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Angelika Jo

Auftritt: die sympathische Figur

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Drei Dinge sind mir über Nacht noch eingefallen.

 

1. etwas zur Technik: Wenn die Figur sofort einen sehr mächtigen Antagonisten hat, dann ist ihr Vorhaben gefährdet, noch bevor es sich entwickelt. Dann ist es nicht nur ein Vorhaben, das in sich lächerlich sein mag, sondern kann der Figur etwas geben, das sie sympathisch macht.

Dazu dieser Textauszug aus V. Tokarijewas "Sentimentale Reise": Die Heldin tritt hier auf der zweiten Seite auf, die erste wird beherrscht von der Instrukteurin des sowjetischen Kreiskomitees, einer "dicken Tante", die die Teilnehmer einer Italienreise erst mal gehörig zusammenpfeift.

Auch die Romanowa nickte, denn die Tante sah geradewegs sie an. Sie sah sie mit Missbilligung an. Die Romanowa war ziemlich jung und besprühte sich mit französischem Parfüm. Sie besprühte sich kräftig damit, sollten es nur alle riechen und herbeifliegen wie die Bienen zu einer Blume. Die Romanowa war verheiratet und hatte eine fünfzehnjährige Tochter. Aber sie pafümierte sich trotzdem und sah hoffnungsvoll in die Zukunft. Vielleicht würde jemand auf sie fliegen, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte als ihr Mann. Und dann könnte man noch mal von vorn beginnen. Die alte Liebe wie ein altes Kleid abwerfen - und wieder ganz von vorn anfangen.

Den Familiennamen Romanow hatte sie von ihrem Vater geerbt, und der Vater hatte ihn von seinem Vater geerbt und so immer weiter, bis in die graue Vorzeit. Es war der Name ihrer Familie, die zur Zarendynastie keinerlei Beziehung hatte. Der Urgroßvater Stepan Romanow war Kutschenbauer gewesen. Immerhin hat eine Kutsche ja was mit den höheren Gesellschaftskreisen zu tun, deshalb antwortete die Romanowa auf die Frage, ob sie nicht mit dem letzten Zaren verwandt sei, immer mit einer unbestimmten Miene. Sie verneinte es nicht, aber sie bestätigte es auch nicht: Alles war möglich, alles konnte sein ... Eine neue Liebe und adelige Wurzeln - und sogar eine Reise nach Italien.

 

Ich habe mich bei der Figur etwa gefragt, warum mir die eigentlich sympathisch ist . Man könnte sie ja auch als leichtfertiges, törichtes Ding sehen, die unbedingt noch ein Abenteuer in ihr Leben pressen will und über ihre Herkunft herum kokettiert. Ist doch lächerlich, oder? - Aber nein, ist es nicht, mindestens nicht so, dass mir darüber die Sympathie für sie verloren ginge. Und den Grund sehe ich jetzt nach der bisherigen Diskussion darin, aus welchen Widersprüchen die Figur komponiert ist und was dabei überwiegt:

 

Irgendwie hat sies nicht ganz leicht - die dicke Tante wird ihr das Leben schwer machen, und sowieso ist darin ein Mangel, weil sie ja offenbar auf Bräutigamsschau ist.

 

Sie hat Schwächen, im Vordergrund dabei etwas, was nicht im Tugendkatalog steht: Koketterie, Leichtsinn.

 

Aber tief unter der obersten Schicht steckt doch wieder so etwas wie Tapferkeit. Das scheint mir ähnlich angelegt wie bei Foers Alex: Beide kommen daher wie zwei törichte Welpen, die mit flatternden Ohren auf jeden Passanten zusausen: Spiel mit mir, spiel mit mir! Auch wenn sie sich dumm anstellen und dauernd was schief geht - sie probieren es wieder. Keine winner. Aber gejammert wird nicht. Sie sind noch feucht hinter den Ohren, aber straight.

 

 

2. Der erste Auftritt der Figur ist wirklich nur ein Anfang. Es könnte sich da auch noch was ändern in meiner Einstellung. Alex und die Romanowa werden im Laufe der Geschichte immer mehr die Sympathieträger.

