Fairlag - Aktionsbündnis für faire Verlage Montségur Autorenforum
                       
Willkommen, Gast. Bitte Einloggen. - 09.09.10 um 07:44

Seiten: 1 2 
charakterorient oder handlungsorientiert (Gelesen: 873 mal)
Mascha
Gold Mitglied
****



Beiträge: 337
charakterorient oder handlungsorientiert
21.06.10 um 17:24
 
Hallo,
 
ich habe mal im Archiv herumgesucht, aber zu dem Thema, die mich interessiert, nichts gefunden.
 
Ich beschäftige mich (im Hinblick auf die herbstliche Plotgruppe) mit der Frage:
Was kommt zuerst: die Handlung oder die Figuren?
Wie ergibt sich die Handlung aus den Figuren bzw. wie ergeben sich die Figuren aus der Handlung?
Wie beeinflussen sich diese beiden Elemente?
 
Ich habe es mir vorher nie richtig bewusst gemacht, aber ich plane eine Geschichte sehr von den Figuren ausgehend. Wenn ich nicht weiss, WER die Geschichte erlebt, fällt mir nichts ein.
Andererseits brauche ich eine ungefähre Vorstellung von meiner Geschichte (Epoche, Ort etc.), um Anregungen für Figuren zu finden. Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, umso komplexer wird der Zusammenhang.
 
Bei meinem Plotgruppe-Projekt (zeitgenössischer Jugendroman) wollte mir zuerst gar keine Geschichte einfallen, also habe ich mich daran gemacht, die Figuren auszudenken. Wärend ich an der Charakterisierung saß, tauchten immer mehr Handlungselemente auf und plötzlich war die Geschichte da.
 
Wie ist das bei Euch? Habt ihr zuerst die Handlung und entwerft dann "passende" Figuren? Oder hängt die Handlung ganz von den Personen ab, die ihr euch ausgedacht habt?
 
Neugierig,
 
Mascha
 

"Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen." Johann W. Goethe
Homepage IP gespeichert
MelanieM
Forums-Titan
*******



Beiträge: 4079
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #1 - 21.06.10 um 19:34
 
Ich schreibe ganz eindeutig figurenorientiert, denn die Figuren geben die Handlung vor, sie sind die Handlungsträger und sie beeinflussen die Handlung.  
 
Gruß, Melanie
Homepage IP gespeichert
Spinner
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1156
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #2 - 21.06.10 um 20:11
 
Die Frage finde ich eigentlich immer genauso sinnvoll wie die gern geführte Diskussion, ob nun Gene oder Erziehung den Menschen stärker beeinflussen Grinsend. Ich denke, zumindest sollte man beim Lesen eines Buches möglichst nicht bemerken, welche Antwort der Autor auf diese Frage gibt - weil es dann ja bedeutet, dass er eine dieser beiden Facetten vernachlässigt hat und das ein Ungleichgewicht in der Story entsteht.
 
Ich persönlich würde mich eigentlich immer eher als handlungsorientierten Schreiber sehen. Aber in der Praxis lässt sich das dann auch nicht so trennen. So hatte ich bei meinem vorletzten Roman, dem "Tag der Messer", zwar eindeutig eine Handlung im Kern meiner Ideen, aber schon von der ersten Idee an auch zwei zentrale Figuren, die sozusagen als "Spannungspole" die Grenzen abstecken sollten, in denen sich die Handlung bewegt. Und diese Figuren waren so fest mit der Handlung verdrahtet, dass sie in keinster Weise disponibel waren. Und obwohl ich eigentlich eine Handlungsidee hatte, die unabhängig von den Figuren wirkten, konnte ich diese Handlung erst dann so realisieren, wie sie mir vorschwebte,  nachdem ich auch die Figuren dazu in einem Vorgänger aufbauen konnte und sie bei Romanbeginn da hatte, wo sie stehen mussten, damit die Geschichte optimal funktioniert.
 
