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Willkommen, Gast. Bitte Einloggen. - 09.09.10 um 19:46

Seiten: 1
Präsens oder Präteritum? (Gelesen: 471 mal)
Quidam
Forums-Titan
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Beiträge: 3407
Präsens oder Präteritum?
04.07.10 um 09:08
 
Hallo Leute,
 
wenn ich einen Text in der Vergangenheitsform schreibe, wie handhabe ich das mit Dingen, die aber nicht vergangen sind?  
 
Beispiel:
Der Protagonist gaffte auf das Poster. Es zeigte den Weißen Hai.  
 
Ok, das geht ja noch, aber wenn ich dann beschreibe, wovon der Film handelt?  
 
Der Protagonist gaffte auf das Poster. Es zeigte den Weißen Hai. Der Film handelte von einem Kuschelfisch.  
 
Kann ich hier Präteritum schreiben? Dabei handelt der Film ja auch zukünftig noch von nem Kuschelfisch.  
 
Oder auch: Wenn ich einen Ort im Präteritum als wunderschön beschreibe - klingt das ja fast so, als wäre er nun nicht mehr wunderschön.  
 
Dort stand eine Kirche.
Die steht aber noch immer dort ...
 
Allerdings stört es mich, mit der Zeitform hin und her zu hüpfen.  
 
Was meint ihr?
 
Grüße
Quidam
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Inken
Diamant Mitglied
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Beiträge: 1071
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #1 - 04.07.10 um 09:26
 
Hm, meine Antwort mag jetzt nicht allgemeingültig sein ... da müsste sich wohl einer unserer Germanisten zu Wort melden.
 
Ich handhabe es so, dass ich im Normalfall in der Zeit bleibe, da ich meistens sehr dicht an meinen Personen schreibe.  
 
Das Plakat zeigte einen weißen Hai. Der Film handelte von einem Kuschelfisch.
 
Wenn ich allerdings aus irgendwelchen Gründen einen Erzähler relativ präsent im Hintergrund habe, mache ich es andersherum.
 
Das Plakat zeigte den weißen Hai. (Jetzt erhebt der Erzähler seinen Finger) Der Film handelt bekanntlich von einem Kuschelfisch.
 
In der Hoffnung, dir weitergeholfen zu haben,
 
Inken

Des vielen Büchermachens ist kein Ende.
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Margit
Silber Mitglied
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Beiträge: 150
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #2 - 04.07.10 um 09:30
 
Hallo Quidam,
 
vor dieser Frage stand ich vor ein paar Jahren auch, als ich meinen ersten Text in der Vergangenheitsform schrieb. Wenn ein Autor diese Zeit für seinen Text wählt, schreibt er in der Innerung an etwas, das er gesehen hat oder in seiner Fantasie gewesen ist. Die Kirche mag noch immer da stehen, der Film noch der gleiche sein, aber der Augenblick, in dem der Autor das erlebt hat, ist vorbei. So wie sich der Mensch im Laufe der Zeit verändert, so verändern sich auch die Dinge. Nichts bleibt, wie es war. Die Kirche bekommt Risse und Schmutzflecken, der Film verschwindet für Jahre in der Mottenkiste, wo er eventuell Schaden nimmt und Sequenzen herausgeschnitten werden. Der Autor beschreibt aber den Augenblick, den er erlebt hat und seinen Lesern mitteilen möchte. Deshalb Präteritum!
 
Ich bin in diesen Dingen nicht sachkundig. Es gibt hier sicher Leute, die den Durchblick haben und es fachlich korrekt erklären können.  Smiley
 
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
Margit
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JudithR
Gold Mitglied
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Beiträge: 339
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #3 - 04.07.10 um 11:35
 
Hallo ihr Lieben,
 
ich sehe das wie Inken.  
 
Es ist IMHO aber weniger ein grammatisches Problem, als das unserer Erzähltradition, deren "übliche" Stimmen im Präteritum erzählen, ohne dabei den Effekt von Vergangenheit in dem Sinne zu erzeugen, das der Leser das Geschehen in der Vergangenheit erlebt.
 
Das klingt jetzt nach Widerspruch und Chaos, ist aber gar nicht so. Es gibt halt mal wieder mehrere Ebenen. Die erste ist IMHO diese hier:
 
A. Die Zeitlinie des Erzählens und Erlebens ist bei uns traditionell die Vergangenheitsform.  
 
B. Der Präsens dagegen setzt die Geschehnisse in einen nahezu zeitlosen Rahmen, das erzählte wie die Stimme werden außerhalb der üblichen Zeit, quasi gefroren im Augenblick, erlebt.
 
Wenn man mit A arbeitet, gibt es mehrere Möglichkeiten (die, die Inken beschrieben hat) und auch Notwendigkeiten trotzdem den Präsens einzusetzen:
 
- den Erzähler ins Spiel bringen, der "Wahrheiten" oder das, was er dafür hält, an den Leser bringt  
 
- die Fortwirkung in die Gegenwart oder Zukunft betonen (eher im gedanklichen wie effektiven Sprechtext der Figur)
 
- eine Handlung, eine Szene zeitlos stellen (Traum, dissoziative Prozesse etc.)
 
- tatsächlich auf eine der absoluten, fortwirkenden Wahrheiten zu stoßen (-:
 
 
In deinem Fall, Quidam, würde ich im Präteritum bleiben, weil die Figur ja weder dissoziiert, noch ihren Zeitrahmen verlässt, sondern einfach erlebt und dafür steht das Präteritum IMHO.  s17
 
Liebe Grüße
Judith

はつ雪と呼る小便序哉 小林 一茶
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Angelika Jo
Platin Mitglied
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Beiträge: 930
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #4 - 04.07.10 um 13:42
 
Hi Quidam,
 
alle meine Vorrednerinnen haben das Richtige schon gesagt. Ich erzähle nur noch eine Geschichte aus meiner Praxis dazu:
 
Wenn bei uns die Studenten das Präteritum lernen, müssen sie einen Text lesen, der ungefähr so geht:
 
Zitat:
Als Gabriella 18 war, lernte sie Fred kennen. Er war Akrobat. Eine Zeitlang lebte sie mit ihm zusammen und tanzte ein bisschen auf der Straße. Dann ....

 
Die Studenten lesen das alles ohne Murren, aber wenn sie ans Ende kommen, erfahren sie, dass Fred Akrobat geblieben ist, während Gabriella Pantomimin wurde. Und dann werden sie - ich schwörs, in jedem Kurs wieder - rebellisch: "Wieso steht da
Zitat:
Als Gabriella 18 war, lernte sie Fred kennen. Er war Akrobat ....
?
Er ist es heute noch! Dann müsste da doch Präsens stehen!"
 
Ich hoffe, du hast noch im Kopf mit welchen Gefühlen du den kurzen Text über Gabriella vorhin gelesen hast.  
Hat dich da irgendwas gestört? Sicher gar nichts. Aber es hätte dich gewundert, wenn es geheißen hätte:
 
Zitat:
Als Gabriella 18 war, lernte sie Fred kennen. Er ist Akrobat.

 
Und warum? Weil das ein Signal dafür wäre, dass die Geschichte hier abbricht, eine ganz andere nun im Präsens herbeigezoomt wird. Reportagen arbeiten so: Man beginnt im Präsens, nähert sich irgendeinem interessanten Zeitgenossen und filmt ihn quasi aus der Nähe ab: Was macht der gerade? Und dann fängt der an seine Geschichte zu erzählen und wenn das nicht in wörtlicher Rede geschieht (was meist Perfekt nach sich zöge), dann steht da Präteritum. Guck mal in der SZ auf der Seite Drei.
 
Klar ist Fred heute noch in seinem Job. Und der Mensch besteht zu wahnsinnig viel Prozent aus Wasser (immer gültige Aussagen wollen für sich Präsens). Aber wenn eine Geschichte erzählt wird, dann bleibt das alles im Präteritum drin wie in einer Glaskugel. Das Präteritum entfernt uns das Geschehen (das macht auch das Unhastige daran aus), auch mit den Bestandteilen, die real im Heute sind oder immer gelten.
 
Natürlich gibt es erzähltechnisch viel Interessantes zur Verwendung der Zeiten.  
Aber für deinen Fall gilt das, was schon gesagt wurde: Präteritum für deinen Hai, Kugelfisch und Kirche.
 
Angelika
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Angelika Jo
Platin Mitglied
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Beiträge: 930
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #5 - 04.07.10 um 13:48
 
Ach so, ich sollte vielleicht noch dazu schreiben, warum mir dieses Beispiel aus der Praxis erwähnenswert war:
 
Die Studenten sind, wenn sie eine neue Zeit lernen, ganz einseitig sensibilisiert für dieses Problem. Sie vergessen, was sie aus ihren eigenen Sprachen kennen, sie ignorieren auch die Signale, die ihnen ihr durchaus schon vorhandenes Gefühl im Deutschen gegeben hat und überreagieren sozusagen auf dem Feld der Theorie.
 
Das gleiche passiert uns auch. In der eigenen Sprache.
 
So, jetzt bin ich aber weg.
Angelika
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Quidam
Forums-Titan
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Beiträge: 3407
Re: Präsens oder Präteritum?
Antworten #6 - 05.07.10 um 08:03
 
Ein herzliches Danke an die Damen, ihr habt mir sehr viel Grübelei erspart!
 
Endlich mal eine Regel, die man sich leicht merken kann. Smiley
 
Grüße
Quiddy
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Seiten: 1
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