 

 

3. Mir ist ein Superman eingefallen. Es ist - bei aller Sympathie für den maskulinen Pantoufle - eine Superfrau aus einem schon älteren Werk: Bertha Ley aus Maughams "Mrs Craddock: eine adelige junge Dame, gebildet, forsch, wunderschön, schlagfertig - alles perfekt. Also kriegt sie auch sehr flott, was sie wollte, nämlich die Ehe mit dem heiß geliebten Mann. Aber dann stellt sich heraus - das war ein Griff ins Klo. Nach und nach muss sie Federn lassen und darunter sieht der Leser ihre kahlen Stellen, die halt auch da sein müssen.

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de

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Also, für mich ist das der Punkt: Damit die Figuren (sympathische und unsympathische) Gestalt annehmen, müssen sie mich "rundum" interessieren.

 

Dem kann ich mich im Grossen und Ganzen anschliessen (und die Frage, was man tun muss, wenn man sich fuer eine Figur einfach kein Interesse abringen kann, beschaeftigt mich des Oefteren mal). Gelingt es Dir aber, wenn Du dieses Interesse Deiner Hauptfigur entgegenbringst, es automatisch auch dem Leser zu vermitteln - von Anfang an? Oder hast Du bestimmte Methoden, Dein eigenes Interesse zu nutzen, um das Interesse des Lesers an der Figur gleich auf der ersten Seite zu wecken?

 

Habt Ihr als Leser uebrigens mal Euch selbst befragt, wie lange es dauert, bis Ihr ueber "mag ich/mag ich nicht" bzw. "packt mich/laesst mich kalt/nervt mich" bei einer Figur entschieden habt? Bei mir geht das - gerade in negative Richtung - leider fuerchterlich schnell (ein bis hoechstens zwei Seiten), waehrend ich dem Textkoerper als Ganzem viel mehr Zeit gebe.

 

Angelika, vielen Dank fuer die aufschlussreiche Zusammenfassung!

Vielleicht koenntest Du Deinen Beitrag ja immer ergaenzen, wenn etwas dazu kommt? Dann haetten wir am Ende eine ganz interessante Materialie.

 

Und letztens: Hat jemand auch ein Textbeispiel fuer eine Figur, die ihn sofort abgestossen hat? Oder geht's Euch so wie mir - traut Ihr Euch nicht, das zu bringen? Ich faende es interessant, verstehe aber selbstredend, wenn hier keiner mutiger ist als ich.

 

Alles Liebe von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Wir haben uns ueberschnitten, Angelika!

Lese Dich jetzt erst ...

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Also, für mich ist das der Punkt: Damit die Figuren (sympathische und unsympathische) Gestalt annehmen, müssen sie mich "rundum" interessieren.

 

Dem kann ich mich im Grossen und Ganzen anschliessen (und die Frage, was man tun muss, wenn man sich fuer eine Figur einfach kein Interesse abringen kann, beschaeftigt mich des Oefteren mal). Gelingt es Dir aber, wenn Du dieses Interesse Deiner Hauptfigur entgegenbringst, es automatisch auch dem Leser zu vermitteln - von Anfang an? Oder hast Du bestimmte Methoden, Dein eigenes Interesse zu nutzen, um das Interesse des Lesers an der Figur gleich auf der ersten Seite zu wecken?

 

 

Alles Liebe von Charlie

 

Liebe Charlie!

 

Ob es mir immer gelingt, auch beim Leser Interesse für eine bestimmte (für mich interessante) Figur zu wecken, weiß ich nicht. Ich versuche es.

Im aktuellen Fall habe ich mich mit einer solchen Person (die zu ihrer Zeit überaus verhasst war) sehr lange und ernsthaft beschäftigt (das Interesse!) Dann habe sie reden lassen, seitenweise, einfach so ins Blaue hinein  - aber natürlich unter Berücksichtigung dessen, was mir über die Person bereits bekannt war.  

