[quote author=Celia link=1246889270/15#24 date=1246907188]
Zitat von jueb am 06.07.09 um 20:09:Milan Kundera oder Alberto Moravia scheinen mir zum Beispiel kein besonders romantischen Autoren. Ich finde, bei ihnen klingt Sex oft wie groteske Gymnastik.
(Zitat ist von Celia, warum jueb angezeigt wird, weiss die Technik, nicht ich)
Ich halte das Beispiel Alberto Moravia fuer gut geeignet. In "La Noia" beispielsweise wird Sex in der Tat dargestellt, als ginge Entseeltes miteinander um, aber das entspricht dem, was Moravia erzaehlt - der Beziehungslosigkeit, der Leere, der Kommunikationsunfaehigkeit zwischen den Sexpartnern (und anderen). Das ist sein Thema in diesem Roman, und er stellt es mit Distanz und sprachlicher Kuehle dar, nicht weil er Angst vorm Kitsch oder gar vor Gefuehlen hat (um Gottes Willen, er ist doch Italiener), sondern eben weil Gefuehlsarmut und Unueberwindbarkeit von Distanz sein Thema sind.
Falls einem diese Geschichte "tot", "gefuehlsarm" oder auch unertraeglich (dass sie das ist, klingt im Titel mit, oder nicht?) erscheint, so entspricht das Moravias Darstellungsabsicht. Er behauptet nicht: "Diese Art Leben ist leer, langweilig, unertraeglich, gefuehlsarm", sondern er stellt es so dar, dass es in den Lesenden hineindraengt, sich ausbreitet, dass man das Buch zuweilen beiseite legen muss, weil man es nicht mehr aushaelt. (Ein moderneres Beispiel fuer einen Autor, dem aehnliches da, wo er es will, gelingt, ist m.E. Michel Houellebecq.)
Ein tolles Buch.
Dass Moravia auch ganz anders kann (einem der das SO kann, glaube ich ohnehin, dass der auch anders kann, ich habe nicht den geringsten Grund, das anzuzweifeln, wenn Erzaehlabsicht und Erzaehltes so haargenau uebereinstimmen), beweist er in Romanen wie "Agostino" und "Ciocara", denen wohl kein Mensch die ganz angstfreie, bis ins Kleinste beobachtete, aufruettelnde Darstellung von Gefuehlen absprechen moechte.
Hans-Peter, ich hoffe, ich habe nach Deiner Erklaerung zum Umgang mit Schreibanfaengern jetzt etwas besser verstanden, was Du meinst, und ich kann unter den Praemissen auch voellig nachvollziehen, dass man im Zweifelsfall einen jungen Autor lieber erst einmal hemmungslos schreiben (und auch "kitschen") laesst, statt ihm Fesseln anzulegen, die ihn in den Startloechern festhalten.
Dem widerspreche ich nicht.
Allerdings habe ich es viel haeufiger erlebt, dass einem geraten wurde: "Das ist nicht mainstreamig genug!", "Das (z.B. Unhappy Ending, "beschaedigte Heldin", maennliche Hauptfigur etc.) kauft keiner!" oder auch: "Trag das doch mal 'n bisschen dicker auf" als umgekehrt. Mich zumindest haben diese Ratschlaege (die sich in der Zusammenarbeit mit Verlegern nie bestaetigt haben) sehr behindert und gehemmt, aber das mag einfach unterschiedlicher Erfahrung geschuldet sein.
Meine Ansicht bleibt in jedem Fall - und es ist mir dabei voellig egal, ob es um "Hochliteratur" oder "Unterhaltung" geht (das Zugestaendnis, dass fuer Unterhaltungsautoren Kitsch zulaessig sein soll, kommt mir vor wie die Bemerkung eines Protestanten, der einen Betendenen sieht und dem herausrutscht: "Was, du betest? Ach so, du bist katholisch."): Wenn ich eine Geschirrspuelmaschine beschreiben moechte, muss ich mir eine ansehen, und da ich keine habe, muss ich dann eben zum Nachbarn gehen und fragen, ob ich mir die mal ansehen darf und nachlesen, wie die funktioniert usw. Sowas wird dann bejubelt als "toll recherchiert"!
Wenn ich ein Gefuehl beschreiben moechte, ob ich's selbst habe oder mir beim Nachbarn ansehen muss - sollte ich mich nicht in mindestens derselben Weise um die Darstellung des Gefuehls bemuehen wie um die der Geschirrspuelmaschine? Weshalb genuegt fuer das Gefuehl der Einsatz einiger traenendruesenbewaehrter Versatzstuecke, waehrend die Geschirrspuelmaschine eine Beschreibung verdient, die sie als solche erkennbar macht?
Viele Gruesse von Charlie