Fairlag - Aktionsbündnis für faire Verlage Montségur Autorenforum
                       
Willkommen, Gast. Bitte Einloggen. - 31.07.10 um 14:23

Seiten: 1
Nürnberger Autorentreffen - Bericht (Gelesen: 2248 mal)
SusanneO
Silber Mitglied
***



Beiträge: 161
Nürnberger Autorentreffen - Bericht
23.05.08 um 11:17
 
Nürnberger Autorentreffen - Bericht
 
03.50 Uhr durchdringt das schrille Piepen des Weckers meine Träume und ich schwimme mühsam ins Wachbewusstsein. Hab ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Was um alles in der Welt kann so wichtig sein, um dafür mitten in der Nacht aufzustehen?! Klar, ein Autorentreffen.  
Schon die Fahrt ist ein Vergnügen, die Straße gehört mir fast alleine, in vier Stunden treffe ich gerade mal fünf Lastwagen und selbst um Stuttgart herum scheint die Welt noch zu schlafen.  
Das Wetter passt sich meiner guten Laune an, lediglich in Stuttgart ein paar Regentropfen. Kurzer Blick in den Himmel, klare Ansage: Das habe ich nicht bestellt und kann ich jetzt auch nicht brauchen, fast augenblicklich ist die Scheibe wieder trocken. Na also, geht doch.  
Beim Eintreffen in Nürnberg kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Wenn das kein Zeichen ist!
Da ich eine Stunde zu früh dran bin, genieße ich die Atmosphäre der erwachenden Stadt, schlendere über Kopfsteinpflaster und habe eine nette Unterhaltung mit einem Spatz. Wir teilen uns den Rest meines Frühstücks.
Dann ist es soweit. Mein erstes Autorentreffen überhaupt!
Die Begrüßung durch Frau Schmid-Spreer, Veranstalterin und guter Geist des Treffens, ist herzlich, ich fühle mich sofort angenommen.  
Nach und nach trudeln sie ein, die Autoren. Innerhalb von Sekunden bin ich in ein Gespräch verwickelt, eines von vielen, an diesem Tag. Die wichtigste Frage: Was schreibst du? Als ich gegen Abend zum vielleicht zwanzigsten Mal von meinem Kinderbuch, meinen Frauenromanen und Sachbüchern erzähle, komme ich mir redundant vor, aber den Reiz hat es nicht verloren und auch beim zwanzigsten Mal kann ich die Freude spüren.  
Dann geht es los. Frau Schmid-Spreer begrüßt uns alle und gibt uns in die Hände und Worte von Harald M. Landgraf. Er  ist Heftromanautor, der seinen Beruf liebt und lebt. Herr Landgraf hat an die 1.000 Romane geschrieben und arbeitet heute exklusiv für den Martin Kelter Verlag in Hamburg.  
Er erzählt uns von seinen Anfängen, als er die Heftromane seiner Mutter heimlich unter der Bettdecke gelesen hat. Schon mit zwölf hatte er den Entschluss gefasst, Heftromane zu schreiben. Wir erfahren, auf was es bei dieser Form des Textes ankommt und was auf keinen Fall erlaubt ist. Der Heftromanmarkt hat strenge Regeln und wenig Platz für Neuerungen. Die treue Leserschaft hat Erwartungen, die erfüllt werden müssen. Gewünscht und verlangt sind klare Handlungsstränge mit gutem Ausgang. Gut und Böse müssen deutlich gezeichnet sein, ein Verwischen, Graumalerei ist im Heftroman nicht willkommen. Am Ende siegt das Gute und das Böse bekommt seine Strafe - in modernen Romanen auch manchmal noch eine Chance.
Harald Landgraf sprüht vor Begeisterung und verwundert tauchen wir aus einer anderen Welt auf, als Frau Schmid-Spreer die erste Pause ankündigt. Wo sind die Stunden geblieben? In Nürnberg ist an diesem Tag auf jeden Fall ein Zeitdieb unterwegs, ich schwöre es.
In der zweiten Hälfte seines Vortrags macht Harald Landgraf klar, dass man mit Heftromanen nicht Millionär wird und dass der deutsche Markt extrem klein geworden ist. Die Chancen für Neueinsteiger sind schlecht. Wer dachte, in diesem Bereich auf bequeme Art einen schnellen Euro zu machen, der wusste es am Ende besser.
