ohne eine zu zeigen.

 

Bei allem was die Nazis angeht, glaube ich, ist die Gefahr darin begründet, dass a) es schlicht verboten ist, Nazi-Freundliche Symbole etc. zu veröffentlichen, und die Grenze da manchmal schwer zu entdecken ist.

b) Die entsprechenden rechten Gruppen geübt darin sind, gegen sie gedachte Argumente umzukehren und für ihre Zwecke zu nutzen. Ich denke da an das Ärzte Lied mit der Textzeile "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt", was halt so und unverändert von rechten Gruppen skandiert wurde und wird. Ich kann die Vorsicht der Verantwortlichen also verstehen.

 

Für Problematisch, um endlich deine Frage zu beantworten, halte ich persönlich ALLES, was verharmlosend wirkt oder dargestellt wird, weil das den Kontext eben verfälscht. Einen Text, welcher den Holocaust (ernsthaft) leugnet, oder welcher angibt, es wäre alles nicht so schlimm gewesen, ein Text, der Vergewaltigung oder eben Kindesmissbrauch als Kavaliersdelikt hinstellt, oder die Kriegsgreuel (von denen wir jetzt mal ausgehen) in diversen Völkermordstaaten leugnet oder verharmlost.

 

Wunderbar und empfehlenswert finde ich in dem ganzen Zusammenhang wieder einmal 'Die Wanderhure' von Iny, weil hier wirklich derbe Themen auch wirklich derbe gezeigt werden. Hier wird an Vergewaltigung nichts geschönt oder mit Verniedlichung gearbeitet, hier tuts schon beim lesen weh, und das find ich nicht nur gut, ich denke, sowas sollte man öfter lesen.

 

Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch haben auch ihren literarischen Platz; wenn der Kontext stimmt.

 

Gruß,

Marco! :s17

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Hallo, Joy!

 

Ich glaube fast, man kann dem, was Marco geschrieben hat, nichts mehr hinzufügen.

 

Wenn der Kontext stimmt, genau das ist es.

 

Du meintest, Sex mit Tieren stünde sicherlich auf der Liste - und mir fiel sofort der Roman "Padre Patrone" ein (auf Deutsch, glaube ich "Mein Vater, mein Herr" ?), darin kam genau das vor.

 

Ich kann mich nicht erinnern, daß sich irgendein Leser, irgendein Rezensent daran gestoßen hätte.

Weil (und das ist der Punkt) es nicht zum Zwecke des Aufgeilens geschildert wurde.

 

Gruß

Jan

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Hallo Joy,

 

normalerweise ist das tabu, das auch alle Antho-Herausgeber, Forumsbesitzer usw. klarstellen:

Keine gewaltverherrlichende Prosa, usw.

 

Dass man über Kindesmissbrauch nicht schreiben sollte, ist mir neu. Mein Roman behandelt jenes Thema... Und ich hoffe dennoch, dass die Leute trotzdem meinen Roman lesen wollen - und sich nicht daran stoßen ...

 

Grüße

Quidam

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Tiersex und Kindersex habe ich auch schon oft auf Tabulisten gesehen.

Tiersex im weitesten Sinne kommt bei mir einmal vor (genmanipuliertes sprechendes Pferd), für Kindersex hatte ich bisher noch keine Story, die es erfordert hätte.

Ich denke mal, Tabus sind für Leute immer dann tabu, wenn sie eklatant mit ihrem Wertesystem bzw. Weltbild kollidieren. Man ist da schnell dazu hingerissen, das als allgemeinen Wertmaßstab zu betrachten.

Ich persönlich halte nichts von Tabus. Aber ich behalte mir vor, den Autor vielleicht für einen schlechten Menschen zu halten, wenn er Dinge verherrlicht, die ich nicht gut finde.

 

Klar, daß wenn einer den Nationalsozialismus verherrlicht, dies unschöne Rückschlüsse auf seine Person zuläßt. Allerdings sollte die Abstrafung nicht in Verboten und im Strafrecht liegen. So etwas widerstrebt mir. Ich bin einer von denen, die auch dann um die Meinungsfreiheit kämpfen, wenn dadurch mir unbequeme Meinungen gehäuft auftauchen.