Da ist die Gewichtung bei jeder meiner Geschichten ein wenig anders, aber im Grunde würde ich immer sagen, dass Figuren und Handlung sich nicht trennen lassen. Denn Handlung ist ja nicht etwas, was passiert, sondern es ist etwas, was Figuren tun und was das Leben dieser Figuren verändert.
  Das ist ein wenig wie beim Theater: Schlechte Darsteller können das beste Stück ruinieren - aber umgekehrt kann ein schlechtes Skript auch die besten Darsteller vorführen. Man sollte also weder das Casting vernachlässigen noch das Drehbuch. Zwinkernd
  Ich würde also sagen, im Kern meiner Ideen steht wohl eher eine Handlung. Aber das sind allenfalls die Gene einer Geschichte, und schon um sie auf Exposeefähigkeit zu bringen, brauche ich dann natürlich auch Figuren, die darin leben und diese Handlung auch vermitteln können. Ich war mit der Frage also nie so ganz glücklich, weil sie suggeriert, dass man eins von beiden "durchzieht" und das andere dem unterordnet, anstatt beides im Wechselspiel zu entwickeln. Die Figuren beeinflussen die Handlung, die Handlung beeinflusst die Figuren, und das - zumindest bei mir - nicht nur im Verlauf der Geschichte, sondern schon bei der Konzeption.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)
IP gespeichert
ThomasL
Silber Mitglied
***



Beiträge: 184
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #3 - 21.06.10 um 21:35
 
Bei mir ist der allererste Funken, der die Idee zu einer Geschichte bringt, oft 'handlungsorientiert'. Zum Beispiel "Zombie-Horror in einer Fantasywelt". Zwinkernd Aber wenn es dann über diesen kleinen Funken hinausgeht, wenn der Funke zur Geschichte werden soll, dann brauche ich dazu Charaktere. Während der Planung sehe ich meistens einen Film vor meinen Augen, und ohne einen Bezugscharakter würde die Kamera nur so frei über der Landschaft schweben. Deshalb muss ich dann schon wissen, um wen es in der Geschichte geht.  
Allerdings starte ich dann wiederum gerne ins Schreiben der ersten Rohfassung mit sehr wenig Hintergrundwissen um die Charaktere. Sie nehmen meistens während dem Schreiben in ihren Details Gestalt an. Nur die großen Handlungsmotive und wichtigsten Charakterzüge stehen fest. Aber genau so ist es eigentlich auch mit der Handlung, auch da habe ich nur ein paar Punkte markiert(und teilweise wild mit Assoziationen und Ideen gefüllt) und schicke die Charaktere dann los.
 
Eigentlich find ich Spinner ganz gut:
Zitat:
Ich würde also sagen, im Kern meiner Ideen steht wohl eher eine Handlung. Aber das sind allenfalls die Gene einer Geschichte[...]

So gehts mir auch. Zwinkernd

"Man can be, and ought to be, a hero."
Mike Mentzer

"...deshalb machte sie ihr Herz hart wie das Eisen ihrer Rüstung, um all ihre Tränen an einem anderen Tag zu weinen."
aktuelles Projekt: "Höllensturm"
297 Seiten
IP gespeichert
AngelikaD
Gold Mitglied
****



Beiträge: 272
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #4 - 22.06.10 um 12:22
 
Bei mir ist das eine Mischung. Die Handlung spielt ja nicht zwischen zwei Luftmolekülen.  
 
Sie kommt in die Gänge weil Figur A etwas will und was ihm dabei im Weg steht und was ihn zurückwirft, und wo er am Ende sich gegen Figur B behaupten muss, weil auch Figur C sich eingemischt hat, ist ja nur möglich, weil Figur A, B und C eben so sind und so reagieren wie ich es zusammenspinne.
 
Beginnen Thrillerautoren mit dem Gedanken:  "Jezt schreibe ich über einen Mord.", also der Handlung ehe sie überlegen wer wen warum getötet hat, also den Teil der Handlung, der an den Figuren hängt?  
E-Mail IP gespeichert
UlfSch
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1517
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #5 - 22.06.10 um 12:58
 
Natürlich ist es wahr, dass Figuren und Handlung interagieren, und dies schon in  der Planung zu berücksichtigen, wie Skinnmer sagt, ist sehr wichtig. Figuren haben unterschiedliche Ziele, daraus ergeben sich Konflikte, die zu Handlungseinheiten führen. Umgekehrt haben Handlung und Umstände eine gewisse Wirkung auf Figuren und/oder bringen überhaupt erst bestimmte Reaktionen oder Eigenschaften zur Oberfläche.
 
