Zitat von UlfSch am 22.06.10 um 12:58:Aber, ich glaube schon, dass es eher handlungsorientierte Plots gibt, wo eben die Handlung an sich im Vordergrund steht und die Figuren diese zwar stützen, aber an sich nicht dominieren.
Das ist wohl wahr, eine entsprechende Gewichtung gibt es in allen Spielarten. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass ich mit Geschichten nichts anfangen kann, bei denen die Autoren zwar viel über ihre Figuren erzählen, aber man das Gefühl bekommt, dass diese weitestgehend ohne Drehbuch über die Erzählbühne stolpern. Umgekehrt ist das Figurenarsenal bei sichtbar handlungsorientierten Geschichten oft bemerkenswert stereotyp, und auch das ist ein Element, das mich mitunter beim Lesen stolpern lässt.
Ich würde also sagen, es
gibt natürliche solche Geschichten, denen man eine Gewichtung ansieht. Aber es tut den Geschichten nicht unbedingt gut, wenn sie sich zu eindeutig auf ein Element konzentrieren, und
besser wäre es, wenn man beides zusammenführt.
Meist hindert einen ja niemand daran, eine starke Story mit ähnlich ausgefeilten Figuren zu verbinden - man braucht halt nur tragfähige Ideen in zwei Bereichen, die dann noch zueinander passen müssen. Ist also mehr Arbeit, und natürlich können auch funktionierende Geschichten herauskommen, wenn nicht beides auf einem Level liegt.
Nur, von vornherein schon eine Priorität zu setzen wird, wenn ich mir die Ergebnisse ansehe, sehr gerne als Ausrede verwendet, den anderen Bereich mehr als nötig zu vernachlässigen - also zu "schlampen". So ähnlich wie der Spruch "es gibt ja eh keine neuen Ideen mehr"; der mag ja sachlich korrekt sein, aber mir ist da schon oft aufgefallen, dass ich von Autoren, die das bewusst sagen, auch immer besonders uninspirierte Geschichten zu sehen bekomme, als wären die Worte eine Ausrede, um sich in einer bequemen Nische einrichten und nicht mal mehr
bemühen zu müssen. Wohingegen ich bei Autoren, die mit dem Anspruch, etwas "neues" zu erzählen, zwar auch oft denke: "Na, so originell ist das ja auch nicht mehr" - aber meist doch einen spürbaren Funken mehr an Originalität finde als bei jenen, die schon im Voraus aufgegeben haben.
Insofern würde ich sagen, man sollte auch hier an
allen Aspekten feilen und versuchen, beides so gut wie nur möglich auszugestalten. Am Ende kommt vielleicht doch eine spürbar mehr charakter- oder handlungsorientierte Story dabei heraus. Aber vermutlich doch keine so einbeinig daherhumpelnde Story, als wenn man sich von Anfang an sagt: "Pfff - ich hab doch einen geilen Plot, warum also noch lange an die Figuren denken?", oder "Mein Prota ist so interessant, da ist eigentlich egal, was er tut - ich lass ihn einfach mal machen".
Ich stelle also nicht in Abrede, dass es Schwerpunkte und besser bzw. schlechter ausgearbeitete Facetten in Romanen gibt - ich stelle nur in Abrede, dass es sinnvoll ist, eine dieser Facetten von vornherein liebloser zu behandeln als eine andere, und zwar aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, und nicht, weil es sich aus den Konstellationen einer Geschichte heraus nun mal natürlich so entwickelt. Und gerade Figuren und Handlung hängen so dicht zusammen, dass man sie eigentlich nicht trennen, sondern auch bewusst im Miteinander entwickeln sollte.
Gute und vielschichtige Romane sind übrigens Beispiel genug, dass die Trennung keinesfalls zwangsläufig ist und eine Kombination möglich - das sind nämlich die Romane, die unterschiedliche Leser dann auch sehr unterschiedlich wahrnehmen können, weil die Schwerpunkte und die Perspektive weniger im Roman, als vielmehr im Betrachter liegen.
Wenn hpr beispielsweise im Nachbarthread den Herrn der Ringe als "Handlungsgeschichte" charakterisiert, ist das eine Schwerpunktsetzung, die von ihm vorgenommen wird - nicht vom Buch. Denn zum einen ist der HdR vor allem als das "Fantasy-Milieubuch" schlechthin bekannt geworden, mit einem Hintergrund, der die Handlung jederzeit zu erdrücken droht, zum anderen findet man auch dort zwischen den Archetypen (die bei näherer Betrachtung dann auch wieder ausdifferenzierter sind, als man annimmt) mit den Hobbits komplexe Figuren, die sich entwickeln, die sich gegen die Handlung stellen und differenziert damit interagieren, und die auch sehr viel Zeit abseits der Handlung erhalten, in denen der Autor sie einfach nur "leben" lässt - was die Vorstellung einer idealen und eindeutig positionierten Struktur doch so ziemlich konterkariert

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