 

Nun ist es auch richtig, daß man Menschen damit verletzen kann. Jemand, der seine Familie im KZ verloren hat, wird sich schrecklich fühlen, wenn er irgendwo die Nazi-Ideologie unterschwellig oder offensichtlich irgendwo auf der Welt propagiert sieht. Dennoch halte ich Zensur in der Belletristik für den falschen Weg, ganz besonders, wenn einer Nebenfigur die Heil-Hitlers, die eh aus seiner geistigen Verwirrung stammen, weggekürzt werden.

 

Ein wirklich guter Autor erzählt ohnehin lediglich eine Geschichte, und man kann nicht darauf schließen, was er für ein Mensch ist.

Ein Nazi, der tagsüber Leute ermordet und foltert und des Abends ein treusorgender Familienvater ist, muß keine Verherrlichung des Nationalsozialismus sein, es kann auch eine verstörende psychologische Studie der Dualität der menschlichen Persönlichkeit sein. (Kennt einer "Der Tod ist mein Beruf" von Robert Merle? Verfilmt als "Aus einem deutschen Leben")

Kindersex ist auch so eine Sache. Die Geschichte als solche, wenn wertneutral erzählt, kann als Verherrlichung oder als Kritik an Mißbrauch aufgefaßt werden. Ich halte überhaupt nichts vom moralischen Zeigefinger, um den Leser auf die "richtige Intepretation" zu stoßen. Oft kommt mir manches Moralisieren auch nur so vor, als wolle der Autor sagen: "Aber bitte nicht falsch verstehen, ich persönlich finde das alles ganz ganz schlimm!" Meine Güte, wenn er mit dem Thema Probleme hat, soll er doch die Finger davon lassen.

 

Peter

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Ich persönlich bin der Meinung' date=' dass man in der Tat ALLES schreiben darf - [u']wenn der Kontext stimmt!!![/u]

So sehe ich das auch.

 

Joy, wenn du einen journalistischen Artikel für eine Zeitschrift schreibst, ist das was anderes als Schriftstellern im Buch. Zeitschriften und Zeitungen haben eigene Richtlinien, und die sind gemäß journalistischer Ethik eher eng. Sprich, da hat schon Ironie nichts zu suchen, weil der Leser Tatsachen erwartet. Da hättest du deinen Großvater also eher sachlich als verrückt darstellen müssen, wenn er es denn war.

 

Und wenn es eine Zeitschrift mit Lebensgeschichten war, dann ist das wie im Heftroman: Es gibt enge Grenzen und Bausteine.

Belletristik ist eine ganz andere Sache.

 

Schöne Grüße,

Petra

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Seit ich den Film "Hannibal" gesehen habe, Folgefilm von Schweigen der Lämmer, kenne ich meine Grenze beim Horror: Der Psychopath öffnet seinem unter Drogen gesetzten, vor sich hin grinsendem Opfer die Schädelplatte und löffelt dozierend sein Gehirn bei lebendigem Leib heraus.

 

Während ich das schreibe, packt mich gleich wieder die Wut, dass niemand in der Lage war, eine solche Szene zu verhindern. Sie stellt zwar den Höhepunkt der Story da - aber es ist der Höhepunkt des Widerwärtigen, der Unmenschlichkeit, der Verrohung. Diese Szene hat mich dermaßen mitgenommen, verfolgt mich in Träumen, bringt mich wirklich zum Zittern. Keine Frage, dass mir nicht danach war, das Buch zu lesen.

 

Für mich ist das auch keine Frage der Altersbeschränkung/des Jugendschutzes: So etwas will ich auch mit 40 niemals mehr wieder sehen müssen.

 

Gruß,

 

Tin

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Marco hat es auf den Punkt gebracht.

 

Was dem Gesamtkonzept und nicht einer effekthascherischen Einzelabsicht des Autors dienlich ist, ist - in meinen Augen - auch sinnvoll.

 

Kindesmissbrauch, dachte ich, sei in Genres wie Psychothriller sogar seit einiger Zeit ein Modethema.

 

Eine ganz andere Frage ist fuer mich: Wie weit ist ein Leser bereit, sich auf die Innensicht z.B. eines Paedophilen, eines Nazis etc. einzulassen.