Aber, ich glaube schon, dass es eher handlungsorientierte Plots gibt, wo eben die Handlung an sich im Vordergrund steht und die Figuren diese zwar stützen, aber an sich nicht dominieren. Eine Geschichte über den größten Raub des Jahrhunderts ist wahrscheinlich eher handlungs- als figurengetrieben.
 
Umgekehrt gibt es Geschichten, die stehen und fallen mit ihren Figuren, wo die Handlung eher den Rahmen abgibt und nicht von ausschlaggebender Bedeutung ist. Wird z. B. das Ende einer Beziehung erzählt, ist die Handlung weniger wichtig. Im Vordergrund steht die psychlogische Charakterisierung und Entwicklung der Hauptfiguren und ihrer Beziehung.
 
Ich glaube, es ist gut, wenn man sich schon im Vorfeld darüber im Klaren ist, wo die Prioritäten zu setzen sind.
 
LG
Ulf
E-Mail Homepage IP gespeichert
AngelikaD
Gold Mitglied
****



Beiträge: 272
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #6 - 22.06.10 um 13:58
 
Aber "Handlungen" werden immer von Menschen volbracht. Menschen haben Gründe, so zu handeln. Gründe, die aus ihren Situationen, Erfahrungen, Möglichkeiten, der genetischen Ausstattung usw... resultieren.
 
"Geschehnisse", "Ereignisse" hingegen, können Handlungen in Bewegung setzen und haben nicht unbedingt die Ursache in der Persönlichkeit der Beteiligten.
Ein Vulkan bricht aus, ein Erdbeben, eine Flut.
 
Wenn jemand einen Menschen verliert, und selbst nichts dafür kann und es auch nicht hätte verhindern können, ist das ein Ereignis, das je nach Art dieses Menschen etwas in Bewegung setzen kann. Hier ist zwar das Ereignis der Auslöser, aber was danach folgt, basiert auf dem Charakter.
 
Und es ist auch eine "Handlung", wenn ich jemanden bewusst ignoriere, ihm die Zuneigung entziehe, fremd gehe, einen Partner belüge.  
Nicht nur Attentate sind "Handlungen". Oder sehe ich etwas falsch?
E-Mail IP gespeichert
Spinner
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1156
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #7 - 22.06.10 um 13:59
 
Zitat von UlfSch am 22.06.10 um 12:58:
Aber, ich glaube schon, dass es eher handlungsorientierte Plots gibt, wo eben die Handlung an sich im Vordergrund steht und die Figuren diese zwar stützen, aber an sich nicht dominieren.
Das ist wohl wahr, eine entsprechende Gewichtung gibt es in allen Spielarten. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass ich mit Geschichten nichts anfangen kann, bei denen die Autoren zwar viel über ihre Figuren erzählen, aber man das Gefühl bekommt, dass diese weitestgehend ohne Drehbuch über die Erzählbühne stolpern. Umgekehrt ist das Figurenarsenal bei sichtbar handlungsorientierten Geschichten oft bemerkenswert stereotyp, und auch das ist ein Element, das mich mitunter beim Lesen stolpern lässt.
  Ich würde also sagen, es gibt natürliche solche Geschichten, denen man eine Gewichtung ansieht. Aber es tut den Geschichten nicht unbedingt gut, wenn sie sich zu eindeutig auf ein Element konzentrieren, und besser wäre es, wenn man beides zusammenführt.
  Meist hindert einen ja niemand daran, eine starke Story mit ähnlich ausgefeilten Figuren zu verbinden - man braucht halt nur tragfähige Ideen in zwei Bereichen, die dann noch zueinander passen müssen. Ist also mehr Arbeit, und natürlich können auch funktionierende Geschichten herauskommen, wenn nicht beides auf einem Level liegt.
  Nur, von vornherein schon eine Priorität zu setzen wird, wenn ich mir die Ergebnisse ansehe, sehr gerne als Ausrede verwendet, den anderen Bereich mehr als nötig zu vernachlässigen - also zu "schlampen". So ähnlich wie der Spruch "es gibt ja eh keine neuen Ideen mehr"; der mag ja sachlich korrekt sein, aber mir ist da schon oft aufgefallen, dass ich von Autoren, die das bewusst sagen, auch immer besonders uninspirierte Geschichten zu sehen bekomme, als wären die Worte eine Ausrede, um sich in einer bequemen Nische einrichten und nicht mal mehr bemühen zu müssen. Wohingegen ich bei Autoren, die mit dem Anspruch, etwas "neues" zu erzählen, zwar auch oft denke: "Na, so originell ist das ja auch nicht mehr" - aber meist doch einen spürbaren Funken mehr an Originalität finde als bei jenen, die schon im Voraus aufgegeben haben.
 
Insofern würde ich sagen, man sollte auch hier an allen Aspekten feilen und versuchen, beides so gut wie nur möglich auszugestalten. Am Ende kommt vielleicht doch eine spürbar mehr charakter- oder handlungsorientierte Story dabei heraus. Aber vermutlich doch keine so einbeinig daherhumpelnde Story, als wenn man sich von Anfang an sagt: "Pfff - ich hab doch einen geilen Plot, warum also noch lange an die Figuren denken?", oder "Mein Prota ist so interessant, da ist eigentlich egal, was er tut - ich lass ihn einfach mal machen".
  Ich stelle also nicht in Abrede, dass es Schwerpunkte und besser bzw. schlechter ausgearbeitete Facetten in Romanen gibt - ich stelle nur in Abrede, dass es sinnvoll ist, eine dieser Facetten von vornherein liebloser zu behandeln als eine andere, und zwar aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, und nicht, weil es sich aus den Konstellationen einer Geschichte heraus nun mal natürlich so entwickelt. Und gerade Figuren und Handlung hängen so dicht zusammen, dass man sie eigentlich nicht trennen, sondern auch bewusst im Miteinander entwickeln sollte.
 
Gute und vielschichtige Romane sind übrigens Beispiel genug, dass die Trennung keinesfalls zwangsläufig ist und eine Kombination möglich - das sind nämlich die Romane, die unterschiedliche Leser dann auch sehr unterschiedlich wahrnehmen können, weil die Schwerpunkte und die Perspektive weniger im Roman, als vielmehr im Betrachter liegen.
  Wenn hpr beispielsweise im Nachbarthread den Herrn der Ringe als "Handlungsgeschichte" charakterisiert, ist das eine Schwerpunktsetzung, die von ihm vorgenommen wird - nicht vom Buch. Denn zum einen ist der HdR vor allem als das "Fantasy-Milieubuch" schlechthin bekannt geworden, mit einem Hintergrund, der die Handlung jederzeit zu erdrücken droht, zum anderen findet man auch dort zwischen den Archetypen (die bei näherer Betrachtung dann auch wieder ausdifferenzierter sind, als man annimmt) mit den Hobbits komplexe Figuren, die sich entwickeln, die sich gegen die Handlung stellen und differenziert damit interagieren, und die auch sehr viel Zeit abseits der Handlung erhalten, in denen der Autor sie einfach nur "leben" lässt - was die Vorstellung einer idealen und eindeutig positionierten Struktur doch so ziemlich konterkariert Zwinkernd.

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)
IP gespeichert
UlfSch
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1517
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #8 - 22.06.10 um 15:43
 
Zitat von Spinner am 22.06.10 um 13:59:
Gute und vielschichtige Romane sind übrigens Beispiel genug, dass die Trennung keinesfalls zwangsläufig ist und eine Kombination möglich - das sind nämlich die Romane, die unterschiedliche Leser dann auch sehr unterschiedlich wahrnehmen können, weil die Schwerpunkte und die Perspektive weniger im Roman, als vielmehr im Betrachter liegen.

 
Völlig einverstanden, dass Handlung und Figuren untrennbar sind. Stereotypische Figuren einerseits oder flache Handlung andererseits gefallen mir auch nicht. Dennoch glaube ich, dass eine Gewichtung sinnvoll ist. Eine gute Charakterisierung von Figuren, sogar Tiefgang, muss keinen enormen Raum einnehmen. In einer Handlung, bei der eine physische Aktion die andere jagt, würde es aber den Spannungsbogen unterbrechen, wenn seitenweise das Innenleben der Figuren durchgehechelt wird. Das will man nicht unbedingt lesen, wenn der Held an einem Ast über dem Abgrund hängt.
 
Umgekehrt, wenn es hauptsächlich um das Innenleben der Protas geht, dann würde diese ernsthafte und intensive Auseinandersetzung durch eine gleichzeitige Verfolgungsjagd sicherlich gestört werden. Geht es um eine Beziehungskrise, dann sollte man sich daran halten und keine Räuberpistole draus machen.
 
Zumindest sollten solche Aspekt zeitlich getrennt ablaufen. Ich versuche natürlich auch, zum Teil beides zu verbinden. Ich tue das meist mit Rhythmuswechseln. Das heißt, auf eine Reihe von sehr aktiven Szenen folgt eine ruhigere, die mehr Reflektion und Innenleben enthält. Danach kann wieder Gas gegeben werden.
 
Mich stört es zum Beispiel bei den TV-Krimis, dass man sich dauernd mit dem Intimleben des Kommissars beschäftigen muss. Es geht doch in der Hautsache darum, einen Verbrecher zu fangen. Und einen Kommissar kann man auch sehr gut und treffend charakterisieren ohne sich in seine Ehekrise involvieren zu müssen. Sie wird dadurch nicht besser, im Gegenteil, da stört dieses Ausbreiten von Nebensächlichkeiten, die mit dem Thema nichts zu tun haben.
 
LG
Ulf
E-Mail Homepage IP gespeichert
Daphne
Einfaches Mitglied
*



Beiträge: 11
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #9 - 22.06.10 um 16:08
 
Ich glaube, die eindrücklichsten Geschichten sind immer die, in denen die Figur die Handlung bestimmt und nicht von der Handlung durch die Geschichte geschoben wird. Dennoch ist beide untrennbar miteinander verwoben. Ohne Figuren keine Handlung, ohne Handlung keine Geschichte.  
Und Autoren haben individuelle Vorlieben, die einen entwickeln ihre Geschichten vielleicht eher vom Plot her, die anderen haben zuerst eine Figur im Sinn, aber auch das kann bei einem Autor von Projekt zu Projekt anders laufen.  
Es hängt auch von den Stärken des jeweiligen Autors ab. Die Einen sind besonders gut im Figuren entwickeln, die Anderen im Plotten und wieder Andere schreiben einfach die besten Dialoge. ...Und wer alles richtig gut im Griff hat, veröffentlicht  s1
E-Mail Homepage IP gespeichert
MelanieM
Forums-Titan
*******



Beiträge: 4079
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #10 - 22.06.10 um 18:51
 
Ich habe mich ja ganz am Anfang kurz als charakterorientiert geoutet und will das jetzt noch mal ein bisschen ausführen:  
Wenn ich eine Geschichte schreiben will, brauche ich natürlich eine Handlung und einen Plot. Aber die Handlung ergibt sich aus der Motivation der Hauptfiguren. Wenn wir bei dem Beispiel des Serienmörders im Thriller bleiben, dann brauche ich eine starke, gute Motivation des Mörders, um die Geschichte mit Leben zu füllen. Der Charakter des Mörders muss stimmig sein, damit seine Handlungen nachvollziehbar sind und es für den Ermittler schwierig wird, den Mörder zu fassen, er sich aber gleichzeitig in eine Beziehung mit ihm begeben kann, die vielschichtig ist. Der Ermittler wiederum braucht starke Motive, sich so weit in die Jagd zu begeben - die kann man auch aus seinem Charakter erschließen. Je besser die Figuren gezeichnet sind, um so besser funktioniert dann auch der Plot.  
 
Ich wage mal die These, dass jede Geschichte, egal welche, nur durch Beziehungen der Figuren untereinander lebt. Und deshalb sind die Charaktere so wichtig. Die Handlung ist der Rahmen, die Charaktere weben das Muster.
 
Gruß, Melanie
Homepage IP gespeichert
Mascha
Gold Mitglied
****



Beiträge: 337
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #11 - 22.06.10 um 20:13
 
Eure Meinungen habt ihr dargelegt, und ich fand sie sehr interessant zu lesen. ich wäre neugierig, auch eure Erfahrungen beim  Geschichtenausdenken kennenzulernen.
 
Mich interessiert der Prozess: Was kommt in Gedanken zuerst? Wie entwickelt sich die Geschichte im Kopf des Autors zwischen den beiden Polen "Plot" und "Figuren"?
 
