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Angelika Jo

Bilal

Empfohlene Beiträge

Weil es gerade und wieder und auf schreckliche Art aktuell ist, möchte ich dieses Buch vorstellen und empfehlen:

 

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Der Autor, italienischer Journalist beim "Corriere della Sera", später Chefreporter beim "Espresso", hat leibhaftig teilgenommen an den Flüchtlingstrecks von Senegal über Mali, Niger und Libyen in Jeeps und übervollen Bussen (von denen nicht wenige Leute, die oben auf dem Dach sitzen, übermüdet herabfallen und in der Wüste sterben). Er war in den Oasen, wo die Flüchtlinge von den jeweiligen Militärs ausgeraubt, geschlagen und versklavt werden. Er hat die Leute schon auf dem Weg an Hunger sterben sehen, nachdem sie tagelang nur Zuckerwasser zu sich genommen haben. Er hat die "stranded people" unterwegs getroffen, die ihr Ziel Europa sowieso nie erreichen. In Lampedusa hat er sich als Flüchtling Bilal ins Lager sperren lassen und die Zustände dort gesehen. Sie spotten jeder Beschreibung. Recherchiert hat er auch zu den Verträgen zwischen Berlusconi (seinerzeit hatte Italien die Ratspräsidentschaft in der EU inne - man muss also alle europäischen Mitgliedstaaten nennen) und Oberst Gaddafi, die keineswegs einen Stopp der Flüchtlingswelle zur Folge hatten, sondern eine gigantische Gewinnsteigerung für diejenigen, die jetzt noch den letzten Seelenverkäufer als Fluchtboot verkaufen können:

 

"In Libyen ... haben sie [die Schleuser] die verfügbaren Bootsbestände bereits durchgerechnet, nicht nur die in den Werften von Sfax. Zwischen Sousse und Gabès klettern plötzlich die Schwarzmarktpreise für Boote in die Höhe. Fünfzehntausend Euro für ein Bootswrack, so viel wie nie zuvor. Aber das ist nichts, verglichen mit dem Gewinn. Ein Fischkutter kann dreihundertfünfzig Personen aufnehmen. Tausendfünfhundert Euro mal dreihundertfünfzig macht fünfhundertfünfundzwanzigtausend Euro. In Dollar, zum libyschen Wechselkurs ist es ungefähr dieselbe Summe. Abzüglich der Kosten für den Kutter und ein paar Liter Diesel und natürlich des Schmiergelds für die korrupten Beamten. ... damit bringt jeder Euro, der in den Markt der neuen Sklaverei investiert wird, tausenddreihundert Euro Gewinn. Entspricht einer Nettorendite von tausenddreihundert Prozent. Pro Fahrt.[...] Der Flüchtlingsstrom nach Sizilien reißt nicht ab. Trotzdem scheinen alle zufrieden: die tunesische Diktatur, die italienische Regierung, das libysche Regime. Vielleicht weil nicht sie es sind, die den Preis für das Abkommen bezahlen. Den Preis bezahlen jene Zigtausende Männer und Frauen, die von Afrika nach Europa unterwegs sind. Jetzt ist die Überquerung des Mittelmeers viel gefährlicher." p. 253f.

 

Dass sich deren Situation durch den Krieg nicht verbessert hat, konnte man gestern in der Zeitung lesen.

 

Es ist gut, dass es dieses Buch gibt, was man darin liest, ist gar nicht gut.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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