Ich weiss von einem (sehr erfolgreich seit Jahren publizierenden) Autor, der einen (nach meinem Dafuerhalten seinen besten) Roman bei keinem Verlag unterbringen kann, weil hier die Innensicht eines faschistisch denkenden Menschen (sehr gekonnt) eingenommen wird. Begruendung: So etwas will kein Leser, sich darauf einzulassen ist kein Leser bereit.

 

Stimmt das? (Mir faellt es grundsaetzlich sehr schwer, so etwas zu beurteilen, da ich mich sehr gern auf solche Innensichten einlasse und eher Schwierigkeiten mit Figuren habe, die ich als selbstmitleidig, langweilig und/oder banal empfinde.)

 

Und noch eine Frage: Meiner Meinung nach gibt es in den Bereichen Sex und Gewalt kaum noch irgendwelche Tabus, da man das eh alles im Fernsehen gezeigt bekommt. Eine leicht tabuisierende Haltung spuere ich dagegen noch im religioesen Bereich. Zumindest auf dem britischen Markt bilde ich mir ein, ein Zurueckscheuen vor Haltungen wahrzunehmen, die als "blasphemisch" empfunden werden.

Kann das jemand teilen oder irre ich mich?

 

Viele Gruesse von Charlie.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Hallo Charlie,

 

bei 'Der Untergang' wird ja quasi Hitlers Innenansicht dargestellt und ich hab viele sagen hören, dass man dadurch sogar verstehen kann, warum es dazu kommen musste ...

 

Allerdings hab ich auch schon gehört, dass Leser die Innenansicht eines Pädophilen, Faschisten usw. nicht lesen wollen - und ich gehöre dazu! Ich will das nicht lesen.

 

Grüße

Quidam

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Zumindest auf dem britischen Markt bilde ich mir ein, ein Zurueckscheuen vor Haltungen wahrzunehmen, die als "blasphemisch" empfunden werden.

Kann das jemand teilen oder irre ich mich?

 

Das ist mir bisher nur auf dem nordamerikanischen Markt aufgefallen. Aber anscheinend gibt es das hier auch, in Bayern z.B.

 

Ich finde auch, Marco hat es super auf den Punkt gebracht!

 

LG

Joy

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@Petra

 

danke für die Erklärungen, aber es handelte sich nicht um einen sachlichen Artikel. Es war eine Art Kolumnenbeitrag, etwas lustiges zur Weihnachtszeit. Absolut nicht ernstzunehmend.

 

Aber es ist mir schon klar warum die das rausgenommen haben. Rechtliche Probleme wollten die halt nicht riskieren, auch nicht wegen eines verrückten alten Opas. Ich fands nur schade, weil ja gerade das den Witz ausgemacht hat. :s22

 

Und es brachte mich eben dazu über Tabus beim Schreiben nachzudenken, und ob es da wohl noch mehr gibt, außer den Nazi-Bezügen.

 

LG

Joy

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bei 'Der Untergang' wird ja quasi Hitlers Innenansicht dargestellt und ich hab viele sagen hören' date=' dass man dadurch sogar verstehen kann, warum es dazu kommen musste ...[/quote']

Von Verständnis kann keine Rede sein! Eher davon, daß die Dämonie herausgerissen und das Krane, Wahnhafte herausgestellt wurde und die krude Logik des Wahns in erschreckender Weise nachvollziehbar macht.

 

Allerdings hab ich auch schon gehört, dass Leser die Innenansicht eines Pädophilen, Faschisten usw. nicht lesen wollen - und ich gehöre dazu! Ich will das nicht lesen.

Jeder kann ohnehin lesen, was er will (außer in der Schule), also sehe ich keine Veranlassung, eine subjektive Negativvorliebe zu einer allgemeinen Zensurdirektive zu machen. :)

 

Fröhliche Grüße,

Iris :s17

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Jeder kann ohnehin lesen, was er will (außer in der Schule), also sehe ich keine Veranlassung, eine subjektive Negativvorliebe zu einer allgemeinen Zensurdirektive zu machen. :)

 

Das sagst du! Mich interessierte aber ob es nicht doch (unterschwellige vielleicht) Tabus in Deutschland gibt. Anscheinend nicht, was ich beruhigend finde.

 

LG

Joy

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der einen (nach meinem Dafuerhalten seinen besten) Roman bei keinem Verlag unterbringen kann, weil hier die Innensicht eines faschistisch denkenden Menschen (sehr gekonnt) eingenommen wird. Begruendung: So etwas will kein Leser, sich darauf einzulassen ist kein Leser bereit.

 

Stimmt das?

Hallo Charlie,

ich denke mal, nur wenige würden das machen, weil die meisten doch lieber zur Unterhaltung lesen. Kann mir vorstellen, dass das eine rein wirtschaftliche Entscheidung ist!

 

Und dann gibt es da noch das Phänomen der "Gutmenschen", wo alles politisch korrekt ablaufen muss - da darf man Dinge, die "ibäh" sind, auch nicht laut aussprechen oder andenken, um den negativen Dingen womöglich wirklich beizukommen. Diesem Phänomen begegnen z.B. auch Streetworker. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein - eine Gesellschaft schaut auch gern mal weg.

Kurzum: Bricht eine Menge potentielles Publikum weg, ergo niedrigere Auflagen...

 

Schöne Grüße,

Petra

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Mich interessierte aber ob es nicht doch (unterschwellige vielleicht) Tabus in Deutschland gibt. Anscheinend nicht' date=' was ich beruhigend finde.[/quote']

Würdest du tatsächlich gerne in einer tabulosen Gesellschaft leben?

 

 

Denke die Frage bitte zu Ende, bevor du antwortest ...

 

Interessierte Grüße,

Iris :s17

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Hallo Joy,

author=Joy link=board=Handwerk;num=1135023258;start=10#12 date=12/20/05 um 09:00:27Es war eine Art Kolumnenbeitrag, etwas lustiges zur Weihnachtszeit. Absolut nicht ernstzunehmend.

Ah soooo!

Da bist du nicht an einem Tabu, sondern an einem Humorproblem gescheitert!

Also... in Zeitungen und Zeitschriften hat Luschdiges zu Weihnachten einfach nur luschdig und niedlich-nett zu sein.  Bloß nicht zu viel Alltag spüren lassen und schon gar keine politischen oder gesellschaftlichen Probleme aussprechen (das ist Satire, Glosse etc. vorbehalten). Selbst wenn du also genialisch einen Altnazi der Lächerlichkeit preisgeben würdest - das ist nicht weihnachtlich-luschdig.

Wenn du wissen willst, was weihnachtsluschdig ist, schau dir die unsäglichen Weihnachtsmännerkomödien an, die im deutschen Fernsehen grade die Leute heimsuchen, vornehmlich gegen 20:15 Uhr.

 

Humor ist eine eigenartige Sache, ich habe mich mit dem Thema gerade montelang herumgeschlagen und stelle fest, wenn man von außen in ein Land kommt, muss man dessen Humor erst erlernen, da gibt's einfach Sachen, wo manche nicht lachen können, hat aber nichts mit Tabus zu tun.

 

Ein wunderbares Beispiel fällt mir ein, Sex mit Tieren und Humor... sicher kennen viele diese herrliche Dreiecksgeschichte zwischen einem Psychiater und seinem geliebten Schaf, das ihm der Patient ausspannt... zu finden im Film "Was sie schon immer über Sex wissen wollten" von Woody Allen. An dieser Szene kann man Marcos Sentenz vom Kontext, von Inhalt und Form sehr gut nachvollziehen. Der Film an sich war damals ein gigantischer Tabubruch.

 

Schöne Grüße,

Petra

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Wahrscheinlich nicht' date=' Iris. Aber ich würde die Tabus gern alle kennen, damit ich sie mit Absicht brechen kann, und nicht versehentlich.[/quote']

Du willst Tabus brechen? Also sowas wie den Verzehr von Hunde- und Katzenfleisch? Nudismus in der Öffentlichkeit? Pädophilie? Kannibalismus? :o

 

Nur erzählt oder "in echt"? ;D

 

Fröhliche Grüße,

Iris :s17

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LOL!

Iris, ich WILL keine Tabus brechen, sondern FALLS ich sie brechen sollte, soll es absichtlich sein und nicht aus versehen. Ist doch klar zu verstehen, oder?

 

Ich glaube nicht, dass Kanibalismus und anderes aus deiner Liste ein Tabu darstellt. Ist alles schon geschrieben worden. Wir sprechen hier vom SCHREIBEN, remember? ;)

 

LG

Joy

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Hi!

Ehrlich gesagt, Tabus werden nun mal gebrochen. Es laufen genug Verrückte da draußen herum und leider sind viele Dinge, die täglich passieren, nicht nur kranke Phantasien eines Autors, sondern Realtität. Ob man über die wirklich harten Dinge nun in Romanen (ich rede natürlich nicht von Sach- oder Fachbüchern!) lesen oder darüber schreiben möchte, das muß jeder für sich entscheiden.

Das ist schlicht Geschmackssache, und darüber, ob es guter oder schlechter Geschmack ist, muß und kann man sicher gar nicht streiten. Mein Geschmack ist es nicht.

Wichtig finde ich nur, daß Bücher mit bestimmten Inhalten nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangen.

Bei Parodien und Satiren hat man relativ freie Hand, weil man Dinge ins Lächerliche zieht, wenn es gelungen ist. Ich mußte bei deinem Problem spontan an den Mel Brooks-Film "Frühling für Hitler" denken. Oder auch an "Das Leben des Brian".

Gabi

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Ich denke, unsere Gesellschaft hat sicher ihre Tabus und muss sie auch haben. Tabus beim Schreiben finde ich eher hinderlich, denn wenn man sich zu viel fragt, ob "man" etwas schreiben darf, dann schreibt man auch nicht mehr das, was der Text eigentlich erfordert.

Trotzdem gibt es auch Dinge, die man so in einem Text nicht bringen darf - aber während man sowohl die gesellschaftlichen Tabus benennen wie auch auf der anderen Seite die Freiheit der Kunst propagieren kann, fällt es schwer, katalogartig aufzuzählen, was nun konkret in einem Text möglich ist. Weil es eben doch um die Umsetzung, um die Art der Darstellung geht.

Ich habe beispielsweise mal in einem Gutachten zu einem englischen Roman vom Kauf abgeraten, weil er mit Nazi-Bezügen versehen war. Er war nicht verherrlichend, aber auch nicht moralisierend. Die Nazis waren da, und ihre Meinungen standen in sich widerspruchslos im Raum, dazu einige nüchterne historische Bewertungen - insgesamt eine Mischung, von der ich mir gesagt habe: "Das ist so auf dem deutschen Markt problematisch." Man hätte es bringen können, aber ich sah nicht, dass den Risiken ein Zugewinn an Geschichte oder auch nur an Lesern gegenübergestanden hätte.

Und ich denke, so nüchtern-geschäftsmäßig sieht letztlich die Antwort auf die Frage aus, was es an Tabus in der Literatur geben sollte: Die Tabus der Gesellschaft sollte ein Autor als Künstler nicht verinnerlichen. Andererseits muss er sie als Rahmenbedingungen des "Marktes" erkennen, auf dem er sein Werk anbietet - wenn er Tabubrüche nicht wohlbegründet einbaut und entsprechend aufbereitet, dann versperrt er dem Werk den Zugang zu den Lesern.

Meines Erachtens nach ist gerade die Gratwanderung entlang von Tabus ein Zeichen für künstlerische Qualität; denn nur durch das Aufzeigen von Widersprüchen lässt sich das Selbstverständnis des Rezipienten erschüttern und eine Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft herstellen. Dafür ist nicht immer ein Tabubruch nötig - aber nur die Bereitschaft zum Tabubruch verhindert platten Konformismus.

Aber gerade das "Aufzeigen von Widersprüchen" zeigt auch, dass eine spezielle Aufbereitung des Tabubruchs nötig ist: Ich denke, der Leser und der Markt akzeptiert den Tabubruch, wenn eine Auseinandersetzung mit dem Tabu stattfindet - wenn also dessen Problematik dargestellt wird. Das findet beispielsweise bei rein gewaltverherrlichenden Büchern nicht mehr statt, weshalb diese gesellschaftlich nicht akzeptiert sind und hier auch der Tabubruch seine Grenzen findet.