Ich finde faszinierend, wie diese beiden Elemente eine Geschichte nach und nach entstehen lassen (nicht beim Lesen, sondern bei der geistigen Vorarbeit des Autors), bzw. ist es für mich beinahe so, als würde ich diese Geschichte durch ihre Protagonisten entdecken (frei nach M. Buonarotti).  
 
In meinem Fall handelt es sich um eine Art Auftrag (das Thema war ganz lose vorgegeben) und ich wollte eigentlich ablehnen, weil ich dachte, dazu fällt mir nichts ein. Aber dann fing ich an zu überlegen, wer denn in solch einer Geschichte mitspielen könnte, und aus diesen Figuren heraus ergab sich die Handlung fast wie von selbst (ich spreche hier von einem ersten Exposé, keiner detaillierten Kaptelübersicht).
 
Mir ist der Prozess so bewusst geworden, weil ich mich hingesetzt habe und mir etwas einfallen lassen wollte. Sonst bauen sich Ideen für Texte ja meistens über längere Zeit auf (zumindest bei mir).
 
Thomas schreibt, er fängt mit einer vagen Idee an und leitet daraus die Figuren ab.
Gibt es unter uns jemanden, der mit Figuren beginnt, ohne eine Idee für die Handlung zu haben? So etwas wie: "buckliger Mann mit Geige unter dem Arm" trifft "Bibliothekarin mit Platzangst", ohne zu wissen, was mit den beiden passieren wird?
 
Immer noch neugierig,
 
Mascha
 
 

"Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen." Johann W. Goethe
Homepage IP gespeichert
AndreaG
Gold Mitglied
****



Beiträge: 442
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #12 - 22.06.10 um 22:40
 
Liebe Mascha, sehr interessanter Thread!
 
Zitat von Mascha am 22.06.10 um 20:13:

Gibt es unter uns jemanden, der mit Figuren beginnt, ohne eine Idee für die Handlung zu haben?

Frueher bin ich beim Entwickeln der Geschichte fast immer zuerst von der Handlung ausgegangen, dann fanden sich die Hauptfiguren und ihre Hintergruende und die bestimmen dann, wie es weitergeht.
 
In letzter Zeit entwickle ich allerdings zunehmend figuren-zentriert. Ich habe im vergangenen Jahr einen Roman geschrieben, der sich aus der zweiseitigen  aeusseren Charakterisierung eines Protagonisten ergeben hat - einfach weil der Prota interessant war und ich begann, ueber seine Vergangenheit nachzudenken. Daraus entwickelte sich dann die Geschichte.  
Bei meiner UrbanFantasy Serie entstand die Initialidee des ersten Bandes noch aus einem Handlungselement heraus. Fuer die Folgebaende beginne ich allerdings immer mit den Figuren, entwerfe zuerst ihre Vergangenheit und ihre aktuelle Situation und dann erst kommen die aeusseren Umstaende und ein (konflikttraechtiges) Handlungselement, das den eigentlichen Plot entstehen laesst.
Die Figuren kommen zu mir aus den unterschiedlichsten Inspirationen heraus. Oft ist es eine visuelle Vorstellung, die ich zuerst niederschreibe und dann, wenn ich mehr und mehr Details entwickle, ergibt sich daraus ihr Profil. Jede Narbe, jedes Tattoo, auch Schmuckstuecke oder Kleidung oder einfach koerperliche Verfassung haben eine Geschichte. Der Hauptcharakter fuer meinen naechsten Roman ist inspiriert durch einen Film. Das wird dann allerdings kein Abklatsch dieses Filmcharakters - es funktioniert eher so, dass ich interessante Aspekte aufnehme (z.B. irisch, irrwitzig, pragmatischer Katholizismus) und von da aus dann selbst zu entwickeln beginne. Jeder der Aspekte erlaubt Brueckenschlaege zu verwandten kulturellen oder psychologischen Eigenheiten und so entsteht die Figur.  
Und damit die Geschichte ihres Lebens. Aus der sich wiederum ein Kernkonflikt fuer die Romanhandlung ableiten kann.
 