Wieder haben die Zeiträuber zugeschlagen und die Mittagspause ist da. Das Essen auf den Tischen vibriert, denn der Lärmpegel, wenn 80 Autoren aufeinandertreffen kommt an den Start eines Düsenjets heran.  
Ich fühle mich unglaublich wohl, kann gar nicht so viele Gespräche führen, wie ich gerne möchte. Gemeinsam mit so vielen interessanten Menschen in einem Raum, eine von ihnen zu sein und am liebsten möchte ich jeden persönlich kennen lernen, seine Geschichte hören, mich mit ihm über seine Erfolge freuen oder Trost geben, für die, die noch auf ihren Durchbruch warten.  
Nach einem leckeren Mittagessen geht es mit Titus Müller weiter. Er saß schon die ganze Zeit direkt vor mir und ich konnte seine Energie aufnehmen und ihn persönlich kennenlernen. Über Artikel und über Montsegur kenne ich ihn schon länger. Ich kann nur sagen, er ist „live“ genauso nett – mindestens.  
Titus’ Thema ist die „Geburt eines Romans“. Er erzählt uns von der Entstehung seiner Romane. Wie er zwei oder mehr Ideen miteinander verbindet und daraus spannende Geschichten strickt. Er beleuchtet die Frage des Romanthemas. Braucht ein Roman eine Botschaft? Ergebnis: Es gibt keine allgemeingültige Antwort, nur eine persönliche Entscheidung.  
Titus zeigt uns, wie er selbst an Ideen strickt (obwohl er nach eigener Aussage noch nie gestrickt hat), einen Plot entwirft und ermutigt uns, unsere Figuren zu quälen um sie am Ende, sollte es ein gutes Ende sein, aus der Folter zu erlösen. Fragt euch, was das Schlimmste wäre, was eurer Figur passieren kann, fordert er uns auf. Und dann, setzt er nach, dann lasst genau das geschehen.  Immer wieder macht Titus deutlich, dass es keine unumstößlichen Regeln gibt, wie man einen Roman schreibt. Es gibt immer nur den persönlichen Weg und er gewährt uns Einblicke in sein Vorgehen.
Er spricht über die Perspektiventscheidung, über Handlungsverknüpfung, Höhepunkt und Auflösung. Er spinnt ein Netz und fängt uns alle damit ein. Wo ist die Zeit geblieben? Schon wieder sind Stunden verschwunden.  
Als letzte Rednerin kommt Frau Franke, Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag. Sie öffnet ihr Nähkästchen und gibt uns Einblicke in die Verlagsarbeit. Nüchterne Zahlenspiele, die mit der Kreativität in Einklang gebracht werden müssen. Frau Franke zeigt uns den Weg vom Manuskript zum Buch und erzählt auf wunderbar natürliche Art von Freud und Leid des Lektorenalltags.  
Zum Abschluss die Frage von Titus: Wie kann ein Autor einen Lektor glücklich machen?
Indem er ein wunderbares Buch schreibt!
Immer noch schnatternd und zumindest was das Mundwerk anbelangt ohne Anzeichen von Ermüdung machen wir uns auf den Weg zum Abendessen. Ich habe etwas Angst, dass mein Rucksack unten durchbricht, denn wir haben Heftromane, Normseitenbrettchen, Federweltausgaben und vieles mehr bekommen. Zur Erinnerung an dieses Treffen dürfen wir unsere Kaffeetassen behalten. Ein herzliches Dankeschön an Frau Schmid-Spreer.  
Nach dem Abendessen sollte es noch Lesungen geben, etliche Teilnehmer haben sich eingetragen. Hierüber kann ich leider nicht berichten, ich habe mich ausgeklinkt. Um 23.00 Uhr komme ich vollkommen erledigt zu Hause an. Ein neunzehn Stunden Tag ist zu Ende und jede Sekunde hat sich gelohnt.  
Das war mein erstes Autorentreffen und ganz bestimmt nicht mein letztes.  
 