Auf diesem Weg habe ich Zugang zu ihr gefunden, ich kann jetzt offener mit ihr umgehen, verstehe sie und ihre Beweggründe besser - und wecke damit vielleicht (hoffentlich) auch das Interesse der Leser.

 

Liebe Grüße

 

Helene

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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Ich bin noch immer bei meinen lebensbejahenden, starken, selbstbewussten Helden, und ich wundere mich, dass sie angeblich so schwer zu finden sind und keine Sympathie-Punkte bekommen.

 

Eine Figur, die gleich dem Anfangskonflikt energisch entgegentritt, weil sie die Fähigkeit dazu hat, findet sich in unzähligen Werken der Unterhaltungsliteratur. In Thrillern ist sie sozusagen eine Notwendigkeit.

 

Eine solche Figur tritt natürlich nicht in der Form des sonnenbankgebräunten Vorstadtgolfers auf, sondern hat eben nicht ständig mit ihren Unzulänglichkeiten zu kämpfen, sondern bewältigt ihre Aufgaben.

 

Da Romane mit derartigen Helden sich großer Beliebtheit erfreuen, dürften sie den Lesern durchaus sympathisch sein.

Möchte denn nicht jeder von uns mistige Situationen cool zu meistern verstehen? Auch das weckt doch Bewunderung und Mitfiebern.

 

Empathie muss doch nicht immer nur aus Mitleiden bestehen, oder? Kann ja auch mal Mitfreuen oder Schadenfreude sein.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Empathie muss doch nicht immer nur aus Mitleiden bestehen, oder? Kann ja auch mal Mitfreuen oder Schadenfreude sein.

 

Andrea

 

Auf jeden Fall, Andrea! Erfrischende, pfiffige, selbstbewusste Figuren gefallen mir sehr und oftmals drängen sie sich dreist vor die anderen (ist mir mit einem Spielmann beim letzten HR passiert! :D)

Ich denke, die Vielfalt der Figuren (nicht die Anzahl) macht die Geschichte bunt und interessant.

 

Liebe Grüße

Helene

Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Töchter des Teufels" (6 Katharerromane), Neu: "Knotenstricker" (Thriller)

                                         

                                 

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Vielleicht koenntest Du Deinen Beitrag ja immer ergaenzen, wenn etwas dazu kommt? Dann haetten wir am Ende eine ganz interessante Materialie.

 

tscha, schwierig, weil so viele Aspekte zu immer wieder anderen Themen zusammen kommen. Aber ich versuch mal.

 

Und letztens: Hat jemand auch ein Textbeispiel fuer eine Figur, die ihn sofort abgestossen hat?

 

Du meinst nicht den ersten Eindruck, der aus der schlechten Schreibe entsteht - Figur flach und unglaubwürdig, sondern den gelungenen Unsympathen? Da gibts für mich viele (und ich lese so was auch gern)! Der erste der mir spontan einfällt: Frank Lloyd Wright, der Held aus T.C. Boyles "Die Frauen". Zusammen mit seiner zweiten Frau, Madame Noel. Zwei mit feinstem Griffel gezeichnete Widerlinge: snobistisch, rücksichtslos, narzisstisch und bis zum Scheitel voller Doppelmoral:

 

Sie waren jetzt beide aufgestanden. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt, und seine Hand - seine Hand - strich gedankenverloren über das kurze, dichte, robuste Fell, das den Seehund einst vor der Kälte der Welt beschützt hatte. Es war perfekt. Es war außerordentlich. Und was sagte er, was murmelte er ihr ins Ohr? "Gut, gut, alles wird gut. Es wird mir wieder gutgehen. Bestimmt. Und Ihnen, Sie gütige, schöne und spirituelle Frau, auch Ihnen wird es wieder gutgehen. Ich werde das Buch [die Offenbarungen von Mary Baker Eddy] lesen. Ich werde es lesen, weil es von Ihnen ist."

Sie sah zu ihm auf. Sie bebte. Ihre Stimme war ein Flüstern. "Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie einen herrlichen Kopf haben?"

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Nein, nein, ich meine nicht den gelungenen Unsympathen - sondern die Hauptfigur, die eigentlich ins Buch ziehen soll, aber furchtbar nervt.

 

Gelungen Unsympathen, die ich so richtig mag, wuesste ich einen ganzen Haufen ...

 

Alles Liebe von Charlie

 

P.S.: Praechtiges Textbeispiel!

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Und letztens: Hat jemand auch ein Textbeispiel fuer eine Figur' date=' die ihn sofort abgestossen hat? Oder geht's Euch so wie mir - traut Ihr Euch nicht, das zu bringen? Ich faende es interessant, verstehe aber selbstredend, wenn hier keiner mutiger ist als ich.[/quote']

In meinem aktuellen Manuskript wird die Hauptperson eingeführt als zynisch und herablassend. Gleichzeitig versuche ich gleich im selben Kapitel zu zeigen, dass er mit seiner Beobachtung und Vorverurteilung von Menschen zum Teil daneben liegt und selbst nicht so stark ist, wie er sich sieht. Im Laufe des Buches werden einige seiner selbstbewussten Aktionen misslingen, und seine äußerlich harte Schale in Zusammenarbeit mit seiner Co-Protagonistin wird aufgeweicht. Gerade, um diese Entwicklung zu zeigen, überspitze ich den Charakter am Anfang. Ich hoffe, es ist trotzdem interessant und nicht abstoßend. Ich habe diesbezüglich schon verschiedene Einschätzungen gehört und bin gespannt, ob und wie das nach dem Lektorat bestehen bleiben kann.

 

Das Paradebeispiel für einen von Anfang an abstoßenden Charakter ist aber vermutlich Grenouille aus Das Parfum, aber okay, das ist und bleibt natürlich auch Typ "unsympatischer Protagonist".

 

Andreas

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Nein, Andreas, das meinte ich nicht - habe spaeter auf Angelikas Frage hin genauer erklaert: Ich meinte einen UNFREIWILLIG unsympathischen, also misslungenen Protagonisten.

 

Herzlich,

Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Ich bin noch immer bei meinen lebensbejahenden' date=' starken, selbstbewussten Helden, und ich wundere mich, dass sie angeblich so schwer zu finden sind und keine Sympathie-Punkte bekommen.[/quote']

Vielleicht liegt das daran, dass wir unter "Superhelden" jeder was anderes verstehen? Pantoufle ist für mich kein "Superkater", trotz aller zweifelsohne vorhandenen guten Eigenschaften. Ist ja kein Zufall, dass mir seine eigene Bezeichnung "Schissekater" in Erinnerung geblieben ist.

 

Und gerade, dass er sich Anfangs vor Möwen duckt und das am Schluss nicht mehr tut, macht ja den Reiz des Buches aus.

 

Wenn SIegfried nicht das AHornblatt auf die Schulter gefallen wäre, das verhidnerte, dass er überall unverwundbar war, wenn er wirklich überall im Drachenblut gebadet hätte, wäre Siegfried irgendwann an Alterschwäche gestorben, ohne je in einer Geschichte aufzutauchen ;-) (das stammt jetzt nicht von mir, sondern aus "Schule des Erzählens").

 

Superhelden im Sinne von "unverwundbar" sind langweilig. Weil sie sich nicht anstrengen müssen.

 

Superhelden (und -kater) im Sinne von mutig, sich den Problemen stellen sind durchaus spannend - und nicht jeder bezeichnet sie als Superheld, wie die Diskussion zeigte.

 

Übrigens ist Krimhild so jemand, die nun wirklich nicht zu den Netten gehört, trotzdem fasziniert sie. Weil man ihr die grenzenlose Rache abnimmt, sie versteht, auch wenn das heute nicht mehr so als erstrebenswert gilt.

 

Hans Peter

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Hallo!

 

Nein, Andreas, das meinte ich nicht - habe spaeter auf Angelikas Frage hin genauer erklaert: Ich meinte einen UNFREIWILLIG unsympathischen, also misslungenen Protagonisten.

 

Ich halte es für problematisch, so ein Negativbeispiel zu bringen, denn zurecht wird hier immer darauf hingewiesen, dass man Kollegen nicht öffentlich kritisieren sollte. Zum einen kann es passieren, dass sie hier mitlesen oder gar Forumsmitglied sind, zum anderen bekommt das immer einen Beigeschmack. Wir können uns halt nicht so unbefangen wie 'normale Leser' austauschen, zumindest nicht über das, was Kollegen unserer Meinung nach misslungen ist.

 

Gruß Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Hallo!

 

Nein, Andreas, das meinte ich nicht - habe spaeter auf Angelikas Frage hin genauer erklaert: Ich meinte einen UNFREIWILLIG unsympathischen, also misslungenen Protagonisten.

 

Ich halte es für problematisch, so ein Negativbeispiel zu bringen, denn zurecht wird hier immer darauf hingewiesen, dass man Kollegen nicht öffentlich kritisieren sollte. Zum einen kann es passieren, dass sie hier mitlesen oder gar Forumsmitglied sind, zum anderen bekommt das immer einen Beigeschmack. Wir können uns halt nicht so unbefangen wie 'normale Leser' austauschen, zumindest nicht über das, was Kollegen unserer Meinung nach misslungen ist.

 

Gruß Susann

 

Warum nicht? Ich finde es völlig in Ordnung, seine Meinung kundzutun. Solange es sich nicht um Kollegen-Bashing handelt. Einen anderen Autor schlecht zu machen, nur um ihm eins auszuwischen, geht natürlich gar nicht. Aber eine Meinung darf man äussern, auch wenn sie negativ ist.

 

Gruss,

 

Mascha

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Ich gebe Susann Recht. Deshalb hatte ich mich selbst auch nicht getraut.

 

Gruesse.von Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 

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Als Neuling bin ich mit der Forumsetikette noch nicht so vertraut, möchte sie aber nicht verletzen. Ich lösche meinen obigen Beitrag, um niemanden vor den Kopf zu stossen.

 

Grüsse,

 

Mascha

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So, jetzt hab ichs, hoffe ich, auch erst verstanden, wie das gemeint war mit der "nervenden Figur" und warum es schwierig ist, darüber zu schreiben.

 

Vielleicht habe ich hier eine Möglichkeit gefunden, wenigstens die Idee darzustellen, um sicher zu gehen, ob der Gegenstand überhaupt der gleiche ist. Ich zitiere aus einem Buch, das in den 70ern die Präsentation der Frau u.a. in der Literatur analysiert hat. Die innerhalb des Zitats aufgeführten Passagen stammen aus einer englischen Liebesromanze, Autorin hier sicher unbekannt, dennoch lasse ich ihren Namen weg:

 

Mit ihrem Helden Grant Jarvis bedient sich xxx des feudalen Paternalismus der australischen Schafzucht-Szenerie. Er ist nicht nur reich, er regiert über eine Gesellschaft loyaler Gefolgsleute, weiß und recht infantil, sowie schwarz und vollends infantil. Um die Elemente ihrer Geschichte so zu arrangieren, dass sie ein Maximum an sentimentalem Schauer garantieren, entwirft xxx eine derart verzwickte Situation, dass ihre Wiedergabe genau so lang dauern würde wie ihre Erfindung. Es genügt zu wissen, dass Elizabeth Heaton als Grant Jarvis' Verlobte fungiert, um ihn davor zu schützen an Frauen zu denken, die ihn aus Heiratslust und Ehrgeiz begehren. Sie sind schnell, energiegeladen und unheimlich toll, aber dafür hat sie einen englischen Teint und die englische Unschuld ... und wenn sie nicht gerade die Kinder lehrt oder die englische Flagge wäscht (Ehrenwort!), verfällt sie der Betrachtung seiner harten maskulinen Schönheit:

 

"Doch als sie Grant so ansah, wie er an der Balustrade lehnte, über die Ebene hinblickte, mit der dünnen, weißen Narbe am Arm, hatte sie das Gefühl, daß er trotz allen Reichtums und aller Macht ein einsamer Mensch war. Ob er durch seine persönliche Tragödie oder durch seinen großen Reichtum allein war, konnte Elizabeth nicht sagen ..."

 

Die Klimax tritt ein, wenn Grant Jarvis sich in Colombo auf das Schiff begibt, mit dem Elizabeth heim nach London fahren soll.

 

"Sie wußte, er war es wirklich, denn der Tweedstoff seines Mantels tat ihr an der Nase weh, als er sie an sich riß. Das Unglaubliche war geschehen. Jemand hatte Kontinente überquert und Meere durchfahren, um sie zu bekommen ... Elizabeth Heaton, Stenotypistin."

 

In diesem Kapitel finden sich noch mehr Beispiele, mir haben, als ich es seinerzeit las, vor allem die Kommentare der Verfasserin so gefallen, dass ich sie bis heute weiß:

 

"Amanda, du machst es mir unerträglich", sagte Peter, und seine Stimme klang wie erstickt.

"Du willst mich nicht", sagte sie.

"Eines Tages wirst du dich dafür entschuldigen müssen", sagte er. "Eines Tages werde ich dich auch küssen, bis du um Gnade schreist. Bis zu diesem Tage - und er wird bald kommen, das walte Gott - paß auf dich auf, mein kleines Liebstes."

Er nahm ihre beiden Hände und hob sie an seine Lippen. Sie fühlte, wie er ihre Handflächen mit einer Ehrerbietung und gleichzeitig mit hungriger Leidenschaft küßte, die sie erschauern ließ, bis sie am ganzen Körper in plötzlicher Ekstase zitterte."

 

Sie haben sich noch nicht richtig geküsst, denn Peter sagte, "Wenn deine Lippen die meinen berühren, werde ich für die Folgen nicht verantwortlich sein." Wenn ein Handkuss schon im Orgasmus endet, kann ein richtiger Kuss zur Epilepsie führen ...

 

Aus Germaine Greer, Der weibliche Eunuch. Aufruf zur Befreiung der Frau, Fischer 1971 p. 173ff.

 

Ist es so was?

 

Ich habe mich mit der Frage nach der Figur, die mir unsympathisch ist, schwer getan, weil ich gegenüber solchen Amandas, Peter, Elizabeths und Grants überhaupt keine Gefühle auf die Beine kriege, die sind halt erkennbar aus Papier. Wie ich auch einem wirklich existierenden Popstar oder Politiker, dessen Taten und Äußerungen mich möglicherweise mit Belustigung oder Abscheu erfüllen, weder Sympathie noch Antipathie hege. Dazu müsste ich eine persönliche, individuelle Seite an ihnen mitbekommen (was - wahrscheinlich zu meinem Glück - bisher nicht geschehen ist).

 

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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Hi Angelika,

 

Charlie hat ja explizit nach misslungenen Protagonisten gefragt. Deine Beispiele aber scheinen mir aus einem Genre zu stammen, bei dem diese überzogenen Gefühle und die oberflächlichen Charaktere erwünschtes Stilmittel sind - in dem Sinne also nicht misslungen sondern handwerklich auf das spezielle Genre abgestimmt sind. Ich bin mir nicht sicher, ob Leser dieser Bücher die Figuren wirklich unsympathisch finden oder ob sie nicht vielmehr genau das haben wollen, das Überzogene, den Gefühlsüberschwang, der letztlich wenig mit der Realität zu tun hat und sie vielleicht genau deshalb beim Lesen in eine andere Welt abtauchen lässt.

 

Bei einem bin ich mir aber ziemlich sicher: Es gibt Leser, die solche Figuren eben gerade nicht als 'nervig' empfinden, sondern genau so lesen möchten auch mit all den überzogen dargestellten Gefühlen. Sonst würden sich weder die sogenannten 'Nackenbeißer-Romane' noch die Heftromane verkaufen.

 

Viele Grüße

Susann

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

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Gänzlich unsympatische, misslungene Protagonisten werden nicht veröffentlicht oder verschwinden nach dem Monatstod in der Versenkung.

 

Alle anderen, die hier jemand als unsympathisch empfindet, haben bei irgend einer Lesergruppe trotzdem Sympathien erweckt.

 

So wunderlich uns das auch vorkommen mag.

 

Andrea

Neu: Das Gold der Raben. Bald: Doppelband Die Spionin im Kurbad und Pantoufle

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Hallo zusammen,

 

ich lese hier seit Tagen mit und denke nach...Da ich gerade nicht zuhause bin und nicht an meine Lieblingsbücher komme, habe ich folgendes ausprobiert: In Buchläden stöbern, Anfänge der verschiedensten Bücher lesen, ohne vorher in den Klappentext geschaut zu haben.

Ergebnis: Tatsächlich schaffen es die meisten Autoren, Sympathie für die Figur oder Empathie oder zumindest Interesse zu wecken - auch wenn die Themen einen selbst gerade nicht berühren.

Wo es weniger gelingt, ist oft Eitelkeit im Spiel oder zu leicht durchschaubare Absicht, ein Bedürfnis, die Leser zu beeindrucken - durch ein Sprachfeuerwerk, gewollten Witz, oder Knalleffekt. Also zu viel Autor und zu wenig Figur.

 

LG

ClaudiaB

Baronsky&Brendler: Liebe würde helfen  Ein Staffelroman 
Februar 21, Kampa

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Gänzlich unsympatische, misslungene Protagonisten werden nicht veröffentlicht oder verschwinden nach dem Monatstod in der Versenkung.

 

Ja, das will ich gar nicht in Zweifel ziehen, aber ich versteh immer noch nicht, wie misslungene Personen unsympathisch sein könnten. Leute wie Figuren, die einem unsympathisch sind, beschäftigen einen doch. Misslungen dagegen ist halt einfach misslungen. Oder? :-?

 

Kann mir da noch mal jemand aufs Rad helfen, bitte?

Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh. Eichborn 2021. 

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018. Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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AngelikaJo,

 

wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um Figuren, die vom Autor eigentlich sympathisch gedacht sind, auf den Leser aber unsympathisch wirken.

 

Oder lieg ich auch falsch?

 

Mascha

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Solche Figuren wird es immer geben - aber die sind deshalb nicht misslungen. Wenn einer eine Figur sympathisch findet und der nächste sagt, was für ein Unsympath, dann spricht das doch eher für die Qualität der Figur - sie ist menschlich. Niemand ist jedem sympathisch.

 

Gruß, Melanie

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AngelikaJo,

 

wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um Figuren, die vom Autor eigentlich sympathisch gedacht sind, auf den Leser aber unsympathisch wirken.

 

Oder lieg ich auch falsch?

 

Mascha

 

Guten Morgen!

 

Wir können doch gar nicht wissen, wie sympathisch der Autor seine Figur(en) haben wollte. Dazu müssten wir ihn doch interviewen, nicht wahr?

Ich wollte nochmals betonen, dass es ziemlich subjektiv ist, was jeweils als sympathisch empfunden wird. Jeder kennt das ja: Man spricht mit Freunden über ein und dasselbe Buch, und einer findet die Hauptfigur sehr sympathisch, der andere weniger.

Noch etwas. Wenn ich eine Figur erfinde und eine Geschichte dazu schreibe, dann denke ich nicht in Kategorien sympathisch-unsympatisch, sondern ich versuche einen glaubwürdigen, widersprüchlichen Charakter zu entwickeln. Das führte bei "Elsa Stock" etwa dazu, dass manche Leser die Figur sehr sympathisch finden, andere nicht so sympathisch. Was fange ich mit diesem Feedback an? Dass Elsa Stock eben kein Günther Jauch ist... :-)

 

Herzlichst

jueb

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

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