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Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf (Gelesen: 7453 mal)
Charlie
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Beiträge: 5447
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #15 - 06.07.09 um 18:35
 
Zitat von Celia am 06.07.09 um 18:19:
Und jetzt muss ich Charlie was beichten: ich habe eine alte LP mit Songs von Andrew L.W. Zu der bin ich früher heimlich dahingeschmolzen. Mir war zwar klar, dass das nicht mit Mozart und auch nicht mit Bob Dylan zu vergleichen war, aber wie ich schon sagte: manchmal ist Kitsch so herrlich entspannend und schön. Zwinkernd


 
(Mein Mann sagt zu dem, was ich so wahnsinnig gern und traenenueberstroemt und gaensehaeutig lese - Hemingway, Steinbeck, Greene, Roth - immer: "Na, liest Du wieder Deinen Maennerkitsch?"
Ich gebe Dir voellig recht darin, dass Kitsch sich nicht eindeutig eingrenzen laesst - er veraendert sich zudem enorm mit dem Zeitgeschmack. Mir geht es um die Bemuehung, Baeume, Geschirrspuelmaschinen, Vergewaltigungen, Wandertage, Pofalten, Kaesestullen und eben auch Zorn, Verliebtsein, Eifersucht, Todesangst, Kinderwuensche etc. so gut zu beschreiben, wie wir koennen.
 
Und dass irgendwer Heino hoert und ein anderer sich 'nen Gartenzwerg kauft und ein dritter - ich - Juventus-Zebras auf dem Schrank sitzen hat, finde ich selbstredend so wenig verwerflich wie wenn einer seinen Teenies erlaubt, am ersten Ferientag zu MacDonalds zu gehen. Nur wenn gefordert wird: Lasst uns doch nur noch Heino und Gartenzwerge und Pressfleisch und Fussball-Maskottchen produzieren, den meisten Leuten reicht das doch, dann graust's mir.
 
Das mit der Vergewaltigung und dem guten Sex geht mir noch immer genauso. Schwierig finde ich aber beides. Am besten kann ich so sabbelnde Maenner in der Kneipe. Maennerkitsch, wuerde mein Mann sagen.
 
Alles Liebe von Charlie)

Credo ut intelligam.
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UlfSch
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Beiträge: 1517
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #16 - 06.07.09 um 18:52
 
Toller Thread. Charlie, Teresa ... ich lese euch mit großem Vergnügen!
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Andrea S.
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Beiträge: 3809
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #17 - 06.07.09 um 19:27
 
Ich glaube, niemand hat gesagt, dass wir "nur" Kitsch schreiben sollten.
 
Aber wir dürfen Kitsch schreiben.
 
Kitsch (nach eigener Interpretation) um jeden Preis vermeiden zu wollen, kann sehr leicht in die Persiflage umschlagen. Und unfreiwillig komisch zu schreiben, ist auch kein Zeichen von Könnerschaft, gebe ich zu bedenken.
Dann lieber Winnetou und Old Shatterhand Seite an Seite ins Abendrot reiten lassen.
 
Ich habe keine Angst vor Kitsch, weil hinter den kitschigen Beschreibungen oft tatsächlich ein großes Gefühl steckt, das alle auf ihre Weise als ein solches erkennen. Genau wie hinter den Archetypen auch ganz bestimmte, für alle wiedererkennbare Charaktere stecken.
 
Alles, was wiedererkennbar ist, ist verständlich, muss nicht erklärt werden, macht dem Leser es leichter, sich in die Geschichte ziehen zu lassen. Viel leichter, als wenn man mit Gewalt versucht, derartige Szenen zu umgehen oder Gefühle mit sperrigen Sentenzen zu umschreiben, die nicht den Nerv des Lesers treffen.
 
Man kann Kitsch verwenden, und wenn man den Mut erworben und die Geschicklichkeit entwickelt hat, sich mit dem auseinanderzusetzen, was dahinter steckt, dann kann man die platten Formulierungen oder Bilder mehr und mehr mit Originalität füllen.
Nicht Vermeiden ist die richtige Strategie, sondern richtig einsetzen.
 
Also: nicht alle Mütter lieben ihre Kinder immer und unbedingt.
Aber diese eine, von der erzählt wird, tut es, und deshalb darf sie auch "kitschig" auf ihre Sabbergöre reagieren.
 
Andrea

Wie wohl ist dem, der dann und wann
Sich etwas Schönes dichten kann.
Wilhelm Busch
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Joy
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Beiträge: 4330
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #18 - 06.07.09 um 19:27
 
Zitat:
Und dass irgendwer Heino hoert und ein anderer sich 'nen Gartenzwerg kauft und ein dritter - ich - Juventus-Zebras auf dem Schrank sitzen hat, finde ich selbstredend so wenig verwerflich wie wenn einer seinen Teenies erlaubt, am ersten Ferientag zu MacDonalds zu gehen. Nur wenn gefordert wird: Lasst uns doch nur noch Heino und Gartenzwerge und Pressfleisch und Fussball-Maskottchen produzieren, den meisten Leuten reicht das doch, dann graust's mir.

 
Wer soll das gefordert haben?  s5 Aus irgendeinem Grund denke ich, du meinst mich, obwohl du es nicht direkt sagst.  
Nochmal zum Mitschreiben: Ich habe gesagt, dass unter marktgängig allgemein (nicht nur von mir!) verstanden wird, möglichst viele Leser zu erreichen.  
 
Wenn du nun meinst diese vielen Leser seien alles Gartenzwergliebhaber, "billig und trivial", beleidigst du nicht nur eine riesige Leserschaft, sondern auch Verlage, die das erfolgreich verlegen, Autoren, die davon leben.
 
Ich habe außerdem gesagt, dass man sich nicht wundern darf, dass ein wirtschaftlich denkender Verlag ein Manuskript, das diese Marktgängigkeit eben nicht erfüllt, unter Umständen ablehnt.  
Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Und dann hat der Autor Glück gehabt.
Wenn man aber frustriert feststellt, dass sein nicht marktgängiges MS immerzu abgelehnt wird, dann könnte man ja mal hinterfragen, ob man nicht doch lieber marktgängig schreiben will.
 
Damit habe ich nicht gesagt, dass jeder nur noch billig und trivial schreiben sollte.  
(Threads genauer lesen wäre mal eine Maßnahme)
 
LG
Martina
 
 
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Julia
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Beiträge: 1830
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #19 - 06.07.09 um 19:59
 
Hallo,
ich persönlich mag lieber ehrlichen Kitsch als gespreizte Bemühungen, diesen zu vermeiden. Was dabei raus kommt ist, wie Andrea sagt, schon mal unfreiwillig komisch.  
Ansonsten muss jeder für sich selber überhaupt erstmal bestimmen, was für ihn Kitsch ist und was nicht. Die Schmerzgrenze ist da sehr individuell - das darf man nicht vergessen - und hat auch viel mit dem Genre und dem generellen Schreibstil und den Lesevorlieben zu tun.  (Beispiel Isabel Allende: für manche ne Mega-Kitsch-Tante, für andere eine bilderstarke Erzählerin.)
 
Was mich generell ein wenig stört, ist, dass Kitsch immer automatisch als das billigere, weil einfachere und irgendwie auch "faulere" gilt. Auch Autoren, die Kitsch meiden, indem sie sich auf eine schnörkellose, gefühlsdistanzierte Protokollsprache stützen, machen es sich manchmal leicht. Da - so meine Ansicht - lieber mal aus dem Vollen schöpfen und richtig danebenhauen als ängstlich und schmallippig jede Gefühlsdusselei meiden.
 
Liebe Grüße,
Julia
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Joy
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Beiträge: 4330
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #20 - 06.07.09 um 20:06
 
Ich stimme Julia zu. Es ist schwer Kitsch genau einzugrenzen. Manch einer findet schon eine im Roman vorkommende Weihnachts-Familienfeier kitschig, mag sie noch so wichtig für die Handlung sein. Ein anderer schreit Kitsch, wenn er liest: "Ich liebe dich".
Viele finden aber gerade diese Dinge schön und schwelgen so richtig mit.  
Wenn sowas in einem Roman vorkommt, ist er aber nicht gleich trivial. Auch daran scheiden sich die Geister. Deshalb muss das wohl jeder Autor mit sich selbst ausmachen, seine eigene Linie ziehen. Aber man sollte es wirklich nicht zu einer Mauer im Kopf kommen lassen. Was man selbst furchtbar kitschig findet, kommentieren sehr viele andere mit: "Nee, wieso denn? Ist überhaupt nicht kitschig!"
 
LG
Martina
 
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jueb
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Beiträge: 2725
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #21 - 06.07.09 um 20:09
 
Guten Abend!
 
Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir nicht klar, welche deutschen Autoren genau damit gemeint sind, die vor lauter Kitschangst, leblose Geschichten und Romane verzapfen. Hans Peter, nenne doch mal ein paar Namen, dass ich mir ein Bild davon machen kann!  
 
Ich lese eher nur diffuse Ressentiments heraus, auf alles, was irgendwie literarisch ist oder literarisch zu sein meint. Aber das bringt uns ja nicht wirklich weiter.
 
Mir ist wirklich nicht so recht klar, von welchen Autoren da KONKRET die Rede ist.  
 
 
Herzlcihst
jueb

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WernerB
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Beiträge: 115
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #22 - 06.07.09 um 20:10
 
Zitat von hpr am 06.07.09 um 17:29:


Nicht kitschig schreiben zu wollen, ist oft eine Falle, wenn du dir beim Schreiben immer vorhältst. Vermutlich weil das Unterbewußtsein daraus die Folgerung zieht:
(Kitsch = Gefühle) => (keine Gefühle = kein Kitsch)

Doch, das passiert vielen Leuten und ich kenne zuviele Texte nach diesem Muster.



Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ablaufen soll und bezweifle das.
Habe ich mir einen Autor vorzustellen, der sich ständig ermahnen muss, Dinge nicht zu schreiben, die er sonst schreiben würde, wenn er die "Mauer" nicht aufgerichtet hätte? Schreibt der gegen seine eigene "unbewusste" Schreibe an und konstruiert deshalb "tote Figuren"? Will da jemand sich zwingen "literarisch" zu schreiben, der aus seinem Bauchgefühl heraus lieber wie Rosamunde Pilcher schriebe ?
 
Gibt es solche AutorenInnen ?
 
Ich denke, dass man sich zu nichts zwingen soll, was absolut neben der eigenen SPRACHE liegt. Wer Kitsch schreiben will, soll ihn schreiben, der Markt ist da. Wer keinen Kitsch schreiben will, soll es lassen. Ich finde es viel wichtiger, dass man als Autor SEINE SPRACHE findet und in dieser schreibt- unabhängig davon, ob dabei Kitsch raus kommt oder "Literatur". Und ich glaube nicht daran, dass jemand zwecks Kitschvermeidung eine Sprache schreibt, die nicht die seine ist.
 
Gruß
Werner
 
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Joy
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Beiträge: 4330
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #23 - 06.07.09 um 20:16
 
Zitat:
Wer Kitsch schreiben will, soll ihn schreiben, der Markt ist da.

 
Ich glaube nicht, dass es darum geht einen von vorne bis hinten kitschigen Roman zu schreiben. Es geht darum, sich seinen nicht-kitschigen Roman nicht selbst zu versauen, indem man unfreiwillig Kitsch hineinproduziert hat. Und um die Angst, dass einem genau das passieren könnte.
 
Ansonsten finde ich die Erwähnung von der eigenen Sprache sehr gut. Dem stimme ich gern zu.
 
LG
Martina
 
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Celia
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Beiträge: 818
Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #24 - 06.07.09 um 21:06
 
Zitat von jueb am 06.07.09 um 20:09:
Guten Abend!

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir nicht klar, welche deutschen Autoren genau damit gemeint sind, die vor lauter Kitschangst, leblose Geschichten und Romane verzapfen. Hans Peter, nenne doch mal ein paar Namen, dass ich mir ein Bild davon machen kann!

Ich lese eher nur diffuse Ressentiments heraus, auf alles, was irgendwie literarisch ist oder literarisch zu sein meint. Aber das bringt uns ja nicht wirklich weiter.

Mir ist wirklich nicht so recht klar, von welchen Autoren da KONKRET die Rede ist.


Herzlcihst
jueb

 
Hallo,
 
ich bin zwar nicht Hans-Peter, aber mein Eindruck ist, dass er keine veröffentlichten, anerkannten Autoren meinte, sondern solche, die sich noch um eine Veröffentlichung bemühen und dabei bisher gescheitert sind, weil sie eben Fehler machen. Die Versuche, krampfhaft alles zu vermeiden, was sich nach Kitsch anhört, könnte einer davon sein, wenn man Texte schreibt, die etwas mehr Gefühl vertragen würden. Das muss aber nicht bei allen Texten der Fall sein.
 
Milan Kundera oder Alberto Moravia scheinen mir zum Beispiel kein besonders romantischen Autoren. Ich finde, bei ihnen klingt Sex oft wie groteske Gymnastik. Aber es passt zu ihren Büchern, die ja nicht unbedingt Ladenhüter waren. In einer leidenschaftlichen Lovestory hingegen wäre so etwas unangebracht.
 
Mir fällt zu dem Beispiel eine Anekdote aus meiner Schulzeit ein: Deutsch LK anno 1984. Vor Frau Friese sitzt ein buntes Gemisch aus braven Strebern, Alternativen, hell gestylten Poppern und schwarz gewandeten Wavern. Wir lesen "Die fürsorgliche Belagerung" von Heinrich Böll. Diesem Roman wurde von der Kritik vorgeworfen, kitschig zu sein. Frau Friese analysiert den Text pflichtbewusst. Es geht um eine reiche Familie, die von Terroristen bedroht und dauernd bewacht wird. Eine junge Frau aus dieser Familie hat eine heimliche Liebschaft mit einem der Polizisten, der dann eine Weile weg muss. Sie leidet. "Sie sehnte sich nach seinen Händen, nach seinem Mund..." Frau Friese legt ihren Finger triumphierend auf diesen Satz. "Das", ruft sie laut. "Das ist Kitsch!"
Eine typische Vertreterin der Generation Golf wirft ihr glänzendes Blondhaar über die Schultern, reißt die blauen Augen auf und mustert staunend das bebrillte Gesicht von Frau Friese. "Aber so ist es eben, wenn eine Frau einen Mann vermisst!", flötet sie. Auf einmal haben alle Schüler ihre politischen und sonstigen Differenzen vergessen und kichern einstimmig. Frau Friese räuspert sich und wechselt das Thema.
Ich muss dem Mädchen im Nachhinein recht geben. Es ist genau so, wenn man einen geliebten Menschen vermisst. Aber in den Text von Böll hätte vielleicht eine andere Formulierung besser gepasst.
 
Viele Grüße
 
Tereza
 

2007 Schwarze Seide
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jueb
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Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #25 - 06.07.09 um 21:13
 
Hallo Tereza,
 
habe ich das Böll-Beispiel richtig verstanden??!!!
 
Falls ja, hieße das doch, Böll hätte sich noch mehr vor Kitsch hüten müssen, weil die von dir erwähnte vermeintlich kitschige Stelle einen Bruch innerhalb des Buches darstellt..
 
Herzlichst
jueb

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Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #26 - 06.07.09 um 21:13
 
Zitat von jueb am 06.07.09 um 20:09:
Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir nicht klar, welche deutschen Autoren genau damit gemeint sind, die vor lauter Kitschangst, leblose Geschichten und Romane verzapfen. Hans Peter, nenne doch mal ein paar Namen, dass ich mir ein Bild davon machen kann!

Da solche Autoren (wegen der leblosen Geschichten) in der Regeln nicht veröffentlicht werden (jedenfalls nicht, bevor sie diese Barriere nicht überwunden haben), darf ich dir keine Namen nennen. Schließlich sind es Texte, die ich zur anonymen Überarbeitung bekommen habe.
 
Zitat:
Ich lese eher nur diffuse Ressentiments heraus, auf alles, was irgendwie literarisch ist oder literarisch zu sein meint.
Wohl eher Ressentiments auf alles, was literarisch zu sein *meint*. Manchmal findest du aber Texte bei Klagenfurt, obwohl ich das aus Zeitmangel die letzten zwei, drei Jahre nicht mehr verfolgt habe. Auf jeden Fall wird dort sehr schnell die Kitsch-Keule geschwungen, sobald jemand eine Geschichte erzählt. Ich erinnere mich an manche Reaktionen auf die Geschichte "der Boxer".
 
Was die Kitsch-Keule angeht: Die wurde auch schon gegen "Drachenläufer" geschwungen. Das findet sich oft in Feuilleton-Artikeln, allerdings kommt es in der Regel eher aus der zweiten Reihe.
 
Zitat:
Mir ist wirklich nicht so recht klar, von welchen Autoren da KONKRET die Rede ist.
Wie gesagt, weil diese Barriere ein erhebliches Hindernis beim Schreiben ist, bleiben solche Romane meist unveröffentlicht, weswegen ich schlecht darauf verweisen kann.  
 
Ein paar solcher Geschichten, bei denen ich den Verdacht habe, findest du in den Beispielen von meinem "Vier Seiten für ein Halleluja". Manchmal ist es schwierig zu unterscheiden, weil natürlich gefühlsarme Texte auch aus anderen Gründen entstehen können.
 
Einen Autor kann ich dir aber auf jeden Fall nennen. Ich habe durchaus zeitweilig unter diesem Phänomen gelitten Zwinkernd. Tereza und andere kennen dieses Phänomen ja offensichtlich auch. Also denke ich nicht, dass das etwas ist, das ich mir einbilde.
 
herzliche Grüße
 
Hans Peter

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Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #27 - 06.07.09 um 21:24
 
Zitat von WernerB am 06.07.09 um 20:10:

Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ablaufen soll und bezweifle das.
Habe ich mir einen Autor vorzustellen, der sich ständig ermahnen muss, Dinge nicht zu schreiben, die er sonst schreiben würde, wenn er die "Mauer" nicht aufgerichtet hätte? Schreibt der gegen seine eigene "unbewusste" Schreibe an und konstruiert deshalb "tote Figuren"?

Schlimmer, da hat jemand einen Knoten im Hirn, der die Weiterentwicklung des Schreibens verhindert. Der die Personen immer an der Kandare zurückreißt, sobald sie was tun wollen, was vielleicht eventuell im Kitsch enden könnte. Und da die Personen damit gebremst werden, ist es eben eine stark gebremste Geschichte.
 
Zitat:
Gibt es solche AutorenInnen ?
Geh mal in literarischen Zirkeln, in literarische Foren. Dort gibt es immer einige der Sorte, die gerne und sofort Kitsch oder Mainstream schreien (um nicht der Verallgemeinerung zu verfallen: Das sind Gottseidank längst nicht alle).
 
Zitat:
Ich denke, dass man sich zu nichts zwingen soll, was absolut neben der eigenen SPRACHE liegt. Wer Kitsch schreiben will, soll ihn schreiben, der Markt ist da. Wer keinen Kitsch schreiben will, soll es lassen. Ich finde es viel wichtiger, dass man als Autor SEINE SPRACHE findet und in dieser schreibt- unabhängig davon, ob dabei Kitsch raus kommt oder "Literatur". Und ich glaube nicht daran, dass jemand zwecks Kitschvermeidung eine Sprache schreibt, die nicht die seine ist.

Es geht nicht um die Sprache, sondern um die Geschichte.
 
Natürlich hast du recht, ein Autor sollte seine Geschichte schreiben. Was gar nicht so einfach ist, wie alle hier wissen dürften. Wenn du dann noch einen Knoten im Hirn hast, einen inneren Zensor, der immer "Kitsch" oder "Mainstream" schreit, wird es nicht einfacher.
 
Grüße
 
Hans Peter

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Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #28 - 06.07.09 um 21:33
 
Zitat von jueb am 06.07.09 um 21:13:
Hallo Tereza,

habe ich das Böll-Beispiel richtig verstanden??!!!

Falls ja, hieße das doch, Böll hätte sich noch mehr vor Kitsch hüten müssen, weil die von dir erwähnte vermeintlich kitschige Stelle einen Bruch innerhalb des Buches darstellt..

Herzlichst
jueb

 
Huch, so ernst war das nicht gemeint.  Schockiert  Ich habe das Buch seitdem nicht mehr gelesen und kann mich nur noch dunkel daran erinnern. Aber vielleicht hätte Böll es etwas differenzierter ausdrücken können. z.B. analysieren, welche Leere in dem Leben der Frau dieser Mann ausfüllt, anstatt ihre brennende Sehnsucht zu beschreiben. Der Satz allein klingt nach Liebesroman. Aber ehrlich gesagt würde er mich nicht stören. Er hat aber einige Kritiker gestört, wie z.B. meine damalige Lehrerin. Ich versuchte nur zu verstehen, wie sie das wohl sahen.  
 
Viele Grüße
 
Tereza

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Re: Die Angst vor dem Kitsch und die Mauer im Kopf
Antworten #29 - 06.07.09 um 21:34
 
Ich bekomme auch solche Manuskripte eingereicht. Oft wunderbare Ideen, spannende Geschichten, sehr schöne Sprache, aber blasse Figuren. Weil man nicht in Kitsch verfallen wollte, bekomme ich zu hören, wenn ich das anspreche. Steif und unnahbar kommen sie daher.  
Nicht jeder arbeitet mit Mitteln wie erlebte Rede u.ä., sodass die Ausdrucksmöglichkeiten dann sehr beschränkt sind, Gefühle darzustellen. Sie fehlen einfach. Und das ist eben schädlich für den Roman.
 
LG
Martina
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