Liebe Grüße
Susanne

In allen Dingen ist hoffen besser als verzweifeln.
Johann Wolfgang von Goethe
Homepage IP gespeichert
jueb
Moderator
Forums-Titan
*******



Beiträge: 2698
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #1 - 23.05.08 um 11:23
 
Hallo Susanne,
 
danke für deinen schönen, informativen Bericht. Auch weil ich aus Nürnberg komme, habe ich ihn sehr gerne gelesen.
 
Herzlichst:
jueb

"Das Erwachen der Gabriele Fuhrmann"
(28)

http://braeunlein.blogspot.com
Homepage IP gespeichert
Quidam
Forums-Titan
*******



Beiträge: 3406
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #2 - 23.05.08 um 21:10
 
Und warum verschlafe ich immer wieder solche Autorentreffen, wenn sie schon mal in der Nähe sind?  weinend weinend
 
Schöner Bericht. Man kann Titus förmlich reden hören.  Grinsend
 
Grüße
Quiddy
Homepage IP gespeichert
Susann
Platin Mitglied
*****



Beiträge: 818
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #3 - 23.05.08 um 22:27
 
schade, Quiddy, da hätten wir mal von Angesicht zu Angesicht miteinander quatschen können - ich war nämlich auch da.  Smiley
Und ich hab Astrid kennengelernt *winke*
Ansonsten kann ich mich Susannes Bericht nur anschließen, ich fand's wieder herrlich, informativ, aufbauend, interessant und habe mir als Ausklang heute das gelungene Begleitheftchen durchgelesen.
 
Gruß Susann

Wenn einer, der mit Mühe kaum geklettert ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär', so irrt sich der. (Wilhelm Busch)
Homepage IP gespeichert
Quidam
Forums-Titan
*******



Beiträge: 3406
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #4 - 23.05.08 um 23:00
 
Und warum habt ihr nicht Laut gegeben?  s11
 
ok, ok, ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier irgendwo steht .... s9
 
Nächstes mal! Jawohl!  Augenrollen
Homepage IP gespeichert
Ellen
Platin Mitglied
*****



Beiträge: 757
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #5 - 23.05.08 um 23:41
 
Susanne, du Glückliche! Wie schön, dass Du da sein konntest! Ich war vor zwei Jahren da und habe es danach leider leider nicht mehr geschafft.  
 
Ich war genau so erfreut wie Du über die Herzlichkeit von Frau Schmid-Spreer und über den tollen Vortrag von Titus Smiley
 
Die Autorenlesung habe ich erlebt (klasse!), die Organisation war perfekt, das Essen  prima, die Stimmung wunderbar inspirierend ...
 
Vielleicht schaffe ich es ja im nächsten Jahr. Und dann hole ich persönlich Quidam ab, damit er es nicht verpasst  Zwinkernd
 
Herzlich,
Ellen
E-Mail IP gespeichert
TobiasB
Gold Mitglied
****



Beiträge: 213
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #6 - 24.05.08 um 11:25
 
Hm... wie erfährt man denn von derartigen Treffen.
 
Immerzu rege ich mich auf, dass in meiner Nähe sowas nie stattfindet, und wenn dann mal was in der Richtung stattfindet, bekommt man's erst mit, wenn's bereits zu spät ist.
 
Naja... hätte vermutlich eh mal wieder Nachtdienst gehabt...  s14
Homepage IP gespeichert
Susann
Platin Mitglied
*****



Beiträge: 818
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #7 - 24.05.08 um 11:42
 
Zitat von TobiasB am 24.05.08 um 11:25:
Hm... wie erfährt man denn von derartigen Treffen.

 
Man abonniert die Federwelt (Uschtrin-Verlag) www.federwelt.de und schaut in die Rubrik Seminare/Veranstaltungen.  
 Grinsend

Wenn einer, der mit Mühe kaum geklettert ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär', so irrt sich der. (Wilhelm Busch)
Homepage IP gespeichert
SusanneO
Silber Mitglied
***



Beiträge: 161
Re: Nürnberger Autorentreffen - Bericht
Antworten #8 - 24.05.08 um 12:26
 
Oder man abonniert den Tempest, ich glaube, dort wurde es auch angekündigt:
 
http://www.autorenforum.de/
 
Vielleicht schaffen wir es ja im nächsten Jahr uns dort dann auch zu finden?  
 
Liebe Grüße
Susanne

In allen Dingen ist hoffen besser als verzweifeln.
Johann Wolfgang von Goethe
Homepage IP gespeichert
Seiten: 1
Hallo lieber Forumsgast,

das Montségur Autorenforum wird seit Jahren rein ehrenamtlich betrieben und ist eine unentgeltliche Einrichtung.

Damit das bei steigendem Aufwand und steigenden Kosten trotzdem so bleiben kann, wäre es schön, wenn du das Forum ab und zu unterstützt.

Schon ein Euro im Monat hilft weiter!



Nein, ich möchte diesen Monat nicht spenden.

Gute Idee, ich spende mit PayPal: