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Andrea S.

Show - and tell

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Eine der geradezu ehernen Regeln, die jedem Schreibwilligen von Ratgebern, in Seminaren, Kursen und Workshops gnadenlos eingehämmert wird, lautet: „Zeigen, nicht behaupten!“

Show, don’t tell.

 

Was mal ein gut gemeinter Ratschlag gewesen sein mag, um Geschichten mit größerer Bildhaftigkeit zu erzählen, ist meiner Meinung nach inzwischen ins Gegenteil umgekippt.

Ich langweile mich mehr und mehr bei den Werken, veröffentlicht oder als Manuskript, in denen ich von einer gezeigten Szene zur nächsten geschickt werde. Diese aufgeblasenen Minimalhandlungen, in denen mikroskopisch kleine Informationsfetzchen verborgen sind, werden wortgewaltig bunt verpackt und dialogisch aufbereitet.

 

Eine Geschichte muss durch die Handlung vorangetrieben werden, und das bedeutet auch, dass man sich hier und da auf die wesentlichen, für das Verständnis wichtigen Informationen beschränken sollte.

 

Wenn Harry traurig darüber ist, dass er seinen roten Bleistift verloren hat, dann wird das gerne in drei Seiten szenischer Darstellung eingebunden, die Harrys betrübte Miene, seine gerauften Haare, sein trostloses Jammern über den schönen Stift, das hilflose Suchen im ganzen Zimmer unter Beteiligung von Hund, Katze und Wellensittich gezeigt wird.

 

In gleichem Maße wird Mathildas Trauer über den Verlust ihrer geliebten Zwillingsschwester aufbereitet. Hier mag es nützlich sein, weil es die Tiefe der Gefühle zeigt und nicht behauptet.

 

Was ich damit sagen will: Szenisch-bildhaft-sinnlich Zeigen muss man nicht nur können, man muss auch wissen, wann man es einsetzt und wann es der Geschichte sehr viel besser tut, wenn man einfach behauptet: „Harry war traurig, dass er seinen roten Bleistift verloren hat.“

 

Kommt noch dazu, dass das andauernde Bemühen, die Gefühle und Sinne des Lesers zu berühren, auch eine nervtötende Reizüberflutung bedeutet, vor allem, sich der Autor dem Zwang des „Zeigens“ beugt, und sich in gequälten, oft abwegigen, meist banalen Bildern oder Dialogen ergeht. Kitsch und Klischee blühen.

 

Das permanente „Show don’t tell“ führt zu langatmigen Schummeltexten, die eine dürftige Handlung auf viele Seiten aufblähen, Spannung verschenkt und vor allem Informationen vermauscheln.

 

Ich denke, man tut gut daran, schon bei der Konzeption einer aufregende, vielschichtige, hintergründige Handlung mehr Beachtung zu schenken und sich dann sehr gut zu überlegen, welches die Schlüsselszenen sind, die es wert sind, sinnlich, emotional, farbenprächtig ausgearbeitet zu werden. Und wo weit passender erzählende Überleitungen geschaffen werden sollten.

Das treibt die Geschichte voran, das befreit sie von Schnörkeln und „geblümten Sofakissen“, von platten Dialogen.

 

Dieses komprimierte Erzählen ist es, was ich inzwischen sehr oft in den Texten vermisse.

 

Andrea,

die sich schon mal ein dickes Fell bereit gelegt hat.

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Kann dir nur zustimmen, Andrea.

Bei Romanen, die ich lese, sehe ich mir immer gern am Schluss die Handlungsstruktur noch einmal an. Und bei Romanen, die sich schon beim Lesen etwas ziehen und in denen nach jeder wörtlichen Rede Sofakissen umhersortiert und Platzdeckchen auf Tischen zurechtgerückt werden, denke ich mir dann bei der abschließenden Betrachtung "Wieso sind das denn so viele Seiten? Da ist doch kaum etwas passiert!"

Zurück zu Conan dem Barbaren, da hatte jeder Schwertstreich auch einen Sinn. ;)

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Hallo Andrea,

 

Eine der geradezu ehernen Regeln, die jedem Schreibwilligen von Ratgebern, in Seminaren, Kursen und Workshops gnadenlos eingehämmert wird, lautet: „Zeigen, nicht behaupten!“

Show, don’t tell.

 

In den Seminaren, die ich besucht habe, wurde mir beigebracht, was eine Szene, eine Halbszene und ein Erzählerbericht ist und wie man wann welches in welcher Dosierung anwendet.

Deshalb ist mir, das, was du da oben schreibst, viel zu pauschal. Wer in Seminaren nur billige Nullachtfuffzehn Regeln vorgesetzt bekommt, sollte sich andere Lehrer suchen. Nullachfuffzehnregeln sind und waren nämlich niemals hilfreich, weil sie an der Schreibpraxis vorbeiführen.

 

Ich denke, das, was du meinst, ist eben die richtige und passende Mischung von Halbszene, Szene und Erzählerbericht und das kann man intuitiv lösen, man kann diese Begriffe aber auch mit Leben füllen und lernen, damit umzugehen - sie also bewusst einsetzen.

 

Ich denke, dieses 'show don't tell' hilft nur wirklich blutigen Anfängern (und war im Ursprung auch für sie gedacht), die, statt zu erzählen, Berichte schreiben, weil manche von ihnen noch kein Gefühl dafür haben, wie man den Film im Kopf des Lesers anstößt und Gefühle weckt (nämlich nicht indem man alles vorgibt und auserzählt).

 

 

Ich denke, man tut gut daran, schon bei der Konzeption einer aufregende, vielschichtige, hintergründige Handlung mehr Beachtung zu schenken und sich dann sehr gut zu überlegen, welches die Schlüsselszenen sind, die es wert sind, sinnlich, emotional, farbenprächtig ausgearbeitet zu werden. Und wo weit passender erzählende Überleitungen geschaffen werden sollten.

 

Das ist exakt das, was ein guter Seminarleiter seinen Schülern beibringen sollte.

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Ich freue mich sehr über diesen Post.

 

Mir gehen nämlich langsam die Beschreibungen aus, wie wer wann seine Miene zu verziehen hat, um ein Gefühl zu zeigen.

 

Ich bin daher auch froh über diese "Lie to me" Serie im Fernsehen, wo man klar Gesten und Mimiken erklärt und beschreibt.

 

Mir als Leser ist es auch lieber in eine Person hinein zu kriechen und mit ihr zu fühlen, als außen vor der Person zu stehen und zu versuchen, anhand der Handlung ein Gefühl für diese Person zu bekommen.

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In den Seminaren' date=' die [i']ich[/i] besucht habe ...

 

Ach Susann, ich denke, es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass ich weder billige Seminare besuche noch schlechte gebe.

 

Ich spreche einfach nur aus langjähriger Erfahrung.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Was ich damit sagen will: Szenisch-bildhaft-sinnlich Zeigen muss man nicht nur können, man muss auch wissen, wann man es einsetzt und wann es der Geschichte sehr viel besser tut, wenn man einfach behauptet: „Harry war traurig, dass er seinen roten Bleistift verloren hat.“

Mich nervt diese Ausarbeitung jedes, aber auch jedes Details auch. Allerdings möchte ich hier nochmals sagen, dass "Zeigen, nicht behaupten" nicht identisch ist mit dem Satz "szenisch erzählen, nicht narrativ". Man kann wundervoll narrativ etwas zeigen - in einem alten Thread hatten wir das mal -, "der Bastard von Istanbul" ist so ein Beispiel oder "Die Schuld des Tages an die Nacht".

 

Was nicht heißt, dass mittlerweile viel zu viel ausgewalzt wird. Sei es, dass sich der Satz: "Szenisch schreiben, nicht narrativ" mittlerweile verselbstständigt hat und dazu führt, dass jeder Toilettengang zur eigenen Szene führt (immerhin hat er auch einen Höhepunkt - oder sollte ihn zumindest haben). Obendrein fördert die Tendenz nach immer dickeren Büchern das, weil da dann weniger gestrichen wird, leider. Je dicker, desto mehr Leseerlebnis glauben viele Leser, greifen zu den dicken Bänden und die Verlage kürzen folglich höchst ungern. Lest mal "Zeugin der Anklage" von Agathe Christie, wie man auf 100 Seiten eine Geschichte erzählen kann, die heutzutage möglicherweise als triologie herausgebracht werden würde.

 

Das ist das alte Problem. Alle Welt macht etwas falsch (oder zumindest fast alle Welt), Leute erfinden einen prägnanten Satz, der davor bewahren soll. Irgendwann kapieren alle, was der Satz soll und bedeutet. Und schon schwenkt alles ins Gegenteil um und der gleiche Satz, vorher richtig, wird jetzt zum Verhängnis.

 

Vor zwanzig Jahren behaupteten alle, dass man Schreiben nicht lehren könne. Pfui, pfui, und wer das behauptete, wurde nicht mehr zu den Parties eingeladen.

 

Dann hat man begriffen, dass es auch beim Schreiben immer wiederkehrende Probleme gibt und alle kauften Schreibratgeber. Und jetzt heißt es: Dein Text ist nicht gut, weil er nicht dem Rezept von X in Y entspricht.

 

Vermutlich werden´wir nicht nur nie die Weltformel finden, sondern nicht mal die Formel zum richtigen Schreiben.

 

Hans Peter

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Hallo Andrea,

 

 

Ach Susann, ich denke, es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass ich weder billige Seminare besuche noch schlechte gebe.

 

Ich spreche einfach nur aus langjähriger Erfahrung.

 

In der Tat hast du schon mehrfach betont, dass du in deiner Autorenlaufbahn noch nie ein Seminar besucht hast und ebenso noch nie in einen Schreibratgeber geschaut hast. Deshalb frage ich mich, woher du deine Erfahrungen hast, die dich so negativ über Seminare und Schreibliteratur urteilen lassen.

Okay, jeder kann seine Vorurteile pflegen - das ist zumindest konsequent.

Hier aber lesen auch einige mit, denen das Schreibgenie nicht in die Wiege gelegt wurde, sondern die sich - wie ich - etliche Dinge erarbeiten müssen. Und die werden durch pauschale Abwertungen verunsichert.

Deshalb habe ich mich zu Wort gemeldet, denn ich finde das nicht in Ordnung.

 

Ein zweiter Punkt ist, dass ich nicht glaube, dass deine Beobachtung, die du oben schilderst, mit dem Hilfssatz 'show don't tell' zu tun hat (ich habe oben versucht zu erläutern warum). Überhaupt finde ich, dass es ohne konkrete Beispiele nicht möglich ist, diese Diskussion hier zu führen. Oft ist es vielleicht der Stil eines Autors, manchmal ist es abhängig vom Genre und auch die Kitschgrenze liegt bei jedem Leser woanders.

 

Ich langweile mich mehr und mehr bei den Werken, veröffentlicht oder als Manuskript, in denen ich von einer gezeigten Szene zur nächsten geschickt werde. Diese aufgeblasenen Minimalhandlungen, in denen mikroskopisch kleine Informationsfetzchen verborgen sind, werden wortgewaltig bunt verpackt und dialogisch aufbereitet.

 

Ich kann das, was du hier schreibst, jedenfalls nicht nachvollziehen. Die Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, hatten obiges Manko nicht.

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Mal abgesehen von Seminaren oder Schreibkursen (die hier ja nicht Thema sind), finde ich Andreas Bemerkungen ganz richtig. Ich habe mich selbst schon einige Male dabei ertappt, eine Szene auswalzen zu wollen, mich dann aber im letzten Moment zurückgenommen, aus besagten Gründen. In letzter Zeit eher mehr. Allerdings habe ich darüber gar nicht nachgedacht, sondern dies rein aus dem Gefühl heraus getan. Deshalb finde ich eine Diskussion interessant, die dies beleuchtet.

 

Andrea kritisiert vor allem, dass zu oft unwichtige Handlungselemente szenisch ausgewälzt werden und dass man lernen sollte, sparsamer damit umzugehen, eher nur dort, wo die Szene wichtig ist und das verlangt.

 

Es gibt, glaube ich auch noch einen weiteren Aspekt, wobei Susann uns dazu sicher die Regeln erklären könnte. Was ich meine, könnte man mit Abwechslung, Mannigfaltigkeit im Text bezeichnen oder auch Rhythmuswechsel. Oder wie es im Englischen heißt: "variety is the spice of life".

 

Man spielt ja auch in diesem Sinne ein wenig mit dem Spannungsbogen, in dem man Gas gibt, die Spannung anzieht, dann den Leser aber wieder Atem schöpfen lässt und die Spannung wieder etwas herausnimmt. Ewiges Vollgas kann nämlich auch langweilig werden.

 

Ebenso sehe ich das mit dem Erzählstil. Oft beginne ich eine Szene mitten im Dialog, meist mit einem spannungserzeugenden Wortlaut, irgendwann zwischen Dialogfetzen gleitet man für einen Absatz ins Narrative, um Gedanken oder Hintergründe zu klären, usw. Gern auch umgekehrt. Da baue ich die Szenerie zuerst narrativ auf, beschreibe, wo der der Leser sich hier befindet oder führe auch mal eine neue Gestalt in dieser Form ein. Ein etwas ruhiger Szeneneinstieg, der sich dann aber spannungsmäßig steigert, Dialoge kommen dazu, Aktionen finden statt, und die Szene endet dann vielleicht gar nicht ruhig, sondern mit einem Knall, der drei neue Fragen aufwirft, die den Leser dazu bringen, trotz später Nachtstunde, noch weiterzulesen.

 

Für mich sind das Rhythmuswechsel und dazu gehört auch der Einsatz unterschiedlicher Erzählweisen. Mal beschreibend, mal reflektiv, mal bunte Aktion. Da ich aber keine Regeln gelernt habe, die so etwas definieren, verlasse ich mich auf meinen Bauch und meine eigene Leseerfahrungen.

 

Vielleicht könnte Susann uns etwas Theorie dazu erklären.

 

LG

Ulf

Die Montalban-Reihe, Die Normannen-Saga, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, Der Attentäter, Die Kinder von Nebra, www.ulfschiewe.de

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Hallo Ulf,

 

Andrea kritisiert vor allem, dass zu oft unwichtige Handlungselemente szenisch ausgewälzt werden und dass man lernen sollte, sparsamer damit umzugehen, eher nur dort, wo die Szene wichtig ist und das verlangt.

 

Exakt das hat aber nichts mit dem Thema 'Zeigen statt behaupten' (show don't tell) zu tun. Sondern etwas mit dem Thema Erzählökonomie, also mit dem, was du hier beschreibst:

 

Ebenso sehe ich das mit dem Erzählstil. Oft beginne ich eine Szene mitten im Dialog, meist mit einem spannungserzeugenden Wortlaut, irgendwann zwischen Dialogfetzen gleitet man für einen Absatz ins Narrative, um Gedanken oder Hintergründe zu klären, usw. Gern auch umgekehrt. Da baue ich die Szenerie zuerst narrativ auf, beschreibe, wo der der Leser sich hier befindet oder führe auch mal eine neue Gestalt in dieser Form ein. Ein etwas ruhiger Szeneneinstieg, der sich dann aber spannungsmäßig steigert, Dialoge kommen dazu, Aktionen finden statt, und die Szene endet dann vielleicht gar nicht ruhig, sondern mit einem Knall, der drei neue Fragen aufwirft, die den Leser dazu bringen, trotz später Nachtstunde, noch weiterzulesen.

 

Du redest hier vom Wechsel von Erzählerbericht, Halbszene und Szene. Und das sind in der Tat wichtige Elemente, die auch den Rhythmus des Erzählten ausmachen. Wie da wer gewichtet ist ganz unterschiedlich, hat auch mit dem Genre zu tun oder ob man eher in die literarische Richtung geht und vielleicht mit diesen Elementen bewusst experimentiert.

 

'Show don't tell' ist hingegen dies hier:

 

- Sie war nervös. (behauptet/erzählt)

- Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch (gezeigt)

oder: Ihr linkes Augenlid zuckte (gezeigt)

oder: Sie stich mit dem Finger über dieselbe Stelle, immer wieder (gezeigt).

 

Wie ich wann was anwende hat mit der Erzählebene zu tun, in der ich mich befinde. Im Erzählerbericht werde ich nicht schreiben:

"Sie ritten im schnellen Galopp. Hans Hände zitterten so sehr, dass er die Zügel kaum halten konnte."

Sondern: "Sie ritten im schnellen Galopp. Er war so nervös wie schon den ganzen Tag."

 

In der Szene (= im reinen Dialog) oder Halbszene (= Dialog gemischt mit Narrativem) allerdings arbeite ich eher mit Bildern, bei denen der Leser selbst das dazugehörende Gefühl ergänzen muss. Ich gehe sozusagen einen Schritt näher heran, ich zeige und behaupte nicht.

 

Meiner Ansicht nach ist es deshalb absolut irreführend, den Satz 'Zeigen statt behaupten' (show, don't tell) verantwortlich zu machen für Texte, deren Erzählökonomie aus dem Gleichgewicht geraten ist.

 

Und, ja, ich stimme dir zu, Ulf. Das Thema Erzählökonomie ist spannend und wichtig und darüber lässt sich sinnvoll diskutieren. Nur muss man das Thema eben auch so benennen.

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Meiner Ansicht nach ist es deshalb absolut irreführend, den Satz 'Zeigen statt behaupten' (show, don't tell) verantwortlich zu machen für Texte, deren Erzählökonomie aus dem Gleichgewicht geraten ist.

 

 

Dem möchte ich widersprechen, denn ...ich gehöre zu denjenigen, die sich bei Andreas Posting ganz schlimm ertappt fühlten.

Ich (Anfängerin) schreibe gerade unter großem Zeitdruck an einem MS, welches ich bis Ende Mai abgeben muss. Da ich schon einige Schreibratgeber gelesen habe und auch einen Kurs absolviert habe, ist mir die Regel "Show, dont tell" selbstverständlich bekannt und ja... ich gehöre zu denen, die arg darauf bedacht sind, diesen Fehler nicht zu begehen. Mit der Konsequenz, dass sich meine EIGENEN Nackenhaare aufstellen, wenn ich morgens lese, was ich abends verzapft habe. Da kommt es in der Tat häufiger vor als nötig, dass ich umständlich und realitätsfern etwas versuche "zu zeigen", was dann schlussendlich nur von wichtigen Teil meiner Erzählung ablenkt. Ich muss mich da selbst an die Kette legen, sonst übertreibe ich.

Und so, nämlich wider den verbogenen und künstlich kontruierten Beobachtungen, die man dem Leser gern unterjubeln möchte, habe ich Andreas Posting verstanden.

Danke! ..denn auch so etwas nimmt mir persönlich den Druck, mein MS zu entstellen. Oft möchte ich nämlich einfach sagen, dass meine Prota gerade stinksauer ist und ihrem Gegenüber am liebsten eine Blumenvase an den Kopf schmeissen würde. Aber ich trau mich nicht, weil immer gleich das Warnlicht angeht.

 

Dazu kommt noch, dass ich eine strenge Grenze habe, was den Umfang des MS betrifft und dieses könnte ich jetzt schon locker sprengen, obwohl ich erst zwei Drittel fertig habe.

 

In diesem Sinne, Danke Andrea, du hast mir für einen kurzen Moment den Druck genommen.

 

LG, Dorit  

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Ich habe meine Ideen zum show und tell natürlich auch nicht aus der Luft gegriffen.

 

Bewusst geworden sind mir die Stolperfallen dieses weit verbreiteten Vorgehens durch Kürzungen. Ich nehme die Kürzungen für meine Hörbücher auf Grund schlechter Erfahrungen mit den Redaktionen inzwischen selbst vor, und das ist überaus lehrreich.

 

Man ist gezwungen, 30 - 50% seines Textes einzudampfen, ohne dass ein Handlungsstrang verloren geht, gleichzeitig aber die Stimmung erhalten bleibt und die Figuren ihren Charakter behalten.

Ein Redakteur darf nur Text herausnehmen, nicht verändern.

Ich hingegen darf meinen eigenen Text verändern, und daher bin ich auch befugt, Szenen auf ihren Informationsinhalt zusammenzufassen (die der Redakteur ersatzlos gestrichen hätte). In Form von Behauptungen, wenn man so will.

"Harry war traurig, dass er seinen Bleistift verloren hatte."

Drei Seiten eingespart, nichts an der Story verändert.

 

Die Schlüsselszenen hingegen berühre ich nicht.

 

Um am eigenen Text zu prüfen, wo das Darstellen zu Aufblähungen führt, zu krampfhaften Bildern, zum Abgleiten in überflüssiges Auswalzen kleinster Emotions- und Informationsschnipsel ist die - wenn vielleicht auch nur theoretisch vorgenommene Kürzung um 50 % eine recht parktische Übung.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Liebe Andrea,

 

"Harry war traurig, dass er seinen Bleistift verloren hatte."

Drei Seiten eingespart, nichts an der Story verändert.

 

Du hast hier schlicht eine szenische Darstellung eingespart, indem du stattdessen einen Erzählerbericht eingefügt hast.

Das hat nichts mit 'Show don't tell' zu tun.

Glaub's mir einfach  ;)

 

Die Schlüsselszenen hingegen berühre ich nicht.

... weil man Schlüsselszenen szenisch gestalten sollte.

Wer hingegen unwichtige Textstellen mit sich wiederholenden Infos oder Stellen, die die Geschichte nicht voran bringen, szenisch auswalzt statt sie im Erzählerbericht zusammenzufassen, der strapaziert die Nerven so mancher Leser, keine Frage.

 

Wer 'show don't tell' überdosiert oder falsch anwendet sicher auch. Nur ist das ein anderes Thema und zudem kein Grund dafür, das Hilfsmittel zu verteufeln, sondern eher einer, es vernüftig zu erlernen.

 

Noch ein Beispiel für 'show don't tell' in einem Dialog:

-"Ich bin furchtbar wütend auf dich!" (behauptet)

-"Wenn du mir noch einmal die Tür vor der Nase zuschlägst, dann setzt es was, du Arsch!"(gezeigt)

 

Was ist authentischer?

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Liebe Susann, mach doch bitte für alle, die mich nicht verstehen einen eigenen Thread auf, in dem Du das Arbeiten mit dem "Erzählerbericht" und all den anderen Mitteln, die Du gelernt hast, erläuterst.

 

Mein Anliegen haben die anderen Teilnehmer bisher durchaus richtig erkannt. Es geht um praktisches Arbeiten, da stört Deine Wortklauberei ein bisschen.

 

Danke

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Liebe Andrea,

 

Mein Anliegen haben die anderen Teilnehmer bisher durchaus richtig erkannt. Es geht um praktisches Arbeiten, da stört Deine Wortklauberei ein bisschen.

 

Über Fachbegriffe zu diskutieren, unter denen jeder etwas anderes versteht, weil sich jeder seine eigene kleine Privatdefinition darüber zurecht gelegt hat, halte ich für wenig zielführend - ja sogar für schädlich, weil es statt zu helfen eher verwirrt.

 

mach doch bitte für alle, die mich nicht verstehen einen eigenen Thread auf, in dem Du das Arbeiten mit dem "Erzählerbericht" und all den anderen Mitteln, die Du gelernt hast, erläuterst.

 

Wer sich germanistisches Grundwissen anlesen will, dem empfehle ich:

Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa (Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie).

Amazonlink (Link ungültig) (Link ungültig)

 

Der erklärt das alles besser als ich es je könnte  ;)

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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'Show don't tell' ist hingegen dies hier:

 

- Sie war nervös. (behauptet/erzählt)

- Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch (gezeigt)

oder: Ihr linkes Augenlid zuckte (gezeigt)

oder: Sie stich mit dem Finger über dieselbe Stelle, immer wieder (gezeigt).

 

 

Das trifft den Kern so gut wie die Eröffnung des Threads und eröffnet auch mein Dilemma. Dieses Show macht mich zum kalten Beobachter, der mit Notizblock jede Regung meiner Figur dokumentiert.

Es transportiert mich nicht in die Figur hinein, regt kein Mitfühlen an.

 

Ich habe versucht, das so zu lösen, dass ich die Gefühle meiner Hauptfigur in deren Kopf der Leser steckt auch mal direkt benenne und die Regungen ihrer Umwelt eher beschreibe, sodass der Leser mit der Hauptfigur herausfinden muss, was in dem Gegenüber vorgeht.

Nur immer show, das ist mir zu distanziert, zu kalt.

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'Show don't tell' ist hingegen dies hier:

- Sie war nervös. (behauptet/erzählt)

- Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch (gezeigt)

oder: Ihr linkes Augenlid zuckte (gezeigt)

oder: Sie stich mit dem Finger über dieselbe Stelle, immer wieder (gezeigt).

 

 

Ich finde das ein interessantes Beispiel, denn es zeigt, wo die Tücken des Show don't tell" liegen.

Sie war nervös ist eine Aussage - jeder hat seine Vorstellung davon.

Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch - kann auch bedeuten, dass sie ungeduldig oder wütend ist - etwas ganz anderes als nervös.

Ihr linkes Augenlid zuckte - vielleicht hat sie eine Augenkrankheit? Ein Staubkorn ins Auge bekommen?

 

Bei dem Versuch, Bilder zu finden, kann man schnell am Ziel vorüberschießen, wenn die Bilder nicht eindeutig genug für das sind, was erzählt werden soll. Jedenfalls glaube ich, dass diese Gefahr für Anfänger genauso groß ist, wie ein überflüssiges Aufblähen.

 

Gruß, Melanie

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Hallo Angelika,

 

Dieses Show macht mich zum kalten Beobachter, der mit Notizblock jede Regung meiner Figur dokumentiert.

Es transportiert mich nicht in die Figur hinein, regt kein Mitfühlen an.

 

Wenn du die Gefühle deiner Figur zeigen willst, also noch dichter rangehen willst, dann kannst du die erlebte Rede oder den inneren Monolog benutzen. Und auch hier kann man wieder 'behaupten' oder 'zeigen'.

 

Ich habe versucht, das so zu lösen, dass ich die Gefühle meiner Hauptfigur in deren Kopf der Leser steckt auch mal direkt benenne und die Regungen ihrer Umwelt eher beschreibe, sodass der Leser mit der Hauptfigur herausfinden muss, was in dem Gegenüber vorgeht.

Nur immer show, das ist mir zu distanziert, zu kalt.

 

Das 'show' muss nicht immer nur über die Außenhandlung passieren. Ich hatte es oben ja auch im Dialog. Auf die Gedanken der Figur bezogen würde es folgendermaßen aussehen:

- Sie fühlte sich unglücklich und dachte über Selbstmord nach. (behauptet)

- Ich fühle mich so unglücklich, dachte sie. Wenn ich mich umbringen würde, wäre alles gelöst. (behauptet)

- Es war nur ein kleiner Schritt, den sie tun musste, und der Abgrund würde sie erlösen von all den Schwierigkeiten. (gezeigt)

- Ich werde springen, dachte sie. Einen Schritt noch und alles ist vorbei. (gezeigt)

 

Der Unterschied: Bei den zwei letzten Sätzen habe ich ein Bild mit eingebaut, nämlich das von dem Abgrund vor dem sie steht.

 

'tell' bedeutet immer, dass ich dem Leser Dinge vorgebe. Ich sage ihm, dass die Figur verzweifelt ist oder dass sie nervös ist, sich unglücklich fühlt und warum usw.

'show' lässt dem Leser ein Stück weit die Möglichkeit, die Situation selbst zu interpretieren. Damit habe ich ihn an der Angel, denn er muss über das, was er liest, nachdenken.

 

Aber unabhängig davon sollte man die emotionale Kraft von starken Symbolen nicht unterschätzen. Manchmal wirkt so ein Symbol mehr nach als wenn ich dem Leser sage, du meine Figur ist jetzt gerade selbstmordgefährdet. Wenn die Figur zum Beispiel einen Selbstmordversuch hinter sich hat und zwar mit einem ungewöhnlichen Werkzeug/einer merkwürdigen Waffe, dann brauche ich sie in der erneuten Situation nur mit dieser Waffe spielen zu lassen und der Leser weiß Bescheid. Er hat dann ein Bild im Kopf, das sich stärker einprägt als bloße Worte.

 

Und überhaupt ... das ist alles ziemlich schwer zu erklären, ich hoffe, ich hab mich verständlch ausgedrückt.

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Hallo Melanie,

 

Ich finde das ein interessantes Beispiel, denn es zeigt, wo die Tücken des Show don't tell" liegen.

Sie war nervös ist eine Aussage - jeder hat seine Vorstellung davon.

Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch - kann auch bedeuten, dass sie ungeduldig oder wütend ist - etwas ganz anderes als nervös.

Ihr linkes Augenlid zuckte - vielleicht hat sie eine Augenkrankheit? Ein Staubkorn ins Auge bekommen?

 

Es sollte aus dem Kontext klar werden. Wenn sie im Wartezimmer beim Arzt sitzt und schon eine Stunde lang ausharrt, weil sie auf eine Diagnose wartet, die ihr Leben verändern könnte, dann wird das Trommeln auf der Tischplatte durch den Kontext ergänzt und verständlicher.

 

Wenn sie das Augenzucken nur dann bekommt, wenn ihr Mann mit ihr streitet, erklärt der Kontext, was man davon zu halten hat.

 

Bei dem Versuch, Bilder zu finden, kann man schnell am Ziel vorüberschießen, wenn die Bilder nicht eindeutig genug für das sind, was erzählt werden soll. Jedenfalls glaube ich, dass diese Gefahr für Anfänger genauso groß ist, wie ein überflüssiges Aufblähen.

 

Da stimme ich dir vollkommen zu. Letztlich ist es wie bei jedem anderen Schreibhandwerkszeug auch, man muss es üben, um es zu beherrschen und wird beim Üben sicher auch mal daneben liegen. Und letztlich ist es auch Stil- und Genreabhängig wie man das 'show' und 'tell' gewichtet. 

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Hallo zusammen,

 

die von Andrea beschriebenen Problemen haben m.M.n. nicht so viel mit dem ziemlich weisen Satz "show, don`t tell" zu tun, sondern mit einer Reihe von anderen Problemen, die Susann zum Teil schon beschrieben hat. Ich habe da so einige eigene Erfahrungen....

 

Denn "show, don`t tell" ist eine Einsicht, die darauf beruht, dass ein Roman gerade dann besonders offen für die Vorstellungskraft eines Lesers ist, indem man ihm Leerstellen lässt, die diese Phantasie auffüllen kann. Denn wenn eine Figur als nervös beschrieben wird, dann ist die Leerstelle zu. Wenn ich seine Nervosität zeige, dann kann ich mit einer Ergänzung, er sieht z.B. zur Uhr, zu einer Person, andeuten, worum er nervös ist und dies mit Sprache oder weiteren Bildern ergänzen oder erweitern. Natürlich gibt es bestimmte Dinge, die so oft verwendet werden, dass sie wenig offen lassen, ob das zuckende Auge, die zitternden Hände. Aber es gibt immer noch recht unbekannte und treffende Bilder, die den Leser eben mitnehmen und ihn nicht nur über das Lesen, sondern das begreifen und übertragen ansprechen. Und viele "show" Elemente lassen sich durch einen Halbsatz ersetzen... und andere Elemente sind sogar kürzer, wieder andere brauchen mehr Raum. Denn nicht immer ist "show" wirklich länger als "tell", sondern nur im Schnitt.

Szenisch muss eine Passage aber nicht unbedingt ausgestaltet werden und wie bei jeder anderen Stelle im Roman ist eine Frage immer besonders wichtig: Welchen Mehrwert bekomme ich, wenn ich das in den Roman nehme, den ich mit einer "tell" passage nicht hätte, bzw. brauche ich dazu wirklich eine Szene?

Denn die Nervosität hat keinen eigenen Wert für den Roman, sondern nur, wenn ich diese in verschiedene Zusammenhänge zur Figur, zur Handlung, zu anderen Figuren oder ähnliches setze.

 

Und zu den Problemen: Die meisten Texte, in denen zu viel szenisch erzählt werden, haben kein Problem mit dem "show", sondern mit der Erzählhaltung. Das beginnt mit dem Erzählern und Erzählfiguren, Erzählsituation, dem Zugang zur Innensicht oder, mit der Auswahl der Distanz zur Figur.

Gerade bei Texten in der Ich-Perspektive (und Präsens) sind manche Autoren so dicht dran, dass sie sich nicht trauen narrativ zu arbeiten und zu viel szenisch umsetzen- hier hilft eine konkrete Erzählfigur (auch als Ideenkonstrukt=, die aus der Gegenwart rückgreifend erzählt sehr, einerseits durch Distanz, andererseits durch narrative Zusammenfassungen.

Manchmal entstehen diese Probleme, wenn der Text keine geeignete, dramatische Struktur hat oder der Handlungsstrang nicht systematisch durchgebaut ist- bei wechselnden

Handlungssträngen passiert das manchen Autoren. Hier ist der beste Rat bei jeder Szene zu überlegen, wie es dem Roman dient: ob es einen Mehrwert für die Atmosphäre, die Figur, eine andere Figur, über die Figurenkonstellation, Handlung, ... bringt, und zwar immer gleich für mehrere davon- und das in eine dramatische Planung einzusetzen, denn oft sind die szenischen Passagen an der falschen Stelle und aus drei, vier ließe sich eine gute Szene und eine Halbszene mit dem gleichen (oder nur leicht reduzierten Inhalt).

Und es gibt noch eine andere Herkunft der szenischen Übertreibung: wenn der Roman ziellos ist, ist szenisch immer günstiger als narrativ, weil dazu eben ein Ziel (wohin geht die Handlung, der Roman,...) gebraucht wird.

 

Ich lese oft Texte, in denen "tell" Passagen eigentlich wichtige Handlungsschritte ersetzen oder in denen Figuren vorstellt werden. Das ist sozusagen das komplementäre Problem zu den szenisch ausgeschriebenen "show" Passagen, in denen Nichtigkeiten aufgeblasen werden. Denn wenn ich eine Figur mit tell vorstellen: "Er war ein durchtriebener Schurke" kann ich eigentlich nur noch mit Archetypen arbeiten, die aber m.M.n. nicht sehr produktiv sind, wenn ich sie nicht mit "show" ausgestalte. Und ich habe das Problem, dass der Leser mit immer wieder einsetzenden "tell" Passagen systematisch vom Leser zum "Gläubigen" mutiert, weil er das mir einfach so glauben muss- und das ist für mich als Leser ziemlich nervig. Denn ich bin nicht mehr beteiligt, sondern nur noch anwesend.

 

Deshalb halte ich den Rat "show, don`t tell" für einen sehr weisen Ratschlag, auf den man aber nicht immer hören sollte- wie das mit Ratschlägen so ist. Denn manchmal ist "tell" einfach an einer Stelle unersetzlich, genau wie "show" oft an anderenn, genau wie die Mischung von szenisch und narrativ gerade erst einen Roman (mit wenigen Ausnahmen) ausmachen.

 

 

Gruss

 

Thomas

"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

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Dass das überzogene, ja fast ausschließliche "Zeigen" oft nur ein Symptom für eine dürftige, schlecht konstruierte Geschichte ist, das wollte ich auch sagen, richtig.

 

Dass der Ratschlag als solcher nicht schlecht ist, weiß ich auch.

 

Nur im "Zeigen-Modus" zu arbeiten, bedeutet, dass man den Leser ständig Bilder vor Augen führt, jedoch nie wirklich sagt, worum es konkret geht. Oder wenn, dann dazu recht viele Worte verwenden muss.

Eine Geschichte ist aber - und das ist eben meine Sichtweise des schriftstellerischen Arbeitens - eine Informationsübermittlung an den Leser. Ich weiß etwas und möchte es weitergeben, und zwar so, dass mein Gegenüber es bestmöglich und mit dem größten Vergnügen verfolgt und versteht.

 

Ich möchte ihn weder zum kniefällig Gläubigen machen dessen, was ich von meinen Protagonisten und der Handlung weiß, ich möchte ihn aber auch nicht ständig mit offenen oder symbolischen oder schwammigen Bildern vor Rätsel stellen.

Als Erzähler spielt man mit den Gefühlen des Lesers. Mal ist es gut, sie zu intensivieren, manchmal aber muss man sie zurücknehmen, um konkrete Information kurz und bündig darzustellen.

 

Meiner Meinung nach hat die vielfach propagierte Aussage, man solle zeigen statt behaupten aber dazu geführt, dass Texte immer schwammiger werden. Eben weil sich kein Autor mehr so recht traut, mal eine schlichte Tatsache als solche darzustellen.

 

Ich möchte mit dieser Diskussion eigentlich nur die Anregung in den Raum stellen, diese Entwicklung im Blick zu behalten. Jeder bei sich oder anderen, wie's beliebt.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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"Show, don't tell" ist eine wichtige und richtige Maxime, aber nicht die einzige. Genauso richtig und wichtig - und nahezu entgegengesetzt ausgerichtet - ist eine andere Maxime, die Elmore Leonard so treffend formuliert hat: "Try to leave out the parts that readers tend to skip". (Hemingway hat es etwas anders gesagt: "Schreibe, als ob du den Text nachher telegrafieren müsstest, zu einem Dollar das Wort".)

 

Die oben angesprochenen Beschwerden fallen eigentlich hierunter. Wenn in einem Roman auf drei Seiten geschildert wird, wie jemand von seiner Wohnung in sein Büro fährt, ohne dass dies irgendeine Bedeutung für die Geschichte hätte, dann ist schlicht und einfach die Erzählökonomie aus den Fugen, und mit "show, don't tell" hat das nichts zu tun. Da genügt ein simples "Er fuhr ins Büro".

 

Noch schlimmer sind Geschichten, in denen nur die unwichtigen Handlungsteile ausführlich "ge-show-t" werden, die wirklich kitzligen Momente aber ausgespart werden. Also wenn sozusagen ein Kapitel damit aufhört, dass der Held mit verbundenen Augen und ohne dass jemand weiß, wo er ist, an eine tickende Bombe gefesselt ist - und das nächste Kapitel beginnt mit "Nachdem er sich aus seiner misslichen Lage befreit hatte, machte er sich erst einmal einen Tee. Er nahm dazu die blauweiß geblümte Kanne aus dem zweiten Fach von oben - wie immer begleitet von Erinnerungen an Tante Hedwig, die sie ihm vererbt hatte -, füllte sie zu zwei Dritteln mit Wasser und..." usw.

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"Show' date=' don't tell" ist eine wichtige und richtige Maxime, aber nicht die einzige. Genauso richtig und wichtig - und nahezu entgegengesetzt ausgerichtet - ist eine andere Maxime, die Elmore Leonard so treffend formuliert hat: "Try to leave out the parts that readers tend to skip". (Hemingway hat es etwas anders gesagt: "Schreibe, als ob du den Text nachher telegrafieren müsstest, zu einem Dollar das Wort".)[/quote']

Das hat Andrea ja auch schon gesagt mit dem Beispiel des Hlörbuchs. Ich glaube auch, dass viel zu viel ausgewalzt wird - und leider, weil die Bücher immer dicker werden sollen, dass dann im Lektorat nicht zusammengestrichen wird.

 

Nur haben wir hier zweierlei Arten von Problemen: Einmal den Ratschlag, szenisch, nicht narrativ zu erzählen, der in der Tat dazu führt auch die unwesentlichsten Kleinigkeiten seitenlang auszuwalzen.

 

Dann eben das "show, don´t tell", das von vielen (fälschlich) dahingehend interpretiert wird: Erzähl nur szenisch!

 

Wobei ich zumindest "show don´t tell" auch mal verteidigen möchte. Denn ich schätze mal 80% der Anfänger behaupten zuviel und zeigen zu wenig. Dass es auch die Fälle gibt, in denen einfach alles mögliche gezeigt wird, auch wenn es mit der Geschichte rein gar nix zu tun hat, ist zweifelsohne auch richtig.

 

Was nur einmal mehr bedeutet, dass man den Sinn der Regeln kennen sollte, denn sklavische Regelhuberei führt in aller Regel zum erzählerischen Desaster. Und jeder sollte wissen, wann er die Regeln befolgen und wann er sie brechen muss (sol stein).

 

Was die Depressionen aufgrund des zerbrochenen Bleistiftes angeht, könnte man sie nicht nur einfach "Er war traurig" darstellen, ich vermute mal, dass man das in vielen Fällen sogar ganz streichen könnte ;-).

 

Hans Peter

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@AndreasE: sehr lustig, dein Beispiel mit der Bombe und der Kaffeekanne. In einer Agentenparodie käme das doch richtig gut!

 

@AngelikaD: Weil wir alle nicht nur Schreiber sind, sondern auch Leser, kann das jeder für sich beantworten, glaube ich. Manche Leser wollen selbst interpretieren, andere mögen alles serviert bekommen.

Ich denke, es kommt auch ganz auf den Text an. Wenn der handlungsorientiert ist, möchte ich als Leser nicht so gerne rätseln. Bei Texten, die eher nach innen gewandt sind, muss ich nicht immer so genau wissen, worum es gerade geht.

 

Dass Bücher gewaltsam immer dicker werden müssen, finde ich auch schade. Das ist so, als würde man ein Bilder umso wertvoller einschätzen, je größer die Leinwand ist. Da hätte die "Mona Lisa" keine Chance mehr.  ;)

 

Mascha

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Hallo!

 

Diese aufgeblasenen Minimalhandlungen' date=' in denen mikroskopisch kleine Informationsfetzchen verborgen sind, werden wortgewaltig bunt verpackt und dialogisch aufbereitet.[/quote']

 

Ich bin mir nicht sicher, ob das nur eine Folge von falschverstandenem Show, don't tell ist oder ob das an mangelhaftem Informationsmanagement liegt. Jeder kennt das Problem, dass für das Verständnis oder die Glaubwürdigkeit einer Geschichte eine bestimmte Information erforderlich ist, die zwar nebensächlich und eher unspannend ist, die man aber trotzdem irgendwie braucht. Man kriegt sie aber nur sehr schwer unter - weil es dramaturgisch gerade nicht passt oder weil gerade ein Perspektivträger am Ruder ist, der die Information nicht hat und sie auch nicht bekommen kann.

 

Nach meiner Erfahrung kriegt man das ganz gut in den Griff, indem man sich schon beim Plotten überliegt, wie man dem Leser solche Informationen vermittelt. Am besten ist es, die quasi nebenbei zu liefern, zusätzlich zu den wirklich wichtigen dramatischen Ereignissen, statt dafür eine eigene Szene zu konstruieren, die die Haupthandlung nur unterbricht. Natürlich kann man sowas auch ad hoc beim Schreiben entscheiden, aber ich mache das lieber schon beim Plotten, wo ich eine größere erzählerische Übersicht habe und noch nicht so stark in den Details einer Szene stecke.

 

weil die Bücher immer dicker werden sollen

 

:-?  Wer verlangt so was?

 

Christoph

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