- LG. Andrea
 
 
 
 
Homepage IP gespeichert
Spinner
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1156
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #13 - 23.06.10 um 13:44
 
Ich habe oben geschrieben, dass im Kern eines Romans für mich zumeist eine Idee zur Handlung steht. Aber das stimmt auch nicht ganz. In meinen Ideenbüchern sammle ich auch Konzepte zu interessanten Figuren und vor allem zu interessanten Figurenkonstellationen, zu Konflikten, "Paarungen" o.ä. gleichberechtigt zu handlungsbezogenen Ideen. Man kann also durchaus sagen, dass oft auch die Figuren schon vor der Handlung da waren und nicht passend zur Handlung entwickelt wurden, dass sie aus eigenem Recht im Roman auftauchen, weil ich sie unabhängig interessant fand.
  Aber wenn es darum geht, einen Roman zu konzipieren, nehme ich mir trotzdem meist zuerst eine handlungsbezogene Idee vor, um einen Rahmen zu haben. Dann schaue ich, welche Figur, welche figurenbezogenen Konflikte ideal in diesen Rahmen passen könnten. In der Regel, wenn aus einer Idee ein Roman werden soll, hab ich schon mehrere unabhängige Ideen aus unterschiedlichen Bereichen im Hinterkopf, und gerade die Idee, dass gewisse vorhandene Handlungen und Figuren gut zueinander passen, ist dann die Initialzündung, mehr als eine Idee daraus werden zu lassen.
 
Und von da ab, von diesen Grundkonstellationen, ergeben sich meist genügend Spannungspole, zwischen denen sich der Rest der Geschichte dann entwickeln lässt. Ansonsten achte ich bei der Ausarbeitung darauf, Charakterentwicklung und Handlung jeweils eigenständig zu "plotten", auch gerne mehreren Figuren und mehreren Handlungssträngen jeweils eine eigene Exposition, eigene Wendepunkte und eine eigene Auflösung zu verpassen - und dann diese Stränge im Roman so zu verweben, dass sie sich möglichst gegenseitig stützen oder verstärken.
  Klappt nicht immer optimal, aber das ist das Ideal, dem die Arbeitsweise folgt  Zwinkernd

Sinn ist keine Eigenschaft der Welt, sondern ein menschliches Bedürfnis (Richard David Precht)
IP gespeichert
UlfSch
Diamant Mitglied
******



Beiträge: 1517
Re: charakterorient oder handlungsorientiert
Antworten #14 - 23.06.10 um 15:10
 
Ich gehe ähnlich wie Spinner vor.
Zuerst habe ich ein Thema, über das ich schreiben will. Dazu passend eine Hauptfigur und dann denke ich über Antagonisten nach. Falls es sich um ein historisches Event handelt, ist eventuell die Hautpfigur schon gegeben. Aus Hauptfiguren und dem gegenseitigem Konflikt entsteht eine grundsätzliche Storyline, die man auf weniger als einer Seite darstellen kann.
Dann verbringe ich eine Menge Zeit mit Figurenentwicklung und danach versuche ich, eine detaillierteres Plot zu entwerfen. Dabei entstehen auch noch weitere Figuren sozusagen wechselseitig mit dem Plot, ebenso wie zusätzliche Plotkomponenten. Dazwischen wird kräftig recherchiert. Bis ich seitenweise Material und die Nase voll von der Planerei habe.
Beim Schreiben behalte ich alle Grundelemente bei, aber trotzdem ändert sich Einiges. Neue Plotideen werden in mein Schema eingefügt, neue Figuren können auftauchen oder die Motivation und Entwicklung gewisser Figuren können sich ändern.
 
Allein mit einer Figur zu beginnen, kann ich mir für mich persönlich weniger vorstellen.
 
LG
Ulf
E-Mail Homepage IP gespeichert
Seiten: 1 2 
Hallo lieber Forumsgast,

das Montségur Autorenforum wird seit Jahren rein ehrenamtlich betrieben und ist eine unentgeltliche Einrichtung.

Damit das bei steigendem Aufwand und steigenden Kosten trotzdem so bleiben kann, wäre es schön, wenn du das Forum ab und zu unterstützt.

Schon ein Euro im Monat hilft weiter!



Nein, ich möchte diesen Monat nicht spenden.

Gute Idee, ich spende mit PayPal: