So, nachdem ich anderer Stelle es schon gesagt hatte, es aber ein eigenes Thema ist, hier nochmal zu Kitsch und der Angst vor dem Kitsch:
Zitat von Charlie am 06.07.09 um 10:27:ich halte die Behauptung, Autoren wuerden aus Kitschangst tote Figuren produzieren, fuer absurd.
Ist sie leider nicht. Ich kann dir jede Menge Texte zeigen, wo genau das passiert

.
Zitat:Kitschige Figuren SIND tote Figuren, weil es ein Wesensmerkmal des Kitsches ist, dass er unecht ist
Ja, das ist ja der Witz. Aber Kitschige Figuren sind auf andere Weise tot, als die, die aus der Furcht vor Kitsch produziert werden.
Wenn ich es mal stark vereinfachen darf: Kitsch sind behauptete Gefühle - meist sehr melodramatischer Art-, die der Autor seinen Figuren andichtet. Deshalb wirken diese oft so unlebendig.
Wer aus Angst vor Kitsch schreibt, tut oft das Gegenteil. Er schreibt weiträumig um Gefühle herum. Aber fehlende Gefühle sind noch schlimmer als falsche Gefühle. Sie bringen tote Figuren hervor.
Zitat von Joy am 04.07.09 um 18:49:Ja, vielleicht sollte man das mal in einem separaten Thread besprechen. Ich möchte als Verlegerin gern dazu sagen, dass das oft missverstanden wird!
Markttauglichkeit ist nicht, wie oft so hingestellt, der Antichrist der Kreaktivität und schriftstellerischer Freiheit. Es heißt NICHT:
- das schreiben, was alle anderen schreiben
- schon tausendmal Dagewesenes widerkäuen
- nach vorgegebenen unumstößlichen Mustern schreiben
- nach dem Motto: Hauptsache Otto-Normal-Verbraucher versteht den Text
- für ungebildete Menschen schreiben
- Einheitsbrei abliefern
und so weiter.
Es bedeutet: Für eine möglichst große Zielgruppe interessant schreiben.
das will ich mal ganz dick unterstreichen.
Allerdings glaube ich, dass der Vorsatz "Ich will marktgängig schreiben" ungefähr so sinnvoll ist, wie der "Ich will keinen Kitsch schreiben". Beides sind Mauern und sie können ganz schön blockieren.
Zwar lässt sich einfach sagen, was man tun muss, damit etwas garantiert nicht marktgängig ist:
Fange mit einem Infodump an, schreibe alles mindestens dreimal, garniere es mit reichlich Predigten aus deinen gesammelten Weltanschauungen, lass die Leute nur in grammatikalisch korrekten Sätzen sprechen und vor allem: Umschreibe Konflikte weiträumig, lass deine Helden sich immer lieb haben, alle sind nett und mögen sich und immer scheint die Sonne.
Garantiert nicht marktgängig.
Aber was heißt marktgängig schreiben?
Mal vier Beispiele:
Sturminseln schreibt eine Fantasy, die in fiktiven napoleonischen Kriegen mit Magie spielt.
Glennkill von einer Schafherde, die den Mord an dem Schäfer aufklären will
Splitter von einem Mann, der nicht mehr weiß, was wirklich ist und ob er sein Gedächtnis verloren hat.
die Wanderhure von einer Frau, die sich als Hure durchschlagen muss
Also muss ich, will ich marktgängig schreiben, von einem Schaf schreiben, dass mal eine Hure war, dass aber vergessen hat und nun auf der Suche nach der eigenen Identität durch die napoleonischen Kriege zieht?
Hans Peter