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(Peter D. Lancester)

Regeln - nur dazu da, um sie zu brechen?

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ein solcher Satz belegt allerdings kein auktoriales Erzählverhalten (um einmal den literaturwissenschaftlich korrekten Terminus zu bemühen), sondern höchstens einen sog. olympischen Erzählstandort (point of view), d.h. ein erweitertes raum-zeitliches Verhältnis vom Erzähler zum Erzählten. Ein solcher Erzählstandort kann natürlich auch mit einem personalen Erzählverhalten kombiniert werden.

Jetzt bitte ich aber um Aufklärung. Ich halte mich für ziemlich sicher in dieser Materie, aber mir ist noch nie zu Ohren gekommen, man könne einen solchen Erzählstandort mit einem personalen Erzählverhalten kombinieren (ich benutze hier mal deine Termini, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es wohl kaum möglich ist, in der Literaturwissenschaft einen Terminus als den einzig korrekten hinzustellen). So, wie sich ein personaler Erzähler definiert, ist das doch ein Widerspruch in sich. Aber ich lasse mich gern belehren.

 

Gruß

Philipp

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Hallo Inge,

 

Nun hat mich Petra heute in o.g. Thread wieder schön geerdet und seither spuken die Themen 'Schreibregeln' oder 'Was man darf und was man niemals tun sollte' in meinem Kopf herum und es fallen mir Beispiele ein' date=' in denen scheinbar ununmstößliche Regeln gebrochen wurden und ich das trotzdem nicht als störend empfand.[/quote']

Mir fällt bei diesen Schreibregeln immer eins meiner Backbücher ein; da steht an manchen Rezepten: "Gelingt leicht".

 

D. h. aus meiner Sicht sind die Regeln bestenfalls so zu verstehen: "Wenn Sie das alles beherzigen, machen Sie zumindest technisch keine Fehler". Das heißt weder, dass man automatisch Fehler macht, wenn man die Regeln bricht - noch dass automatisch ein verdammt guter Roman bei rauskommt, wenn man sie einhält.

 

Zur Perspektive: Es gibt doch dicke Bücher darüber, was für "Erzählsituationen" es alle gibt: auktorial und personal und Ich-Erzählung; Innensicht und Außensicht und so weiter und so weiter. Es kann doch gar nicht sein, dass da bis auf ein oder zwei alle von "falsch" sind!

 

Sie wirken nur alle unterschiedlich. Und das finde ich sehr wichtig: sich klarzumachen, wie welche Erzählweise wirkt, was man mit ihr gut darstellen kann und was nicht so gut. Welche Erzählweise man wählt, prägt das Buch bis in jeden Satz. Ich finde, das ist so ziemlich die wichtigste Entscheidung, die man treffen muss.

 

Mich persönlich stört beim Lesen vor allem, wenn ich das Gefühl habe, der Autor macht es sich bequem, er greift immer zu der Perspektive, die sich gerade anbietet, er lässt sich treiben. Das ist, als würde er mir sagen: Warum soll ich mir den Kopf zerbrechen, ist doch alles nur Geschreibsel.

 

Aber das ist auch wieder nur mein persönlicher Geschmack. Da muss sich auch niemand nach richten, es gibt bestimmt eine Menge Leser, die das gar nicht merken oder die drüber hinwegsehen, wenn das Buch sonst genügend zu bieten hat.

 

Meine persönliche Schreibregel ist, sich immer wieder zu fragen: "Wo will ich hin? Welche Art von Buch will ich schreiben? Was ist mir persönlich bei Büchern wichtig, und worauf kann ich gern verzichten?"

 

Auch nicht hilfreich, aber meine ... ;)

 

Schöne Grüße aus dem endlich sonnigen Berlin

 

Barbara

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Hallo Peter,

 

ein solcher Satz belegt allerdings kein auktoriales Erzählverhalten (um einmal den literaturwissenschaftlich korrekten Terminus zu bemühen), sondern höchstens einen sog. olympischen Erzählstandort (point of view), d.h. ein erweitertes raum-zeitliches Verhältnis vom Erzähler zum Erzählten. Ein solcher Erzählstandort kann natürlich auch mit einem personalen Erzählverhalten kombiniert werden.

 

Viele Grüße,

-Manuel

Hallo Manuel,

Das verstehe ich so nicht, da fehlen mir die theoretischen Grundlagen. So weit ich weiß, gibt es z.b. auktoriale Ich-Erzähler, die Rückschau auf ihr Leben halten und eben dieses distanzierte Verhältnis haben, aber in einer ansonsten personal erzählten Geschichten, sich dann auf einmal aus dem Hintergrund zu melden, bzw. einem Charakter Informationen zuzugestehen, die er zu diesem Zeitpunkt gar nicht haben kann, erscheint mir ein Bruch in der Erzählstruktur zu sein und so ein distanziertes Verhältnis scheint mir ein typisches Beispiel für eine "auktoriale" Erzählebene zu sein.

Vor allem da hier ja ein Erzähler auftritt, der nicht festzumachen ist.

 

Gruß

Peter

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Hallo Manuel, hallo Phillip,

 

Gero von Wilpert definiert in seinem Standartwerk "Sachwörterbuch der Literatur" auktoriales Erzählen als "diejenige Erzählsituation, in der ein überschauender, kommentierender Erzähler in die Erzählung eingreift, Vorausdeutungen gibt, Vorgeschichte nachholt...."

Dementsprechend ist eine Vorausdeutung wie die oben genannte immer auktorial.

 

Der olympische Erzählstandort kommt aus einem anderen "Koordinatensystem" der Literaturwissenschaft. Das olympisch bezieht sich auf einen gottgleichen, von oben herabblickenden Erzähler, der die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Erzählung kennt und der räumlich und symbolische deshalb im Olymp verordnet wird, von wo er aus erzählt.

Dieser Erzähler entspricht dem auktorialen Erzähler, aber der Begriff auktorialer Erzähler bezieht sich auf die Erzählfigur, der olympische Erzählstandort (point-of-view) auf den Standort des Erzählers- wobei der Standort eine Allegorie zum Allwissenden des auktorialen Erzähler ist.

 

Oder um es anders zu sagen: Ich diskutiert darüber, ob es das Jogurt oder der Jogurt ist.

 

Weil die Trennung zwischen einem auktorialen und einem personalen Erzähler rein akademisch ist- und sehr häufig nicht klar ist, ob ein auktorialer Satz nun die Gesamtperspektive auktorial macht

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Hallo zusammen,

 

bei den Schreibregeln handelt es sich nicht um Regeln, sondern um Erfahrungswerte, bei denen komplexe Sachverhalte auf einen griffigen Satz reduziert werden. Dementsprechend haben Schreibregeln ungefähr den Wahrheitswert der Aussagen des "Kleinen Prinzen".

 

Ich würde mich davon nicht blockieren lassen- weil Schreibregeln eben nur reduzierte Erfahrungswerte sind, keine wirklichen Erfahrungswerte.

Das wird sehr deutlich, wenn man die Texte eines Schreibregelgurus liest.

 

Ich bin kein Guru, habe aber bestimmte Schreibprinzipien, meist relativ komplexe mit vielen Unterpunkten, die ich verwende. Trotzdem findet Quidam bei mir immer wieder Stellen, wo ich gegen meine eigenen Schreibprinzipien verstoße.

Weil die Erfahrungswerte sich an den Texten messen lassen müssen- und ich ständig mehr über meine Schreibprinzipien lerne, und manchmal ist es auch aus verschiedenen Gründen notwendig die eigenen Regeln zu brechen, obwohl sie von der Idee her richtig sind. Weil diese Textstelle nicht anders gelöst werden kann.

 

Oder um es anders zu sagen. Schreibregeln sind Erfahrungswerte, die theoretisch nach Beobachtungen aus der Praxis aufgestellt werden, und dann deutlich vereinfacht werden.

Sie können hilfreich sein, wenn man sie als Anregung verwendet, vor allem für Anfänger, oder als Grundbasis, um dann gezielt davon abzuweichen, um die Wirkung zu erhöhen.

Wenn sie als Regel entworfen werden, die unbedingt einzuhalten sind, dann blockiere sie den Autor und verschlechtern den Text. Weil dann die Texte uniform werden, und man Optionen aufgibt, die es ja auch aus gutem Grund gibt.

 

Oder um anhand eines Exposées zu verdeutlichen:

Es gibt Formatvorschriften, die man einhalten sollte. Es gibt Erfahrungswerte, die bei der Erstellung eines Exposées hilfreich sein können. Wenn man aber aus gutem Grund davon abweicht, dann sollte man das tun- wenn es das Exposée besser macht.

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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bei den Schreibregeln handelt es sich nicht um Regeln' date=' sondern um Erfahrungswerte, bei denen komplexe Sachverhalte auf einen griffigen Satz reduziert werden. Dementsprechend haben Schreibregeln ungefähr den Wahrheitswert der Aussagen des "Kleinen Prinzen".[/quote']

 

 

Ich habe selten einen so treffenden Satz über Schreibregeln (genauer: Regeln aus Büchern über das Schreiben) gelesen.

 

 

Gruß Sysai

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Guten Morgen liebe Montsegurler,

 

wenn ich das nun richtig sehe, sind hier lauter Anarchisten am schreiben  ;D .

Vielen Dank für eure vielfältigen Antworten.

 

Hallo Petra,

ganz klar, auch ich habe Frey gelesen und hatte danach zum ersten Mal das Gefühl, meinen Romanstoff handwerklich in den Griff kriegen zu können. Ohne Frey wäre mein Erster nicht entstanden. Die Regeln hatten also etwas befreiendes für mich, so  paradox das klingen mag.

 

Du schreibst auch von Baukastensystemen, die der Leser in den Romanen wieder erkennen möchte. Das ist sicher richtig, aber ich frage mich, ob man als Autor nicht austauschbar wird.

 

Zur Zeit lese ich einen amerikanischen Krimi von Tess Gerritsen 'Die Chirurgin'.

Das ist spannend geschrieben. Neben der Mörderjagd gibt es einen Held und Heldin, die ihre Traumata aufarbeiten müssen, es gibt einen Loveplot und interessante Nebenfiguren,  kurz und gut: Das Buch hat alles, was ein Krimi haben sollte und doch habe ich wieder einmal das Gefühl: Das ist konfektioniert. Ich kann keine Handschrift erkennen, es wirkt austauschbar, zigmal gelesen. Hier fehlt das, was du als innere Stimme bezeichnest.

 

Deine Lehrmethode klingt interessant. Hast du nicht einen Thread, in dem es um Zuverdienstmöglichkeiten für Autoren geht? Kreativewriting im Elsass - das hat doch was.

 

Backrezepte und Baugerüste wurden hier erwähnt. Und ich muss zugeben: Ich mag das. Im Moment geben sie mir Sicherheit - auch wenn ich mich dann genau durch diese Regeln wieder verunsichern lasse.

 

Allerdings habe ich mir bei meinem Neuen schon zwei Regelverstöße geleistet, einfach weil es besser war, weil dann die Tonality (wie es im Werberdeutsch so schön heißt) gestimmt hat.

 

Liebe Grüße

Inge

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(Peter_Dobrovka)
Guten Morgen liebe Montsegurler,

 

wenn ich das nun richtig sehe, sind hier lauter Anarchisten am schreiben  ;D .

Vielen Dank für eure vielfältigen Antworten.

Noch mehr Vielfalt kommt aus der Vergangenheit. Das Thema wurde bereits ausgiebig diskutiert. Ich habe mir mal erlaubt, diesen Thread an den anderen anzukleben.

 

Was ich dagegen mal interessant fände, wäre ein Thread, in dem ganz konkrete Beispiele aus Bestsellern oder der Literatur diskutiert würden, wo Schreibregeln böse verletzt wurden.

 

ganz klar, auch ich habe Frey gelesen und hatte danach zum ersten Mal das Gefühl, meinen Romanstoff handwerklich in den Griff kriegen zu können. Ohne Frey wäre mein Erster nicht entstanden. Die Regeln hatten also etwas befreiendes für mich, so  paradox das klingen mag.

Wenn du mal Capellas Beitrag auf Seite 1, #3, liest, wird das alles plötzlich sonnenklar. Sie und ich, wir sehen Schreibregeln wie Verkehrsregeln. Wenn man genau weiß was man tut, darf man auch mal nachts um halb drei eine rote Ampel überfahren. - Das wird die Polizei natürlich anders sehen, so wie es immer Kritiker geben wird, die haarklein jede Häufung von Adjektiven oder Mißachtung der Erzählperspektive monieren.

 

Du schreibst auch von Baukastensystemen, die der Leser in den Romanen wieder erkennen möchte. Das ist sicher richtig, aber ich frage mich, ob man als Autor nicht austauschbar wird.

Da wiederum möchte ich gerne verweisen auf meinen Beitrag #2:

Ich finde den Vergleich gar nicht so hinkig. Denn es wird einem ja nicht vorgeschrieben, wohin man zu fahren hat und in welchem Fahrzeug.

Ich finde die Befürchtung, daß man austauschbar wird, übrigens interessant. In kaum einer Kunstrichtung ist diese Furcht so verbreitet wie bei Autoren.

 

Zur Zeit lese ich einen amerikanischen Krimi von Tess Gerritsen 'Die Chirurgin'.

Das ist spannend geschrieben. Neben der Mörderjagd gibt es einen Held und Heldin, die ihre Traumata aufarbeiten müssen, es gibt einen Loveplot und interessante Nebenfiguren,  kurz und gut: Das Buch hat alles, was ein Krimi haben sollte und doch habe ich wieder einmal das Gefühl: Das ist konfektioniert. Ich kann keine Handschrift erkennen, es wirkt austauschbar, zigmal gelesen. Hier fehlt das, was du als innere Stimme bezeichnest.

Im Prinzip hast du recht.

Aber: Wir müssen beginnen zu differenzieren. Spät zwar, aber, besser zu spät als gar nicht.

Es gibt Schreibregeln für Stil und Dramaturgie, die halte ich bis zum Beweis des Gegenteils weiterhin für sinnvoll.

Aber es gibt auch Schreibratgeber und -kurse, die geben Ideen vor für den Inhalt. Vor allem aber tun dies die Verlage gerne, wenn sie Auftragsarbeiten vergeben. Und so sind tatsächlich regelrechte Kochrezepte verbreitet, die zwar dazu führen, daß man nichts anbrennen läßt und einen gewissen Standard hält, aber es schmeckt nach Großküche. Was du da bei der Chirurgin als eigentlich Positives aufgelistet hast, sind exakt solche Zutaten.

- Held und Heldin, love interest

- Traumata aufarbeiten

 

Allerdings habe ich mir bei meinem Neuen schon zwei Regelverstöße geleistet, einfach weil es besser war, weil dann die Tonality (wie es im Werberdeutsch so schön heißt) gestimmt hat.

Wie gesagt, einen Thread, wo es um konkrete Beispiele dieser Art geht, würde ich gerne sehen.

Ich mache vielleicht mal selber einen auf. Was aber niemanden abhalten soll. Wenn zufällig zwei oder mehr ein ähnliches Thema aufmachen, werden sie halt zusammengeklebt.

 

Peter

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Schreibregeln sind doch vor allem für Anfänger nützlich wie ein Baugerüst' date=' bis das Fundament steht.[/quote']

Genau da liegt meiner Meinung nach der Denkfehler. Ein Anfänger lernt nicht Häuser zu bauen, indem er sich am Baugerüst hochhangelt und weiß, er kommt ja irgendwie bis in den vierten Stock.

 

Ein Anfänger muss erst mal lernen, verschiedene Baustoffe zu befühlen, dran herumzuklopfen, zu reiben... er muss Beton anmischen, mit Lehm mantschen und Stroh mal kurz und mal länger schneiden. Erst dann kann er überhaupt entscheiden, womit er sein Traumhaus gern bauen würde (der eine liebt Blockhäuser mit Betonboden und der nächste baut lieber alte Kirchen aus und experimentiert mit Plastik). Dann hat er auch ein Gefühl für seine Baustoffe, weil er gelernt hat, wie Mörtel reagiert, wenn man zu viel Sand oder zu viel Wasser einmischt.

 

Das Baugerüst ist dann hilfreich für die Außensicht.

 

Bauarbeitergrüße,

Petra

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Du schreibst auch von Baukastensystemen' date=' die der Leser in den Romanen wieder erkennen möchte. Das ist sicher richtig, aber ich frage mich, ob man als Autor nicht austauschbar wird. [/quote']

Bei solchen Projekten ganz sicher. Die werden auch so produziert: Ist der eine utor verschlissen, kommt der nächste. Ich vergleiche das gern mit Betafilmen (oder sind das schon Gammfilme...) der amerikanischen Art: Familie wird mit Ungerechtigkeit konfrontiert, alles droht zu zerbrechen, die toughe Anwältin haut sie raus, Familie macht stark.

Ich hab vor vielen Jahren mal Drehbuchsoftware getestet, die lief nach Schreibratgeber: Dein Prota ist reich, schwarzhaarig und klein? Software spuckt Antagonisten aus: blonder, schlaksiger Penner.

Wollen wir solche Büchwer lesen? Ich nicht.

 

Deine Lehrmethode klingt interessant. Hast du nicht einen Thread, in dem es um Zuverdienstmöglichkeiten für Autoren geht? Kreativewriting im Elsass - das hat doch was.

Ich habe früher solche Seminare für Nichtschreibende gegeben. Autoren sind mir als Kunden zu unfreundlich ;-)

 

Tonality

Ich höre hier neuerdings dauernd "Sound", jetzt "tonality"... ist das das, worauf ich achten muss, wenn ich meine Textdatei in mp3-Format umwandle? http://smilies.montsegur.de/02.gif

 

Schöne Grüße,

Petra

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Hallo!

 

Einen Augenblick lang dachte ich wirklich, Ihr hättet über Nacht siebzehn Seiten volldiskutiert ... 8)

 

Zu den Regeln möchte ich noch zwei Sachen loswerden - ohne jetzt alle älteren Posts gelesen zu haben:

 

- Ich finde, bevor man überhaupt anfängt, über den Sinn von Schreibregeln zu diskutieren, sollte man erst mal nach Genre differenzieren. Wer "Literatur" ("richtige" ;D) schreiben will, kann sich mit Recht viel freier fühlen, als jemand, der mit einem Erstling in einer etablierten Krimireihe landen möchte.

 

- Und zweitens: Viele von denen, die hier sagen, dass sie nicht nach Regeln schreiben (wollen), meinen damit doch vermutlich explizit formulierte Regeln. Denn ein inneres Formgefühl haben wir doch sicher alle. Wir wissen (mehr oder weniger genau), wie sich unser Text weiterentwickeln sollte, damit er "romantisch" wird oder "spannend" oder "dicht" oder was immer wir erreichen möchten. Das wissen wir, weil wir selbst schon viel gelesen haben und dabei die erzählerischen Besonderheiten unseres Genres verinnerlicht haben.

 

Das Problem - jedenfalls mein Problem - sind die Gebote, die aus diesen erzählerischen Charakteristika abgeleitet werden. Sätze wie "Du musst mit einem Knaller anfangen", "Du musst lebendige Dialoge bringen (möglichst gleich auf Seite 1" - solche Sätze empfinde ich nicht als hilfreich, sondern als unzulässige Einmischung in meine inneren Angelegenheiten. ;D Und sie wecken unweigerlich in mir den Impuls, es genau anders zu machen, nach dem Motto: "Das werden wir ja sehen!"

 

Revolutionäre Grüße :s17

 

Barbara

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Diese Geschichten mit Konflikt auf die ersten Seiten, Dialoge auf die ersten Seiten, den großen Erzähler auf den ersten Seiten durchblitzen lassen...das leuchtet mir alles ein. Wenn ich Lektor wäre und am Tag zwanzig Romananfäge durchblättere, würde ich mir das auch wünschen. Bei "ruhigeren" Romananfängen müsste mich die Erzählstimme schon extrem packen, um aus dem Wust hervorzustechen. Da wirkt ein griffer, bissiger Dialog, ein frischer, starker Konflikt oder eine eindringliche Atmosphäre eben eher als "Eyecatcher". Aber das sind eben dann auch Anfänge, die eher für Lektoren geschrieben sind, als für Leser.

Ich hab überlegt, ob ich mein Manuskript dementsprechen umänder und es würde mir das ganze Konzept killen.

In meinem Manuskript ist es so, dass es mit einem ruhigen, wenn auch etwas seltsamen Treffen anfängt, das auf den ersten Blick wie ein verdruckstes Zufalls-Rendezvous wirkt. Ich hätte das ganze auch sehr viel packender damit anfangen können, dass der Protagonist die Leiche einer jungen Frau in seiner Badewanne auflöst, aber dazu müsste ich meinen Erzähler ans Messer liefern (okay, das hätte der Arsch sicher verdient, aber trotzdem ...).

 

Dann fang ich lieber ein neues an, dessen Anfang diesen Lektoren-Ansprüchen genügt, und versenke das alte in der Schublade.

 

Aber so sehr ich diese Anmerkungen und Forderungen der Lektorate auch verstehe und nachvollziehen kann, richtig gut heißen kann ich es nicht. Wenn alle nur noch solche Geschichten schrieben, würde das ja ganze Bereiche und Muster an Geschichten ausblenden.

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(Peter_Dobrovka)
Ich hab überlegt, ob ich mein Manuskript dementsprechen umänder und es würde mir das ganze Konzept killen.

In meinem Manuskript ist es so, dass es mit einem ruhigen, wenn auch etwas seltsamen Treffen anfängt, das auf den ersten Blick wie ein verdruckstes Zufalls-Rendezvous wirkt. Ich hätte das ganze auch sehr viel packender damit anfangen können, dass der Protagonist die Leiche einer jungen Frau in seiner Badewanne auflöst, aber dazu müsste ich meinen Erzähler ans Messer liefern (okay, das hätte der Arsch sicher verdient, aber trotzdem ...).

Der Anfang mit der Badewanne ist ungleich interessanter und toller. Du solltest genau das machen.

Warum würde es dein Konzept killen?

 

Peter

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Hallo PeterD,

 

huch! Siebzehn Seiten - da habe ich nun fürs ganze Wochenende Lektüre ;-)

 

Ich kenne des anderen Peters Manuskript nicht. Aber ich muss bei einem Krimi nicht sofort einen Schocker präsentiert bekommen. Ich mag Geschichten, die mich langsam reinziehen. Da kann auch am Anfang gerne viel angedeutet werden. Hauptsache, die Geschichte kommt in Schwung, nimmt Fahrt auf und am Ende wird alles sauber aufgelöst.

 

Ich glaube, dass jeder Künstler seinen eigenen Stil finden will und der ist dann, wenn das glückt, unverwechselbar. Wobei man mal diskutieren sollte, ob man sich als Autor als Künstler fühlt.  Das passt jetzt zu Petras Einwand, dass Lewinsky Literatur schreibt. Gibt es beim Schreiben auch E und U?

Ich sehe mich jedenfalls nicht als Künstlerin. Ich erzähle gerne Geschichten, das macht Spaß, das ist ein Hobby und wird vielleicht einmal ein zweites Standbein.  

 

Es gibt aber eine Menge amerikanische Krimis, die nach einem Rezept gestrickt sind. Das ist mir im europäischen Sprachraum noch nicht aufgefallen. Anscheinend gibt es in USA Schreibschulen, die diesen Einheitsstil vermitteln. Alles wirkt wie schon einmal gelesen. Ich finde das schade. Ich freue mich nämlich gerne auf die neuen Krimis von Elizabeth George, ValMc Dermid, Anne Holt usw. Aber bei den Amerikanern bleiben mir die Autorennamen nicht einmal im Gedächtnis.

 

Hallo Petra,

 

Tonality ist  Werberdeutsch. Damit ist der Tonfall gemeint, in dem man einen Werbetext schreibt. Beispiel: Für einen meiner Kunden habe ich eine Imagebroschüre für eine Luxusseniorenresidenz konzipiert. Um diese Zielgruppe anzusprechen, musste meine Texterin einen anderen Tonfall treffen (Tonality) als für die Broschüre eines anderen Kunden, der sich mit Interimsmanagement beschäftigt und Manager als Zielgruppe hat.

 

Liebe Grüße

Inge

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Liebe Inge,

 

Petra wird sehr wohl wissen, was Tonality ist. Warum wir Werber aber nicht einfach sagen können, "der Ton macht die Musik"? So viel Englisch, wenn's doch so viele schöne deutsche Wörter gibt... :s21

 

Mir geht es wie Dir: Ich bin auch "geduldiger", lese ein Buch auch weiter, wenn nicht auf den ersten Seiten der große Knall stattfindet. Aber ich weiß gar nicht, ob wir nicht ein ziemlich untypischer Haufen sind. Wir sind Autoren und allesamt ausgemachte Leseratten. Aber wir sind wahrscheinlich nicht die breite Masse. Und für einen Lektor wird es wichtig sein, ob er ein Manuskript für eine kleine oder eine große Gruppe verlegt...

 

Tja, und als Autor? Klar will ich mein Manuskript verkaufen. Meine Seele aber nicht gleich mit... letztendlich muss man voll hinter seinem Werk stehen können. Selbst wenn andere den Kopf schütteln. Oh je, das ist so schwer... ich weiß nicht, was ich an PeterNs Stelle tun würde!

 

Liebe Grüße

Judith

(auch so ein Werbefuzzi :s02)

"Felix", Frankfurter Verlagsanstalt 2015 // jetzt als Kindle eBook

"Liebe braucht nur zwei Herzen", Penguin Verlag 2021

www.judithwilms.com

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Der Anfang mit der Badewanne ist ungleich interessanter und toller. Du solltest genau das machen.

Warum würde es dein Konzept killen?

 

Peter

Das ist schwer zu beantworten, ohne hier mein komplettes Erzählgerüst episch auszubreiten. Im Wesentlichen war die Fragestellung hinter dem Text, wie jemand, den sein Gewissen plagt, versuchen würde, sich im Rückblick so zu rechtfertigen, dass er sein Handeln so darstellen kann, dass er mit sich selbst wieder im Reinen ist. In diese Erzählstimme passt dieser Anfang einfach nicht, es ginge zwar in der Tat mit so einem Shocker-Anfang, aber dann müsste ich das komplette Konzept, die Herangehensweise des Erzählers an die eigene Geschichte und alles mögliche über den Haufen werfen, das ich eigentlich sehr lieb gewonnen habe. In dieser Herangehensweise und in der Geschichte in seinem Kopf, die sich hinter den Worten versteckt, liegt auch -das ist meine persönliche, blinde Sicht- die Stärke des Textes. Mußte man halt abwägen, ich hab mich so entschieden.

 

Es ist auch eine Intentions-Frage. Wenn ich den Roman auf Spannung und Thrill gebürstet hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich wirklich so anfangen lassen. Das ist allerdings auch eine Schwachstelle des Romans, die ich schon früh erkannt und in Kauf genommen habe. Ich versuche die Geschichte so zu erzählen, wie er sie erzählt hätte und nicht unbedingt so, wie es für den Leser am Spannendsten gewesen wäre. Natürlich nicht ohne diesen Spannungseffekt komplett auszuschließen, aber in einem Kompromiss quasi. Ob das Gesamtding nun funktioniert oder nicht, müssen letztendlich sowieso andere beurteilen. Ich habe jedenfalls beim Schreiben ne Menge gelernt, und wenn es so ist, wie Dürrenmatt gesagt hat, dass man sich im ersten Manuskript erstmal die Gülle von der Seele schreiben muss, ist das auch ok.

Deshalb war das Schreiben auch extrem anstrengend und ich bin froh, endlich was anderes machen zu können, ohne diese selbst auferlegten Einschränkungen.

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Es gibt aber eine Menge amerikanische Krimis' date=' die nach einem Rezept gestrickt sind. Das ist mir im europäischen Sprachraum noch nicht aufgefallen. Anscheinend gibt es in USA Schreibschulen, die diesen Einheitsstil vermitteln.[/quote']

Hallo Inge,

Diesen Einheitsstil vermitteln nicht Schreibschulen sondern die Verlage. Übrigens auch in Deutschland - mir scheinen viele deutsche Krimis sehr, sehr ähnlich, um es mal höflich zu formulieren ;-).

 

Aber zurück zu dem Rezept. Ich habe das in letzter Zeit schon von mehreren Autoren unabhängig voneinander gehört, dass diese Ähnlichkeit, dieses Rezept von Verlagen explizit eingefordert wird.

Die machen ein Verlagsprogramm, da kommt jeden Monat ein Krimi, ein Fantasy, ein Thriller, etc. raus und der soll sich verkaufen und vor allem: Er soll wenig Arbeit (Lektorat!) machen.

 

Also orientiert man sich am vorhandenen. Die Bestsellerliste ist voll von Vatikanthrillern? Unsere nächsten Thriller werden Vatikanthriller und müssen natürlich alles enthalten, das Dan Brown auch enthält. Und um Gottes willen nicht mehr!

 

Im Extrem weiß ich von einem Verlag, der explizit in einem Fantasy nicht nur *alle* Elemente vom Herrn der Ringe verlangte, sondern sogar die Ringe selbst mussten vorkommen. Die Anzahl durfte der Autor allerdings bestimmen.

 

Der Verlag hat Programmplätze (Krimi, etc) und dann werden Autoren gesucht, die diese bedienen. Es gibt eigene Agenten, die den Verlagen Autoren für ihre Wünsche zuführen. Die schreiben dann auch entsprechend. Da soll eine neue Wanderhure geschrieben werden? Bitte sehr, der XX. kann ihnen so was machen.

 

Dass die Bücher sich dann gleichen, keine eigene Substanz haben, ist dabei nicht nur verständlich, es ist gewollt. Und es gibt Leser, die reagieren sehr böse, wenn ein Buch nicht nach diesem Schema geschrieben ist.

 

Hans Peter

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Aber ich weiß gar nicht, ob wir nicht ein ziemlich untypischer Haufen sind. Wir sind Autoren und allesamt ausgemachte Leseratten. Aber wir sind wahrscheinlich nicht die breite Masse. Und für einen Lektor wird es wichtig sein, ob er ein Manuskript für eine kleine oder eine große Gruppe verlegt...

 

 

Hallo Judith,

 

da habe ich also  Eulen nach Athen getragen  (oder Wein ins Elsass).

Aber woher sollte ich das nun wissen?