 

Natürlich erheben meine Ausführungen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie entspringen meinen Vorstelllungen des Wertes von Kunst im Allgemeinen und Literatur im Besonderen, und der macht sich ganz allein an der "Wirkung" fest: Ein Buch, dass keinen Leser erreicht, kann noch so viel Aussage haben - es kann keine Wirkung entfalten und taugt nichts. Ein glattes Buch ohne Kanten und Widerhaken, in dem sich der Autor am besten auf keine Aussage festlegt oder nur auf Aussagen, die ohnehin jeder Leser freudig abnickt, kann vielleicht eben deshalb viele Leser gewinnen - aber es kann auch keine Wirkung entfalten, weil es eben beim Rezipienten auch nichts verändern kann.

Diese Arten von Literatur empfinde ich als eher geringwertig, und meinen bisherigen Erfahrungen nach geht es auch mit der langfristigen Bedeutung eines Werkes konform. Und der gezielte Tabubruch, der im Kontext konsumierbar gemacht wird, ist eben ein guter Weg, um sich einerseits an den Leser "heranzumogeln", ihn dann aber unterschwellig doch so zu piesacken, dass das Buch hängenbleibt und eine Reaktion herausfordert.

Ich persönlich beispielsweise konnte mit Jelinek nie viel anfangen - aber als ich, nachdem sie den Preis bekommen hat, die Diskussionen verfolgt habe, musste ich doch eingestehen, dass sie anscheinend nach diesen meinen Kriterien den Literaturnobelpreis wohl zu Recht bekommen hat. ;)

 

Diese Szene hat mich dermaßen mitgenommen, verfolgt mich in Träumen, bringt mich wirklich zum Zittern.

 

... und nach diesen meinen Kriterien spricht diese Wirkung eigentlich gerade für die Szene, und ich bin nur froh, dass niemand da war, der sie verhindert hat: Denn dass sie offenbar so aufbereitet war, dass sie ihr Publikum erreichen konnte, ist offenkundig - ansonsten wäre der Film so nie in die Kinos gekommen. Und wenn sie dir, Tin, Albträume beschert, war es anscheinend genau diese Szene, die verhindert hat, dass man im Kino mit einer weiteren, stromlinienförmigen Hollywood-Produktion versorgt wurde, die niemanden beunruhigen kann und die man vergessen hat, sobald man wieder zu Hause ist.

Man kann sich sicher darüber streiten, ob Albträume und Verunsicherung eine wünschenswerte Wirkung von Kunst sind - aber immerhin sind sie eine Wirkung, und man kann darüber streiten. Und genau das verleiht ihr ja meines Erachtens nach ihren Wert. Also bin ich geneigt, diese Szene als gelungenen Tabubruch anzusehen. :)

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)

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Seit ich den Film "Hannibal" gesehen habe, Folgefilm von Schweigen der Lämmer, kenne ich meine Grenze beim Horror: Der Psychopath öffnet seinem unter Drogen gesetzten, vor sich hin grinsendem Opfer die Schädelplatte und löffelt dozierend sein Gehirn bei lebendigem Leib heraus.

 

Während ich das schreibe, packt mich gleich wieder die Wut, dass niemand in der Lage war, eine solche Szene zu verhindern. Sie stellt zwar den Höhepunkt der Story da - aber es ist der Höhepunkt des Widerwärtigen, der Unmenschlichkeit, der Verrohung. Diese Szene hat mich dermaßen mitgenommen, verfolgt mich in Träumen, bringt mich wirklich zum Zittern. Keine Frage, dass mir nicht danach war, das Buch zu lesen.

 

Für mich ist das auch keine Frage der Altersbeschränkung/des Jugendschutzes: So etwas will ich auch mit 40 niemals mehr wieder sehen müssen.

 

Gruß,

 

Tin

 

Hallo Tin,

ich kann mich nicht erinnern, dass diese Szene im Buch vorkam. Falls doch, was es dort auf jeden Fall gut gelöst. Ich habe noch in Erinnerung, dass "Hannibal" sehr die Sinne ansprach, auch den Geschmackssinn, weil Hannibal ein "spezieller Feinschmecker" ist!  ;)

Ich fand es ein ganz hervorragendes Buch, wenn auch etwas schwächer als "Das Schweigen der Lämmer".

 

Alles Liebe

 

Moritz

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