 

Und zum oben stehenden Zitat:

Da mache ich es mir ganz einfach. Ich schreibe einfach Krimis, die ich gerne lesen würde.

In meiner Funktion als Leseratte bin ich also Zielgruppe die ich in meiner Funktion als Autorin (mein Gott das klingt so hochstaplerisch, ich schreib' ja nur und habe bisher noch nichts veröffentlicht) versuche zufrieden zu stellen.  ;D

 

Liebe Grüße

Inge

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Hallo Leute,

ich sag in Sachen "Anfang" mal nur "Der Name der Rose"... wieviel Seiten hat es gedauert, bis nur noch die Hartgesottenen übrig waren? ;-)

In Anlehnung an hprs Posting möchte ich sagen, ja, sowas gibt es, vor allem im Massensegment. Aber lasst euch nicht irre machen. Es gibt jede Menge andere Lektoren und andere Verlage. Auch Eco hat schließlich mit seinem Anfang einen gefunden. Und von dessen deutschem Verlag weiß man, dass die Anfänge nicht Schreibratgeberregeln gleichen.

 

Apropos Wein im Elsass... Inge, du kannst das noch nicht wissen, dass ich bei solchen Fragen öfter mal frech grinse. Mein Grinsen bezog sich auch eher auf den "Sound". Hach wäre das leicht, wenn Romane nur klingen müssten!

 

Übrigens habe ich kürzlich einen Text zurückbekommen mit der Anmerkung: Viel zu schnell der Anfang, viel zu tough... muss extrem langsamer kommen...

 

Schönes Anfangen wünscht Petra

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Übrigens habe ich kürzlich einen Text zurückbekommen mit der Anmerkung: Viel zu schnell der Anfang' date=' viel zu tough... muss extrem langsamer kommen...[/quote']

 

O ja, das kriege ich andauernd zu hören. Also habe ich eins meiner MS mal nicht superspannend angefangen und schon hagelt es Bemerkungen wie: "Streich den ganzen Anfang! Es passiert ja nix!" LOL!

 

Dabei muss es für mich persönlich nicht gleich in die Vollen gehen. Ich mag lieber das nette Dahinplätschern für ein paar Seiten und dann einen plötzlichen Schocker. Das Dumme ist halt nur, dass das Verlagspersonal oft gar nicht so weit liest.

Wo aber kommen dann die ganzen Bestseller her, die lahm anfangen? Sind die alle vom Himmel gefallen??

Nein, ich denke eher, dass diese durch eine schöne Sprache aufgefallen sind und darauf NEUGIERIG gemacht haben, dass bald was passiert! ;)

 

LG

Joy

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Hallo hpr,

 

bei deutschen Krimis ist mir das noch nicht aufgefallen, dieses Malen nach Zahlen.

 

Vermutlich ist das genau die Sorte Krimis, die ich nicht lese.

 

Nach solchen Verlagsvorgaben, wie du sie beschreibst, könnte ich nur dann schreiben, wenn sie zufällig mit meinen Vorstellungen deckungsgleich wären.

 

Denn, wie schon geschrieben, als ich mit meinem ersten Krimi anfing, war, neben der Lust am Erzählen, die vorherrschende Triebfeder die, dass ich wissen wollte, ob ich es schaffe einen Krimi zu schreiben, den ICH gerne lesen würde. Und das hat sich auch bei meinem zweiten nicht geändert.

 

Liebe Grüße

Inge

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(Peter_Dobrovka)

Hallo, Inge!

 

Ich sehe das wie hpr, habe das auch eine Seite vorher so geschrieben: Das hat nichts mit den Schreibregeln zu tun, Verlage und Leser wollen den Einheitsbrei so. Eine Diskussion dieses Sachverhaltes wäre einen eigenen Thread wert.

 

Peter

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Hallo, Inge!

 

...Verlage und Leser wollen den Einheitsbrei so. Eine Diskussion dieses Sachverhaltes wäre einen eigenen Thread wert.

 

Peter

 

Hallo  Peter,

 

aber gerne. Das ist eine Frage der Perspektive  ;) und des eigenen Anspruchs.

 

In meinem Brotberuf arbeite ich nach Briefingvorgaben - das wäre hier den Verlagsvorgaben vergleichbar.

 

Aber meine Schreibbegeisterung, will ich dem nicht unterordnen. Bis vor zwei Jahren habe ich nicht einmal mit Hinblick auf eine Veröffentichung geschrieben sondern nur für mich.

 

Liebe Grüße

Inge

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